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Nietzsche's Werke 



Erste Abtheilung 
Band VII 

Jenseits von Gut und Böse 
Zur Genealogie der Moral 




Alfred Kröner Verlag in Stuttgart 
1921 






Jenseits von Gut und Böse 
Zur Genealogie der Moral 



Von 



Friedrich Nietzsche 




Alfred Kröner Verlag in Stuttgart 
192 1 



übersetzungsrecht vorbehalten 



Druck von C. G. Naumann G. m. b. H. in Leipzig 



Germany 



A 



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INHALT 

Jenseits von Gut und Böse 

Seite 

Vorrede 3 

Erstes Hauptstück: 
Von den Vorurtheilen der Philosophen . . 7 

Zweites Hauptstück: 
Der freie Geist 39 

Drittes Hauptstück: 
Das religiöse Wesen 67 

Viertes Hauptstück: 
Sprüche und Zwischenspiele 91 

Fünftes Hauptstück: 
Zur Naturgeschichte der Moral 1 1 1 

Sechstes Hauptstück: 

Wir Gelehrten 141 

Siebentes Hauptstück: 
Unsere Tugenden 167 

Achtes Hauptstück: 
Völker und Vaterländer 201 

Neuntes Hauptstück: 

Was ist vornehm? 233 

Aus hohen Bergen. Nachgesang 275 

Zur Genealogie der Moral 

Vorrede 287 

Erste Abhandlung: 
„Gut und Böse", „Gut und Schlecht" 299 

Zweite Abhandlung: 
„Schuld", „Schlechtes Gewissen" und Verwandtes 341 

Dritte Abhandlung: 
Was bedeuten asketische Ideale? 397 

Nachbericht I 



Jenseits 
von Gut und Böse 

Vorspiel einer Philosophie der Zukunft 



Von 



Friedrich Nietzsche 



Alfred Kröner A'erlaor in Stuttsrart 



Nachstehend ein Facsimile aus dem eigenhändigen Druckmanuscript 
Nietzsche's zu „Jenseits von Gut und Böse", vgl. S. 279 vorl. Bdes. 









^v 



Jenseits 
von Gut und Böse 



INHALT 



Seite 
Vorrede 3 

Erstes Hauptstück: 
Von den Vorurtheilen der Philosophen 7 

Zweites Hauptstück: 
Der freie Geist 39 

Drittes Hauptstück: 
Das religiöse Wesen 67 

Viertes Hauptstück: 
Sprüche und Zwischenspiele 91 

Fünftes Hauptstück: 
Zur Naturgeschichte der Moral 1 1 1 

Sechstes Hauptstück: 

Wir Gelehrten 141 

Siebentes Hauptstück: 

Unsere Tugenden 167 

Achtes Hauptstück: 
Völker und Vaterländer 201 

Neuntes Hauptstück: 
Was ist vornehm? 233 

Aus hohen Bergen. Nachgesang 275 



Nietzsche, Werke Band VII. 



3 



VORREDE. 



Vorausgesetzt, dass die Wahrheit ein "Weib ist — , 
wie? ist der Verdacht nicht gegründet, dass alle Philo- 
sophen, sofern sie Dogmatiker waren, sich schlecht auf 
Weiber verstanden? dass der schauerliche Ernst, die 
linkische Zudringlichkeit, mit der sie bisher auf die Wahr- 
heit zuzugehen pflegten, ungeschickte und unschickliche 
Mittel waren, um gerade ein Frauenzimmer für sich 
einzunehmen? Gewiss ist, dass sie sich nicht hat ein- 
nehmen lassen: — und jede Art Dogmatik steht heute 
mit betrübter und muthloser Haltung da. Wenn sie 
überhaupt noch steht! Denn es giebt Spötter, welche 
behaupten, sie sei gefallen, alle Dogmatik Hege zu Boden, 
mehr noch, alle Dogmatik liege in den letzten Zügen. 
Ernstlich geredet, es giebt gute Gründe zu der Hoffnung, 
dass alles Dogmatisiren in der Philosophie, so feierhch, so 
end- und letztgültig es sich auch gebärdet hat, doch niu* 
eine edle Kinderei und Anfängerei gewesen sein möge; 
und die Zeit ist vielleicht sehr nahe, wo man wieder und 
wieder begreifen wird, was eigentlich schon ausgereicht 
hat, um den Grundstein zu solchen erhabenen und unbe- 
dingten Philosophen -Bauwerken abzugeben, welche die 
Dogmatiker bisher aufbauten, — irgend ein Volks -Aber- 
glaube aus unvordenklicher Zeit (wie der Seelen -Aber- 
glaube, der als Subjekt- und Ich -Aberglaube auch heute 



— 4 — 

noch nicht aufgehört hat, Unfug zu stiften), irgend ein 
Wortspiel vielleicht, eine Verführung von Seiten der 
Grammatik her oder eme verwegene Verallgemeinerung 
von sehr engen, sehr persönlichen, sehr menschHch-allzu- 
menschlichen Thatsachen. Die Philosophie der Dogma- 
tiker war hoffentlich nur ein Versprechen über Jahrtausende 
hinweg: wie es in noch früherer Zeit die Astrologie war, 
für deren Dienst vielleicht mehr Arbeit, Geld, Scharfsinn, 
Geduld aufgewendet worden ist als bisher fiir irgend 
eine wirkliche Wissenschaft: — man verdankt ihr und 
ihren „überirdischen" Ansprüchen in Asien und Ägypten 
den grossen Stil der Baukunst. Es scheint, dass alle 
grossen Dhige, um der ^lenschheit sich mit ewigen 
Forderungen in das Herz einzuschreiben, erst als unge- 
heure und furchteinflössende Fratzen über die Erde hin- 
wandeln müssen: eine solche Fratze war die dogmatische 
Philosophie, zum Beispiel die Vedanta - Lehre in Asien, 
der Piatonismus in Europa. Seien wir nicht undankbar 
gegen sie, so gewiss es auch zugestanden werden muss, 
dciss der schlimmste, langwierigste und gefährlichste aller 
Irrthümer bisher ein Dogmatiker-Irrthum gewesen ist, 
nämlich Plato's Erfindung vom reinen Geiste und vom 
Guten an sich. Aber nunmehr, wo er überwunden ist, 
wo Europa von diesem Alpdrucke aufathmet und zum 
Mindesten eines gesunderen — Schlafs geniessen darf, 
sind wir, deren Aufgabe das Wachsein selbst ist, 
die Erben von all der Kraft, welche der Kampf gegen 
diesen Irrthum grossgezüchtet hat Es hiess allerdings 
die Wahrheit auf den Kopf stellen und das Perspek- 
tivische, die Grundbedingung aUes Lebens, selber ver- 
leugnen, so vom Geiste und vom Guten zu reden, wie 
Plato gethan hat; ja man darf, als Arzt, fragen: „woher 
eine solche Krankheit am schönsten Gewächse des Alter- 



— 5 — 

thums, an Plato? hat ihn doch der böse Sokrates ver- 
dorben? wäre Sokrates doch der Verderber der Jugend 
gewesen? und hätte seinen Schierling verdient?" — 
Aber der Kampf gegen Plato, oder, um es verständlicher 
und für's „Volk" zu sagen, der Kampf gegen den christ- 
lich-kirchlichen Druck von Jahrtausenden — denn Christen- 
thum ist Piatonismus für's „Volk" — hat in Europa eine 
prachtvolle Spannung des Geistes geschaffen, wie sie auf 
Erden noch nicht da war: mit einem so gespannten 
Bogen kann man nunmehr nach den fernsten Zielen 
schiessen. Freilich, der europäische Mensch empfindet 
diese Spannung als Nothstand; und es ist schon zwei 
Mal im grossen Stile versucht worden, den Bogen abzu- 
spannen, einmal durch den Jesuitismus, zum zweiten Male 
durch die demokratische Aufklärung: — als welche mit 
Hülfe der Pressfreiheit und des Zeitunglesens es in der 
That erreichen dürfte, dass der Geist sich selbst nicht 
mehr so leicht als „Noth" empfindet! (Die Deutschen 
haben das Pulver erfunden — alle Achtung! aber sie 
haben es wieder quitt gemacht — sie erfanden die Presse.) 
Aber wir, die wir weder Jesuiten, noch Demokraten, noch 
selbst Deutsche genug sind, wir guten Europäer und 
freien, sehr freien Geister — wir haben sie noch, die 
ganze Noth des Geistes und die ganze Spannung seines 
Bogens! Und vielleicht auch den Pfeil, die Aufgabe, 
wer weiss? das Ziel 

Sils-Maria, Oberengadin, 

Im Juni 1885. 



'^ 



Erstes Hauptstück: 



\^n denVorurtheilen der Philosophen. 



^ 



t. 

Der Wille zur Wahrheit, der uns noch zu manchem 
Wagnisse verfuhren wird, jene berühmte Wahrhaftigkeit, 
von der alle Philosophen bisher mit Ehrerbietung geredet 
haben: was für Fragen hat dieser Wille ziu* Wahrheit 
uns schon vorgelegt! Welche wunderlichen schlimmen 
fragwürdigen Fragen! Das ist bereits eine lange Ge- 
schichte, — und doch scheint es, dass sie kaum eben 
angefangen hat? Was Wunder, wenn wir endlich einmal 
misstrauisch werden, die Geduld verlieren, uns ungeduldig 
umdrehn? Dass wir von dieser Sphinx auch unserseits 
das Fragen lernen? Wer ist das eigentlich, der uns hier 
Fragen stellt? Was in uns will eigentlich „zur Wahr- 
heit"? — In der That, wir machten lange Halt vor der 
Frage nach der Ursache dieses Willens, — bis wir, zu- 
letzt, vor einer noch gründlicheren Frage ganz und gar 
stehen blieben. Wir fragten nach dem Werthe dieses 
Willens. Gesetzt, wir wollen Wahrheit: warum nicht 
lieber Unwahrheit? Und Ungewissheit ? Selbst Un- 
wissenheit? — Das Problem vom Werthe der Wahrheit 
trat vor uns hin, — oder waren wir's, die vor das Problem 
hin traten? Wer von uns ist hier ödipus? Wer Sphinx? 
Es ist ein Stelldichein, wie es scheint, von Fragen und 
Fragezeichen. — Und sollte man's glauben, dass es uns 
schliesslich bedünken will, als sei das Problem noch nie 



lO — 



bisher gestellt, — als sei es von uns zum ersten Male 
gesehn, in's Auge gefasst, gewagt? Denn es ist ein 
Wagniss dabei, und vielleicht giebt es kein grösseres. 



2. 

„Wie könnte Etwas aus seinem Gegensatz entstehn? 
Zum Beispiel die Wahrheit aus dem Irrthume? Oder 
der Wille zur Wahrheit aus dem Willen zur Täuschung ? 
Oder die selbstlose Handlung aus dem Eigennutze? Oder 
das reine sonnenhafte Schauen des Weisen aus der Be- 
gehrlichkeit? Solcherlei Entstehung ist unmöglich; wer 
davon träumt, ein Narr, ja Schlimmeres; die Dinge höch- 
sten Werthes müssen einen andern, eigenen Ursprung 
haben, — aus dieser vergänglichen verführerischen täu- 
schenden geringen Welt, aus diesem Wirrsal von Wahn 
und Begierde sind sie unableitbar 1 Vielmehr im Schoosse 
des Sein's, im Unvergänglichen, im verborgenen Gotte, 
im „Ding an sich" — da muss ihr Grund liegen, und 
sonst nirgendswo!" — Diese Art zu urtheilen macht das 
typische Vorurtheil aus, an dem sich die Metaphysiker 
aller Zeiten wieder erkennen lassen; diese Art von Werth- 
schätzungen steht im Hintergrunde aller ihrer logischen 
Prozeduren; aus diesem ihrem „Glauben" heraus bemühn 
sie sich um ihr „Wissen", um Etwas, das feierlich am 
Ende als „die Wahrheit" getauft wird. Der Grundglaube 
der Metaphysiker ist der Glaube an die Gegensätze 
der Wert he. Es ist auch den Vorsichtigsten unter 
ihnen nicht eingefallen, hier an der Schwelle bereits zu 
zweifeln, wo es doch am nöthigsten war: selbst wenn sie 
sich gelobt hatten „de omnibus duhitandum". Man darf 
nämlich zweifeln, erstens, ob es Gegensätze überhaupt 
giebt, und zweitens, ob jene volksthümlichen Werth- 



— II — 

Schätzungen und Werth-Gegensätze, aufweiche die Metar 
physiker ihr Siegel gedrückt haben, nicht vielleicht nur 
Vordergrunds-Schätzungen sind, nur vorläufige Perspek- 
tiven, vielleicht noch dazu aus einem Winkel heraus, 
vielleicht von Unten hinauf, Frosch-Perspektiven gleich- 
sam, um einen Ausdruck zu borgen, der den Malern ge- 
läufig ist? Bei allem Werthe, der dem Wahren, dem 
Wahrhaftigen, dem Selbstlosen zukommen mag: es wäre 
möglich, dass dem Scheine, dem Willen zur Täuschung, 
dem Eigennutz und der Begierde ein für alles Leben 
höherer und grundsätzlicherer Werth zugeschrieben wer- 
den müsste. Es wäre sogar noch möglich, dass was den 
Werth jener guten und verehrten Dinge ausmacht, ge- 
rade darin bestünde, mit jenen schlimmen, scheinbar ent- 
gegengesetzten Dingen auf verfängliche Weise verwandt, 
verknüpft, verhäkelt, vielleicht gar wesensgleich zu sein. 
Vielleicht! — Aber wer ist Willens, sich um solche ge- 
fährliche Vielleichts zu kümmern ! Man muss dazu schon 
die Ankunft einer neuen Gattung von Philosophen ab- 
warten, solcher, die irgend welchen anderen, umgekehrten 
Geschmack und Hang haben als die bisherigen, — Philo- 
sophen des gefährlichen Vielleicht in jedem Verstände. — 
Und allen Ernstes gesprochen: ich sehe solche neue 
Philosophen heraufkommen. 



3. 

Nachdem ich lange genug den Philosophen zwischen 
die Zeilen und auf die Finger gesehn habe, sage ich 
mir: man muss noch den grössten Theil des bewussten 
Denkens unter die Instinkt -Thätigkeiten rechnen, und 
sogar im Falle des philosophischen Denkens; man muss 
hier umlernen, wie man in Betreff der Vererbung und 



— 12 — 



des »Angeborenen" umgelernt hat So wenig der Akt 
der Geburt in dem ganzen Vor- und Fortgange der Ver- 
erbung in Betracht kommt: ebenso wenig ist „Be^^^sst-sein" 
in irgend einem entscheidenden Sinne dem Instinktiven 
entgegengesetzt, — das meiste bewusste Denken 
eines Philosophen ist durch seine Instinkte heimlich ge- 
führt und in bestimmte Bahnen gezwungen. Auch hinter 
aller Logik und ihrer anscheinenden Selbstherrlichkeit 
der Bewegung stehen Werthschätzungen, deutlicher ge- 
sprochen, physiologische Forderungen zur Erhaltung einer 
bestimmten Art von Leben. Zum Beispiel, dass das 
Bestimmte mehr werth sei als das Unbestimmte, der 
Schein weniger werth als die „Wahrheit": dergleichen 
Schätzungen könnten, bei aller ihrer regulativen Wichtig- 
keit für uns, doch nur Vordergrunds-Schätzungen sein, 
eine bestimmte Art von niaiserie, wie sie gerade zur 
Erhaltung von Wesen, wie wir sind, noth thun mag. 
Gesetzt nämlich, dass nicht gerade der Mensch das 
„Maass der Dinge" ist , . . 



4. 

Die Falschheit eines Urtheils ist uns noch kein Ein- 
wand gegen ein Urtheil; darin klingt unsre neue Sprache 
vielleicht am fremdesten. Die Frage ist, wie weit es 
lebenfördemd, lebenerhaltend, Art-erhaltend, vielleicht gar 
Art-züchtend ist; und wir sind grundsätzlich geneigt zu 
behaupten, dass die falschesten Urtheile (zu denen die 
synthetischen Urtheile a priori gehören) uns die unent- 
behrlichsten sind, dass ohne ein Geltenlassen der logischen 
Fiktionen, ohne ein Messen der Wirklichkeit an der rein 
erfundenen Welt des Unbedingten, Sich-selbst-Gleichen, 
ohne eine beständige Fälschung der Welt durch die 



— 13 — 

Zahl der Mensch nicht leben könnte, — dass Verzicht- 
leisten auf falsche Urtheile ein Verzichtleisten auf Leben, 
eine Verneinung des Lebens wäre. Die Unwahrheit als 
Lebensbedingung zugestehn: das heisst freilich auf eine 
gefährUche Weise den gewohnten Werthgefühlen Wider- 
stand leisten; und eine Philosophie, die das wagt, stellt 
sich damit alleui schon jenseits von Gut und Böse. 



5. 
Was dazu reizt, auf alle Philosophen halb misstrauisch, 
halb spöttisch zu blicken, ist nicht, dass man wieder und 
wieder dahinter kommt, wie unschuldig sie sind, — wie 
oft und wie leicht sie sich vergreifen und verirren, kurz 
ihre Kinderei und Kindlichkeit, — sondern dass es bei 
ihnen nicht redlich genug zugeht: während sie allesammt 
einen grossen und tugendhaften Lärm machen, sobald das 
Problem der Wahrhaftigkeit auch nur von ferne angerührt 
wird. Sie stellen sich sämmtlich, als ob sie ihre eigent- 
lichen Meinungen durch die Selbstentwicklung einer kalten, 
reinen , göttlich unbekümmerten Dialektik entdeckt und 
erreicht hätten (zum Unterschiede von den Mystikern 
jeden Rangs, die ehrlicher als sie und tölpelhafter sind 
— diese reden von „Inspiration" — ): während im Grunde 
ein vorweggenommener Satz, ein Einfall, eine .^Eingebung", 
zumeist ein abstrakt gemachter und durchgesiebter Herzens- 
wunsch von ihnen mit hinterher gesuchten Gründen ver- 
theidigt wird: — sie sind allesammt Advokaten, welche 
es nicht heissen wollen, und zwar zumeist sogar ver- 
schmitzte Fürsprecher ihrer Vorurtheile, die sie „Wahr- 
heiten" taufen, — und sehr ferne von der Tapferkeit des 
Gewissens, das sich dies, eben dies eingesteht, sehr ferne 
von dem guten Geschmack der Tapferkeit, welche dies 



— 14 — 

auch zu verstehen giebt, sei es um einen Feind oder 
Freund zu warnen, sei es aus Übermuth und um ihrer 
selbst zu spotten. Die ebenso steife als sittsame Tartüf- 
ferie des alten Kant, mit der er uns auf die dialektischen 
Schleichwege lockt, welche zu seinem „kategorischen 
Imperativ" fiihren, richtiger verführen — dies Schauspiel 
macht uns Verwöhnte lächeln, die wir keine kleine Be- 
lustigung darin finden, den feinen Tücken alter Moralisten 
und Moralprediger auf die Finger zu sehn. Oder gar 
jener Hokuspokus von mathematischer Form, mit der 
Spinoza seine Philosophie — „die Liebe zu seiner Weis- 
heit" zuletzt, das Wort richtig und billig ausgelegt — wie 
in Erz panzerte und maskirte, um damit von vornherein 
den Muth des Angreifenden einzuschüchtern, der auf diese 
unüberwindliche Jungfrau und Pallcis Athene den Blick 
zu werfen wagen würde: — wie viel eigne Schüchtern- 
heit und Angreifbarkeit verräth diese Maskerade eines 
einsiedlerischen Kranken 1 



6. 

Allmählich hat sich mir herausgestellt, was jede 
grosse Philosophie bisher war: nämlich das Selbstbe- 
kenntniss ihres Urhebers und eine Art ungewollter und 
unvermerkter mimoires\ insgleichen, dass die morsdi- 
schen (oder unmoralischen) Absichten in jeder Philosophie 
den eigentlichen Lebenskeim a usmac hten, aus dem jedes- 
mal die ganze Pflanze gewachsen ist In der That, man 
thut gnt (und klug), zur Erklärung davon, wie eigent- 
lich die entlegensten metaphysischen Behauptungen eines 
Philosophen zu Stande gekommen sind, sich immer erst 
zu fragen: auf welche Moral will es (will er — ) hinaus? 
Ich glaube demgemäss nicht, dass ein „Trieb zur Er- 



— 15 — 

kenntniss" der Vater der Philosophie ist, sondern dass 
sich ein andrer Trieb, hier wie sonst, der Erkenntniss 
(und der Verkenntniss!) nur wie eines Werkzeugs be- 
dient hat Wer aber die Grundtriebe des Menschen 
darauf hin ansieht, wie weit sie gerade hier als inspi- 
rirende Genien (oder Dämonen und Kobolde — ) ihr 
Spiel getrieben haben mögen, wird finden, dass sie Alle 
schon einmal Philosophie getrieben haben, — und dass 
jeder Einzelne von ihnen gerade sich gar zu gerne als 
letzten Zweck des Deiseins und als berechtigten Herrn 
aller übrigen Triebe darstellen möchte. Denn jeder Trieb 
ist herrschsüchtig: und als solcher versucht er zu philo- 
sophiren. — Freilich: bei den Gelehrten, den eigentlich 
wissenschaftlichen Menschen, mag es anders stehn — 
„besser", wenn man will — , da mag es wirklich so etwas 
wie einen Erkenntnisstrieb geben, irgend ein kleines 
unabhängiges Uhrwerk, welches, gut aufgezogen, tapfer 
darauf los arbeitet, ohne dass die gesammten übrigen 
Triebe des Gelehrten wesentlich dabei betheiligt sind. 
Die eigentlichen .Jnteressen" des Gelehrten liegen deshalb 
gewöhnlich ganz wo anders, etwa in der Familie oder 
im Gelderwerb oder in der Politik; ja es ist beinahe 
gleichgültig, ob seine kleine Maschine an diese oder 
jene Stelle der Wissenschaft gesteht wird, und ob der 
„hoffnungsvolle" junge Arbeiter aus sich einen guten 
Philologen oder Pilzekenner oder Chemiker macht: — es 
bezeichnet ihn nicht, dass er dies oder jenes wird. 
Umgekehrt ist an dem Philosophen ganz und gar nichts 
Unpersönliches; und insbesondere giebt seine Moral ein 
entschiedenes und entscheidendes Zeugniss dafür ab, wer 
er ist — das heisst, in welcher Rangordnung die inner- 
sten Triebe seiner Natur zu einander gestellt sind. 



— i6 — 

7. 

Wie boshaft Philosophen sein können! Ich kenne 
nichts Giftigeres als den Scherz, den sich Epikur gegen 
Plato und die Platoniker erlaubte: er nannte sie Diony- 
siokolakes. Das bedeutet dem Wortlaute nach und im 
Vordergrunde „Schmeichler des Dionysios", also Tyrannen- 
Zubehör und Speichellecker; zu alledem will es aber 
noch sagen „das sind Alles Schauspieler, daran ist 
nichts Achtes" (denn Dionysokolax war eine populäre Be- 
zeichnung des Schauspielers). Und das Letztere ist eigent- 
lich die Bosheit, welche Epikur gegen Plato abschoss: 
ihn verdross die grossartige Manier, das Sich-in-Scene- 
Setzen, worauf sich Plato sammt seinen Schülern verstand, 
— worauf sich Epikur nicht verstand! er, der alte Schul- 
meister von Samos, der in seinem Gärtchen zu Athen 
versteckt sass und dreihundert Bücher schrieb, wer weiss? 
vielleicht aus Wuth und Ehrgeiz gegen Plato? — Es 
brauchte hundert Jahre, bis Griechenland dahinter kam, 
wer dieser Gartengott Epikur gewesen war. — Kam es 
dahinter? — 

8. 

In jeder Philosophie giebt es einen Punkt, wo die 
„Überzeugung" des Philosophen auf die Bühne tritt: oder 
um es in der Sprache eines alten Mysteriums zu sagen: 
adventavit asinus 
pulcher et fortissirmis. 

9- 

„Gemäss der Natur" wollt ihr leben? Oh ihr edlen 
Stoiker, welche Betrügerei der Worte! Denkt euch ein 
Wesen, wie es die Natur ist, verschwenderisch ohne Maass, 



— 17 - 

gleichgültig ohne Maass, ohne Absichten und Rücksichten, 
ohne Erbarmen und Gerechtigkeit, fruchtbar und öde und 
ungewiss zugleich, denkt euch die Indifferenz selbst als 
Macht — wie könntet ihr gemäss dieser Indifferenz 
leben? Leben — ist das nicht gerade ein Anders-sein- 
wollen, als diese Natur ist? Ist Leben nicht Abschätzen, 
Vorziehn, Ungerecht -sein, Begrenzt-sein , Different- sein- 
wollen ? Und gesetzt, euer Imperativ „gemäss der Natur 
leben" bedeute im Grunde soviel als „gemäss dem Leben 
leben" — wie könntet ihr's denn nicht? Wozu ein Princip 
aus dem machen, was ihr selbst seid und sein müsst? — 
In Wahrheit steht es ganz anders: indem ihr entzückt 
den Kanon eures Gesetzes aus der Natur zu lesen vor- 
gebt, wollt ihr etwas Umgekehrtes, ihr wunderlichen 
Schauspieler und Selbst -Betrüger! Euer Stolz will der 
Natur, sogar der Natur, eure Moral, euer Ideal vor- 
schreiben und einverleiben, ihr verlangt, dass sie „der 
Stoa gemäss" Natur sei, und möchtet alles Dasein nur 
nach eurem eignen Bilde dasein machen — als eine un- 
geheure ewige Verherrlichung und Verallgemeinerung 
des Stoicismus! Mit aller eurer Liebe zur Wahrheit 
zwingt ihr euch so lange, so beh^xrlich, so hypnotisch- 
starr, die Natur falsch, nämlich stoisch zu sehn, bis ihr 
sie nicht mehr anders zu sehn vermögt, — und irgend 
ein abgründlicher Hochmuth giebt euch zuletzt nocK die 
ToUhäusler-H Öffnung ein, dass, weil ihr euch selbst zu 
tyrannisiren versteht — Stoicismus ist Selbst-Tyrannei — , 
auch die Natur sich tyrannisiren lässt: ist denn der 

Stoiker nicht — ein Stück Natur? Aber dies ist 

eine alte ewige Geschichte: was sich damals mit den 
Stoikern begab, begiebt sich heute noch, sobald nur eine 
Philosophie anfängst, an sich selbst zu glauben. Sie 
schafft immer die Welt nach ihrem Bilde, sie kann nicht 

Nietzsche, Werke Band VII. 2 



— i8 — 

anders; Philosophie ist dieser tyrannische Trieb' selbst, 
der geistigste Wille zur Macht, zur „Schaffung der Welt", 
zur causa pri?na. 

lO. 

Der Eifer und die Feinheit, ich möchte sogar sagen: 
Schlauheit, mit denen man heute überall in Europa dem 
Probleme „von der wirldichen und der scheinbaren Welt" 
auf den Leib rückt, giebt zu denken und zu horchen; 
und wer liier im Hintergründe nur einen „Willen zur 
Wahrheit" und nichts weiter hört, erfreut sich gewiss 
nicht der schärfsten Ohren. In einzelnen und seltnen 
Fällen mag \virklich ein solcher Wille zur Wahrheit, 
irgend ein ausschweifender und abenteuernder Muth, ein 
Metaphysiker- Ehrgeiz des verlornen Postens dabei be- 
theiligt sein, der zuletzt eine Handvoll „Gewissheit" im- 
mer noch einem ganzen Wagen voll schöner Möglich- 
keiten vorzieht; es mag sogar puritanische Fanatiker des 
Gewissens geben, welche Heber noch sich auf ein sicheres 
Nichts als auf ein ungewisses Etwas — sterben legen. Aber 
dies ist Nihilismus und Anzeichen einer verzweifelnden 
sterbensmüden Seele: wie tapfer auch die Gebärden einer 
solchen Tugend sich ausnehmen mögen. Bei den stärkeren, 
lebensvolleren, nach Leben noch durstigen Denkern 
scheint es aber anders zu stehen: indem sie Partei gegen 
den Schein nehmen und das Wort „perspektivisch" be- 
reits mit Hochmuth aussprechen, indem sie die Glaub- 
würdigkeit ilures eignen Leibes ungefähr so gering an- 
schlagen wie die Glaubwürdigkeit des Augenscheins, 
welcher sagt „die Erde steht still", und dermaassen an- 
scheinend gutgelaunt den sichersten Besitz aus den 
Händen lassen (denn was glaubt man jetzt sicherer als 
seinen Leib?) — wer weiss, ob sie nicht im Grunde Etwas 



— 19 — 

zurückerobern wollen, das man ehemals noch sicherer 
besessen hat, irgend Etwas vom alten Grundbesitz des 
Glaubens von Ehedem, vielleicht „die unsterbliche Seele", 
\'ielleicht „den alten Gott", kurz, Ideen, auf welchen sich 
besser, nämlich kräftiger und heiterer, leben Hess als auf 
den „modernen Ideen"? Es ist Misstrauen gegen 
diese modernen Ideen darin, es ist Unglauben an alles 
Das, was gestern und heute gebaut worden ist; es ist 
vielleicht ein leichter Überdruss und Hohn eingemischt, 
der das hric-ä-hrac von Begriffen verschiedenster Ab- 
kunft nicht mehr aushält, als welches sich heute der 
sogenannte Positivismus auf den Markt bringt, ein Ekel 
des verwöhnteren Geschmacks vor der Jahrmarkts-Bunt- 
heit und Lappenhafügkeit aller dieser "Wirklichkeits-Philo- 
sophaster, an denen nichts neu und acht ist als diese 
Buntheit. Man soll darin, wie mich dünkt, diesen skep- 
tischen Anti -Wirklichen und Erkenntniss-Mikroskopikern 
von Heute Recht geben: ihr Instinkt, welcher sie aus der 
modernen Wirklichkeit hinwegtreibt, ist unwiderlegt, 
— was gehen uns ihre rückläufigen Schleichwege anl 
Das Wesentliche an ihnen ist nicht, dass sie „zurück" 
wollen: sondern, dass sie — weg wollen. Etwas Kraft, 
Flug, Muth, Künstlerschaft mehr: und sie würden hin- 
aus wollen, — und nicht zurück! — 



II. 

Es scheint mir, dass man jetzt überall bemüht ist, 
von dem eigentlichen Einflüsse, den Kant auf die deutsche 
Philosophie ausgeübt hat, den Blick abzulenken und 
namentlich über den Werth, den er sich selbst zugestand« 
klüglich hinwegzuschlüpfen. Kant war vor Allem und 
zuerst stolz auf seine Kategorientafel, er sagte mit dieser 



— 20 — 

Tafel in den Händen : „das ist das Schwerste, was jemals 
zum Behufe der Metaphysik unternommen werden konnte". 

— Man verstehe doch dies „werden konnte"! er war stolz 
darauf, im Menschen ein neues Vermögen, das Vermögen 
zu synthetischen Urtheilen a priori, entdeckt zu haben. 
Gesetzt, dass er sich hierin selbst betrog: aber die Ent- 
wicklvmg und rasche Blüthe der deutschen Philosophie 
hängt an diesem Stolze und an dem Wetteifer aller 
Jüngeren, womöglich noch Stolzeres zu entdecken — und 
jedenfalls „neue Vermögen"! — Aber besinnen wir uns: 
es ist an der Zeit. Wie sind synthetische Urtheile a priori 
möglich? fragte sich Kant, — und was antwortete er 
eigentHch? Vermöge eines Vermögens: leider aber 
nicht mit drei Worten, sondern so umständlich, ehrwürdig 
und mit einem solchen Aufwände von deutschem Tief- 
und Schnörkelsinne, dass man die lustige niaiserie alle- 
mande überhörte, welche in einer solchen Antwort steckt. 
Man war sogar ausser sich über dieses neue Vermögen, 
und der Jubel kam auf seine Höhe, als Kant auch noch 
ein moralisches Vermögen im Menschen hinzu entdeckte: 

— denn damals waren die Deutschen noch moralisch, und 
ganz und gar noch nicht „real-politisch". — Es kam der 
Honigmond der deutschen Philosophie; alle jungen Theo- 
logen des Tübinger Stifts giengen alsbald in die Büsche, 

— alle suchten nach „Vermögen". Und was fand man 
nicht Alles — in jener unschuldigen, reichen, noch 
jugendlichen Zeit des deutschen Geistes, in welche die 
Romantik, die boshafte Fee, hineinblies, hineinsang, da- 
mals, als man „finden" und „erfinden" noch nicht ausein- 
ander zu halten wusste! Vor AUem ein Vermögen fur's 
„Übersinnliche": Schelling taufte es die intellektuale An- 
schauung und kam damit den herzlichsten Gelüsten seiner 
im Grunde frommgelüsteten Deutschen entgegen. Man 



— 21 — 

kann dieser ganzen übermüthigen und schwärmerischen 
Bewegung, welche Jugend war, so kühn sie sich auch in 
graue und greisenhafte Begrüfe verkleidete, gar nicht 
mehr Unrecht thun, als wenn man sie ernst nimmt und 
gar etwa mit moralischer Entrüstung behandelt; genug, 
man wurde älter, — der Traum verflog. Es kam eine 
Zeit, wo man sich die Stirne rieb: man reibt sie sich 
heute noch. Man hatte geträumt: voran und zuerst — 
der alte Kant. „Vermöge eines Vermögens" — hatte er 
gesagt, mindestens gemeint Aber ist denn das — eine 
Antwort? Eine Erklärung? Oder nicht vielmehr nur 
eine Wiederholung der Frage ? Wie macht doch das 
Opium schlafen? „Vermöge eines Vermögens", nämlich 
der virtus dormitwa — antwortet jener Arzt bei Moliere, 
quia est in eo virtus dormitiva, 
cujus est natura sensus assoupire. 
Aber dergleichen Antworten gehören in die Komödie, 
und es ist endlich an der Zeit, die Kantische Frage „wie 
sind synthetische Urtheile a priori möglich?" durch eine 
andre Frage zu ersetzen „warum ist der Glaube an solche 
Urtheile nöthig?" — nämhch zu begreifen, dass zum 
Zweck der Erhaltung von Wesen unsrer Art solche Ur- 
theile als währ geglaubt werden müssen; weshalb sie 
natürlich noch falsche Urtheile sein könnten! Oder, 
deutlicher geredet und g^ob und gründlich: synthetische 
Urtheile a priori sollten gar nicht „möglich sein": wir 
haben kein Recht auf sie, in unserm Munde sind es lauter 
falsche Urtheile. Nur ist allerdings der Glaube an ihre 
Wahrheit nöthig, als ein Vordergrunds- Glaube und Augen- 
schein, der in die Perspektiven-Optik des Lebens gehört 
— Um zuletzt noch der ungeheuren Wirkung zu ge- 
denken, welche „die deutsche Philosophie" — man ver- 
steht, wie ich hoffe, ihr Anrecht auf Gänsefüsschen ? — in 



22 — 

ganz Europa ausgeübt hat, so zweifle man nicht, dass 
eine gewisse virtiis dormitiva dabei betheiligt war: man 
war entzückt, unter edlen Müssiggängem, Tugendhaften, 
Mystikern, Künstlern, Dreiviertels-Christen und politischen 
Dunkelmännern aller Nationen, Dank der deutschen 
Philosophie, ein Gegengift gegen den noch übermächtigen 
Sensualismus zu haben, der vom vorigen Jahrhundert in 
dieses hinüberströmte, kurz — „sensus assoupire" 



12. 

Was die materialistische Atomistik betrifft: so ge- 
hört dieselbe zu den bestwiderlegten Dingen, die es giebt; 
und vielleicht ist heute in Europa Niemand unter den 
Gelehrten mehr so ungelehrt, ihr ausser zum bequemen 
Hand- und Hausgebrauch (nämlich als einer Abkürzung 
der Ausdrucksmittel) noch eine ernstliche Bedeutung zu- 
zumessen — Dank vorerst jenem Dalmatiner Boscovich, der, 
mitsammt dem Polen Kopernicus, bisher der grösste und 
siegreichste Gegner des Augenscheins war. Während 
nämlich Kopernicus uns überredet hat zu glauben, wider 
alle Sinne, dass die Erde nicht fest steht, lehrte Bos- 
covich dem Glauben an das Letzte, was von der Erde 
„feststand", abschwören, dem Glauben an den „StofP', an 
die „Materie", an das Erdenrest- und Klümpchen-Atom: 
es war der grösste Triumph über die Sinne, der bisher 
auf Erden errungen worden ist. — Man muss aber noch 
weiter gehn und auch dem „atomistischen Bedürfnisse", 
das immer noch ein gefährliches Nachleben führt, auf 
Gebieten, wo es Niemand ahnt, gleich jenem berühmteren 
„metaphysischen Bedürfnisse", — den Krieg erklären, 
einen schonungslosen Krieg aufs Messer: — man muss 
zunächst auch jener anderen und verhäng^ssvolleren 



— 23 — 

Atomistik den Garaus machen, welche das Christenthum 
am besten und längsten gelehrt hat, der Seelen- 
Atomistik. Mit diesem Wort sei es erlaubt, jenen 
Glauben zu bezeichnen, der die Seele als etwas Unver- 
tilgbares, Ewiges, XJntheilbares, als eine Monade, als ein 
Atomon nimmt: diesen Glauben soll man aus der 
Wissenschaft hinausschaffen! Es ist, unter uns gesagt, 
ganz und gar nicht nöthig, „die Seele" selbst dabei los- 
zuwerden und auf eine der ältesten und ehrwürdigsten 
Hypothesen Verzicht zu leisten: wie es dem Ungeschick 
der Naturalisten zu begegnen pflegt, welche, kaum dass 
sie an „die Seele" rühren, sie auch verlieren. Aber der 
Weg zu neuen Fassungen und Verfeinerungen der Seelen- 
Hypothese steht ofifen: und Begriffe wie „sterbHche Seele" 
und „Seele als Subjekts- Vielheit" und „Seele als Gesell- 
schaftsbau der Triebe und Affekte" wollen fiirderhin in 
der Wissenschaft Bürgerrecht haben. Indem der neue 
Psycholog dem Aberglauben ein Ende bereitet, der bis- 
her um die Seelen-Vorstellung mit einer fast tropischen 
Üppigkeit wucherte, hat er sich freilich selbst gleichsam 
in eine neue Öde und ein neues Misstrauen hinaus ge- 
stossen — es mag sein, dass die älteren Psychologen es 
bequemer und lustiger hatten — : zuletzt aber weiss er 
sich eben damit auch zum Erfinden verurtheilt — und, 
wer weiss? vielleicht zum Finden. — 



13. 

Die Physiologen sollten sich besinnen, den Selbst- 
erhaltungstrieb als kardinalen Trieb eines organischen 
Wesens anzusetzen. Vor Allem will etwas Lebendiges 
seine Kraft auslassen — Leben selbst ist Wille zur 
Macht — : die Selbsterhaltung ist nur eine der indirekten 



— 24 — 

und häufigsten Folgen davon. — Kurz, hier wie über- 
all, Vorsicht vor überflüssigen teleologischen Principienl 
— wie ein solches der Selbsterhaltungstrieb ist (man 
dankt ihn der Inconsequenz Spinoza's — ). So nämlich 
gebietet es die Methode, die wesentlich Principien-Spar- 
samkeit sein muss. 

14. 

Es dämmert jetzt vielleicht in fünf, sechs Köpfen, 
dass Physik auch nur eine Welt-Auslegring und Zurecht- 
legung (nach uns! mit Verlaub gesagt) und nicht eine 
Welt-Erklärung ist: aber, insofern sie sich auf den Glauben 
an die Sinne stellt, gilt sie als mehr und muss auf lange 
hinaus noch als mehr, nämUch als Erklärung gelten, Sie 
hat Augen und Finger für sich, sie hat den Augenschein 
und die Handgreiflichkeit für sich: das wirkt auf ein Zeit- 
alter mit plebejischem Grundgeschmack bezaubernd, über- 
redend, überzeugend, — es folgt ja instinktiv dem 
Wahrheits-Kanon des ewig volksthümlichen Sensualismus. 
Was ist klar, was „erklärt"? Ejst Das, was sich sehen 
und tasten lässt, — bis so weit muss man jedes Problem 
treiben. Umgekehrt: genau im Widerstreben gegen 
die Sinnenfälligkeit bestand der Zauber der platonischen 
Denkweise, welche eine vornehme Denkweise war, — 
vielleicht unter Menschen, die sich sogar stärkerer und 
anspruchsvollerer Sinne erfreuten, als unsre Zeitgenossen 
sie haben, aber welche einen höheren Triumph darin zu 
finden wussten, über diese Sinne Herr zu bleiben: und 
dies mittelst blasser kalter grauer Begriffs -Netze, die sie 
über den bunten Sinnen -Wirbel — den Sinnen -Pöbel, 
wie Plato sagte — warfen. Es war eine andre Art 
Genuss in dieser Welt -Überwältigung und Welt- Aus- 
legung nach der Manier des Plato, als der es ist, welchen 



— 25 — 

uns die Physiker von Heute anbieten, insgleichen die 
Darwinisten und Antiteleologen unter den physiologischen 
Arbeitern, mit ihrem Princip der „kleinstmöglichen Kraft" 
und der grösstmöglichen Dummheit. „Wo der Mensch 
nichts mehr zu sehen und zu greifen hat, da hat er auch 
nichts mehr zu suchen" — das ist freilich ein anderer 
Imperativ als der Platonische, welcher aber doch für ein 
derbes arbeitsames Geschlecht von Maschinisten und 
Brückenbauern der Zukunft, die lauter grobe Arbeit 
abzuthun haben, gerade der rechte Imperativ sein mag. 



15- 

Um Physiologie mit gutem Gewissen zu treiben, 
muss man darauf halten, dass die Sinnesorgane nicht 
Erscheinungen sind im Sinne der idealistischen Philo- 
sophie: als solche könnten sie ja keine UrsaGhen sein! 
Sensualismus mindestens somit als regulative Hypothese, 
um nicht zu sagen als heuristisches Princip. — Wie? 
und Andere sagen gar, die Aussenwelt wäre das Werk 
unsrer Organe? Aber dann wäre ja unser Leib, als ein 
Stück dieser Aussenwelt, das Werk unsrer Organe! 
Aber dann wären ja unsre Organe selbst — das Werk 
unsrer Organe! Dies ist, wie mir scheint, eine gründliche 
reductio ad absurdum: gesetzt, dass der Begriff causa 
sui etwas gründlich Absurdes ist. Folglich ist die Aussen- 
welt nicht das Werk unsrer Organe — ? 



i6. 

Es giebt immer noch harmlose Selbst- Beobachter, 
welche glauben, dass es „unmittelbare Gewissheiten" gebe, 
zum Beispiel ,4ch denke", oder, wie es der Aberglaube 



— 26 — 

Schopenhauer's war, „ich will": gleichsam als ob hier das 
Erkennen rein und nackt seinen Gegenstand zu fassen 
bekäme, als „Ding an sich", und weder von Seiten des 
Subjekts, noch von Seiten des Objekts eine Fälschung 
stattfände. Dass aber „unmittelbare Gewissheit", ebenso 
wie „absolute Erkenntniss" und „Ding an sich", eine co7i- 
tradtctio in adjecto in sich schliesst, werde ich hundert- 
mal wiederholen: man sollte sich doch endlich von der 
Verführung der Worte losmachen! Mag das Volk glauben, 
dass Erkennen ein zu Ende -Kennen sei, der Philosoph 
muss sich sagen: „wenn ich den Vorgang zerlege, der in 
dem Satz „ich denke" ausgedrückt ist, so bekomme ich 
eine Reihe von verwegenen Behauptungen, deren Bfi.» 
gründung schwer, vielleicht unmöglich ist, — zum Beispiel, 
dass i c h es bin , der denkt, dass überhaupt ein Etwas es 
sein muss, das denkt, dass Denken eine Thätigkeit und 
Wirkung seitens eines Wesens ist, welches als Ursache 
gedacht wird, dass es ein „Ich" giebt, endlich, dass es 
bereits fest steht, was mit Denken zu bezeichnen ist, — 
dass ich weiss, was Denken ist. Denn wenn ich nicht 
darüber mich schon bei mir entschieden hätte, wonach 
sollte ich abmessen, dass, was eben geschieht, nicht viel- 
leicht „Wollen" oder ,JFühlen" sei? Genug, jenes „ich 
denke" setzt voraus, dass ich meinen augenblicklichen 
Zustand mit anderen Zuständen, die ich an mir kenne, 
ve rgle iche, um so festzusetzen, was er ist: wegen dieser 
Rückbeziehung auf anderweitiges „Wissen" hat er für 
mich jedenfalls keine unmittelbare Gewissheit". — An 
Stelle jener „unmittelbaren Gewissheit", an welche das 
Volk im gegebenen Falle glauben mag, bekommt der- 
gestalt der Philosoph eine Reihe von Fragen der Meta- 
physik in die Hand, recht eigentliche Gewissensfragen 
des Intellekts, welche heissen: „Woher nehme ich den 



— 27 — 

Begriff Denken? Warum glaube ich an Ursache und 
Wirkung? Was giebt mir das Recht, von einem Ich, 
und gar von einem Ich als Ursache, und endlich noch 
von einem Ich als Gedanken -Ursache zu reden?" Wer 
sich mit der Berufung auf eine Art Intuition der Er- 
kenntniss getraut, jene metaphysischen Fragen sofort zu 
beantworten, wie es Der thut, welcher sagt: ,4ch denke 
und weiss, dass dies wenigstens wahr, wirklich, gewiss 
ist" — der wird bei einem Philosophen heute ein Lächeln 
und zwei Fragezeichen bereit finden. „Mein Herr, wird 
der Philosoph vielleicht ihm zu verstehen geben, es ist 
unwahrscheinlich, dass Sie sich nicht irren: aber warum 
auch durchaus Wahrheit?" — 



17- 

Was den Aberglauben der Logiker betrifft: so will 
ich nicht müde werden, eine kleine kurze Thatsache 
immer wieder zu unterstreichen, welche von diesen Aber- 
gläubischen ungern zugestanden wird, — nämlich, dass 
ein Gedanke kommt, wenn „er" wiU, und nicht wenn 
,4ch" will; so dass es eine Fälschung des Thatbestandes 
ist zu sagen: das Subjekt „ich" ist die Bedingung des 
Prädikats „denke". Es denkt: aber dass dies „es" gerade 
jenes alte berühmte ,Jch" sei, ist, milde geredet, nur eine 
Annahme, eine Behauptung, vor Allem keine „unmittel- 
bare Gewissheit". Zuletzt ist schon mit diesem „es denkt" 
IM viel gethan: schon dies „es" enthält eine Auslegung 
des Vorgangs und gehört nicht zum Vorgange selbst. 
Man schliesst hier nach der grammatischen Gewohnheit 
„denken ist eine Thätigkeit, zu jeder Thätigkeit gehört 
Einer, der thätig ist, folglich — ". Ungefähr nach dem 
gleichen Schema suchte die ältere Atomistik zu der 



— 28 — 

„Kraft", die wirkt, noch jenes Klümpchen Materie, worin 
sie sitzt, aus der heraus sie wirkt, das Atom; strengere 
Köpfe lernten endlich ohne diesen „Erdenrest" aus- 
kommen, und vielleicht gewöhnt man sich eines Tages 
nocir^aran, auch seitens der Logiker ohne jenes kleine 
„es" (zu dem sich das ehrliche alte Ich verflüchtiget hat) 
auszukommen. 



An einer Theorie ist es wahrhaftig nicht ihr gering- 
ster Reiz, dass sie widerlegbar i^t: gerade damit zieht sie 
feinere Köpfe an. Es scheint, dass die hundertfach wider- 
legte Theorie vom „freien Willen" ihre Fortdauer nur 
noch diesem Reize verdankt — : immer wieder kommt 
Jemand und fühlt sich stark genug, sie zu widerlegen. 



19. 

Die Philosophen pflegen vom Willen zu reden, wie 
als ob er die bekannteste Sache von der Welt sei; ja 
Schopenhauer gab zu verstehen, der Wüle allein sei uns 
eigentlich bekannt, ganz und gar bekannt, ohne Abzug 
und Zuthat bekannt. Aber es dünkt mich immer wieder, 
dass Schopenhauer auch in diesem Falle nur gethan hat, 
was Philosophen eben zu thun pflegen: dass er ein Volks- 
Vorurtheil übernommen und übertrieben hat. Wollen 
scheint mir vor Allem etwas Complicirtes, Etwas, das 
nur als Wort eine Einheit ist, — und eben im Einen 
Worte steckt das Volks -Vorurtheil, das über die allzeit 
nur geringe Vorsicht der Philosophen Herr geworden ist.. 
Seien wir also einmal vorsichtiger, seien wir „unphilo- 
sophisch" — , sagen wir: in jedem WoUen ist erstens eine 
Mehrheit von Gefühlen, nämlich das Gefühl des Zustandes, 



— 29 — 

von dem weg, das Gefühl des Zustandes, zu dem hin, 
das Gefühl von diesem „weg" und „hin" selbst, dann 
noch ein begleitendes Muskelgefuhl, welches, auch ohne 
dass wir „Arme und Beine" in Bewegung setzen, durch 
eine Art Gewohnheit, sobald wir „wollen", sein Spiel be- 
ginnt. Wie also Fühlen und zwar vielerlei Fühlen als 
Ingredienz des Willens anzuerkennen ist, so zweitens auch 
noch Denken: in jedem Willensakte giebt es einen com- 
mandirenden Gedanken ; — und man soU ja nicht glauben, 
diesen Gedanken von dem „Wollen" abscheiden zu 
können, wie als ob dann noch Wille übrig bliebe ! Drittens 
ist der Wille nicht nur ein Complex von Fühlen und 
Denken, sondern vor Allem noch ein Affekt: und zwar 
jener Affekt des Commando's. Das, was „Freiheit des 
Willens" genannt wird, ist wesentlich der Überlegenheits- 
Afifekt in Hinsicht auf Den, der gehorchen muss: ,Ach 
bin frei, „er" muss gehorchen" — dies Bewusstsein steckt 
in jedem Willen, und ebenso jene Spannung der Auf- 
merksamkeit, jener gerade Blick, der ausschliesslich Eins 
fixirt, jene unbedingte Werthschätzung „jetzt thut dies 
und nichts Anderes noth", jene innere Gewissheit darüber, 
dass gehorcht werden wird, und was Alles noch zimi Zu- 
stande des Befehlenden gehört. Ein Mensch, der will — , 
befiehlt einem Etwas in sich, das gehorcht oder von 
dem er glaubt, dass es gehorcht. Nun aber beachte man, 
was das Wunderlichste am Willen ist, — an diesem so 
vielfachen Dinge, für welches das Volk nur Ein Wort 
hat: insofern wir im gegebnen Falle zugleich die Be- 
fehlenden und Gehorchenden sind, und als Gehorchende 
die Gefühle des Zwingens, Drängens, Drückens, Wider- 
stehens, Bewegens kennen, welche sofort nach dem Akte 
des Willens zu beginnen pflegen; insofern wir anderer- 
seits die Gewohnheit haben, uns über diese Zweiheit 



— 30 — 

vermöge des synthetischen BegrifiFs „ich" hinwegzusetzen, 
hinwegzutäuschen, hat sich an das Wollen noch eine 
ganze Kette von irrthümlichen Schlüssen und folglich von 
falschen Werthschätzungen des Willens selbst ange- 
hängt, — dergestalt, dass der Wollende mit gutem Glauben 
glaubt, Wollen genüge zur Aktion. Weil in den aller- 
meisten Fällen nur gewollt w^orden ist, wo auch die 
Wirkung des Befehls, also der Gehorsam, also die Aktion 
erwartet werden durfte, so hat sich der Anschein in 
das Gefühl übersetzt, als ob es da eine Nothwendigkeit 
von Wirkung gäbe; genug, der Wollende glaubt, mit 
einem ziemlichen Grad von Sicherheit, dass Wille und 
Aktion irgendwie Eins seien — , er rechnet das Gelingen, 
die Ausfulirung des Wollens noch dem Willen selbst zu 
und geniesst dabei einen Zuwachs jenes Machtgefühls, 
welches alles Gelingen mit sich bringt. „Freiheit des 
Willens" — das ist das AVort für jenen vielfachen Lust- 
Zustand des Wollenden, der befiehlt und sich zugleich 
mit dem Ausführenden als Eins setzt, ^- der als solcher 
den Triumph über Widerstände mit geniesst, aber bei 
sich urtheilt, sein Wille selbst sei es, der eigentlich die 
Widerstände überwinde. Der Wollende nimmt dergestalt 
die Lustgefühle der ausführenden, erfolgreichen Werk- 
zeuge, der dienstbaren „Untenvillen" oder Unter-Seelen 
— unser Leib istjanurein Gesellschaftsbau vieler Seelen — 
zu seinem Lustgefühle als Befehlender hinzu. L'effet 
c'est moi: es beg^ebt sich hier, was sich in jedem gut 
gebauten und glücklichen Gemeinwesen begiebt, dass die 
regierende Klasse sich mit den Erfolgen des Gemein- 
wesens identificirt Bei allem Wollen handelt es sich 
schlechterdings um Befehlen und Gehorchen, auf der 
Grundlage, wi^ gesagt, eines Gesellschaftsbaus vieler 
„Seelen": weshalb ein Philosoph sich das Recht nehmen 



— 31 — 

sollte, Wollen an sich schon unter den Gesichtskreis 
der Moral zu fassen: Moral nämlich als Lehre von den 
Herrschafts -Verhältnissen verstanden, unter denen das 
Phänomen „Leben" entsteht. — 



20. 

Dass die einzelnen philosophischen Begriffe nichts 
Bel iebig es, nichts Für -sich -Wachsendes sind, sondern in 
Beziehung und Verwandtschaft zu einander emporwachsen, 
dass sie, so plötzlich und willkürlich sie auch in der Ge- 
schichte des Denkens anscheinend heraustreten, doch eben 
so gut einem Systeme angehören, als die sämmtlichen 
Glieder der Fauna eines Erdtheils: das verräth sich zu- 
letzt noch darin, wie sicher die verschiedensten Philo- 
sophen ein gewisses Grundschema von möglichen 
Philosophien immer wieder ausfüllen. Unter «inem unsicht- 
baren Banne laufen sie immer von Neuem noch einmal 
dieselbe Kreisbahn: sie mögen sich noch so unabhängig 
von einander mit ihrem kritischen oder systematischen 
Willen fühlen: irgend Etwas in ilmen führt sie, irgend 
Etwas treibt sie in bestimmter Ordnung hinter einander 
her, eben jene eingeborne Systematik und Verwandtschaft 
der Begriffe. Ihr Denken ist in der That viel weniger 
ein Enldecken als ein Wiedererkennen, Wiedererinnern, 
eine Rück- und Heimkehr in einen fernen uralten Ge- 
sammt-Haushalt der Seele, aus dem jene Begriffe einst- 
mals herausgewachsen sind: — Philosophiren ist insofern 
eine Art von Atavismus höchsten Ranges. Die wunder- 
liche Familien -AhnHchkeit alles indischen, griechischen, 
deutschen Philosophirens erklärt sich einfach genug. Ge- 
rade, wo Sprach- Verwandtschaft vorliegt, ist es gar nicht 
zu vermeiden, dass, Dank der gemeinsamen Philosophie 



_ 32 — 

der Grammatik — ich meine Dank der unbewussten 
Herrschaft und Führung durch gleiche grammatische 
Funktionen — von vornherein Alles für eine gleichartige 
Entwicklung und Reihenfolge der philosophischen Systeme 
vorbereitet liegt: ebenso wie zu gewissen andern Mög- 
lichkeiten der "Welt- Ausdeutung der Weg wie abgesperrt 
erscheint. Philosophen des ural-altaischen Sprachbereichs 
(in dem der Subjekt- Begriff am schlechtesten entwickelt 
ist) werden mit grosser Wahrscheinlichkeit anders Jn die 
Welt" blicken und auf andern Pfaden zu finden sein als 
Indogermanen oder Muselmänner: der Bann bestimmter 
grammatischer Funktionen ist im letzten Grunde der 
Bann physiologischer Werthurtheile und Rasse -Be- 
dingungen. — So viel zur Zurückweisung von Locke's 
Oberflächlichkeit in Bezug auf die Herkunft der Ideen. 



21. 

Die causa sui ist der beste Selbst- Widerspruch, der 
bisher ausgedacht worden ist, eine Art logischer Noth- 
zucht und Unnatur: aber der ausschweifende Stolz des 
Menschen hat es dahin gebracht, sich tief und schreck- 
lich gerade mit diesem Unsinn zu verstricken. Das Ver- 
langen nach „Freiheit des Willens", in jenem metaphy- 
sischen Superlativ- Verstände , wie er leider noch immer 
in den Köpfen der Halb -Unterrichteten herrscht, das 
Verlangen, die ganze und letzte Verantwortlichkeit für 
seine Handlungen selbst zu tragen und Gott, Welt, Vor- 
fahren, Zufall, Gesellschaft davon zu entlasten, ist nämlich 
nichts Geringeres, als eben jene causa sui zu sein und, 
mit einer mehr als Münchhausen'schen Verwegenheit, sich 
selbst aus dem Sumpf des Nichts an den Haaren in's 
Dasein zu ziehn. Gesetzt, Jemand kommt dergestalt hinter 



— 33 — 

die bäurische Einfalt dieses berühmten Begriffs „freier 
Wille" und streicht ihn aus seinem Kopfe, so bitte ich 
ihn nunmehr, seine „Aufklärung" noch um einen Schritt 
weiter zu treiben und auch die Umkehrung jenes Un- 
begriffs „freier Wille" aus seinem Kopfe zu streichen: 
ich meine den „unfreien Willen", der aut einen Missbrauch 
von Ursache und Wirkung hinausläuft. Man soll nicht 
„Ursache" und „Wirkung" fehlerhaft verding liehen, • 
wie es die Naturforscher thun (und wer gleich ihnen 
heute im Denken naturalisirt — ) gemäss der herrschenden 
mechanistischen Tölpelei, welche die Ursache drücken 
und stossen lässt, bis sie „wirkt"; man soll sich der „Ur- 
sache", der „Wirkung" eben nur als reiner Begriffe 
bedienen, das heisst als conventioneUer Fiktionen zum 
Zweck der Bezeichnung, der Verständigung, nicht der 
Erklärung. Im „An -sich" giebt es nichts von „Causal- 
Verbänden", von „Nothwendigkeit", von „psychologischer 
Unfreiheit", da folgt nicht „die Wirkung auf die Ur- 
sache", da regiert kein „Gesetz". Wir sind es, die allein ^ 
die Ursachen, das Nacheinander, das Füreinander, die 
Relativität, den Zwang, die Zahl, das Gesetz, die Freiheit, 
den Grund, den Zweck erdichtet haben; und wenn wir 
diese Zeichen -Welt als „an sich" in die Dinge hinein- 
dijchten, hineinmischen, so treiben wir es noch einmal, wie 
wir es immer getrieben haben, nämlich mythologisch. 
Der „unfreie Wille" ist M)rthologie: im wirklichen Leben 
handelt es sich nur um starken und schwachen 
Willen. — Es ist fast immer schon ein Symptom davon, 
wo es bei ihm selber mang^elt, wenn ein Denker bereits 
in aller „Causal- Verknüpfung" und „psychologischen Noth- 
wendigkeit" etwas von Zwang, Noth, Folgen -Müssen, 
Druck, Unfreiheit herausfühlt: es ist verrätherisch, gerade 
so zu fühlen, — die Person verräth sich. Und überhaupt 

Nietxsche, Werke Band VIL i 



— 34 — 

wird, wenn ich recht beobachtet habe, von zwei ganz ent- 
gegengesetzten Seiten aus, aber immer auf eine tief per- 
sönliche Weise, die „Unfreiheit des Willens" als Pro- 
blem gefasst: die Einen woUen um keinen Preis ihre 
„Verantwortlichkeit", den Glauben an sich, das persönliche 
Anrecht auf ihr Verdienst fahren lassen (die eitlen Rassen 
gehören dahin — ); die Anderen wollen umgekehrt nichts 
verantworten, an nichts schuld sein und verlangen, aus 
einer innerlichen Selbst -Verachtung heraus, sich selbst 
irgendwohin abwälzen zu können. Diese Letzteren 
pflegen sich, wenn sie Bücher schreiben, heute der Ver- 
brecher anzunehmen; eine Art von socialistischem Mit- 
leiden ist ihre gefälligste Verkleidung. Und in der That, 
der Fatalismus der Willensschwachen verschönert sich 
erstaunlich, wenn er sich als „la religton de la souffra^ice 
humatne" einzuführen versteht: es ist sein „guter Ge- 
schmack". 

22. 

Man vergebe es mir als einem alten Philologen, 
der von der Bosheit nicht lassen kann, auf schlechte 
Interpretations-Künste den Finger zu legen: aber jene 
„Gesetzmässigkeit der Natur", von der ihr Physiker so 
stolz redet, wie als ob — — besteht nur Dank eurer 
Ausdeutung und schlechten „Philologie", — sie ist kein 
Thatbestand, kein „Text", vielmelir nur eine naiv-humani- 
täre Zurechtmachung und Sinnverdrehung, mit der ihr 
den demokratischen Instinkten der modernen Seele satt- 
sam entgegenkommt! „Überall Gleichheit vor dem Ge- 
setz, — die Natur hat es darin nicht anders und nicht 
besser als wir": ein artiger Hintergedanke, in dem noch 
einmal die pöbelmännische Feindschaft gegen alles Be- 
vorrechtete und Selbstherrliche, insgleichen ein zweiter 



— 35 — 

und feinerer Atheismus verkleidet liegt. „Ni dteu, ni 
maitre" — so wollt auch ihr*s: und darum „hoch das 
Naturgesetz!" — nicht wahr? Aber, wie gesagt, das ist 
Interpretation, nicht Text; und es könnte Jemand kommen, 
der, mit der entgegengesetzten Absicht und Interpretations- 
kunst, aus der gleichen Natur und im Hinblick aut die 
gleichen Erscheinungen, gerade die tyrannisch-rücksichten- 
lose und unerbittliche Durchsetzung von Machtansprüchen 
herauszulesen verstünde, — ein Interpret, der die Aus- 
nahmslosigkeit und Unbedingtheit in allem „Willen zur 
Macht" dermaassen euch vor Augen stellte, dass fast jedes 
Wort und selbst das Wort „Tyrannei" schüesslich un- 
brauchbar oder schon als schwächende und mildernde 
Metapher — als zu menschlich — erschiene; und der 
dennoch damit endete, das Gleiche von dieser Welt zu 
behaupten, was ihr behauptet, nämlich dass sie einen 
„nothwendigen" und „berechenbaren" Verlauf habe, aber 
nicht, weil Gesetze in ihr herrschen, sondern weil absolut 
die Gesetze fehlen, und jede Macht in jedem Augen- 
blicke ihre letzte Consequenz zieht Gesetzt, dass auch 
dies nur Interpretation ist — und ihr werdet eifrig genug 
sein, dies einzuwenden? — nun, um so besser. — 



23. 

Die gesammte Psychologie ist bisher an moralischen 
Vorurtheilen und Befürchtungen hängen geblieben: sie 
hat sich nicht in die Tiefe gewagt Dieselbe als Morpho- 
logie und Entwicklungslehre des Willens zur 
Macht zu fassen, wie ich sie fasse, — daran hat noch 
Niemand in seinen Gedanken selbst gestreift: sofern es 
nämlich erlaubt ist, in Dem, was bisher geschrieben wurde, 
ein Symptom von Dem, was bisher verschwiegen wurde, 

3* 



- 36 - 

zu erkennen. Die Gewalt der moralischen Vorurtheile 
ist tief in die geistigste, in die anscheinend kälteste 
und vorausset2ungsloseste Welt gedrungen — und, wie 
es sich von selbst versteht, schädigend, hemmend, blen- 
dend, verdrehend. Eine eigentliche Physio- Psychologie 
hat mit unbewussten Widerständen im Herzen des 
Forschers zu kämpfen, sie hat „das Herz" gegen sich: 
schon eine Lehre von der gegenseitigen Bedingtheit der 
„guten" und der „schlimmen" Triebe macht, als feinere 
Immoralität, einem noch kräftigen und herzhaften Ge- 
wissen Noth und Überdruss, — noch mehr eine Lehre 
von der Ableitbarkeit aller guten Triebe aus den schlim- 
men. Gesetzt aber. Jemand nimmt gar die Affekte Hass, 
Neid, Habsucht, Herrschsucht als lebenbedingende Affekte, 
als Etwas, das im Gesammt-Haushalte des Lebens grund- 
sätzlich und grundwesentlich vorhanden sein muss, folg- 
lich noch gesteigert werden muss, falls das Leben noch 
gesteigert werden soll, — der leidet an einer solchen 
Richtung seines Urtheils wie an einer Seekrankheit 
Und doch ist auch diese Hypothese bei weitem nicht 
die peinlichste und fremdeste in diesem ungeheuren fast 
noch neuen Reiche gefährücher Erkenntnisse: — und es 
giebt in der That hundert gute Gründe dafür, dass Jeder 
von ihm fernbleibt, der es — kann ! Andrerseits: ist man 
einmal mit seinem Schiffe hierhin verschlagen, nun! wohlan 1 
jetzt tüchtig die Zähne zusammengebissen! die Augen 
aufgemacht! die Hand fest am Steuer! — wir fahren 
geradewegs über die Moral weg, wir erdrücken, wir 
zermalmen vielleicht dabei unsren eignen Rest Moralität, 
indem wir dorthin unsre Fahrt machen und wagen, — 
aber was liegt an uns! Niemals noch hat sich ver- 
wegenen Reisenden und Abenteurern eine tiefere Welt 
der Einsicht eröffnet: und der Psychologe, welcher der- 



— 37 — 

gestalt „Opfer bringt" — es ist nicht das sacrifizio dell' 
intelletto, im Gegentheil! — wird zum Mindesten dafür 
verlangen dürfen, dass die Psychologie wieder als Herrin 
der Wissenschaften anerkannt werde, zu deren Dienste 
und Vorbereitung die übrigen Wissenschaften da sind. 
Denn Psychologie ist nunmehr wieder der Weg zu den 
Grundproblemen. 



Zweites Hauptstück: 

Der freie Geist 



ui 



24. 

O sancta stmplicitast In welcher seltsamen Verein- 
fachung und Fälschung lebt der Mensch! Man kann sich 
nicht zu Ende wundern, wenn man sich erst einmal die 
Augen für dies Wunder eingesetzt hat! Wie haben wir 
Alles um uns hell und frei und leicht und einfach ge- 
macht! wie wussten wir unsern Sinnen einen Freipass 
für alles Oberflächliche, unserm Denken eine göttliche 
Begierde nach muthwilligen Sprüngen und Fehlschlüssen 
zu geben! — wie haben wir es von Anfang an ver- 
standen, uns unsre Unwissenheit zu erhalten, um eine 
kaum begreifliche Freiheit, Unbedenklichkeit, Unvorsich- 
tigkeit, Herzhaftigkeit, Heiterkeit des Lebens, um das 
Leben zu gemessen! Und erst auf diesem nunmehr 
festen und granitnen Grunde von Unwissenheit durfte 
sich bisher die Wissenschaft erheben, der WiUe zum 
Wissen auf dem Grunde eines viel gewaltigeren Willens, 
des Willens zum Nicht-wissen, zum Ungewissen, zum Un- 
wahren! Nicht als sein Gegensatz, sondern — als seine 
Verfeinerung! Mag nämlich auch die Sprache, hier 
wie anderwärts, nicht über ihre Plumpheit hinauskönnen 
und fortfahren, von Gegensätzen zu reden, wo es nur 
Grade und mancherlei Feinheit der Stufen giebt; mag 
ebenfalls die eingefleischte Tartüfferie der Moral, welche 
jetzt zu unserm unüberwindlichen ,J^eisch und Blut" ge- 



— 42 — 

hört, uns Wissenden selbst die Worte im Munde um- 
drehen: hier und da begreifen wir es und lachen darüber, 
wie gerade noch die beste Wissenschaft uns am besten 
in dieser vereinfachten, durch und durch künstlichen, 
zurecht gedichteten, zurecht gefälschten Welt festhalten 
will, wie sie unfrei willig- willig den Irrthum liebt, weil 
sie, die Lebendige, das Leben liebt! 



25- 

Nach einem so fröhlichen Eingang möchte ein ernstes 
Wort nicht überhört werden: es wendet sich an die 
Ernstesten. Seht euch vor, ilir Philosophen und Freunde 
der Erkenntniss, und hütet euch vor dem Martyrium I 
Vor dem Leiden „um der Wahrheit willen"! Selbst vor 
der eigenen Vertheidigung ! Es verdirbt eurem Gewissen 
alle Unschuld und feine Neutralität, es macht euch hals- 
starrig gegen Einwände und rothe Tücher, es verdummt, 
verthiert und verstiert, wenn ihr im E^mpfe mit Gefahr, 
Verlästerung, Verdächtignng, Ausstossung und noch 
gröberen Folgen der Feindschaft, zuletzt euch gar als 
Vertheidiger der Walirheit auf Erden ausspielen müsst : — 
als ob „die Wahrheit" einö so harmlose und täppische 
Person wäre, dass sie Vertheidiger nöthig hätte! und 
gerade euch, ihr Ritter von der traurigsten Gestalt, meine 
Herrn Eckensteher und Spinneweber des Geistes! Zu- 
letzt wisst ihr gut genug, dass Nichts daran liegen darf, 
ob gerade ihr Recht behaltet, ebenfalls dass bisher noch 
kein Philosoph Recht behalten hat, und dass eine preis- 
•uoirdigere Wahrhaftigkeit in jedem kleinen Fragezeichen 
liegen dürfte, welches ihr hinter eure Leibworte und 
Lieblingslehren (und gelegentlich hinter euch selbst) setzt, 
als in allen feierlichen Gebärden und Trümpfen vor An- 



— 43 — 

klägem und Gerichtshöfen! Geht lieber bei Seite! Flieht 
in's Verborgene ! Und habt eure Maske und Feinheit, 
dass man euch verwechsele! Oder ein Wenig fürchte! 
Und vergesst mir den Garten nicht, den Garten mit | 
goldenem Gitterwerk! Und habt Menschen um euch, die 
wie ein Garten sind, — oder wie Musik über Wassern, 
zur Zeit des Abends, wo der Tag schon zur Erinnerung 
wird: — wählt die gute Einsamkeit, die freie muth- 
wiUige leichte Einsamkeit, welche euch auch ein Recht 
giebt, selbst in irgend einem Sinne noch gut zu bleiben! 
Wie giftig, wie listig, wie schlecht macht jeder lange 
Krieg, der sich nicht mit offener Gewalt führen lässtl 
Wie persönlich macht eine lange Furcht, ein langes 
Augenmerk auf Feinde, auf mögliche Feinde! Diese 
Ausgestossenen der Gesellschaft, diese Lang-Verfolgten, 
Schlimm -Gehetzten, — auch die Zwangs -Einsiedler, die 
Spinoza's oder Giordano Bruno's — werden zuletzt immer, 
und sei es unter der geistigsten Maskerade, und vielleicht 
ohne dass sie selbst es wissen, zu raffinirten Rachsüch- 
tigen und Giftmischern (man grabe doch einmal den 
Grund der Ethik und Theologie Spinoza's auf!) — gar 
nicht zu reden von der Tölpelei der moralischen Ent- 
rüstung, welche an einem Philosophen das unfehlbare 
Zeichen dafür ist, dass ihm der philosophische Humor 
davon lief. Das Martyrium des Philosophen, seine „Auf- 
opferung für die Wahrheit" zwingt an's Licht heraus, 
was vom Agitator und vom Schauspieler in ihm steckte; 
und gesetzt, dass man ihm nur mit einer artistischen 
Neugierde bisher zugeschaut hat, so kann in Bezug auf 
manchen Pliilosophen der gefährliche Wunsch freilich be- 
greiflich sein, ihn auch einmal in seiner Entartung zu 
sehn (entartet zum „Märtyrer", zum Bühnen- und Tri- 
bünen-Schreihals). Nur dass man sich, mit einem solchen 



— 44 — 

Wunsche, darüber klar sein muss, was man jedenfalls 
dabei zu sehn bekommen wird: — nur ein Satyrspiel, 
nur eine Nachspiel-Farce, nur den fortwährenden Beweis 
dafür, dass die lange eigentliche Tragödie zu Ende ist: 
vorausgesetzt, dass jede Philosophie im Entstehen eine 
lange Tragödie war. — 

26. 

Jeder auserlesene Mensch trachtet instinktiv nach 
seiner Burg und Heimlichkeit, wo er von der Menge, 
den Vielen, den Allermeisten erlöst ist, wo er die Regel 
„Mensch" vergessen darf, als deren Ausnahme: — den 
Einen Fall ausgenommen, dass er von einem noch stär- 
keren Instinkte geradewegs auf diese Regel gestossen 
wird, als Erkennender im grossen und ausnahmsweisen 
Sinne. Wer nicht im Verkehr mit Menschen gelegent- 
lich in allen Farben der Noth, grün und grau vor 
Ekel, Überdruss, Mitgefühl, Verdüsterung, Vereinsamung 
schillert, der ist gewiss kein Mensch höheren Geschmacks; 
gesetzt aber, er nimmt alle diese Last und Unlust nicht 
freiwillig auf sich, er weicht ihr immerdar aus und bleibt, 
wie gesagt, still und stolz auf seiner Burg versteckt, nun, 
so ist Eins gewiss: er ist zur Erkenntniss nicht gemacht, 
nicht vorherbestimmt. Denn als solcher würde er eines 
Tags sich sagen müssen ,4iole der Teufel meinen guten 
Geschmack 1 aber die Regel ist interessanter als die Aus- 
nahme, — als ich, die Ausnahme!" — und würde sich 
hinab begeben, vor Allem ,4iinein". Das Studium des 
durchschnittlichen Menschen, lang, ernsthaft, und zu 
diesem Zwecke viel Verkleidung, Selbstüberwindung, Ver- 
trauhchkeit, schlechter Umgang — jeder Umgang ist 
schlechter Umgang ausser dem mit Seines -Gleichen — : 



— 45 — 

das macht ein nothwendiges Stück der Lebensgeschichte 
jedes Philosophen aus, vielleicht das unangenehmste, übel- 
riechendste, an Enttäuschungen reichste Stück. Hat er 
aber Glück, wie es einem Glückskinde der Erkenntniss 
geziemt, so begegnet er eigentlichen Abkürzern imd 
Erleichterern seiner Aufgabe, — ich meine sogenannten 
Cynikem, also Solchen, welche das Thier, die Gemein- 
heit, die „Regel" an sich einfach anerkennen und dabei 
noch jenen Grad von Geistigkeit und Kitzel haben, um 
über sich und ihres Gleichen vor Zeugen reden zu 
müssen: — mitunter wälzen sie sich sogar in Büchern 
wie auf ihrem eignen Miste. Cynismus ist die einzige 
Form, ^n der gemeine Seelen an Das streifen, was 
Redlichkeit ist; und der höhere Mensch hat bei jedem 
gröberen und feineren Cynismus die Ohren aufzumachen 
und sich fedes Mal Glück zu wünschen, wenn gerade vor 
ihm der Fossenreisser ohne Scham oder der wissenschaft- 
liche Satyr laut werden. Es giebt sogar Fälle, wo zum 
Ekel sich die Bezauberung mischt: da nämlich, wo an 
einen solchen indiskreten Bock und Affen, durch eine 
Laune der Natur, das Genie gebunden ist, wie bei dem 
Abbe Galiani, dem tiefsten, scharfsichtigsten und viel- 
leicht auch schmutzigsten Menschen seines Jahrhunderts 
— er war viel tiefer als Voltaire und folglich auch ein 
gut Theil schweigsamer. Häufiger schon geschieht es, 
dass, wie angedeutet, der wissenschaftliche Kopf auf 
einen Affenleib, ein feiner Ausnahme -Verstand auf eine 
gemeine Seele gesetzt ist, — unter Ärzten und Moral- 
Physiologen namentlich kein seltenes Vorkommniss. Und 
wo nur Einer ohne Erbitterung, vielmehr harmlos vom 
Menschen redet als von einem Bauche mit zweierlei Be- 
dürfnissen und einem Kopfe mit Einem; überall wo 
Jemand immer nur Hunger, Geschlechts-Begierde und 



- 46 - 

Eitelkeit sieht, sucht und sehn will, als seien es die 
eigentlichen und einzigen Triebfedern der menschHchen 
Handlungen; kurz, wo man „sclüecht" vom Menschen 
redet — und nicht einmal schlimm — , da soll der 
Liebhaber der Erkenntniss fein und fleissig hinhorchen, 
er soll seine Ohren überhaupt dort haben, wo ohne Ent- 
rüstung geredet ward. Denn der entrüstete Mensch, und 
wer immer mit seinen eignen Zähnen sich selbst (oder, 
zum Ersatz dafür, die Welt, oder Gott, oder die Gesell- 
schaft) zerreisst und zerfleischt, mag zwar, moralisch ge- 
rechnet, höher stehn als der lachende und selbstzufriedne 
Satyr, in jedem anderen Sinne aber ist er der gewöhn- 
lichere, gleichgültigere, unbelehrendere Fall Und Nie- 
mand lügt soviel als der Entrüstete. — 



27. 

Es ist schwer, verstanden zu werden: besonders wenn 
man gangasrotogati denkt und lebt, unter lauter Menschen, 
welche anders denken und leben, nämlich kurmagati oder 
besten Falles „nach der Gangart des Frosches" mandei- 
kagati — ich thue eben Alles, um selbst „schwer ver- 
standen zu werden"! — und man soll schon fitir den guten 
Willen zu einiger Feinheit der Interpretation von Herzen 
erkenntlich sein. Was aber „die guten Freunde" an- 
betrifft, welche immer zu bequem sind und gerade als 
Freunde ein Recht auf Bequemlichkeit zu haben glauben: 
so thut man gut, ihnen von vornherein einen Spielraum 
und Tummelplatz des Missverständnisses zuzugestehn: — 
so hat man noch zu lachen; — oder sie ganz abzuschaffen, 
diese guten Freunde, — und auch zu lachen I 



47 — 



28. 



Was sich am schlechtesten aus einer Sprache in die 
andre übersetzen lässt, ist das tempo ihres Stils: als 
welcher im Charakter der Rasse seinen Grund hat, physio- 
logischer gesprochen, im Durdischnitts-Z^zw/c' ihres „Stoff- 
wechsels". Es giebt ehrlich gemdn^ Übersetzungen, 
die beinahe Fälschungen sind, als unfreiwillige Verge- 
meinerungen des Originals, bloss weü sein tapferes und 
lustiges tempo nicht mit übersetzt werden konnte, welches 
über alles Gefährliche in Dingen und Worten wegspringt, 
weghilft. Der Deutsche ist beinahe des Presto in seiner 
Sprache unfähig: also, wie man billig schliessen darf, 
auch vieler der ergötzlichsten und verwegensten nuances 
des freien, freigeisterischen Gedankens. So gut ihm der 
Buffo und der Satyr fremd ist, in Leib und Gewissen, so 
gut ist ihm Aristophanes und Petronius unübersetzbar. 
Alles Gravitätische, Schwerflüssige, Feierlich-Plumpe, alle 
langwierigen und langweiligen Gattungen des Stils sind 
bei den Deutschen in überreicher Mannichfaltigkeit ent- 
wickelt, — man vergebe mir die Thatsache, dass selbst 
Goethe's Prosa, in ihrer Mischung von Steifheit und Zier- 
lichkeit, keine Ausnahme macht, als ein Spiegelbild der 
„alten gfuten Zeit", zu der sie gehört, und als Ausdruck 
des deutschen Geschmacks, zur Zeit, wo es noch einen 
„deutschen Geschmack" gab: der ein Rokoko-Geschmack 
war, in morihus et arttbus. Lessing macht eine Aus- 
nahme, Dank seiner Schauspieler-Natur, die Vieles ver- 
stand und sich auf Vieles verstand: er, der nicht umsonst 
der Übersetzer Bayle's war und sich gerne in die Nähe 
Diderot's und Voltaire's, noch lieber unter die römischen 
Lustspieldichter flüchtete: — Lessing liebte auch im tempo 
die Freigeisterei, die Flucht aus Deutschland. Aber wie 



— 48 — 

vermöchte die deutsche Sprache, und sei es selbst in der 
Prosa eines Lessing, das tempo MacchiaveU's nachzuahmen, 
der, in seinem Principe, die trockne feine Luft von Florenz 
athmen lässt und nicht umhin kann, die ernsteste An- 
gelegenheit in einem unbändigen Allegrissimo vorzu- 
tragen: vielleicht nicht ohne ein boshaftes Artisten-Gefühl 
davon, welchen Gegensatz er wagt, — Gedanken, lang, 
schwer, hart, gefährlich, und ein tempo des Galopps und 
der allerbesten muthwilligsten Laune. Wer endlich dürfte 
gar eine deutsche Übersetzung des Petronius wagen, der, 
mehr als irgend ein grosser Musiker bisher, der Meister 
des presto gewesen ist, in Erfindungen, Einfällen, Worten: 

— was liegt zuletzt an allen Sümpfen der kranken, 
schhmmen Welt, auch der „alten Welt", wenn man, wie 
er, die Füsse eines Windes hat, den Zug und Athem, den 
befi"eienden Hohn eines Windes, der Alles gesund macht, 
indem er Alles laufen macht! Und was Aristophanes 
angeht, jenen verklärenden, complementären Geist, um 
dessentwillen man dem ganzen Griechenthum verzeiht, 
dass es da war, gesetzt, dass man in aller Tiefe begriffen 
hat, was da Alles der Verzeihung, der Verklärung be- 
darf: — so wüsste ich nichts, was mich über IJlato's 
Verborgenheit und Sphinx -Natur mehr hat träumen 
lassen als jenes glücklich erhaltene petit fait: dass man 
unter dem Kopfkissen seines Sterbelagers keine ,3iber' 
vorfand, nichts Ägyptisches, Pythagoreisches, Platonisches, 

— sondern den Aristophanes. Wie hätte auch ein Plato 
das Leben ausgehalten — ein griechisches Leben, zu dem 
er Nein sagte, — ohne einen Aristophanes! — 

29. 

Es ist die Sache der Wenigsten, unabhängig zu sein: 

— es ist ein Vorrecht der Starken. Und wer es versucht, 



— 49 — 

auch mit dem besten Rechte dazu, aber ohne es zu 
müssen, beweist damit, dass er wahrscheinlich nicht nur 
stark, sondern bis zur Ausgelassenheit verwegen ist. Er 
begiebt sich in ein Labyrinth, er vertausendfältigt die Ge- 
fahren, welche das Leben an sich schon mit sich bringt; 
von denen es nicht die kleinste ist, dass Keiner mit Augen 
sieht, wie und wo er sich verirrt, vereinsamt und stück- 
weise von irgend einem Höhlen-Minotaurus des Gewissens 
zerrissen wird. Gesetzt, ein Solcher geht zu Grunde, so 
geschieht es so ferne vom Verständniss der Menschen, 
dass sie es nicht fühlen und mitfühlen: — und er kann 
nicht mehr zurück! er kann auch zum Mitleiden der 
Menschen nicht mehr zurück! 



30. 

Unsre höchsten Einsichten müssen — und sollen! — 
wie Thorheiten, unter Umständen wie Verbrechen klingen, 
wenn sie unerlaubter Weise Denen zu Ohren kommen, 
welche nicht dafür geartet und vorbestimmt sind. Das 
Exoterische und das Esoterische, wie man ehedem unter 
Philosophen unterschied, bei Indem, wie bei Griechen, 
Persem und Muselmännern, kurz überall, wo man eine 
Rangordnung und nicht an Gleichheit und gleiche Rechte 
glaubte, — das hebt sich nicht sowohl dadurch von ein- 
ander ab, dass der Exoteriker draussen steht und von 
aussen her, nicht von innen her, sieht, schätzt, misst, 
urtheilt: das Wesentlichere ist, dass er von Unten hinauf 
die Dinge sieht, — der Esoteriker aber von Oben 
herab! Es giebt Höhen der Seele, von wo aus gesehn 
selbst die Tragödie aufhört, tragisch zu wirken; und, 
alles Weh der Welt in Eins genommen, wer dürfte zu 
entscheiden wagen, ob sein Anblick nothwendig gerade 

Nietzsche, Werke Band VII. a 



— 50 — 

zum Mitleiden und dergestalt zur Verdoppelung des 
Wehs verführen und zwingen werde? . . . Was der 
höheren Art von Menschen zur Nahrung oder zum Labsal 
dient, muss einer sehr unterschiedlichen und geringeren 
Art beinaihe Gift sein. Die Tugenden des gemeinen 
Manns würden vielleicht an einem Philosophen Laster 
und Schwächen bedeuten; es wäre möglich, dass ein 
hochgearteter Mensch, gesetzt, dass er entartete und zu 
Grunde gienge, erst dadurch in den Besitz von Eij^n- 
schaften käme, derentwegen man nöthig hätte, ihn m der 
niederen Welt, in welche er hinab sank, nunmehf wie 
einen Heiligen zu verehren. Es giebt Bücher, welche 
für Seele und Gesundheit einen umgekehrten Werth 
haben, je nachdem die niedere Seele, die niedrigere 
Lebenskraft oder aber die höhere und gewaltigere sich 
ihrer bedienen: im ersten Falle sind es gefährliche, an- 
bröckelnde, auflösende Bücher, im anderen Heroldsrufe, 
welche die Tapfersten zu ihrer Tapferkeit herausfordern. 
AUerwelts-Bücher sind immer übelriechende Bücher: der 
Kleine-Leute-Geruch klebt daran. Wo das Volk isst und 
trinkt, selbst wo es verehrt, da pflegt es zu stinken. 
Man soll nicht in Kirchen gehn, wenn man reine Luft 
athmen will. — — 

31. 

Man verehrt und verachtet in jungen Jahren noch 
ohne jene Kunst der Nuance, welche den besten Gewinn 
des Lebens ausmacht, und muss es bilHgerweise hart 
büssen, solchergestalt Menschen und Dinge mit Ja und 
Nein überfallen zu haben. Es ist Alles darauf eingerichtet, 
dass der schlechteste aller Geschmäcker, der Geschmack 
für das Unbedingte grausam genarrt und gemissbraucht 
werde, bis der Mensch lernt, etwas Kunst in seine Geftihle 



— 51 — 

zu legen und lieber noch mit dem Künstlichen den Ver- 
such zu wagen: wie es die rechten Artisten des Lebens 
thun. Das Zornige und Ehrfürchtige, das der Jugend 
eignet, scheint sich keine Ruhe zu geben, bevor es nicht 
Menschen und Dinge so zurecht gefälscht hat, dass es 
sich an ihnen auslassen kann : — Jugend ist an sich schon 
etwas Fälschendes und Betrügerisches. Später, wenn die 
junge Seele, durch lauter Enttäuschungen gemartert, sich 
endlich argwöhnisch gegen sich selbst zurück wendet, 
immer noch heiss und wild, auch in ihrem Argwohne 
und Gewissensbisse: wie zürnt sie sich nunmehr, wie 
zerreisst sie sich ungeduldig, wie nimmt sie Rache für 
ihre lange Selbst -Verblendung, wie als ob sie eine will- 
kürliche Blindheit gewesen sei! In diesem Übergange 
bestraft man sich selber, durch Misstrauen gegen sein 
Gefühl; man f oltert seine Begeisterung durch den Zweifel, 
ja man fühlt schon das gute Gewissen als eine Gefahr, 
gleichsam als Selbst -Verschleierung und Ermüdung der 
feineren Redlichkeit; und vor Allem, man nimmt Partei, 
grundsätzlich Partei gegen „die Jugend". — Ein Jahr- 
zehend später: und man begreift, dass auch dies Alles 
noch — Jugend war! 

32. 

Die längste Zeit der menschlichen Geschichte hin- 
durch — man nennt sie die prähistorische Zeit — wurde 
der Werth oder Unwerth einer Handlung aus ihren 
Folgen abgeleitet: die Handlung an sich kam dabei 
ebensowenig als ihre Herkunft in Betracht, sondern un- 
gefähr so, wie heute noch in China eine Auszeichnung 
oder Schande vom Kinde auf die Eltern zurückgreift, so 
war es die rückwirkende Kraft des Erfolgs oder Miss- 
erfolgs, welche den Menschen anleitete, gut oder schlecht 

4' 



— 52 — 

von einer Handlung zu denken. Nennen wir diese Periode 
die vormoralische Periode der Menschheit: der Im- 
perativ „erkenne dich selbst 1" war damals noch unbekannt. 
In den letzten zehn Jahrtausenden ist man hingegen auf 
einigen grossen Flächen der Erde Schritt für Schritt so 
weit gekommen, nicht mehr die Folgen, sondern die 
Herkunft der Handlung über ihren Werth entscheiden 
zu lassen: ein grosses Ereigniss als Ganzes, eine erheb- 
liche Verfeinerung des Blicks und Maassstabs, die un- 
bewusste Nachwirkung von der Herrschaft aristokratischer 
Werthe und des Glaubens an „Herkunft", das Abzeichen 
einer Periode, welche man im engeren Sinne als die 
moralische bezeichnen darf: der erste Versuch zur 
Selbst-Erkenntniss ist damit gemacht. Statt der Folgen 
die Herkunft: welche Umkehrung der Perspektive! Und 
sicherlich eine erst nach langen Kämpfen und Schwan- 
kungen erreichte Umkehrung I Freilich: ein verhängniss- 
voller neuer Aberglaube, eine eigenthümliche Engigkeit 
der Interpretation kam ebendamit zur Herrschaft: man 
interpretirte die Herkunft einer Handlung im alier- 
bestimmtesten Sinne als Herkunft aus einer Absicht, 
man wurde Eins im Glauben daran, dass der Werth einer 
Handlung im Werthe ihrer Absicht belegen sei Die 
Absicht als die ganze Herkunft und Vorgeschichte einer 
Handlung: unter diesem Vorurtheile ist fast bis auf die 
neueste Zeit auf Erden moralisch gelobt, getadelt, ge- 
richtet, auch philosophirt worden. — Sollten wir aber heute 
nicht bei der Nothwendigkeit angelangt sein, uns noch- 
mals über eine Umkehrung und Grundverschiebung der 
Werthe schlüssig zu machen. Dank einer nochmaligen 
Selbstbesinnung und Vertiefung des Menschen, — sollten 
wir nicht an der Schwelle einer Periode stehn, welche, 
negativ, zunächst als die aussermoralische zu be- 



— 53 — 

zeichnen wäre: heute, wo wenigstens unter uns Immoralisten 
der Verdacht sich regt, dass gerade in Dem, was nicht- 
absichtlich an einer Handlung ist, ihr entscheidender 
Werth belegen sei, und dass alle ihre Absichtlichkeit, 
Alles, was von ihr gesehn, gewusst, „bewusst" werden 
kann, noch zu ihrer Oberfläche und Haut gehöre, — 
welche, wie jede Haut, etwas verräth, aber noch mehr 
verbirgt? Kurz, wir glauben, dass die Absicht nur 
ein Zeichen und Symptom ist, das erst der Auslegamg 
b edarf , dazu ein Zeichen, das zu Vielerlei und folglich 
für sich allein fast nichts bedeutet, — dass Moral, im 
bisherigen Sinne, also Absichten -Moral, ein Vorurtheil 
gewesen ist, eine Voreiligkeit, eine Vorläufigkeit vielleicht, 
ein Ding etwa vom Range der Astrologie und Alchymie, 
aber jedenfalls Etwas, das überwunden werden muss. 
Die Überwindung der Moral, in einem gewissen Verstände 
sogar die Selbstüberwindung der Moral: mag das der 
Name für jene lange geheime Arbeit sein, welche den 
feinsten und redlichsten, auch den boshaftesten Gewissen 
von Heute, als lebendigen Probirsteinen der Seele, vor- 
behalten blieb. — 

33. 

Es hilft nichts: man muss die Gefühle der Hingebung, 
der Aufopferung für den Nächsten, die ganze Selbst- 
entäusserungs-Moral erbarmungslos zur Rede stellen und 
vor Gericht führen: ebenso wie die Ästhetik der „interesse- 
losen Anschauung", unter welcher sich die Entmännlichung 
der Kunst verführerisch genug heute ein gutes Gewissen 
zu schaffen sucht. Es ist viel zu viel Zauber und Zucker 
in jenen Gefühlen des „für Andere", des „nicht für mich", 
als dass man nicht nöthig hätte, hier doppelt misstrauisch 
zu werden und zu fragen: „sind es nicht vielleicht — 



— 54 — 

Verführungen?" — Dass sie gefallen — Dem, der 
sie hat, und Dem, der ihre Früchte geniesst, auch dem 
blossen Zuschauer, — dies giebt noch kein Argument für 
sie ab, sondern fordert gerade zur Vorsicht au£ Seien 
wir also vorsichtig! 

34. 

Auf welchen Standpunkt der Philosophie man sich 
heute auch stellen mag: von jeder Stelle aus gesehn ist 
die Irrthümlichkeit der Welt, in der wir zu leben 
glauben, das Sicherste und Festeste, dessen unser Auge 
noch habhaft werden kann: — wir finden Gründe über 
Gründe dafür, die uns zu Muthmaassungen über ein be- 
trügerisches Princip im „Wesen der Dinge" verlocken 
möchten. Wer aber unser Denken selbst, also „den Geist" 
für die Falschheit der Welt verantwortlich macht — ein 
ehrenhafter Ausweg, den jeder bewusste oder unbewusste 
advocatus dei geht — : wer diese Welt, sammt Raum, 
Zeit, Gestalt, Bewegung, als falsch erschlossen nimmt: 
ein Solcher hätte mindestens guten Anlass, gegen alles 
Denken selbst endlich Alisstrauen zu lernen: hätte es uns 
nicht bisher den allergrössten Schabernack gespielt? und 
welche Bürgschaft dafür gäbe es, dass es nicht fortführe, 
zu thun, was es immer gethan hat? In allem Ernste: die 
Unschuld der Denker hat etwas Rührendes und Ehrfurcht 
Einflössendes, welche ihnen erlaubt, sich auch heute noch 
vor das Bewusstsein hinzustellen, mit der Bitte, dass es 
ihnen ehrliche Antworten gebe: zum Beispiel ob es 
„real" sei, und warum es eigentlich die äussere Welt sich 
so entschlossen vom Halse halte, und was dergleichen 
Fragen mehr sind. Der Glaube an „unmittelbare Gewiss-" 
heiten" ist eine moralische Naivetät, welche uns Philo- 
sophen Ehre macht: aber — wir sollen nun einmal nicht 



— 55 — 

„nur moralische" Menschen sein! Von der Moral ab- 
gesehn, ist jener Glaube eine Dummheit, die uns wenig 
Ehre macht! Mag im bürgerlichen Leben das allzeit 
bereite Misstrauen als Zeichen des „schlechten Charakters" 
gelten und folglich unter die Unklugheiten gehören: hier 
unter uns, jenseits der bürgerlichen Welt und ihres Ja's 
und Nein's, — was sollte uns hindern, unklug zu sein und 
zu sagen: der Philosoph hat nachgerade ein Recht auf 
„schlechten Charakter", als das Wesen, welches bisher 
auf Erden immer am besten genarrt worden ist, — er hat 
heute die Pflicht zum Misstrauen, zum boshaftesten 
Schielen aus jedem Abgrunde des Verdachts heraus. — 
Man vergebe mir den Scherz dieser düstejen Fratze und 
Wendung: denn ich selbst gerade habe längst über 
Betrügen und Betrogenwerden anders denken, anders 
schätzen gelernt und halte mindestens ein paar Rippenstösse 
für die blinde Wuth bereit, mit der die Philosophen sich 
dagegen sträuben, betrogen zu werden. Warum nicht? 
Es ist nicht mehr als ein moralisches Vorurtheil, dass 
Wahrheit mehr werth ist als Schein; es ist sogar die 
schlechtest bewiesene Annahme, die es in der Welt giebt . 
Man gestehe sich doch so viel ein: es bestünde gar kein 
Leben, wenn nicht auf dem Grrunde perspektivischer 
Schätzungen und Scheinbarkeiten; und wollte man, mit der 
tugendhaften Begeisterung und Tölpelei mancher Philo- 
sophen die „scheinbare Welt" ganz abschaffen, nun, ge- 
setzt, ihr könntet das, — so bliebe mindestens dabei auch 
von eurer „Wahrheit" nichts mehr übrig! Ja, was zwingt 
uns überhaupt zur Annahme, dass es einen wesenhaften 
Gegensatz von „wahr" und „falsch" giebt? Genügt es 
nicht, Stufen der Scheinbarkeit anzunehmen und gleich- 
sam hellere und dunklere Schatten und Gesammttöne des 
Scheins, — verschiedene valeurs, um die Sprache der 



- 56 - 

Maler zu reden? Warum dürfte die Welt, die uns 
etwas angeht, — nicht eine Fiktion sein? Und wer 
da fragt: „aber zur Fiktion gehört ein Urheber?" — 
dürfte dem nicht rund geantwortet werden: Warum? 
Gehört dieses „Gehört" nicht vielleicht mit zur Fiktion? 
Ist es denn nicht erlaubt, gegen Subjekt, wie gegen 
Prädikat und Objekt, nachgerade ein wenig ironisch zu 
sein? Dürfte sich der Philosoph nicht über die Gläubig- 
keit an die Grammatik erheben? Alle Achtung vor den 
Gouvernanten: aber wäre es nicht an der Zeit, dass die 
Philosophie dem Gouvernanten-Glauben absagte? — 



35. 

Oh Voltaire! Oh Humanität! Oh Blödsinn! Mit der 
„Wahrheit", mit dem Suchen der Wahrheit hat es etwas 
auf sich; und wenn der Mensch es dabei gar zu mensch- 
lich treibt — „il ne cherche le vrai que pour faire U 
bien" — ich wette, er findet nichts! 

36. 

Gesetzt, dass nichts Anderes als real „gegeben" ist 
als unsre Welt der Begierden und Leidenschaften, dass 
wir zu keiner anderen „Realität" hinab oder hinauf 
können als gerade zur Realität unsrer Triebe — denn 
Denken ist nur ein Verhalten dieser Triebe zu einan- 
der — : ist es nicht erlaubt, den Versuch zu machen 
und die Frage zu fragen, ob dies „Gegeben" nicht aus- 
reicht, um aus Seines- Gleichen auch die sogenannte 
mechanistische (oder „materielle") Welt zu- verstehen? 
Ich meine nicht als eine Täuschung, einen „Schein", 
eine „Vorstellung" (im Berkeley'schen und Schopen- 



— 57 — 

hauerischen Sinne), sondern als vom gleichen Realitäts- 
Range, welchen unser Affekt selbst hat, — als eine primi- 
tivere Form der Welt der Affekte, in der noch Alles in 
mächtiger Einheit beschlossen liegt, was sich dann im 
organischen Prozesse abzweigt und ausgestaltet (auch, 
wie billig, verzärtelt und abschwächt — ), als eine Art 
von Triebleben, in dem noch sämmtliche organische Funk- 
tionen, mit Selbst-Regulirung, Assimilation, Ernährung, 
Ausscheidung, Stoffwechsel, synthetisch gebunden in ein- 
ander sind, — als eine Vorform des Lebens? — Zuletzt 
ist es nicht nur erlaubt, diesen Versuch zu machen: es 
ist, vom Gewissen der Methode aus, geboten. Nicht 
mehrere Arten von Causalität annehmen, so lange nicht 
der Versuch, mit einer einzigen auszureichen, bis an seine 
äusserste Grenze getrieben ist ( — bis zum Unsinn, mit 
Verlaub zu sagen): das ist eine Moral der Methode, der 
man sich heute nicht en^jfiljen darf; — es folgt „aus 
ihrer Definition", wie ein Mathematiker sagen würde. 
Die Frage ist zuletzt, ob wir den Willen wirklich als 
wirkend anerkennen, ob wir an die Causalität des 
Willens glauben: thun wir das — und im Grunde ist 
der Glaube daran eben unser Glaube an Causalität 
selbst — , so müssen wir den Versuch machen, die 
Willens-Causalität hypothetisch als die einzige zu setzen. 
„Wille" kann natürlich nur auf „Wille" wirken — und 
nicht auf „Stoffe" (nicht auf „Nerven" zum Beispiel — ): 
genug, man muss die Hypothese wagen, ob nicht überall, 
wo „Wirkungen" anerkannt werden, Wille auf Wille 
wirkt — und ob nicht alles mechanische Geschehen, in- 
sofern eine Kraft darin thätig wird, eben Willenskraft, 
Willens -Wirkung ist. — Gesetzt endlich, dass es gelänge, 
unser gesammtes Triebleben als die Ausgestaltung und 
Verzweigxing Einer Grundform des Willens zu erklären 



- 58 - 

— nämlich des Willens zur Macht, wie es mein Satz 
ist — ; gesetzt, dass man alle organischen Funktionen 
auf diesen Willen zur Macht zurückführen könnte und 
in ihm auch die Lösung des Problems der Zeugung und 
Ernährung — es ist Ein Problem — fände, so hätte man 
damit sich das Recht verschafft, alle wirkende Kraft 
eindeutig zu bestimmen als: Wille zur Macht. Die 
Welt von innen gesehen, die Welt auf ihren „intelligiblen 
Charakter" hin bestimmt und bezeichnet — sie wäre eben 
„Wille zur Macht" und nichts ausserdem. — 



37. 
„Wie? Hetsst das nicht, populär geredet: Gott ist 
widerlegt, der Teufel aber nicht — ?" Im Gegentheill 
Im Gegentheil, meine Freunde! Und, zum Teufel auch, 
wer zwingt euch, populär zu reden I — 

38. 
Wie es zuletzt noch, in aller Helligkeit der neueren 
Zeiten, mit der französischen Revolution gegangen ist, 
jener schauerlichen und, aus der Nähe beurtheilt, über- 
flüssigen Posse, in welche aber die edlen und schwär- 
merischen Zuschauer von ganz Europa aus der Feme 
her so lange und so leidenschaftlich ihre eignen Em- 
pörungen und Begeisterungen hinein interpretirt haben, 
bis der Text unter der Interpretation ver- 
schwand: so könnte eine edle Nachwelt noch einmal 
die ganze Vergangenheit missverstehn und dadurch 
vielleicht erst ihren Anblick erträglich machen. — Oder 
vielmehr: ist dies nicht bereits geschehen? waren wir 
nicht selbst — diese „edle Nachwelt"? Und ist es nicht 
gerade jetzt, insofern wir dies begreifen, — damit vorbei? 



— 59 — 

39. 

Niemand wird so leicht eine Lehre, bloss weil sie 
glücklich macht, oder tugendhaft macht, deshalb für 
wahr halten: die .'lieblichen , Idealisten" etwa ausge- 
nommen, welche für das Gute, Wahre, Schöne schwärmen 
und in ihrem Teiche alle Arten von bunten, plumpen 
und gutmüthigen Wünschbarkeiten durcheinander schwim- 
men lassen. Glück und Tugend sind keine Argumente. 
Man vergisst aber gerne, auch auf Seiten besonnener 
Geister, dass Unglücklich -machen und Böse -machen 
ebensowenig Gegenargumente sind. Etwas dürfte wahr 
sein: ob es gleich im höchsten Grade sc hädli ch und 
gefährlich wäre; ja es könnte selbst zur GrundbeschafiFen- 
heit des Daseins gehören, dass man an seiner völligen 
Erkenntniss zu Grunde gienge, so dass sich die Stärke 
eines Geistes darnach bemässe, wie viel er von der 
„Wahrheit" gerade noch aushielte, deutlicher, bis zu 
welchem Grade er sie verdünnt, verhüllt, versüsst, ver- 
dumpft, verfälscht nöthig hätte. Aber keinem Zweifel 
unterliegt es, dass für die Entdeckung gewisser Theile 
der Wahrheit die Bösen und Unglücklichen begünstigter 
sind und eine grössere Wahrscheinlichkeit des GeUngens 
haben; nicht zu reden von den Bösen, die glücklich 
sind, — eine Species, welche von den Moralisten ver- 
schwiegen wird. Vielleicht, dass Härte und List günst- 
igere Bedingungen zur Entstehung des starken, unab- 
hängigen Geistes und Philosophen abgeben, als jene 
sanfte feine nachgebende Gutartigkeit und Kunst des 
Leicht -nehmens, welche man an einem Gelehrten schätzt 
und mit Recht schätzt Vorausgesetzt, was voran steht, 
dass man den Begriff „Philosoph" nicht auf den Philo- 
sophen einengt, der Bücher schreibt — oder gar seine 



— 6o — 

Philosophie in Bücher bringt! — Einen letzten Zug zum 
Bilde des freigeisterischen Philosophen bringt Stendhal 
bei, den ich um des deutschen Geschmacks willen nicht 
unterfassen will zu unterstreichen : — denn er geht wider 
den deutschen Geschmack. „Pour etre bon phüosophe" , 
sagt dieser letzte grrosse Psycholog, „ü faut itre sec, 
clair, Sans illuston. Un hanquier, gut a fatt fortune, 
a une fartie du caractlre requis pour faire des ddcou- 
vertes en philosophier c'est-ä-dire pour voir clair dafts 
ce qui est." 

40. 

Alles, was tief ist, liebt die Maske; die allertiefsten 
Dinge haben sogar einen Hass auf Bild und Gleichniss. 
Sollte nicht erst der Gegensatz die rechte Verkleidung 
sein, in der die Scham eines Gottes einhergien^e ? Eine 
fragwürdige Frage: es wäre wunderlich, wenn nicht 
irgend ein Mystiker schon dergleichen bei sich gewagt 
hätte. Es gfiebt Vorgänge so zarter Art, dass man gut 
thut, sie durch eine Grobheit zu verschütten und unkennt- 
lich zu machen; es giebt Handlungen der Liebe und 
einer ausschweifenden Grossmuth, hinter denen nichts 
räthlicher ist, als einen Stock zu nehmen und den Augen- 
zeugen durchzuprügeln: damit trübt man dessen Gedächt- 
niss. Mancher versteht sich darauf, das eigne Gedächt- 
niss zu trüben und zu misshandeln, um wenigstens an 
diesem einzigen Mitwisser seine Rache zu haben: — die 
Scham ist erfinderisch. Es sind nicht die schlimmsten 
Dinge, deren man sich am schlimmsten schämt: es ist 
nicht nur Arglist hinter einer Maske, — es gelebt so 
viel Güte in der List. Ich könnte mir denken, dass ein 
Mensch, der etwas Kostbares und Verletzliches zu bergen 
hätte, grob und rund wie ein grünes altes schwerbe- 



— 6i — 

schlagenes Weinfass durch's Leben rollte: 6ie Feinheit 
seiner Scham will es so. Einem Menschen, der Tiefe 
in der Scham hat, begegnen auch seine Schicksale und 
zarten Entscheidungen auf Wegen, zu denen Wenige je 
gelangen, und um deren Vorhandensein seine Nächsten 
und Vertrautesten nicht wissen dürfen: seine Lebensgefahr 
verbkgt sich ihren Augen und ebenso seine wieder er- 
oberte Lebens -Sicherheit Ein solcher Verborgener, der 
aus Instinkt das Reden zum Schweigen und Verschweigen 
braucht und unerschöpflich ist in der Ausflucht vor Mit- 
theilung, will es und fördert es, dass eine Maske von ihm 
an seiner Statt in den Herzen und Köpfen seiner Freunde 
herum wandelt; und gesetzt, er will es nicht, so werden 
ihm eines Tages die Augen darüber aufgehn , dass es 
trotzdem dort eine Meiske von ihm giebt, — und dass es 
gut so ist. Jeder tiefe Geist braucht eine Maske: mehr 
noch, um jeden tiefen Geist wächst fortwährend eine 
Maske, Dank der beständig falschen, nämlich flachen 
Auslegung jedes Wortes, jedes Schrittes, jedes Lebens- 
Zeichens, das er giebt — 



41. 

Man muss sich selbst seine Proben geben, dafür 
dass man zur Unabhängigkeit und zum Befehlen be- 
stimmt ist; und dies zur rechten Zeit Man soll seinen 
Proben nicht aus dem Wege gehn, obgleich sie viel- 
leicht das gefährlichste Spiel sind, das man spielen kann, 
und zuletzt nur Proben, die vor uns selber als Zeugen 
und vor keinem anderen Richter abgelegt werden. 
Nicht an einer Person hängen bleiben: und sei sie die 
geliebteste, — jede Person ist ein Gefängniss, auch ein 
Winkel. Nicht an einem Vaterlande hängen bleiben: 



— 62 — 

und sei es das leidendste und hülfbedürftigste, — es ist 
schon weniger schwer, sein Herz von einem siegreichen 
Vaterlande los zu binden. Nicht an einem Mitleiden hän- 
gen bleiben: und gälte es höheren Menschen, in deren 
seltne Marter und Hülflosigkeit uns ein Zufall hat blicken 
lassen. Nicht an einer Wissenschaft hängen bleiben: und 
locke sie Einen mit den kostbarsten, anscheinend ge- 
rade uns aufgesparten Funden. Nicht an seiner eignen 
Loslösung hängen bleiben, an jener wollüstigen Ferne und 
Fremde des Vogels, der immer weiter in die Höhe flieht, 
um immer mehr unter sich zu sehn: — die Gefahr des 
Fliegenden. Nicht an unsern eignen Tugenden hängen 
bleiben und als Ganzes das Opfer irgend einer Einzelheit 
an uns werden, zum Beispiel unsrer „Gastfreundschaft": 
wie es die Gefahr der Gefahren bei bochg earteten und 
reichen Seelen ist, welche verschwenderisch, fast gleich- 
gültig mit sich selbst umgehn und die Tugend der 
Liberalität bis zum Laster treiben. Man muss wissen, 
sichzu bewahren: stärkste Probe der Unabhängigkeit 



42. 

Eine neue Gattung von Philosophen kommt herauf: 
ich wage es, sie auf einen nicht ungefährlichen Namen 
zu taufen. So wie ich sie errathe, so wie sie sich er- 
rathen lassen — denn es gehört zu ihrer Art, irgend 
worin Räthsel bleiben zu wollen — , möchten diese 
Philosophen der Zukunft ein Recht, vielleicht auch ein 
Unrecht darauf haben, als Versucher bezeichnet zu 
werden. Dieser Name selbst ist zuletzt nur ein Versuch, 
und, wenn man will, eine Versuchung. 



- 63 - 

43. 

Sind es neue Freunde der „Wahrheit", diese kom- 
menden Philosophen? Wahrscheinlich genug: denn alle 
Philosophen liebten bisher ihre Wahrheiten. Sicherlich 
aber werden es keine Dogmatiker sein. Es muss ihnen 
wider den Stolz gehn, auch wider den Geschmack, wenn 
ihre Wahrheit gar noch eine Wahrheit für Jedermann 
sein soll: was bisher der geheime Wunsch und Hinter- 
sinn aller dogmatischen Bestrebungen war. „Mein Urtheil 
ist mein Urtheil: dazu hat nicht leicht auch ein Anderer 
das Recht — sagt vielleicht solch ein Philosoph der 
Zukunft. Man muss den schlechten Geschmack von sich 
abthun, mit Vielen übereinstimmen zu wollen. „Gut" ist 
nicht mehr gut, wenn der Nachbar es in den Mund 
nimmt Und wie könnte es gar ein „Gemeingut" geben! 
Das Wort widerspricht sich selbst: was gemein sein kann^ 
hat immer nur wenig Werth. Zuletzt muss es so stehn, 
wie es steht und immer stand: die grossen Dinge bleiben 
für die Grossen übrig, die Abgründe für die Tiefen, die 
Zartheiten und Schauder für die Feinen, und, im Ganzen 
und Kurzen, alles Seltene für die Seltenen." — 



44- 
Brauche ich nach alledem noch eigens zu sagen, 
dass auch sie freie, sehr freie Geister sein werden, diese 
Philosophen der Zukunft, — so gewiss sie auch nicht 
bloss freie Geister sein werden, sondern etwas Mehreres, 
Höheres, Grösseres und Gründlich - Anderes , das nicht 
verkannt und verwechselt werden will? Aber, indem ich 
dies sage, fühle ich fast ebenso sehr gegen sie selbst, als 
gegen uns, die wir ihre Herolde und Vorläufer sind, 



_ 64 - 

wir freien Geister! — die Schuldigkeit, ein altes 
dummes Vorurtheil und Missverständniss von uns gemein- 
sam fortzublasen, welches allzulange wie ein Nebel den 
Begriff „freier Geist" undurchsichtig gemacht hat. In 
allen Ländern Europa's und ebenso in Amerika giebt 
es jetzt Etwas, das Missbrauch mit diesem Namen treibt, 
eine sehr enge, eingefangne, an Ketten gelegte Art von 
Geistern, welche ungefähr das Gegentheil von dem wollen, 
was in unsern Absichten und Instinkten liegt, — nicht 
zu reden davon, dass sie in Hinsicht auf jene herauf- 
kommenden neuen Philosophen erst recht zugemachte 
Fenster und verriegelte Thüren sein müssen. Sie gehören, 
kurz und schlimm, unter die Nivellirer, diese fälschlich 
genannten „freien Geister" — als beredte und schreib- 
fingrige Sklaven des demokratischen Geschmacks und 
seiner „modernen Ideen": allesammt Menschen ohne Ein- 
samkeit, ohne eigne Einsamkeit, plumpe brave Burschen, 
welchen weder Muth noch achtbare Sitte abgesprochen 
werden soll, nur dass sie eben unfrei und zum Lachen 
oberflächlich sind, vor Allem mit ihrem Grundhange, in 
den Formen der bisherigen alten Gesellschaft ungefähr 
die Ursache für alles menschliche Elend und Missratiien 
zu sehn: wobei die Wahrheit glücklich auf den Kopf zu 
stehn kommt 1 Was sie mit allen Kräften erstreben 
möchten, ist das allgemeine grüne- Weide-Glück der Heerde, 
mit Sicherheit, Ungefährhchkeit, Behagen, Erleichterung 
des Lebens für Jedermann; ihre beiden am reichlichsten 
abgesungnen Lieder und Lehren heissen „Gleichheit der 
Rechte" und „Mitgefühl für alles Leidende", — und das 
Leiden selbst wird von ihnen als Etwas genommen, das 
man abschaffen muss. Wir Umgekehrten, die wir uns 
ein Auge und ein Gewissen für die Frage aufgemacht 
haben, wo und wie bisher die Pflanze „Mensch" am 



- 65 - 

kräftigsten in die Höhe gewachsen ist, venneinsn, dass 
dies jedes Mal unter den umgekehrten Bedingnngen ge- 
schehn ist, dass dazu die Gefährlichkeit seiner Lage erst 
in's Ungeheure wachsen , seine Erfindungs- und Ver- 
stellungskraft (sein „Geist" — ) unter langem Druck und 
Zwang sich in's Feine und Verwegene entwickeln, sein 
Lebens-Wille bis zum unbedingten Macht -Willen ge- 
steigert werden musste: — wir vermeinen, dass Härte, 
Gewaltsamkeit, Sklaverei, Gefahr auf der Gasse und im 
Herzen, Verborgenheit, Stoicismus, Versucherkunst und 
Teufelei jeder Art, dass alles Böse, Furchtbare, Tyran- 
nische, Raubthier- und Schlangenhafte am Menschen so 
gut zur Erhöhung der Species „Mensch" dient, als sein 
Gegensatz: — wir sagen sogar nicht einmal genug, wenn 
wir nur so viel sagen, und befinden uns jedenfalls, mit 
unserm Reden und Schweigen an dieser Stelle, am 
andern Ende aller modernen Ideologie und Heerden- 
Wünschbarkeit : als deren Antipoden vielleicht? Was 
Wunder, dass wir „freien Geister" nicht gerade die mit- 
theilsamsten Geister sind? dass wir nicht in jedem Be- 
trachte zu verrathen wünschen, wovon ein Geist sich 
frei machen kann und wohin er dann vielleicht getrieben 
wird? Und was es mit der gefährUchen Formel „jenseits 
von Gut und Böse" auf sich hat, mit der wir uns zum 
Mindesten vor Verwechslung behüten: wir sind etwas 
Anderes als „Itbres-pefiseurs", „h'bert pensatori" , „Frei- 
denker" und wie alle diese braven Fürsprecher der 
„modernen Ideen" sich zu benennen lieben. In vielen 
Ländern des Geistes zu Hause, mindestens zu Gaste ge- 
wesen; den dumpfen angenehmen Winkeln immer wieder 
entschlüpft, in die uns Vorliebe und Vorhass, Jugend, 
Abkunft, der Zufall von Menschen und Büchern, oder 
selbst die Ermüdungen der Wanderschaft zu bannen 

r"%ietischc, Werke Band VII. e 



— 66 — 

schienen; voller Bosheit gegen die Lockmittel der Ab- 
hängigkeit, welche in Ehren, oder Geld, oder Ämtern, 
oder Begeisterungen der Sinne versteckt liegen; dankbar 
sogar gegen Noth und wechselreiche Klrankheit, weil sie 
uns immer von irgend einer Regel und ihrem „Vorurtheil" 
losmachte, dankbar gegen Gott, Teufel, Schaf und Wurm 
in ims, neugierig bis zum Laster, Forscher bis zur Grau- 
samkeit, mit unbedenklichen Fingern für Unfassbares, 
mit Zähnen und Mägen für das Unverdaulichste, bereit 
zu jedem Handwerk, das Scharfsinn und scharfe Sinne 
verlangt, bereit zu jedem Wagniss, Dank einem Über- 
schusse von „freiem Willen", mit Vorder- und Hinter- 
seelen, denen Keiner leicht in die letzten Absichten sieht, 
mit Vorder- und Hintergründen, welche kein Fuss zu 
Ende laufen dürfte. Verborgene unter den Mänteln des 
Lichts, Erobernde, ob wir gleich Erben und Verschwen- 
dern gleich sehn, Ordner und Sammler von Früh bis 
Abend, Geizhälse unsres Reichthums und unsrer vollge- 
stopften Schubfächer, haushälterisch im Lernen und Ver- 
gessen, erfinderisch in Schematen, mitunter stolz auf 
Kategorien-Tafeln, mitunter Pedanten, mitunter Nachteulen 
der Arbeit auch am hellen Tage; ja wenn es noth thut, 
selbst Vogelscheuchen — und heute thut es noth: nämlich 
insofern wir die geborenen geschworenen eifersüchtigen 
Freunde der Einsamkeit sind, unsrer eignen tiefsten 
mitternächtlichsten, mittäglichsten Einsamkeit: — eine 
solche Art Menschen sind wir, wir freien Geister! und 
vielleicht seid auch ihr etwas davon, ihr Kommenden? 
ihr neuen Philosophen? — 



Drittes Hauptstück: 



Das religiöse Wesen. 



45. 

Die menschliche Seele und ihre Grenzen, der bisher 
überhaupt erreichte Umfang menschlicher innerer Er- 
fahrungen, die Höhen, Tiefen und Femen dieser Erfahr- 
ungen, die ganze bisherige Geschichte der Seele und 
ihre noch unausgetrunkenen Möglichkeiten : ' das ist für 
einen geborenen Psychologen und Freund der „grossen 
Jagd" das vorbestimmte Jagdbereich. Aber wie oft muss 
er sich verzweifelt sagen: „ein Einzelner! ach, nur ein 
Einzelner! und dieser grosse Wald und Urwald!" Und so 
wünscht er sich einige hundert Jagdgehülfen und feine 
gelehrte Spürhunde, welche er in die Geschichte der 
menschlichen Seele treiben könnte, um dort sein Wild 
zusammenzutreiben. Uni sons t: er erprobt es immer wieder, 
gründlich und bitterlich, wie schlecht zu allen Dingen, die 
gerade seine Neugierde reizen. Gehülfen und Hunde zu 
finden sind. Der Übelstand, den es hat, Gelehrte auf neue 
und gefährliche Jagdbereiche auszuschicken, wo Muth, 
Klugheit, Feinheit in jedem Sinne noth thun, liegt darin, 
dass sie gerade dort nicht mehr brauchbar sind, wo die 
„grosse Jagd", aber auch die grosse Gefahr beginnt: — 
gerade dort verlieren sie ihr Spürauge und ihre Spürnase. 
Um zum Beispiel zu errathen und festzustellen, was für 
eine Geschichte bisher das Problem von Wissen und 
Gewissen in der Seele der hommes religiost Qe\id.h\.\\aX, 



— 70 — 

dazu müsste Einer vielleicht selbst so tief, so verwundet, 
so ungeheuer sein, wie es das intellektuelle Gewissen 
Pascal's war: — und dann bedürfte es immer noch jenes 
ausgespannten Himmels von heller, boshafter Geistigkeit, 
welcher von Oben herab dies Gewimmel von gefähr- 
lichen und schmerzlichen Erlebnissen zu übersehn, zu ord- 
nen, in Formeln zu zwingen vermöchte. — Aber wer thäte 
mir diesen Dienst ! Aber wer hätte Zeit, auf solche Diener 
zu warten! — sie wachsen ersichtlich zu selten, sie sind zu 
allen Zeiten so unwahrscheinlich! Zuletzt muss man Alles 
selber thun, um selber Einiges zu wissen: das heisst, 
man hat viel zu thun! — Aber eine Neugierde meiner 
Art bleibt nun einmal das angenehmste aller Laster, — 
Verzeihung ! ' ich wollte sagen : die Liebe zur Wahrheit 
hat ihren Lohn im Himmel und schon auf Erden. — 



46. 

Der Glaube, wie ihn das erste Christenthum verlangt 
und nicht selten erreicht hat, inmitten einer skeptischen 
und südlich -freigeisterischen Welt, die einen Jahrhunderte 
langen Kampf von Philosophenschulen hinter sich und 
in sich hatte, hinzugerechnet die Erziehung zur Toleranz, 
welche das Imperium Romanum gab, — dieser Glaube 
ist nicht jener treuherzige und bärbeissige Unterthanen- 
Glaube, mit dem etwa ein Luther oder ein Crom well 
oder sonst ein nordischer Barbar des Geistes an ihrem 
Gotte und Christenthum gehangen haben; viel eher schon 
jener Glaube Pascal's, der auf schreckliche Weise einem 
dauernden Selbstmorde der Vernunft ähnlich sieht, — 
einer zähen langlebigen wurmhaften Vernunft, die nicht 
mit Einem Male und Einem Streiche todtzumachen ist 
Der christliche Glaube ist von Anbeginn Opferung: 



— 71 — 

Opferung- aller Freiheit, alles Stolzes, aller Selbstgewiss- 
heit des Geistes; zugleich Verknechtung und Selbst- Ver- 
höhnung, Selbst- Verstümmelung. Es ist Grausamkeit und 
religiöser Phönicismus in diesem Glauben, der einem 
mürben, vielfachen und vielverwöhnten Gewissen zuge- 
m_uthet wird: seine Voraussetzung ist, dass die Unter- 
werfung des Geistes unbeschreiblich wehe thut, dass 
die ganze Vergangenheit und Gewohnheit eines solchen 
Geistes sich gegen das absurdtsstmum wehrt, als welches 
ihm der „Glaube" entgegentritt. Die modernen Menschen, 
mit ihrer Abstumpfung gegen alle christliche Nomen- 
klatur, fühlen das Schauerlich-Superlativische nicht mehr 
nach, das für einen antiken Geschmack in der Paradoxie 
der Formel „Gott am Kreuze** lag. Es hat bisher noch 
niemals und nirgendswo eine gleiche I^ühnheit im Um- 
kehren, etwas gleich Furchtbares, Fragendes und Frag- 
würdiges gegeben wie diese Formel: sie verhiess eine 
Umwerthung aUer antiken Werthe. — Es ist der Orient, 
der tiefe Orient, es ist der orientalische Sklave, der auf 
diese Weise an Rom und seiner vornehmen und frivolen 
Toleranz, am römischen „Katholicismus" des Glaubens 
Rache nahm: — und immer war es nicht der Glaube, 
sondern die Freiheit vom Glauben, jene halb stoische 
und lächelnde Unbekümmertheit um den Ernst des 
Glaubens, was die Sklaven an ihren Herrn, gegen ihre 
Herrn empört hat. Die „Aufklärung** empört: der Sklave 
nämlich will Unbedingtes, er versteht nur das Tyrannische, 
auch in der Moral, er liebt wie er hasst, ohne Nuance, 
bis in die Tiefe, bis zum Schmerz, bis zur Krankheit, — 
sein vieles verborgenes Leiden empört sich gegen den 
vornehmen Geschmack, der das Leiden zu leugnen 
scheint. Die Skepsis gegen das Leiden, im Grunde nur 
eine Attitüde der aristokratischen Moral, ist nicht am 



T2 — 



wenigsten auch an der Entstehung des letzten grossen 
Sklaven- Aufstandes betheiligt, welcher mit der jfranzösi- 
schen Revolution begonnen hat. 



47. 

Wo nur auf Erden bisher die religiöse Neurose 
aufgetreten ist, finden wir sie verknüpft mit drei gefähr- 
lichen Diät -Verordnungen: Einsamkeit, Fasten und ge- 
schlechtlicher Enthaltsamkeit, — doch ohne dass hier 
mit Sicherheit zu entscheiden wäre, was da Ursache, 
was Wirkung sei, und ob hier überhaupt ein Verhältniss 
von Ursache und Wirkung vorliege. Zum letzten Zweifel 
b^echtigt, dass gerade zu ihren regelmässigsten Symp- 
tomen, bei wilden wie bei zahmen Völkern, auch die 
plötzlichste ausschweifendste Wollüstigkeit gehört, welche 
dann, ebenso plötzlich, in Busskrampf und Welt- und 
Willens- Verneinung umschlägt: beides vielleicht als mas- 
kirte Epilepsie deutbar? Aber nirgendswo sollte man 
sich der Deutungen mehr entschlagen: um keinen Typus 
herum ist bisher eine solche Fülle von Unsinn und Aber- 
glauben aufgewachsen, keiner scheint bisher die Men- 
schen, selbst die Philosophen, mehr interessirt zu haben, 
— es wäre an der Zeit, hier gerade ein wenig kalt zu 
werden, Vorsicht zu lernen, besser noch: wegzusehn, 
wegzugehn. — Noch im Hintergründe der letztgekom- 
menen Philosophie, der Schopenhauerischen, steht, bei- 
nahe als das Problem an sich, dieses schauerliche Frage- 
zeichen der rehgiösen Krisis und Erweckung. Wie ist 
Willensvemeinung möglich? wie ist der Heilige mög- 
lich? — das scheint wirkHch die Frage gewesen zu 
sein, bei der Schopenhauer zum Philosophen wurde und 
anfieng. Und so war es eine acht Schopenhauerische 



— 73 — 

Consequenz, dass sein Überzeugtester Anhänger (viel- 
leicht auch sein letzter, was Deutschland betrifft — ), näm- 
lich Richard Wagner, das eigne Lebenswerk gerade 
hier zu Ende brachte und zuletzt noch jenen furchtbaren 
und ewigen Typus als Kundry auf der Bühne vorführte, 
type vicu, und wie er leibt und lebt; zu gleicher Zeit, wo 
die Irrenärzte fast aller Länder Europa's einen Anlass 
hatten, ihn aus der Nähe zu studiren, überall, wo die 
religiöse Neurose — oder wie ich es nenne „das religiöse 
Wesen" — als „Heilsarmee" ihren letzten epidemischen 
Ausbruch und Aufzug gemacht hat. — Fragt man sich 
aber, was eigentlich am ganzen Phänomen des Heiligen 
den Menschen aller Art und Zeit, auch den Philosophen, 
so unbändig interessant gewesen ist: so ist es ohne 
allen Zweifel der ihm anhaftende Anschein des Wunders, 
nämlich der unmittelbaren Aufeinanderfolge von 
Gegensätzen, von moralisch entgegengesetzt gewer- 
theten Zuständen der Seele: man glaubte hier mit 
Händen zu greifen, dass aus einem „schlechten Men- 
schen" mit Einem Male ein „Heiliger", ein guter Mensch 
werde. Die bisherige Psychologie litt an dieser Stelle 
Schiffbruch: sollte es nicht vornehmlich darum geschehen 
sein, weil sie sich unter die Herrschaft der Moral ge- 
stellt hatte, weil sie an die moralischen Werth-Gegensätze 
selbst glaubte, und diese Gegensätze in den Text und 
Thatbestand hineinsah, hineinlas, hineindeutete? — 
Wie? Das „Wunder" nur ein Fehler der Interpretation? 
Ein Mangel an Philologie? — 



48. 

Es scheint, dass den lateinischen Rassen ihr Katho- 
ücismus viel innerlicher zugehört, als uns Nordländern 



— 74 — 

das ganze Christenthum überhaupt: und dass folglich 
der Unglaube in katholischen Ländern etwas ganz 
Anderes zu bedeuten hat als in protestantischen — 
nämlich eine Art Empörung gegen den Geist der Rasse, 
während er bei uns eher eine Rückkehr zum Geist 
(oder Ungeist — ) der Rasse ist. Wir Nordländer 
stammen unzweifelhaft aus Barbaren - Rassen , auch in 
Hinsicht auf unsere Begabung zur Religion: wir sind 
schlecht für sie begabt. Man darf die Kelten aus- 
nehmen, welche deshalb auch den besten Boden für die 
Aufnahme der christlichen Infektion im Norden abge- 
geben haben: — in Frankreich kam das christUche 
Ideal, soweit es nur die blasse Sonne des Nordens er- 
laubt hat, zum Ausblühen. Wie fremdartig fromm sind 
unserm Geschmack selbst diese letzten französischen 
Skeptiker noch, sofern etwas keltisches Blut in ihrer 
Abkunft ist! Wie katholisch, wie undeutsch riecht 
uns Auguste Comte's Sociologie mit ihrer römischen 
Logik der Instinkte! Wie jesuitisch jener liebenswür- 
dige und kluge Cicerone von Port-Royal, Sainte-Beuve, 
trotz all seiner Jesuiten - Feindschaft I Und gar Ernest 
Renan: wie unzugänglich klingt uns Nordländern die 
Sprache solch eines Renan, in dem alle Augenblicke 
irgend ein Nichts von religiöser Spannung seine in 
feinerem Sinne wollüstige und bequem sich bettende 
Seele um ihr Gleichgewicht bringt! Man spreche ihm 
einmal diese schönen Sätze nach, — und was für Bos- 
heit und Übermuth reg^ sich sofort in unsrer wahr- 
scheinlich weniger schönen und härteren, nämlich 
deutscheren Seele als Antwort! — „düons donc hardi- 
ment que la religion est un produü de l'homme nor- 
mal, que l'homme est le plus dans le vrai quand il est 
le plus religieux et le plus assuri d'une destmäe in- 



— 75 — 

finte .... C'est gtmnd il est bon qu'il veut que la 
vertu corresponde ä un ordre iternel, c'est quand il 
contemple les choses d'une manthre d^sintiress^e qu'ü 
trouve la mort rivoltante et absurde. Comment ne 
pas supposer que c'est dans ces moments-lä, que 
l' komme voit le mieux? .... Diese Sätze sind meinen 
Ohren und Gewohnheiten so sehr antipodisch, dass, 
als ich sie fand, mein erster Ingrimm daneben schrieb 
„la niaiserie reltgieuse par excellence!'* — bis mein 
letzter Ingrimm sie gar noch lieb gewann, diese Sätze 
mit ihrer auf den Kopf gestellten Wahrheit! Es ist so 
artig, so auszeichnend, seine eignen Antipoden zu haben I 

49- 
Das, was an der Religiosität der alten Griechen 
staunen macht, ist die unbändige Fülle von Dankbarkeit, 
welche sie ausströmt: — es ist eine sehr vornehme Art 
Mensch, welche so vor der Natur und vor dem Leben 
steht! — Später, als der Pöbel in Griechenland zum 
Übergewicht kommt, überwuchert die Furcht auch in 
der Religion; und das Christenthum bereitete sich vor. — 

50- 
Die Leidenschaft für Gott: es giebt bäurische, treu- 
herzige und zudringliche Arten, wie die Luther's, — der 
ganze Protestantismus entbehrt der südlichen delicatezza. 
Es giebt ein orientalisches Aussersichsein darin, wie bei 
einem unverdient begnadeten oder erhobenen Sklaven, 
zum Beispiel bei Augustin, der auf eine beleidigende 
Weise aller Vornehmheit der Gebärden und Begierden 
ermangelt. Es giebt frauenhafte Zärtlichkeit und Be- 
gehrlichkeit darin , welche schamhaft und unwissend 



- 76 - 

nach einer unio mystica et physica drängt: wie bei 
Madame de Guyon. In vielen Fällen erscheint sie wun- 
derlich genug als Verkleidung der Pubertät eines Mäd- 
chens oder Jünglings; hier und da selbst als Hysterie 
einer alten Jungfer, auch als deren letzter Ehrgeiz: — 
die Kirche hat das Weib schon mehrfach in einem 
solchen Falle heilig gesprochen. 



51 
Bisher haben sich die mächtigsten Menschen immer 
noch verehrend vor dem Heiligen gebeugt, als dem 
Räthsel der Selbstbezwingung und absichtlichen letzten 
Entbehrung: warum beugten sie sich? Sie ahnten in 
ihm — und gleichsam hinter dem Fragezeichen seines 
gebrechlichen und kläglichen Anscheins — die über- 
legne Kraft, welche sich an einer solchen Bezwingung 
erproben wollte, die Stärke des Willens, in der sie die 
eigne Stärke und herrschaftliche Lust wieder erkannten 
und zu ehren wussten: sie ehrten etwas an sich, wenn 
sie den Heiligen ehrten. Es kam hinzu, dass der An- 
blick des Heiligen ihnen einen Argwohn eingab: ein 
solches Ungeheures von Verneinung, von Wider -Natur 
wird nicht umsonst begehrt worden sein, so sagten und 
fragten sie sich. Es giebt vielleicht einen Grund dazu, 
eine ganz grosse Gefahr, über welche der Asket, Dank 
seinen geheimen Zusprechern und Besuchern , näher 
unterrichtet sein möchte? Genug, die Mächtigen der 
Welt lernten vor ihm eine neue Furcht, sie ahnten eine 
neue Macht, einen fremden, noch unbezwungenen Feind: 
— der „Wille zur Macht" war es, der sie nöthigte, vor 
dem Heiligen stehen zu bleiben. Sie mussten ihn 
fragen — — 



— 77 — 

52. 
Im jüdischen „alten Testament", dem Buche von 
der göttlichen Gerechtigkeit, giebt es Menschen, Dinge 
und Reden in einem so grossen Stile, dass das g^rie- 
chische und indische Schriftenthum ihm nichts zur Seite 
zu stellen hat Man steht mit Schrecken und Ehrfurcht 
vor diesen ungeheuren Überbleibseln dessen, was der 
Mensch einstmals war, und wird dabei über das alte 
Asien und sein vorgeschobnes Halbinselchen Europa, 
das durchaus gegen Asien den „Fo rtschri tt des Men- 
schen" bedeuten möchte, seine traurigen Gedanken 
haben. Freilich: wer selbst nur ein dünnes zahmes 
Hausthier ist und nur Hausthier - Bedürfhisse kennt 
(gleich unsren Gebildeten von Heute, die Christen des 
„gebildeten" Christenthums hinzugenommen — ), der hat 
unter jenen Ruinen weder sich zu verwundem, noch 
gar sich zu betrüben — der Geschmack am alten Testa- 
ment ist ein Prüfstein in Hinsicht auf „Gross" und 
„Klein" — : vielleicht, dass er das neue Testament, das 
Buch von der Gnade , immer noch eher nach seinem 
Herzen findet (in ihm ist viel von dem rechten zärt- 
lichen dumpfen Betbrüder- und Kleinen -Seelen -Geruch). 
Dieses neue Testament, eine Art Rokoko des Geschmacks 
in jedem Betrachte, mit dem alten Testament zu Einem 
Buche zusammengeleimt zu haben, als „Bibel", als „das 
Buch an sich" : das ist vielleicht die grösste Verwegenheit 
und „Sünde wider den Geist", welche das litterarische 
Europa auf dem Gewissen hat 

53. 

Warum heute Atheismus? — „Der Vater" in Gott 
ist gründlich widerlegt; ebenso „der Richter", „der Be- 



~ 78 - 

lohner". Insgleichen sein „freier Wüle": er hört nicht, — 
und wenn er hörte, wüsste er trotzdem nicht zu helfen. 
Das Schlimmste ist: er scheint unfähig, sich deutlich mit- 
zutheilen: ist er unklar? — Dies ist es, was ich, als Ur- 
sachen für den Niede rgang des europäischen Theismus, 
aus vielerlei Gesprächen, fragend, hinhorchend, ausfindig 
gemacht habe; es scheint mir, dass zwar der religiöse 
Instinkt mächtig im Wachsen ist, — dass er aber gerade 
die theistische Befriedigxmg mit tiefem Misstrauen ablehnt 



54. 

Was thut denn im Grunde die ganze neuere Philo- 
sophie? Seit Descartes — und zwar mehr aus Trotz 
gegen ihn als auf Grund seines Vorgangs — macht man 
seitens aller Philosophen ein Attentat auf den alten Seelen- 
Begriff, unter dem Anschein einer Kritik des Subjekt- 
und Prädikat-Begriffe — das heisst: ein Attentat auf die 
Grundvoraussetzung der christlichen Lehre. Die neuere 
Philosophie, als eine erkenntnisstheoretische Skepsis, ist, 
versteckt oder offen, antichristlich: obschon, für feinere 
Ohren gesagt, keineswegs antireligiös. Ehemals nämlich 
glaubte man an „die Seele", wie man an die Grammatik 
und das grammatische Subjekt glaubte: man sagte, „Ich" 
ist Bedingung, „denke" ist Prädikat und bedingt — Den- 
ken ist eine Thätigkeit, zu der ein Subjekt als Ursache 
gedacht werden muss. Nun versuchte man, mit einer 
bewunderungswürdigen Zähigkeit und List, ob man nicht 
aus diesem Netze heraus könne, — ob nicht vielleicht 
das Umgekehrte wahr sei: „denke" Bedingung, ,Jch" be- 
dingt; „Ich" also erst eine Synthese, welche durch das 
Denken selbst gemacht wird. Kant wollte im Grunde 
beweisen, dass vom Subjekt aus das Subjekt nicht be- 



— 79 — 

wiesen werden könne, ~ das Objekt auch nicht: die 
Möglichkeit einer Scheinexistenz des Einzel-Subjekts, 
also „der Seele", mag ihm nicht immer fremd gewesen 
sein, jener Gedanke, welcher als Vedanta - Philosophie 
schon einmal und in ungeheurer Macht auf Erdeu da- 
gewesen ist. 

55. 

Es giebt eine grosse Leiter der religiösen Grausam- 
keit, mit vielen Sprossen; aber drei davon sind die 
wichtigsten. Einst opferte man seinem Gotte Menschen, 
vielleicht gerade solche, welche man am besten hebte, 
— dahin gehören die Ersthngs -Opfer aller Vorzeit- 
Religionen, dahin auch das Opfer des Kaiser Tiberius 
in der Mithrasgrotte der Insel Capri, jener schauerUchste 
aller römischen Anachronismen. Dann, in der moralischen 
Epoche der Menschheit, opferte man seinem Gotte die 
stärksten Instinkte, die man besass, seine „Natur"; diese 
Festfreude glänzt im grausamen Blicke des Asketen, 
des begeisterten „Wider- Natürlichen". Endlich: was 
blieb noch übrig zu opfern? Musste man nicht endlich 
einmal alles Tröstliche, Heilige, Heilende, alle Hoffnung, 
allen Glauben an verborgene Harmonie, an zukünftige 
Sehgkeiten und Gerechtigkeiten opfern? musste man 
licht Gott selber opfern und, aus Grausamkeit gegen 
sich, den Stein, die Dummheit, die Schwere, das Schick- 
sal, das Nichts anbeten? Für das Nichts Gott opfern — 
dieses paradoxe Mysterium der letzten Grausamkeit blieb 
dem Geschlechte, welches jetzt eben herauf kommt, auf- 
gespart: wir Alle kennen schon etwas davon. — 



— So- 
Wer, gleich mir, mit irgend einer räthselhaften Be- 
gierde sich lange darum bemüht hat, den Pessimismus 
in die Tiefe zu denken und aus der halb christlichen, 
halb deutschen Enge und Einfalt zu erlösen, mit der er 
sich diesem Jahrhundert zuletzt dargestellt hat, nämlich 
in Gestalt der Schopenhauerischen Philosophie; wer 
wirklich einmal mit einem asiatischen und überasiatischen 
Auge in die weltverneinendste aller möglichen Denk- 
weisen hinein und hinunter geblickt hat — jenseits von 
Gut und Böse, und nicht mehr, wie Buddha und Schopen- 
hauer, im Bann und Wahne der Moral — , der hat viel- 
leicht ebendamit, ohne dass er es eigentlich wollte, sich 
die Augen für das umgekehrte Ideal aufgemacht: für das 
Ideal des übermüthigsten, lebendigsten und weltbejahend- 
sten Menschen, der sich nicht nur mit dem, was war und 
ist, abgefunden und vertragen gelernt hat, sondern es, 
so wie es war und ist, wieder haben will, in alle Ewig- 
keit hinaus, unersättlich da capo rufend, nicht nur zu sich, 
sondern zum ganzen Stücke und Schauspiele, und nicht 
nur zu einem Schauspiele, sondern im Grunde zu Dem, 
der gerade dies Schauspiel nöthig hat — und nöthig 
macht: weil er immer wieder sich nöthig hat — und 

nöthig macht Wie? Und dies wäre nicht — cir- 

culus vüiosus deusf 

57. 

Mit der Kraft seines geistigen Blicks und Einblicks 
wächst die Feme und gleichsam der Raum um den 
Menschen: seine Welt wird tiefer, immer neue Sterne, 
immer neue Räthsel und Bilder kommen ihm in Sicht 
Vielleicht war Alles, woran das Auge des Geistes seinen 



— 8i — 

Scharfsinn und Tiefsinn geübt hat, eben nur ein Anlass 
zu seiner Übung, eine Sache des Spiels, Etwas für 
Kinder und Kindsköpfe; vielleicht erscheinen uns einst 
die feierlichsten Begriffe, um die am meisten gekämpft 
und gelitten worden ist, die Begriffe „Gott" und „Sünde", 
nicht wichtiger, als dem alten Manne ein Kinder -Spiel- 
zeug und Kinder - Schmerz erscheint, — und vielleicht 
hat dann „der alte Mensch" wieder ein andres Spielzeug 
und einen andren Schmerz nöthig, — immer noch Kinds 
genug, ein ewiges Kind! 



58. 

Hat man wohl beachtet, inwiefern zu einem eigent- 
lich religiösen Leben (und sowohl zu seiner mikro- 
skopischen Lieblings-Arbeit der Selbstprüfung als zu 
jener zarten Gelassenheit, welche sich „Gebet" nennt und 
eine beständige Bereitschaft für das „Kommen Gottes" 
ist) der äussere Müssiggang oder Halb-Müssiggang 
noth thut, ich meine der Müssiggang mit gutem Gewissen, 
von Alters her, von Geblüt, dem das Aristokraten-Gefühl 
nicht ganz fremd ist, dass Arbeit schändet, — nämlich 
Seele und Leib gemein macht? Und dass folglich die 
moderne, lärmende, Zeit -auskaufende, auf sich stolze, 
dumm -stolze Arbeitsamkeit, mehr als alles Übrige, ge- 
rade zum „Unglauben" erzieht und vorbereitet? Unter 
Denen, welche zum Beispiel jetzt in Deutschland abseits 
von der Religion leben, finde ich T^Ienschen von vielerlei 
Art und Abkunft der „Freidenkerei", vor Allem aber 
eine Mehrzahl Solcher, denen Arbeitsamkeit, von Ge- 
schlecht zu Geschlecht, die religiösen Instinkte aufgelöst 
hat: so dass sie gar nicht mehr wissen, wozu Religionen 
nütze sind, und nur mit einer Art stumpfen Erstaunens 

Nifltsiche, Werke Band VU. 6 



— 82 — 

ihr Vorhandensein in der Welt gleichsam registriren. 
Sie fühlen sich schon reichlich in Anspruch genommen, 
diese braven Leute, sei es von ihren Geschäften, sei 
es von ihren Vergnügungen, gar nicht zu reden vom 
„Vaterlande" und den Zeitungen und den „Pflichten 
der Familie": es scheint, dass sie gar keine 2^it für die 
Religion übrig haben, zumal es ihnen unklar bleibt, ob 
es sich dabei um ein neues Geschäft oder ein neues 
Vergnügen handelt, — denn unmöglich, sagen sie sich, 
geht man in die Kirche, rein um sich die gute Laune 
zu verderben. Sie sind keine Feinde der religiösen Ge- 
bräuche; verlangt man in gewissen Fällen, etwa von 
Seiten des Staates, die Betheüigung an solchen Ge- 
bräuchen, so thim sie, was man verlangt, wie man so 
Vieles thut — , mit einem geduldigen und bescheidenen 
Ernste und ohne viel Neugierde und Unbehagen: — sie 
leben eben zu sehr abseits und ausserhalb, um selbst nur 
ein Für und Wider in solchen Dingen bei sich nöthig 
zu finden. Zu diesen Gleichgültigen gehört heute die 
Überzahl der deutschen Protestanten in den mittleren 
Ständen, sonderlich in den arbeitsamen grossen Handels- 
und Verkehrscentren; ebenfalls die Überzahl der arbeit- 
samen Gelehrten und der ganze Universitäts - Zubehör 
(die Theologen ausgenommen, deren Dasein und Mög- 
lichkeit daselbst dem Psychologen immer mehr und 
immer feinere Räthsel zu rathen giebt). Man macht 
sich selten von Seiten frommer oder auch nur kirch- 
licher Menschen eine Vorstellung davon, wie viel guter 
Wille, man könnte sagen willkürlicher Wille jetzt dazu 
gehört, dass ein deutscher Gelehrter das Problem der 
Religion ernst nimmt; von seinem ganzen Handwerk 
her (und, wie gesagt, von der handwerkerhaflen Arbeit- 
samkeit her, zu welcher ihn sein modernes Gewissen 



- 83 - 

verpflichtet) neigft er zu einer überlegenen, beinahe gü- 
tigen Heit^keit gegen die Religion , zu der sich bis- 
weilen eine leichte Geringschätzung mischt, gerichtet 
gegen die „Unsauberkeit" des Geistes, welche er über- 
all dort voraussetzt, wo man sich noch zur Kirche be- 
kennt. Es gelingt dem Gelehrten erst mit Hülfe der 
Geschichte (also nicht von seiner persönlichen Erfahr- 
ung aus), es gegenüber den Religionen zu einem ehr- 
furchtsvollen Ernste und zu einer gewissen scheuen 
Rücksicht zu bringen; aber wenn er sein Gefühl sogar 
bis zur Dankbarkeit gegen sie gehoben hat, so ist er 
mit seiner Person auch noch keinen Schritt weit Dem, 
was noch als Kirche oder Frömmigkeit besteht, näher 
gekommen : vielleicht umgekehrt. Die praktische Gleich- 
gültigkeit gegen religiöse Dinge, in welche hinein ei 
geboren und erzogen ist, pflegt sich bei ihm zur Behut- 
samkeit und Reinlichkeit zu sublimiren, welche die Be- 
rührung mit religiösen Menschen und Dingen scheut; und 
es kann gerade die Tiefe seiner Toleranz und Mensch- 
lichkeit sein, die ihn vor dem feinen Nothstande aus- 
weichen heisst, welchen das Toleriren selbst mit sich 
bringt. — Jede Zeit hat ihre eigene göttliche Art von 
Naivetät, um deren Erfindung sie andre Zeitalter beneiden 
dürfen: — und wie viel Naivetät, verehrungswürdige, 
kindliche und unbegrenzt tölpelhafte Naivetät liegt in 
diesem Überlegenheits-Glauben des Gelehrten, im guten 
Gewissen seiner Toleranz, in der ahnungslosen schlichten 
Sicherheit, mit der sein Instinkt den religiösen Menschen 
als einen minderwerthigen und niedrigeren Typus be- 
handelt, über den er selbst hinaus, hinweg, hinauf 
gewachsen ist, — er, der kleine anmaassliche Zwerg und 
Pöbelmann, der fleissig-flinke Kopf- und Handarbeiter 
der „Ideen", der „modernen Ideen" I 

6* 



— 84 — 



59- 



Wer tief in die Welt gesehn hat, erräth wohl, 
welche Weisheit darin liegt, dass die Menschen ober- 
flächlich sind. Es ist ihr erhaltender Instinkt, der sie 
lehrt, flüchtig, leicht und falsch zu sein. Man findet 
hier und da eine leidenschaftliche und übertreibende An- 
betung der „reinen Formen", bei Philosophen wie bei 
Künstlern: möge Niemand zweifeln, dass wer dergestalt 
den Cultus der Oberfläche nöthig hat, irgend wann ein- 
mal einen unglückseligen GrrifiF unter sie gethan hat. 
Vielleicht giebt es sogar hinsichtlich dieser verbrannten 
Kinder, der geborenen Künstler, welche den Genuss des 
Lebens nur noch in der Absicht finden, sein Bild zu 
fälschen (gleichsam in einer langwierigen Rache am 
Leben — ), auch noch eine Ordnung des Ranges: man 
könnte den Grad, in dem ihnen das Leben verleidet ist, 
daraus abnehmen, bis wie weit sie sein Bild verfälscht, 
verdünnt, veijenseitigt, vergöttlicht zu sehn wünschen, — 
man könnte die homtnes religiosi mit unter die Künstler 
rechnen, als ihren höchsten Rang. Es ist die tiefe arg- 
wöhnische Furcht vor einem unheilbaren Pessimismus, 
der ganze Jahrtausende zwingt, sich mit den Zähnen in 
eine religiöse Interpretation des Daseins zu verbeissen: 
die Furcht jenes Instinktes, welcher ahjQi, dass man der 
Wahrheit zu früh habhaft werden könnte, ehe der 
Mensch stark genug, hart genug, Künstler genug ge- 
worden ist Die Frömmigkeit, das „Leben in Gott", 

mit diesem Blicke betrachtet, erschiene dabei als die 
feinste und letzte Ausgeburt der Furcht vor der Wahr- 
heit, als Künstler- Anbetung und -Trunkenheit vor der 
consequentesten aller Fälschungen, als der Wille zur Um- 
kehrung der Wahrheit, zur Unwahrheit um jeden Preis. 



- 85 - 

Vielleicht, dass es bis jetzt kein stärkeres Mittel gab, 
den Menschen selbst zu verscl^ünern, als eben Frömmig- 
keit: durch sie kann der Mensch so sehr Kunst, Ober- 
fläche, Farbenspiel, Güte werden, dass man an seinem 
Anblicke nicht mehr leidet — 



60. 

Den Menschen zu lieben um Gottes Willen — 
das war bis jetzt das vornehmste und entlegenste Gefühl, 
das unter Menschen erreicht worden ist. Dass die Liebe 
zum Menschen ohne irgend eine heiligende Hinterabsicht 
eine Dummheit und Thierheit mehr ist, dass der Hang 
zu dieser Menschenliebe erst von einem höheren Hange 
sein Maass, seine Feinheit, sein Körnchen Salz und Stäub- 
chen Ambra zu bekommen hat: — welcher Mensch es 
auch war, der dies zuerst empfunden und „erlebt" hat, 
wie sehr auch seine Zunge gestolpert haben mag, als sie 
versuchte, solch eine Zartheit auszudrücken, er bleibe uns 
in alle Zeiten heilig und verehrenswerth, als der Mensch, 
der am höchsten bisher geflogen und am schönsten sich 
verirrt hat! 

61. 

Der Philosoph, wie wir ihn verstehen, wir freien 
Geister — , als der Mensch der umfänglichsten Verant- 
wortlichkeit, der das Gewissen für die Gesammt- Ent- 
wicklung des Menschen hat: dieser Philosoph wird sich 
der ReUgionen zu seinem Züchtungs- und Erziehungs- 
werke bedienen, wie er sich der jeweiligen politischen 
und wirthschaftlichen Zustände bedienen wird. Der aus- 
lesende, züchtende, das heisst immer ebensowohl der zer- 
störende als der sch öpferis che und gestaltende Einfluss, 



— 86 — 

welcher mit Hülfe der Religionen ausgeübt werden kann, 
ist je nach der Art Menschen, die unter ihren Bann und 
Schutz gestellt werden, ein vielfacher und verschiedener. 
Für die Starken, Unabhängigen, zum Befehlen Vorberei- 
teten und Vorbestimmten, in denen die V ernun ft und 
Kunst einer regierenden Rasse leibhaft wird, ist Religion 
ein Mittel mehr, um Widerstände zu überwinden, um 
herrschen zu können: als ein Band, dais Herrscher und 
Unterthanen gemeinsam bindet und die Gewissen der 
Letzteren, ihr Verborgenes und Innerlichstes, das sich 
gerne dem Gehorsam entziehn möchte, den Ersteren 
verräth und überantwortet; und falls einzelne Naturen 
einer solchen vornehmen Herkunft, durch hohe Geistig- 
keit, einem abgezogeneren und beschaulicheren Leben 
sich zuneigen und nur die feinste Artung des Herrschens 
(über ausgesuchte Jünger oder Ordensbrüder) sich vor- 
behalten , so kann Religion selbst als Mittel benutzt 
werden, sich Ruhe vor dem Lärm und der Mühsal des 
gröberen Regierens und Reinheit vor dem nothwen- 
digen Schmutz alles Politik -Machens zu schaffen. So 
verstanden es zum Beispiel die Brahmanen: mit Hülfe 
einer religiösen Organisation gaben sie sich die I^Iacht, 
dem Volke seine Könige zu ernennen, während sie sich 
selber abseits und ausserhalb hielten und fühlten, als die 
Menschen höherer und überköniglicher Aufgaben. Li- 
zwischen giebt die Religion auch einem Theile der Be- 
herrschten Anleitung und Gelegenheit, sich auf einst- 
maliges Herrschen und Befehlen vorzubereiten, jenen 
langsam heraufkommenden stärkeren Klassen und Ständen 
nämlich, in denen, durch glückliche Ehesitten, die Kraft 
und Lust des Willens, der Wille zur Selbstbeherrschung, 
immer im Steigen ist: — ihnen bietet die Religion An- 
stösse und Versuchungen genug, die Wege zur höheren 



- 87 - 

Geistigkeit zu gehen, die Gefühle der grossen Selbst- 
überwindung, des Schweigens und der Einsamkeit zu 
erproben: — Asketismus und Puritanismus sind fast un- 
e ntbehrUc he Erziehungs- und Veredln gsmittel , wenn 
eine Rasse über ihre Herkunft aus dem Pöbel Herr 
werden will und sich zur einstmalige n Herrschaft empc«*- 
arbeitet Den gewöhnlichen Menschen endlich, den Aller- 
meisten, welche zum Dienen und zum allgemeinen Nutzen 
dasind und nur insofern dasein dürfen, giebt die Reli- 
gion eine unschätzbare Genügsamkeit mit ihrer Lage und 
Art, vielfachen Frieden des Herzens, eine Veredelung des 
Gehorsams, ein Glück und Leid mehr mit Ihres-Gleichen 
und etwas von Verklärung und Verschönerung, etwas 
von Rechtfertigung des ganzen Alltags, der ganzen Nied- 
rigkeit, der ganzen Halbthier-Annuth ihrer Seele. Reli- 
gion und religiöse Bedeutsamkeit des Lebens legt Sonnen- 
glanz auf solche immer geplagte Menschen und macht 
ihnen selbst den eigenen Anblick erträglich, sie wirkt, 
wie eine epikurische Philosophie auf Leidende höheren 
Ranges zu wirken pflegt, erquickend, verfeinernd, das 
Leiden gleichsam ausnützend, zuletzt gar heiligend 
und rechtfertigend. Vielleicht ist am Christenthum und 
Buddhismus nichts so ehrwürdig als ihre Kunst, noch den 
Niedrigsten anzulehren, sich durch Frömmigkeit in eine 
höhere Schein-Ordnung der Dinge zu stellen und damit 
das Genügen an der wirklichen Ordnung, innerhalb deren 
sie hart genug leben, — und gerade diese Härte thut 
noth! — bei sich festzuhalten. 



62. 

Zuletzt freilich, um solchen Religionen auch die 
schlimme Gegenrechnung zu machen und ihre unheim- 



— 88 — 

liehe Gefährlichkeit an's Licht zu stellen: — es bezahlt 
sich immer theuer und fürchterlich, wenn ReUgionen 
nicht als Züchtungs- und Erziehungsmittel in der Hand 
des Philosophen, sondern von sich aus und souverän 
walten, wenn sie selber letzte Zwecke und nicht Mittel 
neben anderen Mitteln sein wollen. Es giebt bei dem 
Menschen wie bei jeder anderen Thierart einen Über- 
schuss von Missrathenen , Kranken, Entartenden, Ge- 
brechlichen, nothwendig Leidenden; die gelungenen Fälle 
sind auch beim Menschen immer die Ausnahme und 
sogar in Hinsicht darauf, dass der Mensch das noch 
nicht festgestellte Thier ist, die spärliche Ausnahme. 
Aber noch schlimmer: je höher geartet der Typus eines 
Menschen ist, der durch ihn dargestellt wird, um so mehr 
steigt noch die Un Wahrscheinlichkeit, dass er geräth: das 
Zufällige, das Gesetz des Unsinns im gesammten Haus- 
halte der Menschheit zeigt sich am erschrecklichsten in 
seiner zerstörerischen Wirkung auf die höheren Menschen, 
deren Lebensbedingungen fein, vielfach und schwer aus- 
zurechnen sind. Wie verhalten sich nun die genannten 
beiden grössten Religionen zu diesem Überschuss der 
misslungenen Fälle? Sie suchen zu erhalten, im Leben 
festzuhalten, was sich nur irgend halten lässt, ja sie 
nehmen grundsätzlich für sie Partei, als Religionen für 
Leidende, sie geben allen Denen Recht, welche am 
Leben wie an einer Krankheit leiden, und möchten es 
durchsetzen, dass jede andre Empfindung des Lebens als 
falsch gelte und unmöglich werde. Möchte man diese 
schonende und erhaltende Fürsorge, insofern sie neben 
allen anderen auch dem höchsten, bisher fast immer auch 
leidendsten Typus des Menschen gilt und galt, noch so 
hoch anschlagen: in der Gesammt-Abrechnung gehören 
die bisherigen, nämlich souveränen Religionen zu den 



- 89 - 

Hauptursachen, welche den Typus „Mensch" auf einer 
niedrigeren Stufe festhielten, — sie erhielten zu viel von 
dem, was zu Grunde gehn sollte. Man hat üinen Un- 
schätzbares zu danken ; und wer ist reich genug an Dank- 
barkeit, um nicht vor alle dem arm zu werden, was zum 
Beispiel die „geistlichen Menschen" des Christenthums 
bisher für Europa gethan haben! Und doch, wenn sie 
den Leidenden Trost, den Unterdrückten und Verzwei- 
felnden Muth, den Unselbständigen einen Stab und Halt 
gaben und die Innerlich-Zerstörten und Wild-Gewordenen 
von der Gesellschaft weg in Klöster und seelische Zucht- 
häuser lockten: was mussten sie ausserdem thun, um mit 
gutem Gewissen dergestalt grundsätzlich an der Erhal- 
tung alles Kranken und Leidenden, das heisst in That 
und Wahrheit an der Verschlechterung der europä- 
ischen Rasse zu arbeiten? Alle Werthschätzungen auf 
den Kopf stellen — das mussten siel Und die Star- 
ken zerbrechen, die grossen Hoffnungen ankränkeln, das 
Glück in der Schönheit verdächtigen, alles Selbstherr- 
liche, Männliche, Erobernde, Herrschsüchtige, alle In- 
stinkte, welche dem höchsten und wohlgerathensten Typus 
„Mensch" zu eigen sind, in Unsicherheit, Gewissens-Noth, 
Selbstzerstörung umknicken, ja die ganze Liebe zum 
tdischen und zur Herrschaft über die Erde in Hass 
gegen die Erde und das Irdische verkehren — das stellte 
sich die Kirche zur Aufgabe und musste es sich stellen, 
bis für ihre Schätzung endlich „Entweltlichung", „Entsinn- 
lichung^' und „höherer Mensch" in Ein Gefühl zusammen- 
schmolzen. Gesetzt, dass man mit dem spöttischen und 
unbetheiligten Auge eines epikurischen Gottes die wunder- 
lich schmerzliche und ebenso grobe wie feine Komödie 
des europäischen Christenthums zu überschauen vermöchte, 
ich glaube, man fände kein Ende mehr zu staunen und 



— 90 — 

zu lachen: scheint es denn nicht, dass Ein Wille Ober 
Europa durch achtzehn Jahrhunderte geherrscht hat, aus 
dem Menschen eine sublime Missgeburt zu machen? 
Wer aber mit umgekehrten Bedürfhissen, nicht epikurisch 
mehr, sondern mit irgend einem göttlichen Hammer in 
der Hand auf diese fast willkürliche Entartung und Ver- 
kümmerung des Menschen zuträte, wie sie der christliche 
Europäer ist (Pascal zum Beispiel), müsste er da nicht 
mit Grimm, mit Mitleid, mit Entsetzen schreien: „Oh ihr 
Tölpel, ihr anmaassenden mitleidigen Tölpel, was habt 
ihr da gemacht 1 War das eine Arbeit für eure Hände! 
Wie habt ihr mir meinen schönsten Stein verhauen und 
verhunzt! Was nahmt ihr euch heraus!" — Ich wollte 
sagen : das Christenthura war bisher die verhängnissvollste 
Art von Selbst -Überhebung. Menschen, nicht hoch und 
hart genug, um am Menschen als Künstler gestalten 
zu dürfen; Menschen, nicht stark und femsichtig genug, 
um, mit einer erhabenen Selbst-Bezwingung, das Vorder- 
grund-Gesetz des tausendfältigen Missrathens und Zu- 
grrundegehns walten zu lassen; Menschen, nicht vornehm 
genug, um die abgründlich verschiedene Rangordnung 
und Rangkluft zwischen Mensch und Mensch zu sehen: 
— solche Menschen haben, mit ihrem „Gleich vor Gott", 
bisher über dem Schicksale Europa's gewaltet, bis endlich 
eine verkleinerte, fast lächerliche Art, ein Heerdenthier, 
etwas GutAvilliges, Kränkliches und Mittel massiges heran- 
gezüchtet ist, der heutige Europäer. . . . 



Viertes Hauptstück: 



Sprüche und Zwischenspiele 



63. 
Wer von Grund aus Lehrer ist, nimmt alle Dinge nur 
in Bezug auf seine Schüler ernst, — sogar sich selbst. 

64. 
„Die Erkenntniss um ihrer selbst willen" — das ist 
der letzte Fallstrick, den die Moral legt: damit ver- 
wickelt man sich noch einmal völlig in sie. 

65. 
Der Reiz der Erkenntniss wäre gering, wenn nicht 
auf dem Wege zu ihr so viel Scham zu überwinden wäre. 

65*. 
Man ist am unehrlichsten gegen seinen Gott: er darf 
nicht sündigen I 

66. 

Die Neigung, sich herabzusetzen, sich bestehlen, 
belügen und ausbeuten zu lassen, könnte die Scham 
eines Gottes unter Menschen sein. 

67. 
Die Liebe zu Einem ist eine Barbarei: denn sie wird 
auf Unkosten aller Übrigen ausgeübt Auch die Liebe 
zu Gott 



94 — 



68. 



,J)as habe ich gethan" sagt mein Gedächtniss. „Das 
kann ich nicht gethan haben" — sagt mein Stolz und 
bleibt u nerbit tlich. Endlich — giebt das Gedächtniss nach. 

69. 

Man hat schlecht dem Leben zugeschaut, wenn man 
nicht auch die Hand gesehn hat, die auf eine schonende 
Weise — tödtet 

70. 

Hat man Charakter, so hat man auch sein typisches 
Erlebniss, das immer wieder kommt 

71- 

Der Weise als Astronom. — So lange du noch 
die Sterne ftlhlst als ein „Über-dir", fehlt dir noch der 
Blick des Erkennenden. 

72. 

Nicht die Stärke, sondern die Dauer der hohen 
Empfindung macht die hohen Menschen. 

73- 

Wer sein Ideal erreicht, kommt eben damit über 
dasselbe hinaus. 

73'. 

Mancher Pfau verdeckt vor Aller Augen seinen 
Pfauenschweif — und heisst es seinen Stolz. 



— 95 — 

74- 
Ein Mensch mit Genie ist unausstehlich, wenn er 
nicht mindestens noch zweierlei dazu besitzt: Dankbarkeit 
und Reinlichkeit 

7-5- 
Grad und Art der Geschlechtlichkeit eines Menschen 
reicht bis in den letzten Gipfel seines Geistes hinauf. 

76. 

Unter fi-iedlichen Urnständen fällt der kriegerische 
Mensch über sich selber her. 

77. 
Mit seinen Grundsätzen will man seine Gewohn- 
heiten tjTannisiren oder rechtfertigen oder ehren oder 
beschimpfen oder verbergen: — zwei Menschen mit 
gleichen Grundsätzen wollen damit wahrscheinlich noch 
etwas Grund -Verschiednes. 

78. 

Wer sich selbst verachtet, achtet sich doch immer 
noch dabei als Verächter. 

79. 
Eine Seele, die sich geliebt weiss, aber selbst nicht 
liebt, verräth ihren Bodensatz: — ihr Unterstes kommt 
herau£ 

80. 

Eine Sache, die sich aufklärt, hört auf, uns etwas 
anzugehn. — Was meinte jener Gott, welcher anrieth: 



- 96 - 

„erkenne dich selbst"? Hiess es vielleicht: „h^_e__auf, 
dich etwas anzugehn! werde objektiv!" — Und So 
krates? — Und der „wissenschaftliche Mensch"? — 

8i. 

Es ist furchtbar, im Meere vor Durst zu sterben. 
Müsst ihr denn gleich eure Wahrheit so salzen, dass sie 
nicht einmal mehr — den Durst löscht? 

82. 
„Mitleiden mit Allen" — wäre Härte und Tyrannei 
mit dir, mein Herr Nachbar! — 

83. 
Der Instinkt. — Wenn das Haus brennt, vergisst 
man sogar das Mittagsessen. — Ja: aber man holt es 
auf der Asche nach. 

84. 
Das Weib lernt hassen, in dem Maasse, in dem es 
zu bezaubern — verlernt 

85. 
Die gleichen Affekte sind bei Mann und Weib doch 
im Tempo verschieden: deshalb hören Mann und Weib 
nicht auf, sich misszuverstehn. 

86. 

Die Weiber selber haben im Hintergrunde aller 
persönlichen Eitelkeit immer noch ihre unpersönliche 
Verachtung — für „das Weib". — 



— 97 — 

87. 

Gebunden Herz, freier Geist — Wenn man 
sein Herz hart bindet und gefangen legt, kann man 
seinem Geist viele Freiheiten geben: ich sagte das schon 
Ein Mal. Aber man glaubt mir's nicht, gesetzt, dciss 
man's nicht schon weiss — — 

88. 

Sehr klugen Personen fängt man an zu misstrauen, 
wenn sie verlggen werden. 

89. 

Fürchterliche Erlebnisse geben zu rathen, ob Der, 
w^elcher sie erlebt, nicht etwas Fürchterliches ist 

90. 

Schwere, schwermüthige Menschen werden gerade 
durch das, was Andre schwer macht, durch Hass und 
Liebe, leichter und kommen zeitweilig an ihre Oberfläche. 

91. 

So kalt, so eisig, dass man sich an ihm die Finger 
verbrennt! Jede Hand erschrickt, die üin anfasst! — 
Und gerade darum halten Manche ihn für glühend. 

92. 

Wer hat nicht für seinen guten Ruf schon einmal 
— sich selbst geopfert? — 

N i e 1 1 s c h e , \Verke Band VII. J 



^ 98 - 

93. 
In der Leutseligkeit ist Nichts von Menschenhass, 
aber eben darum allzuviel von Menschenverachtung. 

94. 
Reife des Mannes: das heisst den Ernst wieder- 
gefunden haben, den man als Kind hatte, beim Spiel 

95. 
Sich seiner Unmoralität schämen: das ist eine Stufe 
auf der Treppe, an deren Ende man sich auch seiner 
Moralität schämt 

96. 

Man soll vom Leben scheiden wie Odysseus von 
Nausikaa schied, — mehr segnend als verliebt 

97. 
Wie? Ein grosser Mann? Ich sehe immer nur den 
Schauspieler seines eignen Ideals. 

98. 

Wenn man sein Gewissen dressirt, so küsst es uns 
zugleich, indem es beisst. 

99. 

Der Enttäuschte spricht — ,Jch horchte auf 
Widerhall, und ich hörte nur Lob — *• 

100. 

Vor uns selbst stellen wir uns Alle einfältiger als 
wir sind: wir ruhen uns so von unsem Mitmenschen aus. 



— 99 — 

lOI. 

Heute möchte sich ein Erkennender leicht als Thier- 
werdung Gottes fühlen. 

102. 

Gegenliebe entdecken sollte eigentlich den Lieben- 
den über das geliebte Wesen ernüchtern. „Wie? es ist 
bescheiden genug, sogar dich zu lieben? Oder dumm 
genug? Oder — oder — " 

103. 

Die Gefahr im Glücke. — „Nun gereicht mir 
Alles zum Besten, nunmehr liebe ich jedes Schicksal: — 
wer hat Lust, mein Schicksal zu sein?" 

104. 

Nicht ihre Menschenliebe, sondern die Ohnmacht 
ihrer Menschenliebe hindert die Christen von Heute, uns 

— zu verbrennen. 

105. 

Dem freien Geiste, dem „Frommen der Erkenntniss" 

— geht die pia /raus noch mehr wider den Geschmack 
(wider seine „Frömmigkeit") als die itnpia /raus. Daher 
sein tiefer Unverstand gegen die Kirche, wie er zum 
Typus ,/reier Geist" gehört, — als seine Unfreiheit 

106. 

Vermöge der Musik geniessen sich die Leiden- 
schaften selbst. 



— lOO — 

107. 

Wenn der Entschluss einmal gefasst ist, das Ohr 
auch für den besten Gegengnind zu schliessen: Zeichen 
des starken Charakters. Also ein gelegentlicher Wille 
zur Dummheit. 

108. 

Es giebt gar keine moralischen Phänomene, sondern 
nur eine moralische Ausdeutung von Phänomenen 

109. 

Der Verbrecher ist häufig genug seiner That nicht 
gewachsen; er verkleinert und verleumdet sie. 

iio. 

Die Advokaten eines Verbrechers sind selten Ar- 
tisten genug, um das schöne Schreckliche der That zu 
Gunsten ihres Thäters zu wenden. 

III. 

Unsre Eitelkeit ist gerade dann am schwersten zu 
verletzen, wenn eben unser Stolz verletzt wurde. 

112. 

Wer sich zum Schauen und nicht zum Glauben 
vorherbestimmt fühlt, dem sind alle Gläubigen zu lär- 
mend und zudringlich: er erwehrt sich ilirer. 

113. 
„Du willst ihn filr dich einnehmen? So stelle dich 
vor ihm verlegen — " 



— lOI — 

114. 

Die ungeheure Erwartung in Betreff der Geschlechts- 
liebe, und die Scham in dieser Erwartung, verdirbt den 
Frauen von vornherein alle Perspektiven. 

115. 
Wo nicht Liebe oder Hass mitspielt, spielt das Weib 
mittelmässig. 

116. 

Die grossen Epochen unsres Lebens liegen dort, 
wo wir den Muth gewinnen, unser Böses als unser 
Bestes u^nzutaufen. 

117. 
Der Wille, einen Affekt zu üben\nnden, ist zuletzt 
doch nur der Wille eines anderen oder mehrerer anderer 
Affekte. 

118. 

Es giebt eine Unschuld der Bewunderung: Der hat 
sie, dem es noch nicht in den Sinn gekommen ist, auch 
er könne einmal bewundert werden. 

119. 
Der Ekel vor dem Schmutze kann so gross sein, 
dass er uns hindert, uns zu reinigen, — uns zu „recht- 
fertigen". 

120. 
Die Sinnlichkeit übereilt oft das Wachsthum der 
Liebe, so dass die Wurzel schwach bleibt und leicht 
auszureissen ist 



— I02 — 
121. 

Es ist eine Feinheit, dass Gott griechisch lernte, als 
er Schriftsteller werden wollte, — und dass er es nicht 
besser lernte. 

122. 

Sich über ein Lob freuen ist bei Manchem nur eine 
Höflichkeit des Herzens — und gerade das Gegenstück 
einer Eitelkeit des Geistes. 

Auch das Concubinat ist comimpirt worden: — 
durch die Ehe. 

124. 

Wer auf dem Scheiterhaufen noch frohlockt, trium- 
phirt nicht über den Schmerz, sondern darüber, keinen 
Schmerz zu fühlen, wo er ihn erwartete. Ein Gleichniss. 

Wenn wir über Jemanden umlernen müssen, so 
rechnen wir ihm die Unbequemlichkeit hart an, die er 
uns damit macht. 

126. 

Ein Volk ist der Umschweif der Natur, um zu sechs, 
sieben grossen Männern zu kommen. — Ja : und um dann 
um sie herum zu kommen. 

127. 

Allen rechten Frauen geht Wissenschaft wider die 
Scham. Es ist ihnen dabei zu Muthe, als ob man damit 
ihnen unter die Haut, — schlimmer nochl unter Kleid 
und Putz gnacken wolle. 



r- 103 



128. 



Je abstrakter die Wahrheit ist, die du lehren willst, 
um so mehr musst du noch die Sinne zu ihr verführen. 



129. 

Der Teufel hat die weitesten Perspektiven für Gott, 
deshalb hält er sich von ihm so fem: — der Teufel näm- 
lich als der älteste Freund der Erkenntniss. 

130. 
Was Jemand ist, fängt an, sich zu verrathen, wenn 
sein Talent nachlässt, — wenn er aufhört, zu zeigen, was 
er kann. Das Talent ist auch ein Putz; ein Putz ist 
auch ein Versteck. 

131- 
Die Geschlechter täuschen sich über einander: das 
macht, sie ehren und lieben im Grunde nur sich selbst 
(oder ihr eigenes Ideal, um es gefälliger auszudrücken — ). 
So will der Mann das Weib friedlich, — aber gerade das 
Weib ist wesentlich unftiedlich, gleich der Katze, so 
gnt es sich auch auf den Anschein des Friedens ein- 
geübt hat 

132. 
Man wird am besten für seine Tugenden bestraft. 

133. 
Wer den Weg zu seinem Ideale nicht zu finden 
weiss, lebt leichtsinniger und frecher als der ^lensch 
ohne Ideal. 



— I04 — 

134. 
Von den Sinnen her kommt erst alle Glaubwürdig- 
keit, alles gute Gewissen, aller Augenschein der Wahrheit 

135- 
Der Pharisäismus ist nicht eine Entartung am guten 
Menschen: ein gutes Stück davon ist vielmehr die Be- 
dingung von allem Gut- sein. 

136. 
Der Eine sucht einen Geburtshelfer für seine Ge- 
danken, der Andre Einen, dem er helfen kann: so ent- 
steht ein gutes Gespräch. 

137. 
Im Verkehre mit Gelehrten und Künstlern verrechnet 
man sich leicht in umgekehrter Richtung: man findet 
hinter einem merkwürdigen Gelehrten nicht selten einen 
mittelmässigen Menschen, und hinter einem mittelmässigen 
Künstler sogar oft — einen sehr merkwürdigen Menschen. 

138. 
Wir machen es auch im Wachen wie im Traume: 
wir erfinden und erdichten erst den Menschen, mit dem 
wir verkehren, — und vergessen es sofort. 

139- 
In der Rache und in der Liebe ist das Weib bar- 
barischer als der Mann. 

140. 
Rath als Räthsel. — „Soll das Band nicht reissen, 
— musst du erst drauf beissen." 



— I05 — 

141. 
Der Unterleib ist der Grund dafiir, dass der Mensch 
sich nicht so leicht für einen Gott hält 

142. 

Das züchtigste Wort, das ich gehört habe: „Dans 
le vdritable atnour c'est l'ä?ne, qui enveloppe le corps." 

143- 

Was wir am besten thun, von dem möchte unsre 
Eitelkeit, dass es gerade als Das gelte, was uns am 
schwersten werde. Zum Ursprung mancher Moral. 

144. 
Wenn ein Weib gelehrte Neigungen hat, so ist 
gewöhnlich Etwas an ihrer Geschlechtlichkeit nicht in 
Ordnung. Schon Unfruchtbarkeit disponirt zu einer 
gewissen Männlichkeit des Geschmacks; der Mann ist 
nämlich, mit Verlaub, „das unfruchtbare Thier". 

145- 
Mann und Weib im Ganzen verglichen, darf man 
sagen: das Weib hätte nicht das Genie des Putzes, 
wenn es nicht den Instinkt der zweiten Rolle hätte. 

146. 

Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehn, dass er 
nicht dabei zum Ungeheuer wird. Und wenn du lange 
in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in 
dich hinein. 



J 



— io6 — - 

147- 
Aus alten florentinischen Novellen, überdies — aus 
dem Leben: buona femmina e mala femmina vuol 
bastone, Sacchetti Nov. 86. 

148. 

Den Nächsten zu einer guten Meinung verfuhren 
und hinterdrein an diese Meinung des Nächsten gläubig 
glauben : wer thut es in diesem Kunststück den Weibern 
gleich? — 

149 

Was eine Zeit als böse empfindet, ist gewöhnlich 
ein unzeitgemässer Nachschlag dessen, was ehemals als 
gut empfunden wurde, — der Atavismus eines älteren 
Ideals. 

150. 

Um den Helden herum wird Alles zur Tragödie, 
um den Halbgott herum Alles zum Satyrspiel; und um 
Gott herum wird Alles — wie? vielleicht zur „Welt"? — 

151- 
Ein Talent haben ist nicht genug: man muss auch 
eure Erlaubniss dazu haben, — wie? meine Freunde? 

152. 
„Wo der Baum der Erkenntniss steht, ist immer 
das Paradies": so reden die ältesten und die jüngsten 
Schlangen. 

153. 
Was aus Liebe gethan wird, geschieht immer jen- 
seits von Gut und Böse. 



— 107 — 



154. 



Der Einwand, der Seitensprung, das fröhliche Miss- 
trauen , die Spottlust sind Anzeichen der Gesundheit: 
alles Unbedingte gehört in die Pathologie. 

155- 

Der Sinn filr das Tragische nimmt mit der Sinnlich- 
keit ab und zu. 

156. 

Der Irrsinn ist bei Einzelnen etwas Seltenes, — 
aber bei Gruppen, Parteien, Völkern, Zeiten die Regel. 

157. 

Der Gedanke an den Selbstmord ist ein starkes 
Trostmittel: mit ihm kommt man gut über manche böse 
Nacht hinweg. 

158. 

Unserm stärksten Triebe, dem Tyrannen in uns, 
unterwirft sich nicht nur unsre Vernunft, sondern auch 
imser Gewissen. 

159. 

Man muss vergelten , Gutes und Schlimmes: aber 
warum gerade an der Person, die uns Gutes oder Schlim- 
mes that? 

160. 

Man liebt seine Erkenntniss nicht genug melir, so- 
bald man sie mittheilt 



_- io8 — 

i6i. 
Die Dichter sind gegen ihre Erlebnisse schamlos: 
sie beuten sie aus. 

162. 
„Unser Nächster ist nicht unser Nachbar, sondern 
dessen Nachbar" — so denkt jedes Volk. 

163. 
Die Liebe bringt die hohen und verborgenen Eigen- 
schaften eines Liebenden an's Licht, — sein Seltenes, 
Ausnahmsweises: insofern täuscht sie leicht über Das, 
was Regel an ihm ist 

164. 
Jesus sagte zu seinen Juden: „das Gesetz war für 
Knechte, — liebt Gott, wie ich ihn liebe, als sein Sohnl 
Was geht uns Söhne Gottes die Moral anl" — 

165. 
Angesichts jeder Partei — Ein Hirt hat immer 
auch noch einen Leithammel nöthig, — oder er muss 
selbst gelegentlich Hammel sein. 

166. 
Man lügt wohl mit dem Munde, aber mit dem 
Maule, das man dabei macht, sagt man doch noch die 
Wahrheit 

167. 
Bei harten Menschen ist die Innigkeit eine Sache 
der Scham — und etwas Kostbares. 

168. 
Das Christenthum gab dem Eros Gift zu trinken: 
— er starb zwar nicht daran, aber entartete, zum Laster. 



lOQ 



169. 

Viel von sich reden kann auch ein Mittel sein, sich 

zu verbergen. 

170. 

Im Lobe ist mehr Zudringlichkeit als im Tadel. 

171. 

Mitleiden wirkt an einem Menschen der Erkennt- 

niss beinahe zum Lachen, wie zarte Hände an einem 

Cyklopen. 

172. 

Man uniarmt aus Menschenliebe bisweilen einen Be- 
liebigen (weil man nicht Alle umarmen kann): aber gerade 
Das darf man dem Beliebigen nicht verrathen 

173- 
Man hasst nicht, so lange man noch gering schätzt, 
sondern erst, wenn man gleich oder höher schätzt. 

174. 
Ihr Utilitarier, auch ihr liebt alles utile nur als ein 
Fjührwerk eurer Neigungen, — auch ihr findet eigent- 
lich den Lärm seiner Räder unausstehlich? 

175- 
Man liebt zuletzt seine Begierde, und nicht das Be- 
gehrte. 

176. 

Die Eitelkeit Andrer geht uns nur dann wider den 
Geschmack, wenn sie wider unsre Eitelkeit geht 

177. 
Über Das, was „Wahrhaftigkeit" ist, war vielleicht 
noch Niemand wahrhaftig genug. 



— HO — 

178. 
IClug-en Menschen glaubt man ihre Thorheiten nicht: 
welche Einbusse an Menschenrechten! 

179. 
Die Folgen unsrer Handlungen fassen uns am Schöpfe, 
sehr gleichgültig dagegen, dass wir uns inzwischen „ge- 
bessert" haben. 

180. 

Es giebt eine Unschuld in der Lüge, welche das 
Zeichen des guten Glaubens an eine Sache ist 

181. 
Es ist unmenschlich, da zu seg^nen, wo Einem ge- 
flucht wird. 
-^ 182. 

Die Vertraulichkeit des Überlegenen erbittert, weil 
sie nicht zurückgegeben werden darf. — 

183. 
„Nicht dass du mich belogst, sondern dass ich dir 
nicht mehr glaube, hat mich erschüttert." — 

184. 
Es giebt einen Übermuth der Güte, welcher sich 
wie Bosheit ausnimmt. 

185. 
„Er missfällt mir," — Warum? — „Ich bin ihm 
nicht gewachsen." — Hat je ein Mensch so geantwortet? 



Fünftes Hauptstück: 



Zur Naturgeschichte der Moral. 



i86. 

Die moralische Empfindung ist jetzt in Europa 
ebenso fein, spät, vielfach, reizbar, raffinirt, als die dazu 
gehörige „Wissenschaft der Moral" noch jung, anfänger- 
haft, plump und grobfingrig ist: — ein anziehender 
Gegensatz, der bisweilen in der Person eines Moralisten 
selbst sichtbar und leibhaft wird. Schon das Wort 
„Wissenschaft der Moral" ist in Hinsicht auf Das, was 
damit bezeichnet wird, viel zu hochmüthig und wider 
den guten Geschmack: welcher immer ein Vorgeschmack 
für die bescheideneren Worte zu sein pflegt. Man sollte, 
in aller Strenge, sich eingestehn, was hier auf lange 
hinaus noch noth thut, was vorläufig allein Recht hat: 
nämlich Sammlung des Materials, begriffliche Fassung 
und Zusammenordnung eines ungeheuren Reichs zarter 
Werthgefühle und Werthunterschiede , welche leben, 
wachsen, zeugen und zu Grunde gehn, — und, vielleicht, 
Versuche, die wiederkehrenden und häufigeren Gestal- 
tungen dieser lebenden Krystallisation anschaulich zu 
machen, — als Vorbereitung zu einer Typenlehre der 
Moral. Freilich: man war bisher nicht so bescheiden. 
Die Philosophen allesammt forderten, mit einem steifen 
Ernste, der lachen macht, von sich etwas sehr viel Höheres, 
Anspruchsvolleres, Feierlicheres, sobald sie sich mit 
der Moral als Wissenschaft befassten: sie wollten die 

Nietzsche, Werke Band VII 8 



— 114 — 

Begründung der Moral, — und jeder Philosoph hat bis- 
her geglaubt, die Moral begründet zu haben; die Moral 
selbst aber galt als „gegeben". Wie ferne lag ihrem 
plumpen Stolze jene unscheinbar dünkende und in Staub 
und Moder belassene Aufgabe einer Beschreibung, obwohl 
für sie kaum die feinsten Hände und Sinne fein genug 
sein könnten ! Gerade dadurch, dass die Moral-Philosophen 
die moralischen facta nur gröblich, in einem willkürlichen 
Auszuge oder als zufällige Abkürzung kannten, etwa als 
Moralität ihrer Umgebung, ihres Standes, ihrer Kirche, 
ihres Zeitgeistes, ihres Klima's und Erdstriches, — gerade 
dadurch, dass sie in Hinsicht auf Völker, Zeiten, Ver- 
gangenheiten schlecht unterrichtet und selbst wenig wiss- 
begierig waren, bekamen sie die eigentlichen Probleme 
der Moral gar nicht zu Gesichte: — als welche alle erst 
bei einer Vergleichung vieler Moralen auftauchen. In 
aller bisherigen „Wissenschaft der Moral" fehlte, so 
wunderlich es klingen mag, noch das Problem der Moral 
selbst: es fehlte der Argwohn dafür, dass es hier etwas 
Problematisches gebe. Was die Philosophen „Begrün- 
dung der Moral" nannten und von sich forderten, war, 
im rechten Lichte gesehn, nur eine gelehrte Form des 
guten Glaubens an die herrschende Moral, ein neues 
Mittel ihres Ausdrucks, also ein Thatbestand selbst 
innerhalb einer bestimmten Moralität, ja sogar, im letzten 
Grunde, eine Art Leugnung, dass diese Moral als Pro- 
blem gefasst werden dürfe: — und jedenfalls das Gegen- 
stück einer Prüfung, Zerlegung, Anzweiflung, Vivisektion 
eben dieses Glaubens ! Man höre zum Beispiel, mit welcher 
beinahe verelirenswürdigen Unschuld noch Schopenhauer 
seine eigene Aufgabe hinstellt, und man mache seine 
Schlüsse über die Wissenschaftlichkeit einer „Wissen- 
schaft", deren letzte Meister noch wie die Kinder und 



— 115 — 

die alten Weibchen reden: — „das Princip, sagt er 
(p. 137 der Grundprobleme der Ethik), der Grundsatz, 
über dessen Inhalt alle Ethiker eigentlich einig sind: 
neminem laede, immo ornnes , quantum potes , juva — 
das ist eigentlich der Satz, welchen zu begründen 
alle Sittenlehrer sich abmühen .... das eigentliche 
Fundament der Ethik, welches man wie den Stein der 
Weisen seit Jahrtausenden sucht." — Die Schwierigkeit, 
den angeführten Satz zu begründen, mag freilich gross 
sein — bekanntlich ist es auch Schopenhauem damit 
nicht geglückt — ; und wer einmal gründlich nachgefühlt 
hat, wie abgeschmackt-falsch und sentimental dieser Satz 
ist, in einer Welt, deren Essenz WtUe zur Macht ist — , 
der mag sich daran erinnern lassen, dass Schopenhauer, 
obschon Pessimist, eigentlich — die Flöte blies .... 
Täglich, nach Tisch: man lese hierüber seinen Biographen. 
Und beiläufig gefragt: ein Pessimist, ein Gott- und Welt- 
Verneiner, der vor der Moral Halt macht, — der zur 
Moral Ja sagt und Flöte bläst, zur laede-nemmem-'M.ordX: 
wie? ist das eigentlich — ein Pessimist? 



187. 

Abgesehn noch vom Werthe solcher Behauptungen 
wie „es giebt in uns einen kategorischen Imperativ", 
kann man immer noch fragen: was sagt eine solche 
Behauptung von dem sie Behauptenden aus? Es giebt 
Moralen, welche ihren Urheber vor Anderen rechtfertigen 
sollen; andre Moralen sollen ihn beruhigen und mit sich 
zufrieden stimmen; mit andern will er sich selbst an's 
Kreuz schlagen und demüthigen; mit andern will er 
Rache üben, mit andern sich verstecken, mit andern sich 
verklären und hinaus, in die Höhe und Ferne setzen; 

8» 



— ii6 — 

diese Moral dient ihrem Urheber, um zu vergessen, jene, 
um sich oder Etwas von sich vergessen zu machen; 
mancher Moralist möchte an der Menschheit Macht und 
schöpferische Laune ausüben; manch Anderer, vielleicht 
gerade auch Kant, giebt mit seiner Moral zu verstehen: 
„was an mir achtbar ist, das ist, dass ich gehorchen 
kann, — und bei euch soll es nicht anders stehn als 
bei mir!" — kurz, die Moralen sind auch nur eine 
Zeichensprache der Affekte. 



Jede J^Ioral ist, im Gegensatz zum laisser aller, ein 
Stück Tyrannei gegen die „Natur", auch gegen die „Ver- 
nunft": das ist aber noch kein Einwand gegen sie, man 
müsste denn selbst schon wieder von irgend einer Moral 
aus dekretiren, dass alle Art Tyrannei und Unvernunft 
unerlaubt sei. Das Wesentliche und Unschätzbare an 
jeder Moral ist, dass sie ein langer Zwang ist: um den 
Stoicismus oder Port -Royal oder das Puritanerthum zu 
verstehen, mag man sich des Zwangs erinnern, unter 
dem bisher jede Sprache es zur Stärke und Freiheit ge- 
bracht, — des metrischen Zwangs, der Tyrannei von 
Reim und Rhythmus. Wie viel Noth haben sich in 
jedem Volke die Dichter und die Redner gemacht! — 
einige Prosaschreiber von Heute nicht ausgenommen, in 
deren Ohr ein unerbittliches Gewissen wohnt — „um 
einer Thorheit willen", wie utilitarische Tölpel sagen, 
welche sich damit klug dünken, — „aus Unterwürfigkeit 
gegen Willkür- Gesetze", wie die Anarchisten sagen, die 
sich damit „frei", selbst freigeistisch wähnen. Der wunder- 
liche Thatbestand ist aber, dass Alles, was es von Frei- 
heit, Feinheit, Kühnheit, Tanz und meisterlicher Sicher- 



~ 117 — 

heit auf Erden giebt oder gegeben hat, sei es nun in 
dem Denken selbst, oder im Regieren, oder im Reden 
und Überreden, in den Künsten ebenso wie in den 
Sittlichkeiten; sich erst vermöge der „Tyrannei solcher 
Willkür-Gesetze" entwickelt hat; und allen Ernstes, die 
Wahrscheinlichkeit dafür ist nicht gering, dass gerade dies 
„Natur" und „natürlich" sei — und nicht jenes latsser 
aller! Jeder Künstler weiss, wie fem vom Gefühl des 
Sich- gehen -lassens sein „natürlichster" Zustand ist, das 
freie Ordnen, Setzen, Verfügen, Gestalten in den Augen- 
blicken der „Inspiration", — und wie streng und fein er 
gerade da tausendfältigen Gesetzen gehorcht, die aller 
Formulirung durch Begriffe gerade auf Grund ihrer 
Härte und Bestimmtheit spotten (auch der festeste Be- 
griff hat, dagegen gehalten, etwas Schwimmendes, Viel- 
faches, Vieldeutiges — ). Das Wesentliche, „im Himmel 
und auf Erden", wie es scheint, ist, nochmals gesagt, 
dass lange und in Einer Richtung gehorcht werde: 
dabei kommt und kam auf die Dauer immer Etwas her- 
aus, dessentwillen es sich lohnt, auf Erden zu leben, zum 
Beispiel Tugend, Kunst, Musik, Tanz, Vernunft, Geistigkeit, 
— irgend etwas Verklärendes, Raffinirtes, Tolles und 
Göttliches. Die lange Unfreiheit des Geistes, der miss- 
trauische Zwang in der Mittheilbarkeit der Gedanken, 
die Zucht, welche sich der Denker auferlegte, innerhalb 
einer kirchlichen und höfischen Richtschnur oder unter 
aristotelischen Voraussetzungen zu denken, der lange 
geistige Wille, Alles, was geschieht, nach einem christ- 
lichen Schema auszulegen und den christlichen Gott noch 
in jedem Zufalle wieder zu entdecken und zu recht- 
fertigen, — all dies Gewaltsame, Willkürliche, Harte, 
Schauerliche, Widervemünftige hat sich als das Mittel 
herausgestellt, durch welches dem europäischen Geiste 



— ii8 — 

seine Stärke, seine rücksichtslose Neugierde und feine 
Beweglichkeit angezüchtet wurde: zugegeben, dass dabei 
ebenfalls unersetzbar Viel an Kraft und Geist erdrückt, 
erstickt und verdorben werden musste (denn hier wie 
überall zeigt sich „die Natur" wie sie ist, in ihrer ganzen 
verschwenderischen und gleichgültigen Grossartigkeit, 
welche empört, aber vornehm ist). Dass Jahrtausende 
lang die europäischen Denker nur dachten, um Etwas zu 
beweisen — heute ist uns umgekehrt jeder Denker ver- 
dächtig, der „Etwas beweisen will" — , dass ihnen bereits 
immer feststand, was als Resultat ihres strengsten Nach- 
denkens herauskommen sollte, etwa wie ehemals bei 
der asiatischen Astrologie oder wie heute noch bei der 
harmlosen christlich-moralischen Auslegung der nächsten 
persönlichen Ereignisse „zu Ehren Gottes" und „zum 
Heil der Seele": — diese Tyrannei, diese Willkür, diese 
strenge und grandiose Dummheit hat den Geist er- 
zogen; die Sklaverei ist, wie es scheint, im gröberen 
und feineren Verstände das unentbehrliche Mittel auch 
der geistigen Zucht und Züchtung. Man mag jede 
Lloral daraufhin ansehn: die „Natur" in ihr ist es, welche 
das laisser aller, die allzugrosse Freiheit hassen lehrt 
und das Bedürfniss nach beschränkten Horizonten, nach 
nächsten Aufgaben pflanzt, — welche die Verengerung 
der Perspektive, und also in gewissem Sinne die 
Dummheit, als eine Lebens- und Wachsthums-Bedingung 
lehrt. ,J)u sollst gehorchen, irgend wem, und auf lange: 
sonst gehst du zu Grunde und verlierst die letzte 
Achtung vor dir selbst" — dies scheint mir der moralische 
Imperativ der Natur zu sein, welcher ft-eilich weder „kate- 
gorisch" ist, wie es der alte Kant von ihm verlangte 
(daher das „sonst" — ), noch an den Einzelnen sich wendet 
(was liegt ihr am Einzelnen!), wohl aber an Völker, 



— 119 — 

Rassen, Zeitalter, Stände, vor Allem aber an das ganze 
rhier ,,Mensch", an den Menschen. 

189. 

Die arbeitsamen Rassen finden eine grosse Be- 
schwerde darin, den Müssiggang zu ertragen: es war 
ein Meisterstück des englischen Instinktes, den Sonn- 
tag in dem Maasse zu heiligen und zu langweiligen, 
dass der Engländer dabei wieder unvermerkt nach sei- 
nem Wochen- und Werktage lüstern wird — als eine 
Art klug erfundenen, klug eingeschalteten Fastens, wie 
dergleichen auch in der antiken Welt reichlich wahr- 
zunehmen ist (wenn auch, wie billig bei südländischen 
Völkern , nicht gerade in Hinsicht auf Arbeit — ). Es 
muss Fasten von vielerlei Art geben; und überall, wo 
mächtige Triebe und Gewohnheiten herrschen, haben die 
Gesetzgeber dafür zu sorgen, Schalttage einzuschieben, 
an denen solch ein Trieb in Ketten gelegt wird und 
wieder einmal hungern lernt. Von einem höheren Orte 
aus gesehn, erscheinen ganze Geschlechter und Zeitalter, 
wenn sie mit irgend einem moralischen Fanatismus 
behaftet auftreten, als solche eingelegte Zwangs- und 
Fastenzeiten, während welchen ein Trieb sich ducken und 
niederwerfen, aber auch sich reinigen und schärfen 
lernt; auch einzelne philosophische Sekten (zum Beispiel 
die Stoa inmitten der hellenistischen Cultur und ihrer mit 
aphrodisischen Düften überladenen und geil gewordenen 
Luft) erlauben eine derartige Auslegung. — Hiermit ist 
auch ein Wink zur Erklärung jenes Paradoxons gegeben, 
warum gerade in der christlichsten Periode Europa's und 
überhaupt erst unter dem Druck christlicher Werthur- 
theile der Geschlechtstrieb sich bis zur Liebe (amour- 
passtonj sublimirt hat 



I20 



igo. 

Es giebt Etwas in der Moral Plato's, das nicht 
eigentlich zu Plato gehört, sondern sich nur an seiner 
Philosophie vorfindet, man könnte sagen trotz Plato: 
nämHch der Sokratismus, für den er eigentlich zu vor- 
nehm war. „Keiner will sich selbst Schaden thun, daher 
geschieht alles Schlechte unfreiwillig. Denn der Schlechte 
fügt sich selbst Schaden zu: das würde er nicht thun, 
falls er wüsste, dass das Schlechte schlecht ist. Dem- 
gemäss ist der Sclilechte nur aus einem Irrthum schlecht; 
nimmt man ihm seinen Irrthum, so macht man ihn noth- 
wendig — gut." — Diese Art zu schliessen riecht nach 
dem Pöbel, der am Schlechthandeln nur die leidigen 
Folgen in's Auge fasst und eigentlich urtheilt „es ist 
dumm, schlecht zu handeln"; während er „gut" mit 
„nützlich und angenehm" ohne Weiteres als identisch 
nimmt, ^fan darf bei jedem Utilitarismus der Moral von 
vornherein auf diesen gleichen Ursprung rathen und 
seiner Nase folgen: man wird selten irre gehn. — Plato 
hat Alles gethan, um etwas Feines und Vornehmes in 
den Satz seines Lehrers hinein zu interpretiren, vor Allem 
sich selbst — , er, der verwegenste aller Interpreten, der 
den ganzen Sokrates nur wie ein populäres Thema und 
Volkslied von der Gasse nahm, um es in's Unendliche 
und Unmögliche zu varüren : nämHch in alle seine eignen 
Masken und Vielfältigkeiten. Im Scherz gesprochen, und 
noch dazu homerisch: was ist denn der platonische So- 
krates, wenn nicht 

nQoö&s nxdvav otii&sv xs Ukäxatv (isaar) xs XifiaiQci. 



121 



191. 

Das alte theologische Problem von „Glauben" und 
„Wissen" — oder, deutlicher, von Instinkt und Ver- 
nunft — also die Frage, ob in Hinsicht auf Werth- 
schätzung der Dinge der Instinkt mehr Autorität ver- 
diene als die Vernünftigkeit, welche nach Gründen, nach 
einem „Warum?", also nach Zweckmässigkeit und Nütz- 
lichkeit geschätzt und gehandelt wissen will, — es ist 
immer noch jenes alte moralische Problem, wie es zuerst 
in der Person des Sokrates auftrat und lange vor dem 
Christenthum schon die Geister gespaltet hat. Sokrates 
selbst hatte sich zwar mit dem Geschmack seines Talentes 
— dem eines überlegenen Dialektikers — zunächst auf 
Seiten der Vernunft gestellt; und in Wahrheit, was hat 
er sein Leben lang gethan, als über die linkische Un- 
fähigkeit seiner vornehmen Athener zu lachen, welche 
Menschen des Instinktes waren gleich allen vornehmen 
Menschen und niemals genügend über die Gründe ihres 
Handelns Auskunft geben konnten? Zuletzt aber, im 
Stillen und Geheimen, lachte er auch über sich selbst: 
er fand bei sich, vor seinem feineren Gewissen und Selbst- 
verhör, die gleiche Schwierigkeit und Unfähigkeit. Wozu 
aber, redete er sich zu, sich deshalb von den Instinkten 
lösen! Man muss ihnen und auch der Vernunft zum 
Recht verhelfen, — man muss den Instinkten folgen, aber 
die Vernunft überreden, ihnen dabei mit guten Gründen 
nachzuhelfen. Dies war die eigentliche Falschheit 
jenes grossen geheimnissreichen Ironikers; er brachte 
sein Gewissen dahin, sich mit einer Art Selbstüberhstung 
zuftieden zu geben: im Grunde hatte er das Irrationale 
im moralischen Urtheile durchschaut. — Plato, in solchen 
Dingen unschuldiger und ohne die Verschmitztheit des 



122 

Plebejers, wollte mit Aufwand aller Kraft — der grössten 
Kraft, die bisher ein Philosoph aufzuwenden hatte! — 
sich beweisen, dass Vernunft und Instinkt von selbst auf 
Ein Ziel zugehen, auf das Gute, auf „Gott"; und seit 
Plato sind alle Theologen und Philosophen auf der 
gleichen Bahn, — das heisst, in Dingen der Moral hat 
bisher der Instinkt, oder wie die Christen es nennen 
„der Glaube", oder wie ich es nenne „die Heerde" ge- 
siegt. Man müsste denn Descartes ausnehmen, den Vater 
des Rationalismus (und folglich Grossvater der Revo- 
lution), welcher der Vernunft allein Autorität zuerkannte: 
aber die Vernunft ist nur ein Werkzeug, und Descartes 
war oberflächlich. 

192. 

Wer der Geschichte einer einzelnen Wissenschaft 
nachgegangen ist, der findet in ihrer Entwicklung einen 
Leitfaden zum Verständniss der ältesten und gemeinsten 
Vorgänge alles „Wissens und Erkennens": dort wie hier 
sind die voreiligen Hypothesen, die Erdichtungen, der 
gute dumme Wille zum „Glauben", der Mangel an Miss- 
trauen und Geduld zuerst entwickelt, — unsre Sinne 
lernen es spät, und lernen es nie ganz, feine treue vor- 
sichtige Organe der Erkenntniss zu sein. Unserm Auge 
fällt es bequemer, auf einen gegebenen Anlass hin ein 
schon öfter erzeugtes Bild wieder zu erzeugen, als das 
Abweichende und Neue eines Eindrucks bei sich fest- 
zuhalten: letzteres braucht mehr KJraft, mehr „Moralität". 
Etwas Neues hören ist dem Ohre peinlich und schwierig; 
ft"emde Musik hören wir schlecht. Unwillkürlich ver- 
suchen wir, beim Hören einer andren Sprache, die ge- 
hörten Laute in Worte einzuformen, welche uns ver- 
trauter und heimischer khngen: so machte sich zum 



— 123 — 

Beispiel der Deutsche ehemals aus dem gehörten arcu/^ 
haUsta das Wort Armbrust zurecht Das Neue findet 
auch unsre Sinne feindlich und widerwillig; und über- 
haupt herrschen schon bei den „einfachsten" Vor- 
gängen der Sinnlichkeit die Affekte, wie Furcht, Liebe, 
Hass, eingeschlossen die passiven Affekte der Faulheit. — 
So wenig ein Leser heute die einzelnen Worte (oder gar 
Silben) einer Seite sämmtlich abliest — er nimmt viel- 
mehr aus zwanzig Worten ungefähr fünf nach Zufall 
heraus und „erräth" den* zu diesen fünf Worten muth- 
maasslich zugehörigen Sinn — , eben so wenig sehen 
wir einen Baum genau und vollständig, in Hinsicht auf 
Blätter, Zweige, Farbe, Gestalt; es fällt uns so sehr viel 
leichter, ein Ungefähr von Baum hin zu phantasiren. 
Selbst inmitten der seltsamsten Erlebnisse machen wir es 
noch ebenso: wir erdichten uns den grössten Theil des 
Erlebnisses und sind kaum dazu zu zwingen, nicht als 
„Erfinder" irgend einem Vorgange zuzuschauen. Dies 
Alles will sagen: wir sind von Grund aus, von Alters 
her — an's Lügen gewöhnt. Oder, um es tugend- 
hafter und heuchlerischer, kurz angenehmer auszudrücken: 
man ist viel mehr Künstler als man weiss. — In einem 
lebhaften Gespräch sehe ich oftmals das Gesicht der 
Person, mit der ich rede, je nach dem Gedanken, den 
sie äussert, oder den ich bei ihr hervorgerufen glaube, so 
deutlich und feinbestimmt vor mir, dass dieser Grad von 
Deutlichkeit weit über die Kraft meines Sehvermögens 
hinausgeht: — die Feinheit des Muskelspiels und des 
Augen -Ausdrucks muss also von mir hinzugedichtet 
sein. Wahrscheinlich machte die Person ein ganz anderes 
Gesicht oder gar keins. 



~ 124 — 



193. 



Quidquid luce fuü, tenebris agit: aber auch umge- 
kehrt. Was wir im Traume erleben, vorausgesetzt, dass 
wir es oftmals erleben, gehört zuletzt so gut zum Ge- 
sammt-Haushalt unsrer Seele, wie irgend etwas „wirk- 
lich" Erlebtes: wir sind vermöge desselben reicher oder 
ärmer, haben ein Bedürfniss mehr oder weniger und 
werden schliesslich am hellen lichten Tage, und selbst 
in den heitersten Augenblicken unsres wachen Geistes, 
ein Wenig von den Gewöhnungen unsrer Träume ge- 
gängelt. Gesetzt, deiss Einer in seinen Träumen oftmals 
geflogen ist und endlich, sobald er träumt, sich einer 
Kraft und Kunst des Fliegens wie seines Vorrechtes be- 
wusst wird, auch wie seines eigensten beneidenswerthen 
Glücks: ein Solcher, der jede Art von Bogen und Win- 
keln mit dem leisesten Impulse verwirklichen zu können 
glaubt, der das Gefühl einer gewissen göttlichen Leicht- 
fertigkeit kennt, ein „nach Oben" ohne Spannung und 
Zwang, ein „nach Unten" ohne Herablassung und Er- 
niedrigung — ohne Schwere! — wie sollte der Mensch 
solcher Traum-Erfahrungen und Traum-Gewohnheiten nicht 
endlich auch für seinen wachen Tag das Wort „Glück" 
anders gefärbt und bestimmt finden! wie sollte er nicht 
anders nach Glück — verlangen? ,^ufschwung", so 
wie dies von Dichtern beschrieben wird, muss ihm, gegen 
jenes „Fliegen" gehalten, schon zu erdenhaft, muskelhaft, 
gewaltsam, schon zu „schwer" sein. 



194. 

Die Verschiedenheit der Menschen zeigt sich nicht 
nur in der Verschiedenheit ihrer Gütertafeln, also darin. 



— 125 — 

dass sie verschiedene Güter für erstrebenswerth halten 
und auch über das Mehr und "Weniger des Werthes, 
über die Rangordnung der gemeinsam anerkannten Güter 
mit einander uneins sind: — sie zeigt sich noch mehr in 
Dem, was ihnen als wirkliches Haben und Besitzen 
eines Gutes gilt. In Betreff eines Weibes zum Beispiel 
gilt dem Bescheideneren schon die Verfügung über den 
Leib und der Geschlechtsgenuss als ausreichendes und 
genugthuendes Anzeichen des Habens, des Besitzens; 
ein Anderer, mit seinem argwöhnischeren und anspruchs- 
volleren Durste nach Besitz, sieht das „Fragezeichen", 
das nur Scheinbare eines solchen Habens, und will 
feinere Proben, vor Allem, um zu wissen, ob das Weib 
nicht nur ihm sich giebt, sondern auch für ihn lässt, was 
sie hat oder gerne hätte — : so erst gilt es ihm als „be- 
sessen". Ein Dritter aber ist auch hier noch nicht am 
Ende seines Misstrauens und Habenwollens, er fragt sich, 
ob das Weib, wenn es Alles für ihn lässt, dies nicht 
etwa für ein Phantom von ihm thut: er will erst gründ- 
lich, ja abgründlich gut gekannt sein, um überhaupt 
geliebt werden zu können, er wagt es, sich errathen zu 
lassen — . Erst dann fühlt er die Geliebte völlig in 
seinem Besitze, wenn sie sich nicht mehr über ihn be- 
trügt, wenn sie ihn um seiner Teufelei und versteckten 
Unersättlichkeit willen eben so sehr liebt als um seiner 
Güte, Geduld und Geistigkeit willen. Jener möchte ein 
Volk besitzen: und alle höheren Cagliostro- und Catilina- 
Künste sind ihm zu diesem Zwecke recht. Ein Anderer, 
mit einem feineren Besitzdurste, sagt sich „man darf 
nicht betrügen, wo man besitzen will" — , er ist gereizt 
und ungeduldig bei der Vorstellung, dass eine Maske 
von ihm über das Herz des Volks gebietet: „also muss 
ich mich kennen lassen und, vorerst, mich selbst 



— 126 — 

kennen!" Unter hülfreichen und wohlthätigen Menschen 
findet man jene plumpe Arglist fast regelmässig vor, 
welche sich Den, dem geholfen werden soll, erst zurecht 
macht: als ob er zum Beispiel Hülfe „verdiene", gerade 
nach ihrer Hülfe verlange, und für alle Hülfe sich 
ihnen tief dankbar, anhänglich, unterwürfig beweisen 
werde, — mit diesen Einbildungen verfügen sie über 
den Bedürftigen wie über ein Eigenthum, wie sie aus 
einem Verlangen nach Eigenthum überhaupt wohithätige 
und hülfreiche Menschen sind. Man findet sie eifersüchtig, 
wenn man sie beim Helfen kreuzt oder ihnen zuvor- 
kommt Die Eltern machen unwillkürlich aus dem 
Kinde etwas ihnen Ähnliches — sie nennen das „Er- 
ziehung" — , keine Mutter zweifelt im Grunde ihres 
Herzens daran, am Kinde sich ein Eigenthum geboren 
zu haben, kein Vater bestreitet sich das Recht, es 
seinen Begriffen und Werthschätzungen unterwerfen zu 
dürfen. Ja, ehemals schien es den Vätern billig, über 
Leben und Tod des Neugebornen (wie unter den alten 
Deutschen) nach Gutdünken zu verfügen. Und wie der 
Vater, so sehen auch jetzt noch der Lehrer, der Stand, 
der Priester, der Fürst in jedem neuen Menschen eine 
unbedenkliche Gelegenheit zu neuem Besitze. Woraus 
folgt 

195- 

Die Juden — ein Volk „geboren zur Sklaverei", wie 
Tacitus und die ganze antike Welt sag^ „das auserwählte 
Volk unter den Völkern", wie sie selbst sagen und 
glauben — , die Juden haben jenes Wunderstück von 
Umkehrung der Werthe zu Stande gebracht, Dank wel- 
chem das Leben auf der Erde für ein Paar Jahrtausende 
einen neuen und gefährlichen Reiz erhalten hat: — ihre 



— 127 — 

Propheten haben ,^eich" „gottlos" „böse" „gewaltthätig" 
.sinnlich" in Eins geschmolzen und zum ersten Male das 
Wort „Welt" zum Schandwort gemünzt. In dieser Um- 
kehrung der Werthe (zu der es gehört, das Wort für 
„Arm" als synonym mit „Heilig" und „Freund" zu brau- 
chen) liegt die Bedeutung des jüdischen Volks: mit ihm 
beginnt der Sklaven-Aufstand in der Moral 



196. 

Es giebt unzählige dunkle Körper neben der Sonne 
zu erschliessen, — solche die wir nie sehen werden. 
Das ist, unter uns gesagt, ein Gleichniss; und ein Moral- 
Psycholog liest die gesammte Sternenschrift nur als eine 
Gleichniss- und Zeichensprache, mit der sich Vieles ver- 
schweigen lässt 

197. 

• 

Man missversteht das Raubthier und den Raub- 
menschen (zum Beispiele Cesare Borgia) gründlich, man 
missversteht die „Natur", so lange man noch nach einer 
„Krankhaftigkeit" im Grunde dieser gesündesten aller 
tropischen Unthiere und Gewächse sucht, oder gar nach 
einer ihnen eingeborenen „Hölle" — : wie es bisher fast 
alle Moralisten gethan haben. Es scheint, dass es bei 
den Moralisten einen Hass gegen den Urwald und gegen 
die Tropen giebt? Und dass der „tropische Mensch" um 
jeden Preis diskreditirt werden muss, sei es als Krank- 
heit und Entartung des Menschen, sei es als eigne Hölle 
und Selbst- Marter ung? Warum doch? Zu Gunsten der 
„gemässigten Zonen"? Zu Gunsten der gemässigten Men- 
schen? Der „Moralischen"? Der Mittelmässigen? — Dies 
zum Kapitel „Moral als Furchtsamkeit". — 



~ I2b 

198. 

Alle diese Moralen, die sich an die einzelne Person 
wenden, zum Zwecke ihres „Glückes", wie es heisst, — 
was sind sie Anderes als Verhaltungs -Vorschläge im 
Verhältniss zum Grade der Gefährlichkeit, in welcher 
die einzelne Person mit sich selbst lebt; Recepte gegen 
ihre Leidenschaften, ihre guten und schlimmen Hänge, 
sofern sie den Willen zur Macht haben und den Herrn 
spielen möchten; kleine und grosse Klugheiten und Kün- 
steleien, behaftet mit dem Winkelgeruch alter Hausmittel 
und Altweiber -Weisheit; allesammt in der Form barock 
und unvernünftig — weil sie sich an „Alle" wenden, weil 
sie generalisiren , wo nicht generalisirt werden darf — , 
allesammt unbedingt redend, sich unbedingt nehmend, 
allesammt nicht nur mit Einem Korne Salz gewürzt, viel- 
mehr erst erträglich, und bisweilen sogar verführerisch, 
wenn sie überwürzt und gefährlich zu riochen lernen, vor 
Allem „nach der anderen Welt": das ist Alles, intellek- 
tuell gemessen, wenig werth und noch lange nicht „Wissen- 
schaft", geschweige denn „Weisheit", sondern, nochmals 
gesagt und dreimal gesagt, Klugheit, Klugheit, Klugheit, 
gemischt mit Dummheit, Dummheit, Dummheit, — sei es 
nun jene Gleichgültigkeit und Bildsäulenkälte gegen die 
hitzige Narrheit der Affekte, welche die Stoiker anriethen 
und ankurirten; oder auch jenes Nicht-mehr-Lachen und 
Nicht-mehr-W einen des Spinoza, seine so naiv befürwor- 
tete Zerstörung der Affekte durch Analysis und Vivisek- 
tion derselben ; oder jene Herabstimmung der Affekte auf 
ein unschädliches Mittelmaass, bei welchem sie beft-iedigt 
werden dürfen, der Aristotelismus der Moral; selbst Moral 
als Genuss der Affekte in einer absichtlichen Verdünnung 
und Vergeistigung durch die Symbolik der Kunst, etwa 



— 129 — 

als Musik, oder als Liebe zu Gott und zum Menschen 
um Gotteswillen — denn in der Religion haben die Leiden- 
schaften wieder Bürgerrecht, vorausgesetzt dass — — ; 
zuletzt selbst jene entgegenkommende und muthwillige 
Hingebung an die Affekte, wie sie Hafis und Goethe 
gelehrt haben, jenes kühne Fallen-lassen der Zügel, jene 
geistig -leibliche licentia morum in dem Ausnahmefalle 
alter weiser Käuze und Trunkenbolde, bei denen es 
„wenig Gefahr mehr hat". Auch dies zum Kapitel „Moral 
als Furchtsamkeit". 

199. 

Insofern es zu allen Zeiten, so lange es Menschen 
gplebt, auch Menschenheerden gegeben hat (Geschlechts- 
Verbände, Gemeinden, Stämme, Völker, Staaten, Kirchen) 
und immer sehr viel Gehorchende im Verhältniss zu der 
kleinen Zahl Befehlender, — in Anbetracht also, dass 
Gehorsam bisher am besten und längsten unter Menschen 
geübt und gezüchtet worden ist, darf man billig voraus- 
setzen, dass durchschnittlich jetzt einem Jeden das Be- 
dürfhiss darnach angeboren ist, als eine Art formalen 
Gewissens, welches gebietet: „du soUst irgend Etwas 
unbedingt thun, irgend Etwas unbedingt lassen", kurz 
„du sollst". Dies Bedürfniss sucht sich zu sättigen und 
seine Form mit einem Inhalte zu füllen; es greift dabei, 
gemäss seiner Stärke, Ungeduld und Spannung, wenig 
wählerisch, als ein grober Appetit, zu und nimmt an, 
was ihm nur von irgend welchen Befehlenden — Eltern, 
Lehrern, Gesetzen, Standesvorurtheüen, öffentlichen Mei- 
nungen — in's Ohr gerufen wird. Die seltsame Be- 
schränktheit der menschlichen Entwicklung, das Zögernde, 
Langwierige, oft Zurücklaufende und Sich-Drehende der- 
selben beruht darauf, dass der Heerden-Instinkt des Ge- 

Nietzscbe, Werke Band VII. 9 



— 130 ~ 

horsams am besten und auf Unkosten der Kunst des 
Befehlens vererbt wird. Denkt man sich diesen Instinkt 
einmal bis zu seinen letzten Ausschweifungen schreitend, 
so fehlen endlich geradezu die Befehlshaber und Unab- 
hängigen; oder sie leiden innerlich am schlechten Ge- 
wissen und haben nöthig, sich selbst erst eine Täuschung 
vorzumachen, um befehlen zu können: nämlich als ob 
auch sie nur gehorchten. Dieser Zustand besteht heute 
thatsächlich in Europa: ich nenne ihn die moralische 
Heuchelei der Befehlenden. Sie wissen sich nicht anders 
vor ihrem schlechten Gewissen zu schützen als dadurch, 
dass sie sich als Ausführer älterer oder höherer Befehle 
gebärden (der Vorfahren, der Verfassung, des Rechts, 
der Gesetze oder gar Gottes) oder selbst von der Heerden- 
Denkweise her sich Heerden-Maximen borgen, zum Bei- 
spiel als „erste Diener ihres Volks" oder als „Werkzeuge 
des gemeinen Wohls". Auf der anderen Seite giebt sich 
heute der Heerdenmensch in Europa das Ansehn, als 
sei er die einzig erlaubte Art Mensch, und verherrlicht 
seine Eigenschaften, vermöge deren er zahm, verträglich 
und der Heerde nützlich ist, als die eigentlich mensch- 
lichen Tugenden: also Gemeinsinn, Wohlwollen, Rück- 
sicht, Fleiss, Massigkeit, Bescheidenheit, Nachsicht, Mit- 
leiden. Für die Fälle aber, wo man der Führer und 
Leithammel nicht entrathen zu können glaubt, macht 
man heute Versuche über Versuche, durch Zusammen- 
Addiren kluger Heerdenmenschen die Befehlshaber zu 
ersetzen: dieses Ursprungs sind zum Beispiel alle reprä- 
sentativen Verfassungen. Welche Wohlthat, welche Er- 
lösung von einem unerträglich werdenden Druck trotz 
alledem das Erscheinen eines unbedingt Befehlenden 
für diese Heerdenthier-Europäer ist, dafür gab die Wir- 
kung, welche das Erscheinen Napoleon's machte, das 



^ 131 — 

letzte grosse Zeugniss: — die Geschichte der Wirkung 
Napoleon's ist beinahe die Geschichte des höheren Glücks, 
zu dem es dieses ganze Jahrhundert in seinen werth- 
vollsten Menschen und Augenblicken gebracht hat 



200. 

Der Mensch aus einem Auflösungs-Zeitalter, welches 
die Rassen durch einander wirft, der als Solcher die 
Erbschaft einer vielfältigen Herkunft im Leibe hat, das 
heisst gegensätzliche und oft nicht einmal nur gegen- 
sätzliche Triebe und Werthmaasse, welche mit einander 
kämpfen und sich selten Ruhe geben, — ein solcher 
Mensch der späten Culturen und der gebrochnen Lichter 
wird durchschnittlich ein schwächerer Mensch sein: sein 
gründlichstes Verlangen geht darnach, dass der Krieg, 
der er ist, einmal ein Ende habe; das Glück erscheint 
ihm, in Übereinstimmung mit einer beruhigenden (zum 
Beispiel epikurischen oder christlichen) Medizin und 
Denkweise, vornehmlich als das Glück des Ausruhens, 
der Ungestörtheit, der Sattheit, der endlichen Einheit, 
als „Sabbat der Sabbate", um mit dem heiligen Rhetor 
Augustin zu reden, der selbst ein solcher Mensch war. — 
Wirkt aber der Gegensatz und Krieg in einer solchen 
Natur wie ein Lebensreiz und -Kitzel mehr — , und ist 
andererseits zu ihren mächtigen und unversöhnlichen 
Trieben auch die eigentliche Meisterschaft und Feinheit 
im Kriegföhren mit sich, also Selbst-Beherrschung, Selbst- 
Überlistung hinzuvererbt und angezüchtet; so entstehen 
jene zauberhaften Unfassbaren und Unausdenklichen, jene 
zum Siege und zur Verführung vorherbestimmten Räthsel- 
menschen, deren schönster Ausdruck Alcibiades und Caesar 
( — denen ich gerne jenen ersten Europäer nach meinem 

9* 



— 1^2 — 

Geschmack, den Hohenstaufen Friedrich den ZAvejten zu- 
gesellen möchte), unter Künstlern vielleicht Lionardo da 
Vinci ist. Sie erscheinen genau in denselben Zeiten, 
wo jener schwächere Typus, mit seinem Verlangen nach 
Ruhe, in den Vordergrund tritt: beide Typen gehören 
zu einander und entspringen den gleichen Ursachen. 



20I. 

So lange die Nützlichkeit, die in den moralischen 
Werthurtheilen herrscht, allein die Heerden -Nützlichkeit 
ist, so lange der Blick einzig der Erhaltung der Ge- 
meinde zugewendet ist, und das Unmoralische genau 
und ausschliesslich in Dem gesucht wird, was dem Ge- 
meinde-Bestand gefährlich scheint: so lange kann es 
noch keine „Moral der Nächstenliebe" geben. Gesetzt, 
es findet sich auch da bereits eine beständige kleine 
Übung von Rücksicht, Mitleiden, Billigkeit, Milde, Gegen- 
seitigkeit der Hülfleistung, gesetzt, es sind auch auf 
diesem Zustande der Gesellschaft schon alle jene Triebe 
thätig, welche später mit Ehrennamen, als „Tugenden" 
bezeichnet werden und schliesslich fast mit dem BegrifiF 
„Moralität" in Eins zusammenfallen: in jener Zeit ge- 
hören sie noch gar nicht in das Reich der moralischen 
Werthschätzungen — sie sind noch aussermoralisch. 
Eine mitleidige Handlung zum Beispiel heisst in der 
besten Römerzeit weder gut noch böse, weder mora- 
lisch noch unmoralisch; und wird sie selbst gelobt, so 
verträgt sich mit diesem Lobe noch auf das Beste eine 
Art unwilliger Geringschätzung, sobald sie nämlich mit 
irgend einer Handlung zusammengehalten wird, welche 
der Förderung des Ganzen, der res publica dient. Zu- 
letzt ist die „Liebe zum Nächsten" immer etwas Neben- 



— 133 — 

sächliches, 'zum Theil Conventioneil es und Willkürlich- 
Scheinfcares im Verhältniss zur Furcht vor dem 
Nächsten. Nachdem das Gefüge der Gesellschaft im 
Ganzen festgestellt und gegen äussere Gefahren gesichert 
erscheint, ist es diese Furcht vor dem Nächsten, welche 
wieder neue Perspektiven der moralischen Werthschätz- 
ung schafft. Gewisse starke und gefährliche Triebe, wie 
Unternehmungslust, Tollkühnheit, Rachsucht, Verschlagen- 
heit, Raubgier, Herrschsucht, die bisher in einem ge- 
meinnützigen Sinne nicht nur geehrt — unter anderen 
Namen, wie billig, als den eben gewählten — , sondern 
gross-gezogen, gross-gezüchtet werden mussten (weil man 
ihrer in der Gefahr des Ganzen gegen die Feinde des 
Ganzen beständig bedurfte), werden nunmehr in ihrer 
Gefährlichkeit doppelt steirk empfunden — jetzt, wo die 
Abzugskanäle für sie fehlen — und schrittweise, als 
unmorahsch, gebrandmarkt und der Verleumdung preis- 
gegeben. Jetzt kommen die gegensätzlichen Triebe und 
Neigungen zu moralischen Ehren; der Heerden-Instinkt 
zieht. Schritt fiir Schritt, seine Folgerung. Wie viel oder 
wie wenig Gemein -Gefälirliches, der Gleichheit Gefähr- 
liches in einer Meinung, in einem Zustand und Affekte, 
in einem Willen, in einer Begabung liegt, das ist jetzt 
die moralische Perspektive: die Furcht ist auch hier 
wieder die Mutter der Moral, An den höchsten und 
stärksten Trieben, wenn sie, leidenschaftlich ausbrechend, 
den Einzelnen weit über den Durchschnitt und die Nie- 
derung des Heerdengewissens hinaus und hinauf treiben, 
geht das Selbstgefühl der Gemeinde zu Grunde, ihr 
Glaube an sich, ihr Rückgrat gleichsam, zerbricht : folglich 
wird man gerade diese Triebe am besten brandmarken 
und verleumden. Die hohe unabhängige Geistigkeit, der 
Wille zum Alleinstehn, die grosse Vernunft schon werden 



— 134 — 

als Gefahr empfunden; Alles, was den Einzelnen über 
die Heerde hinaushebt und dem Nächsten Furcht macht, 
heisst von nun an böse; die billige, bescheidene, sich 
einordnende, gleichsetzende Gesinnung, das Mittelmaass 
der Begierden kommt zu moralischen Namen und Ehren. 
Endlich, unter sehr friedfertigen Zuständen, fehlt die Ge- 
legenheit und Nöthigung immer mehr, sein Gefühl zur 
Strenge und Härte zu erziehn; und jetzt beginnt jede 
Strenge, selbst in der Gerechtigkeit, die Gewissen zu 
stören; eine hohe und harte Vornehmheit und Selbst- 
Verantwortlichkeit beleidigt beinahe und erweckt Miss- 
trauen, „das Lamm", noch mehr „das Schaf" gewinnt 
an Achtung. Es giebt einen Punkt von krankhafter 
Vermürbung und Verzärtlichung in der Geschichte der 
Gesellschaft, wo sie selbst für ihren Schädiger, den Ver- 
brecher, Partei nimmt, und zwar ernsthaft und ehrlich. 
Strafen: das scheint ihr irgendworin unbillig, — gewiss 
ist, dass die Vorstellung „Strafe" und „Strafen-SoUen" ihr 
wehe thut, ihr Furcht macht. „Genügt es nicht, ihn 
ungefährlich machen? Wozu noch strafen? Strafen 
selbst ist fürchterlich!" — mit dieser Frage zieht die 
Heerden-Moral, die Moral der Furchtsamkeit, ihre letzte 
Consequenz. Gesetzt, man könnte überhaupt die Gefahr, 
den Grund zum Fürchten abschaffen, so hätte man diese 
Moral mit abgeschafft: sie wäre nicht mehr nöthig, sie 
hielte sich selbst nicht mehr für nöthig! — Wer das 
Gewissen des heutigen Europäers prüft, wird aus tausend 
moralischen Falten und Verstecken immer den gleichen 
Imperativ herauszuziehen haben, den Imperativ der 
Heerden- Furchtsamkeit: „wir wollen, dass es irgend- 
wann einmal Nichts mehr zu fürchten giebt!" Irgend- 
wann einmal — der Wille und Weg dorthin heisst 
heute in Europa überall der „Fortschritt". 



135 — 



202. 



Sagen wir es sofort noch einmal, was wir schon hun- 
dert Mal gesagt haben: denn die Ohren sind für solche 
Wahrheiten — für unsere Wahrheiten — heute nicht gut- 
willig. Wir wissen es schon genug, wie beleidigend es 
klingt, wenn Einer überhaupt den Menschen ungeschminkt 
und ohne Gleichniss zu den Thieren rechnet; aber es wird 
beinahe als Schuld uns angerechnet werden, dass wir 
gerade in Bezug auf die Menschen der „modernen Ideen" 
beständig die Ausdrücke .JHeerde", „Heerden - Instinkte" 
und dergleichen gebrauchen. Was hilft es! Wir können 
nicht anders: denn gerade hier Hegt unsre neue Einsicht 
Wir fanden, dass in allen moraüschen Haupturtheilen 
Europa einmüthig geworden ist, die Länder noch hinzuge- 
rechnet, wo Europa's Einfluss herrscht: man weiss ersicht- 
lich in Europa, was Sokrates nicht zu wissen meinte, und 
was jene alte berühmte Schlange einst zu lehren verhiess, 
— man „weiss" heute, was Gut und Böse ist Nun muss 
es hart klingen und schlecht zu Ohren gehn, wenn wir 
immer von Neuem darauf bestehn: was hier zu wissen 
glaubt, was hier mit seinem Loben und Tadeln sich selbst 
verherrlicht, sich selbst g^t heisst, ist der Instinkt des 
Heerdenthiers Mensch: als welcher zum Durchbruch, zum 
Übergewicht, zur Vorherrschaft über andre Instinkte 
gekommen ist und immer mehr kommt, gemäss der 
wachsenden physiologischen Annäherung und Anähn- 
lichung, deren Symptom er ist Moral ist heute in 
Europa Heerdenthier-Moral: — also nur, wie wir 
die Dinge verstehn. Eine Art von menschlicher Moral, 
neben der, vor der, nach der viele andere, vor Allem 
höhere Moralen möglich sind oder sein sollten. Gegen 
eine solche .JMöghchkeit", gegen ein solches „Sollte" 



_ 136 - 

wehrt sich aber diese Moral mit allen Kräften: sie sagt 
hartnäckig und unerbittlich „ich bin die Moral selbst, 
und Nichts ausserdem ist Moral!" — ja mit Hülfe einer 
Religion, welche den sublimsten Heerdenthier-Begierden 
zu Willen war und schmeichelte, ist es dahin gekommen, 
dass wir selbst in den politischen und gesellschaftlichen 
Einrichtungen einen immer sichtbareren Ausdruck dieser 
Moral finden: die demokratische Bewegung macht 
die Erbschaft der christlichen. Dass aber deren Tempo 
fiiir die Ungeduldigeren, für die Kranken und Süchtigen 
des genannten Instinktes noch viel zu langsam und 
schläfrig ist, dafür spricht das immer rasender werdende 
Geheul, das immer un verhülltere Zähnefletschen der 
Anarchisten -Hunde, welche jetzt durch die Gassen der 
europäischen Cultur schweifen: anscheinend im Gegensatz 
zu den ftiedlich-arbeitsamen Demokraten und Revolutions- 
Ideologen, noch mehr zu den tölpelhaften Philosophastern 
und Bruderschafts -Schwärmern, welche sich Socialisten 
nennen und die „fi'eie Gesellschaft^' wollen, in Wahrheit 
aber Eins mit ihnen Allen in der gründlichen und in- 
stinktiven Feindseligkeit gegen jede andre Gesellschafts- 
form als die der autonomen Heerde (bis hinauf zur 
Ablehnung selbst der Begriffe ,JIerr" und „Knecht" — 
ni dieu nt maitre heisst eine socialistische Formel — ); 
Eins im zähen Widerstände gegen jeden Sonder -An- 
spruch, jedes Sonder- Recht und Vorrecht (das heisst im 
letzten Grunde gegen jedes Recht: denn dann, wenn 
Alle gleich sind, braucht Niemand mehr „Rechte" — ); 
Eins im Misstrauen gegen die strafende Gerechtigkeit 
(wie als ob sie eine Vergewaltigung am Schwächeren, 
ein Unrecht an der nothwendigen Folge aller fi'üheren 
Gesellschaft wäre — ); aber ebenso Eins in der Religion 
des Mitleidens, im Mitgefühl, soweit nur gefühlt, gelebt, 



— »37 — 

gelitten wird (bis hinab zum Thier, bis hinauf zu „Gott": 
— die Ausschweifung eines „Mitleidens mit Gott" gehört 
in ein demokratisches Zeitalter — ); Eins allesammt im 
Schrei und der Ungeduld des Mitleidens, im Todhass 
gegen das Leiden überhaupt, in der fast weiblichen Un- 
fähigkeit, Zuschauer dabei bleiben zu können, leiden 
lassen zu können; Eins in der unfreiwilligen Ver- 
düstening und Verzärtlichung, unter deren Bann Europa 
von einem neuen Buddhismus bedroht scheint; Eins im 
Glauben an die Moral des gemeinsamen Mitleidens, 
wie als ob sie die Moral an sich sei, als die Höhe, die 
erreichte Höhe des Menschen, die alleinige Hoffnung 
der Zukunft, das Trostmittel der Gegenwärtigen, die 
grosse Ablösung aller Schuld von Ehedem; — Eins 
allesammt im Glauben an die Gemeinschaft als die Er- 
löserin, an die Heerde also, an „sich" 



203. 

Wir, die wir eines andren Glaubens sind — , wir, 
denen die demokratische Bewegung nicht bloss als eine 
Verfalls -Form der politischen Organisation, sondern als 
Verfalls-, nämlich Verklein erungs - Form des Menschen 
gilt, als seine Vermittelmässignng und Werth - Ernie- 
drigung: wohin müssen wir mit unsren Hoffnungen 
greifen? — Nach neuen Philosophen, es bleibt keine 
Wahl; nach Geistern, stark und ursprünglich genug, um 
die Anstösse zu entgegengesetzten Werthschätzungen zu 
geben und „ewige Werthe" umzuwerthen, umzukehren; 
nach Vorausgesandten, nach Menschen der Zukunft, 
welche in der Gegenwart den Zwang und Knoten an- 
knüpfen, der den Willen von Jahrtausenden auf neue 
Bahnen zwingt. Dem Menschen die Zukunft des Menschen 



- 138 - 

als seinen Willen, als abhängig von einem Menschen- 
Willen zu lehren und grosse Wagnisse Und Gesammt- 
Versuche von Zucht und Züchtung vorzubereiten, um 
damit jener schauerlichen Herrschaft des Unsinns und 
Zufalls, die bisher „Geschichte" hiess, ein Ende zu machen 

— der Unsinn der „grössten Zahl" ist nur seine letzte 
Form — : dazu wird irgendwann einmal eine neue Art 
von Philosophen und Befehlshabern nöthig sein, an deren 
Bilde sich Alles, was auf Erden an verborgenen, fiircht- 
baren und wohlwollenden Geistern dagewesen ist, blass 
und verzwergt ausnehmen möchte. Das Bild solcher 
Führer ist es, das vor unsern Augen schwebt: — darf 
ich es laut sagen, ihr freien Geister? Die Umstände, 
welche man zu ihrer Entstehung theils schaffen, theils 
ausnützen müsste ; die muthmaasslichen Wege und Proben, 
vermöge deren eine Seele zu einer solchen Höhe und 
Gewalt aufwüchse, um den Zwang zu diesen Aufgaben 
zu empfinden ; eine Umwerthung der Werthe, unter deren 
neuem Druck und Hammer ein Gewissen gestählt, ein 
Herz in Erz verwandelt würde, dass es das Gewicht einer 
solchen Verantwortlichkeit ertrüge; andererseits die Noth- 
wendigkeit solcher Führer, die erschreckliche Gefahr, 
dass sie ausbleiben oder missrathen und entarten könnten 

— das sind unsre eigentlichen Sorgen und Verdüster- 
ungen, ihr wisst es, ihr freien Geister? das sind die 
schweren fernen Gedanken und Gewitter, welche über 
den Himmel unseres Lebens hingehn. Es giebt wenig 
so empfindliche Schmerzen, als einmal gesehn, errathen, 
mitgefühlt zu haben, wie ein ausserordentlicher Mensch 
aus seiner Bahn gerieth und entartete: wer aber das 
seltne Auge für die Gesammt- Gefahr hat, dass „der 
Mensch" selbst entartet, wer, gleich uns, die unge- 
heuerliche Zufälligkeit erkannt hat, welche bisher in Hin- 



— 139 — 

sieht auf die Zukunft des Menschen ihr Spiel spielte, — 
ein Spiel, an dem keine Hand und nicht einmal ein 
Ringer Gottes" mitspielte 1 — wer das Verhängniss erräth, 
das in der blödsinnigen Arglosigkeit und Vertrauens- 
seligkeit der „modernen Ideen", noch mehr in der ganzen 
christlich -europäischen Moral verborgen liegt: der leidet 
an einer Beängstigung, mit der sich keine andere ver- 
gleichen lässt, — er fasst es ja mit Einem Blicke, was 
Alles noch, bei einer günstigen Ansammlung und Steiger- 
ung von Kräften und Aufgaben, aus dem Menschen 
zu züchten wäre, er weiss es mit allem Wissen seines 
Gewissens, wie der Mensch noch unausgeschöpft für die 
grössten Möglichkeiten ist, und wie oft schon der Typus 
Mensch an geheimnissvollen Entscheidungen und neuen 
Wegen gestanden hat: — er weiss es noch besser, aus 
seiner schmerzlichsten Erinnerung, an was für erbärm- 
lichen Dingen ein Werdendes höchsten Ranges bisher 
gewöhnlich zerbrach, abbrach, absank, erbärmlich ward. 
Die Gesammt-Entartung des Menschen, hinab 
bis zu Dem, was heute den socialistischen Tölpeln ujid 
Flachköpfen als ihr „Mensch der Zukunft" erscheint, — 
als ihr Ideal! — diese Entartung und Verkleinerung des 
Menschen zum vollkommnen Heerdenthiere (oder, wie 
sie sagen, zum Menschen der „freien Gesellschaft"), diese 
Verthierung des Menschen zum Zwergthiere der gleichen 
Rechte und Ansprüche ist möglich, es ist kein Zweifell 
Wer diese Möglichkeit einmal bis zu Ende gedacht hat, 
kennt einen Ekel mehr als die übrigen Menschen, — 
und vielleicht auch eine neue Aufgabe! — — 



Sechstes Hauptstück: 



Wir Gelehrten, 



204. 

Auf die Gefahr hin, dass Moralisiren sich auch hier 
als Das herausstellt, was es immer war — nämlich als 
ein unverzagtes montrer ses plaies, nach Balzac — , möchte 
ich wagen, einer ungebührlichen und schädlichen Rang- 
verschiebung entgegenzutreten, welche sich heute, ganz 
unvermerkt und wie mit dem besten Gewissen, zwischen 
Wissenschaft und Philosophie herzustellen droht Ich 
meine, man muss von seiner Erfahrung aus — Er- 
fahrung bedeutet, wie mich dünkt, immer schlimme Er- 
fahrung? — ein Recht haben, über eine solche höhere 
Frage des Rangs mitzureden: um nicht wie die Blinden 
von der Farbe oder wie Frauen und Künstler gegen 
die Wissenschaft zu reden („ach, diese schlimme Wissen- 
schaft! seufzt deren Instinkt und Scham, sie kommt 
immer dahinter!" — ). Die Unabhängigkeits-Erklärung 
des wissenschafthchen Menschen, seine Emancipation von 
der Philosophie, ist eine der feineren Nachwirkungen 
des demokratischen Wesens und Unwesens: die Selbst- 
verherrhchung und Selbstüberhebung des Gelehrten steht 
heute überall in voller Blüthe und in ihrem besten Früh- 
linge, — womit noch nicht gesagt sein soll, dass in diesem 
Falle Eigenlob lieblich röche. „Los von allen Herren !" — 
so will es auch hier der pöbelmännische Instinkt; und 
nachdem sich die Wissenschaft mit glücklichstem Erfolge 



— 144 — 

der Theologie erwehrt hat, deren „Magd" sie zu lange 
war, ist sie nun in voUem Übermuthe und Unverstände 
darauf hin aus, der Philosophie Gesetze zu machen und 
ihrerseits einmal den „Herrn" — was sage ich! den Philo- 
sophen zu spielen. Mein Gedächtniss — das Gedächtniss 
eines wissenschaftlichen Menschen, mit Verlaub! — strotzt 
von Naivetäten des Hochmuths, die ich seitens junger 
Naturforscher und alter Ärzte über Philosophie und Philo- 
sophen gehört habe (nicht zu reden von den gebildetsten 
und eingebildetsten aller Gelehrten, den Philologen und 
Schulmännern, welche Beides von Berufs wegen sind — ). 
Bald war es der Spezialist und Eckensteher, der sich 
instinktiv überhaupt gegen alle synthetischen Aufgaben 
und Fähigkeiten zur Wehre setzte; bald der fleissige 
Arbeiter, der einen Geruch vom ottum und der vornehmen 
Üppigkeit im Seelen -Haushalte des Philosophen bekom- 
men hatte und sich dabei beeinträchtigt und verkleinert 
fühlte. Bald war es jene Farben-Blindheit des Nützlich- 
keits- Menschen, der in der Philosophie Nichts sieht als 
eine Reihe widerlegter Systeme und einen verschwen- 
derischen Aufwand, der Niemandem „zu Gute kommt". 
Bald sprang die Furcht vor verkappter Mystik und 
Grenzberichtigung des Erkennens hervor; bald die Miss- 
achtung einzelner Philosophen, welche sich unwillkürlich 
zur Missachtung der Philosophie verallgemeinert hatte. 
Am häufigsten endlich fand ich bei jungen Gelehrten 
hinter der hochmüthigen Geringschätzung der Philosophie 
die schlimme Nachwirkung eines Philosophen selbst, dem 
man zwar im Ganzen den Gehorsam gekündigt hatte, 
ohne doch aus dem Banne seiner wegwerfenden Werth- 
schätzungen anderer Philosophen herausgetreten zu sein: 
— mit dem Ergebniss einer Gesammt -Verstimmung 
gegen alle Philosophie. (Dergestalt scheint mir zum Bei- 



— 145 — 

spiel die Nachwirkung Schopenhauer's auf das neueste 
Deutschland zu sein: — er hat es durch seine unintelli- 
gente Wuth auf Hegel dahin gebracht, die ganze letzte 
Generation von Deutschen aus dem Zusammenhang mit 
der deutschen Cultur herauszubrechen, welche Cultur, 
Alles wohl ervvogen, eine Höhe und divinatorische Fein- 
heit des historischen Sinns gewesen ist: aber Schopen- 
hauer selbst war gerade an dieser Stelle bis zur Genialität 
arm, unempfänglich, undeutsch.) Überhaupt, in's Grosse 
gerechnet, mag es vor Allem das Menschliche, Allzu- 
menschliche, kurz die Armseligkeit der neueren Philo- 
sophen selbst gewesen sein, was am gründlichsten der 
Ehrfurcht vor der Philosophie Abbruch gethan und dem 
pöbelmännischen Instinkte die Thore aufgemacht hat Man 
gestehe es sich doch ein, bis zu welchem Grade unsrer 
modernen Welt die ganze Art der Heraklite, Plato's, 
Empedokles, und wie alle diese königlichen und pracht- 
vollen Einsiedler des Geistes geheissen haben, abgeht; 
und mit wie gutem Rechte Angesichts solcher Vertreter 
der Philosophie, die heute Dank der Mode ebenso oben- 
auf als unten-durch sind — in Deutschland zum Beispiel 
die beiden Löwen von Berlin , der Anarchist Eugen 
Dühring und der Amalgamist Eduard von Hartmann — , 
ein braver Mensch der Wissenschaft sich besserer Art 
und Abkunft fühlen darf. Es ist in Sonderheit der 
Anblick jener Mischmasch- Philosophen, die sich „Wirk- 
lichkeits-Philosophen" oder „Positivisten" nennen, welcher 
ein gefährUches Misstrauen in die Seele eines jungen, 
ehrgeizigen Gelehrten zu werfen im Stande ist: das sind 
ja besten Falls selbst Gelehrte und Speziahsten, man 
greift es mit Händen! — das sind ja allesammt Über- 
wundene und unter die Botmässigkeit der Wissenschaft 
Zurückgebrachte, welche irgendwann einmal mehr 

Nietxscho, Werke Band VIT. 10 



— 146 — 

von sich gewollt haben, ohne ein Recht zu diesem 
„mehr" und seiner Verantwortlichkeit zu haben — und 
die jetzt, ehrsam, ingrimmig, rachsüchtig, den Un- 
glauben an die Herren - Aufgabe und Herrschaftlich- 
keit der Philosophie mit Wort imd That repräsentiren. 
Zuletzt: wie könnte es auch anders sein! Die Wissen- 
schaft blüht heute imd hat das gute Gewissen reichHch 
im Gesichte, während Das, wozu die ganze neuere Philo- 
sophie allmähhch gesunken ist, dieser Rest Philosophie 
von Heute, Misstrauen und Missmuth, wenn nicht Spott 
und Mitleiden gegen sich rege macht. Philosophie auf 
„Erkenntnisstheorie" reduzirt, thatsächlich nicht mehr als 
eine schüchterne Epochistik und Enthaltsamkeitslehre: 
eine Philosophie, die gar nicht über die Schwelle hinweg 
kommt und sich peinlich das Recht zum Eintritt ver- 
weigert — das ist Philosophie in den letzten Zügen, 
ein Ende, eine Agonie, etwas das Mitleiden macht. 
Wie könnte eine solche Philosophie — herrschen! 



205. 

Die Gefahren für die Entwicklung des Philosophen 
sind heute in Wahrheit so vielfach, dass man zweifeln 
möchte, ob diese Frucht überhaupt noch reif werden 
.kann. Der Umfang und der Thurmbau der Wissen- 
schaften ist in's Ungeheure gewachsen, und damit auch 
die Wahrscheinlichkeit, dass der Philosoph schon als Ler- 
nender müde wird oder sich irgendwo festhalten und 
„spezialisiren" lässt: so dass er gar nicht mehr auf seine 
Höhe, nämlich zum Überblick, Umblick, Niederblick 
kommt Oder er gelangt zu spät hinauf, dann, wenn 
seine beste Zeit und Kraft schon vorüber ist; oder be- 
schädigt, vergröbert, entartet, so dass sein Blick, sein 



— 147 — 

Gesammt-Werthurtheil wenig mehr bedeutet Gerade die 
Feinheit seines intellektuellen Gewissens lässt ihn viel- 
leicht unterwegs zögern und sich verzögern; er furchtet 
die Verführung zum Dilettanten, zum Tausendfuss und 
Tausend-Fühlhorn, er weiss es zu gut, dass Einer, der 
vor sich selbst die Ehrfurcht verloren hat, auch als Er- 
kennender nicht mehr befiehlt, nicht mehr führt: er 
müsste denn schon zum grossen Schauspieler werden 
wollen, zum philosophischen Cagliostro und Rattenfänger 
der Geister, kurz zum Verführer. Dies ist zuletzt eine 
Frage des Geschmacks: wenn es selbst nicht eine Frage 
des Gewissens wäre. Es kommt hinzu, um die Schwierig- 
keit des Philosophen noch einmal zu verdoppeln, dass 
er von sich ein Urtheil, ein Ja oder Nein, nicht über die 
Wissenschaften, sondern über das Leben und den Werth 
des Lebens verlangt, — dass er ungern daran glauben 
lernt, ein Recht oder gar eine Pflicht zu diesem Urtheile 
zu haben, und sich nur aus den umfänglichsten — viel- 
leicht störendsten, zerstörendsten — Erlebnissen heraus 
und oft zögernd, zweifelnd, verstummend seinen Weg zu 
jenem Rechte und jenem Glauben suchen muss. In der 
That, die Menge hat den Philosophen lange Zeit ver- 
wechselt und verkannt, sei es mit dem wissenschaftlichen 
Menschen und idealen Gelehrten, sei es mit dem religiös- 
gehobenen entsinnlichten „entweltlichten" Schwärmer und 
Trunkenbold Gottes; und hört man gar heute Jemanden 
loben, dafür dass er „weise" lebe oder „als ein Philo- 
soph", so bedeutet es beinahe nicht mehr als „klug und 
abseits". Weisheit : das scheint dem Pöbel eine Art Flucht 
zu sein, ein Mittel und Kunststück, sich gut aus einem 
schlimmen Spiele herauszuziehn ; aber der rechte Philo- 
soph — so scheint es uns, meine Freunde? — lebt 
„unphilosophisch" und „un weise", vor Allem unklug, 



— 148 — 

und fühlt die Last und Pflicht zu hundert Versuchen und 
Versuchungen des Lebens: — er risquirt sich beständig, 
er spielt das schlimme Spiel. . . . 



206. 

Im Verhältnisse zu einem Genie, das heisst zu einem 
Wesen, welches entweder zeugt oder gebiert, beide 
"Worte in ihrem höchsten Umfange genommen — , hat 
der Gelehrte, der wissenschaftliche Durchschnittsmensch, 
immer Etwas von der alten Jungfer: denn er versteht 
sich gleich dieser nicht auf die zwei werthvollsten Ver- 
richtungen des Menschen. In der That, man gesteht 
ihnen Beiden, den Gelehrten und den alten Jungfern, 
gleichsam zur Entschädigung, die Achtbarkeit zu — man 
unterstreicht in diesen Fällen die Achtbarkeit — und 
hat noch an dem Zwange dieses Zugeständnisses den 
gleichen Beisatz von Verdruss. Sehen wir genauer zu: 
was ist der wissenschaftliche Mensch? Zunächst eine 
unvornehme Art Mensch, mit den Tugenden einer un- 
vornehmen, das heisst nicht herrschenden, nicht autori- 
tativen und auch nicht selbstgenugsamen Art Mensch: 
er hat Arbeitsamkeit, geduldige Einordnung in Reih und 
Glied, Gleichmässigkeit und Maass im Können und Be- 
dürfen, er hat den Instinkt für Seinesgleichen und für 
Das, was Seinesgleichen nöthig hat, zum Beispiel jenes 
Stück Unabhängigkeit und grüner Weide, ohne welches 
es keine Ruhe der Arbeit giebt, jenen Anspruch auf 
Ehre und Anerkennung (die zuerst und zuoberst Er- 
kennung, Erkennbarkeit voraussetzt — ), jenen Sonnen- 
schein des guten Namens, jene beständige Besiegelung 
seines Werthes und seiner Nützlichkeit, mit der das 
innerliche Misstrauen, der Grund im Herzen aller 



— 149 — 

abhängigen Menschen und Heerdenthiere, immer wieder 
überwunden werden muss. Der Gelehrte hat, wie billig, 
auch die Krankheiten und Unarten einer unvornehmen 
Art: er ist reich am kleinen Neide und hat ein Luchs- 
auge für das Niedrige solcher Naturen, zu deren Höhen 
er nicht hinauf kann. Er ist zutraulich, doch nur wie 
Einer, der sich gehen, aber nicht strömen lässt; und 
gerade vor dem Menschen des grossen Stroms steht er 
um so kälter und verschlossener da, — sein Auge ist 
dann wie ein glatter widerwilliger See, in dem sich kein 
Entzücken, kein Mitgefühl mehr kräuselt. Das Schlimmste 
und Gefährlichste, dessen ein Gelehrter fähig ist, kommt 
ihm vom Instinkte der Mittelmässigkeit seiner Art: von 
jenem Jesuitismus der Mittelmässigkeit, welcher an der 
Vernichtung des ungewöhnlichen Menschen instinktiv 
arbeitet und jeden gespannten Bogen zu brechen oder 
— noch lieber! — abzuspannen sucht. Abspannen nämlich, 
mit Rücksicht, mit schonender Hand natürlich — , mit 
zutraulichem Mitleiden abspannen: das ist die eigent- 
liche Kunst des Jesuitismus, der es immer verstanden hat, 
sich als Religion des Mitleidens einzuführen. — 



207. 

"Wie dankbar man auch immer dem objektiven 
Geiste entgegenkommen mag, — und wer wäre nicht 
schon einmal alles Subjektiven und seiner verfluchten 
Ipsissimosität bis zum Sterben satt gewesen! — zuletzt 
muss man aber auch gegen seine Dankbarkeit Vorsicht 
lernen und der Übertreibung Einhalt thun, mit der die 
Entselbstung und Entpersönlichung des Geistes gleichsam 
als Ziel an sich, als Erlösung und Verklärung neuerdings 
gefeiert wird: wie es namentlich innerhalb der Pessimisten- 



— I50 — 

Schule zu geschehn pflegt, die auch gute Gründe hat, 
dem „interesselosen Erkennen" ihrerseits die höchsten 
Ehren zu geben. Der objektive Mensch, der nicht mehr 
flucht und schimpft, gleich dem Pessimisten, der ideale 
Gelehrte, in dem der wissenschaftliche Instinkt nach 
tausendfachem Ganz- und Halb-Missrathen einmal zum 
Auf- und Ausblühen kommt, ist sicherlich eins der kost- 
barsten Werkzeuge, die es giebt: aber er gehört in die 
Hand eines Mächtigeren. Er ist nur ein Werkzeug, sagen 
wir: er ist ein Spiegel, — er ist kein „Selbstzweck", 
Der objektive Mensch ist in der That ein Spiegel: vor 
Allem, was erkannt werden will, zur Unterwerfung ge- 
wohnt, ohne eine andre Lust, als wie sie das Erkennen, 
das ,Ahspiegeln" giebt, — er wartet, bis Etwas kommt, 
und breitet sich dann zart hin, dass auch leichte Fuss- 
tapfen und das Vorüberschlüpfen geisterhafter Wesen nicht 
auf seiner Fläche und Haut verloren gehn. Was von 
„Person" an ihm noch übrig ist, dünkt ihm zufallig, oft 
willkürlich, noch öfter störend: so sehr ist er sich selbst 
zum Durchgang und Wiederschein fremder Gestalten und 
Ereignisse geworden. Er besinnt sich auf „sich" zurück, 
mit Anstrengung, nicht selten falsch; er verwechselt sich 
leicht, er vergreift sich in Bezug auf die eignen Noth- 
dürfte und ist hier allein unfein und nachlässig. Vielleicht 
quält ihn die Gesundheit oder die Kleinlichkeit und 
Stubenluft von Weib und Freund, oder der Mangel an 
Gesellen und Gesellschaft, — ja, er zwingt sich, über 
seine Qual nachzudenken: umsonst! Schon schweift sein 
Gedanke weg, zum allgemeineren Falle, und morgen 
weiss er so wenig als er es gestern wusste, wie ihm zu 
helfen ist. Er hat den Ernst für sich verloren, auch die 
Zeit: er ist heiter, nicht aus Mangel an Noth, sondern 
aus Mangel an Fingern und Handhaben für seine Noth. 



— 151 — 

Das gewohnte Entgegenkommen gegen jedes Ding und 
Erlebniss, die sonnige und unbefangene Gastfreundschaft, 
mit der er Alles annimmt, was auf ihn stösst, seine Art 
von rücksichtslosem Wohlwollen, von gefährlicher Unbe- 
kümmertheit um Ja und Nein: ach, es giebt genug Fälle, 
wo er diese seine Tugenden büssen muss! — und als 
Mensch überhaupt wird er gar zu leicht das caput mor- 
tuum dieser Tugenden. Will man Liebe und Hass von 
ihm, ich meine Liebe und Hass, wie Gott, Weib und 
Thier sie verstehn — : er wird thun, was er kann, und 
geben, was er kann. Aber man soll sich nicht wundern, 
wenn es nicht viel ist, — wenn er da gerade sich un- 
ächt, zerbrechlich, frag-würdig und morsch zeigt. Seine 
Liebe ist gewollt, sein Hass künstlich und mehr un 
tour de force, eine kleine Eitelkeit und Übertreibung. 
Er ist eben nur acht, so weit er objektiv sein darf: allein 
in seinem heitern Totalismus ist er noch „Natur" und 
„natürlich". Seine spiegelnde und ewig sich glättende 
Seele weiss nicht mehr zu bejahen, nicht mehr zu ver- 
neinen; er befiehlt nicht; er zerstört auch nicht ,Je ne 
m^prtse presque rien" — sagt er mit Leibniz: man 
überhöre und unterschätze das presgue nicht! Er ist auch 
kein Mustermensch; er geht Niemandem voran, noch 
nach; er stellt sich überhaupt zu ferne, als dass er Grund 
hätte, zwischen Gut und Böse Partei zu ergreifen. Wenn 
man ihn so lange mit dem Philosophen verwechselt 
hat, mit dem cäsarischen Züchter und Gewaltmenschen 
der Cultur: so hat man ihm viel zu hohe Ehren gegeben 
und das Wesentlichste an ihm übersehn, — er ist ein 
Werkzeug, ein Stück Sklave, wenn gewiss auch die sub- 
limste Art des Sklaven, an sich aber Nichts, — presque 
rien ! Der objektive Mensch ist ein Werkzeug, ein kost- 
bares, leicht verletzliches und getrübtes Mess- Werkzeug 



— 15^ — 

und Spiegel-Kunstwerk, das man schonen und ehren soll; 
aber er ist kein Ziel, kein Ausgang und Aufgang, kein 
complementärer Mensch, in dem das übrige Dasein sich 
rechtfertigt, kein Schluss — und noch weniger ein An- 
fang, eine Zeugung und erste Ursache, nichts Derbes, 
Mächtiges, Auf-sich-Gestelltes , das Herr sein will: viel- 
mehr nur ein zarter ausgeblasener feiner beweglicher 
Formen -Topf, der auf irgend einen Inhalt und Gehalt 
erst warten muss, um sich nach ihm „zu gestalten**, — 
für gewöhnlich ein Mensch ohne Gehalt und Inhalt, ein 
„selbstloser" Mensch. Folglich auch Nichts für Weiber, 
in parenthesi. — 

208. 

Wenn heute ein Philosoph zu verstehen giebt, er 
sei kein Skeptiker, — ich hoffe, man hat das aus der 
eben gegebenen Abschilderung des objektiven Geistes 
herausgehört? — so hört alle Welt das ungern; man 
sieht ihn darauf an, mit einiger Scheu, man möchte so 
Vieles fragen, fragen . . . ja, unter furchtsamen Horchern, 
wie es deren jetzt in Menge giebt, heisst er von da an 
gefährUch. Es ist ihnen, als ob sie, bei seiner Ablehnung 
der Skepsis, von Feme her irgend ein böses bedrohliches 
Geräusch hörten, als ob irgendwo ein neuer Sprengstoff 
versucht werde, ein Dynamit des Geistes, vielleicht ein 
neuentdecktes Russisches Nihilin, ein Pessimismus bonae 
voluntatis , der nicht bloss Nein sagt, Nein will, sondern 
— schrecklich zu denken 1 — Nein thut Gegen diese 
Art von „gutem Willen" — einem Willen zur wirklichen 
thätlichen Verneinung des Lebens — giebt es aner- 
kanntermaassen heute kein besseres Schlaf- und Be- 
ruhigungsmittel als Skepsis, den sanften holden ein- 
lullenden Mohn Skepsis; und Hamlet selbst wird heute 



— 153 — 

von den Ärzten der Zeit gegen den „Geist" und sein 
Rumoren unter dem Boden verordnet. „Hat man denn 
nicht alle Ohren schon voll von schlimmen Geräuschen? 
sagt der Skeptiker, als ein Freund der Ruhe und bei- 
nahe als eine Art von Sicherheits- Polizei: dies unter- 
irdische Nein ist fürchterlich! Stille endlich, ihr pessi- 
mistischen IMaulwürfe!" Der Skeptiker nämlich, dieses 
zärtliche Geschöpf, erschrickt allzuleicht; sein Gewissen 
ist darauf eingeschult, bei jedem Nein, ja schon bei 
einem entschlossenen harten Ja zu zucken und etwas 
wie einen Biss zu spüren. Ja! und Nein! — das geht ihm 
wider die Moral; umgekehrt liebt er es, seiner Tugend 
mit der edlen Enthaltung ein Fest zu machen, etwa 
indem er mit Montaigne spricht: „was weiss ich?" Oder 
mit Sokrates: „ich weiss, dass ich Nichts weiss". Oder: 
,3ier traue ich mir nicht, hier steht mir keine Thür 
offen." Oder: „gesetzt sie stünde offen, wozu gleich 
eintreten?" Oder: „wozu nützen alle vorschnellen Hypo- 
thesen? Gar keine Hypothesen machen könnte leicht 
zum guten Geschmack gehören. Müsst ihr denn durch- 
aus etwas Krummes gleich gerade biegen? Durchaus 
jedes Loch mit irgend welchem Werge ausstopfen? Hat 
das nicht Zeit? Hat die Zeit nicht Zeit? Oh ihr Teufels- 
kerle, könnt ihr denn gar nicht warten? Auch das 
Ungewisse hat seine Reize, auch die Sphinx ist eine 
Circe, auch die Circe war eine Philosophin." — Also 
tröstet sich ein Skeptiker; und es ist wahr, dass er 
einigen Trost nöthig hat. Skepsis nämlich ist der 
geistigste Ausdruck einer gewissen vielfachen physio- 
logischen Beschaffenheit, welche man in gemeiner Sprache 
Nervenschwäche und Kränklichkeit nennt; sie entsteht 
jedes Mal, wenn sich in entscheidender und plötzlicher 
Weise lang von einander abgetrennte Rassen oder Stände 



— 154 — 

kreuzen. In dem neuen Geschlechte, das gleichsam ver- 
schiedene Maasse und "Werthe in's Blut vererbt bekommt, 
ist Alles Unruhe, Störung, Zweifel, Versuch; die besten 
Kräfte wirken hemmend, die Tugenden selbst lassen 
einander nicht wachsen und stark werden, in Leib und 
Seele fehlt Gleichgewicht, Schwergewicht, perpendikuläre 
Sicherheit. Was aber in solchen Mischlingen am tiefsten 
krank wird und entartet, das ist der Wille: sie kennen 
das Unabhängige im Entschlüsse, das tapfere Lustgefühl 
im Wollen gar nicht mehr, — sie zweifeln an der „Frei- 
heit des Willens" auch noch in ihren Träumen. Unser 
Europa von Heute, der Schauplatz eines unsinnig plötz- 
lichen Versuchs von radikaler Stände- und folglich 
Rassenmischung, ist deshalb skeptisch in allen Höhen 
und Tiefen, bald mit jener beweglichen Skepsis, welche 
ungeduldig und lüstern von einem Ast zum andern 
springt, bald trübe wie eine mit Fragezeichen überladene 
Wolke, — und seines .Willens oft bis zum Sterben satt! 
Willenslähmung: wo findet man nicht heute diesen 
Krüppel sitzen! Und oft noch wie geputzt! Wie ver- 
führerisch herausgeputzt! Es giebt die schönsten Prunk- 
und Lügenkleider für diese Krankheit; und dass zum 
Beispiel das Meiste von dem, was sich heute als „Ob- 
jektivität", „Wissenschaftlichkeit", „l'art pour Vart", 
„reines willensfreies Erkennen" in die Schauläden stellt, 
nur aufgeputzte Skepsis und Willenslähmung ist, — für 
diese Diagnose der europäischen Krankheit will ich ein- 
stehn. — Die Krankheit des Willens ist ungleichmässig 
über Europa verbreitet: sie zeigt sich dort am grössten 
und vielfältigsten wo die Cultur schon am längsten 
heimisch ist; sie verschwindet in dem Maasse, als „der 
Barbar" noch — oder wieder — unter dem schlotterichten 
Gewände von westländischer Bildung sein Recht geltend 



— 155 — 

macht Im jetzigen Frankreich ist demnach, wie man 
es ebenso leicht erschliessen 2ils mit Händen greifen 
kann, der Wille am schlimmsten erkrankt; mid Frank- 
reich, welches immer eine meisterhafte Geschicklichkeit 
gehabt hat, auch die verhängnissvollen Wendungen seines 
Geistes in's Reizende und Verführerische umzukehren, 
zeigt heute recht eigentlich als Schule und Schaustellung 
aller Zauber der Skepsis sein Cultur -Übergewicht über 
Europa. Die Kraft zu wollen, und zwar einen Willen 
lang zu woUen, ist etwas stärker schon in Deutschland, 
und im deutschen Norden wiederum stärker als in der 
deutschen Mitte; erheblich stärker in England, Spanien 
und Corsika, dort an das Phlegma, hier an harte Schädel 
gebunden, — um nicht von Italien zu reden, welches 
zu jung ist, als dass es schon wüsste, was es wollte, 
und das erst beweisen muss, ob es wollen kann — , aber 
am allerstärksten und erstaunlichsten in jenem unge- 
heuren Zwischenreiche, wo Europa gleichsam nach Asien 
zurückfliesst, in Russland. Da ist die Kraft zu wollen 
seit langem zurückgelegt und aufgespeichert, da wartet 
der Wille — ungewiss, ob als WiUe der Verneinung 
oder der Bejahung — in bedrohlicher Weise darauf, 
ausgelöst zu werden, um den Physikern von Heute ihr 
Leibwort abzuborgen. Es dürften nicht nur indische 
Kxiege und Verwicklungen in Asien dazu nöthig sein, 
damit Europa von seiner grössten Gefahr entlastet werde, 
sondern innere Umstürze, die Zersprengnng des Reichs 
in kleine Körper und vor Allem die Einführung des 
parlanientarischen Blödsinns, hinzugerechnet die Ver- 
pflichtung för Jedermann, zum Frühstück seine Zeitung 
zu lesen. Ich sage dies nicht als Wünschender: mir 
würde das Entgegengesetzte eher nach dem Herzen 
sein, — ich meine eine solche Zunahme der Bedrohlich- 



- 156 - 

keit Russlands, dass Europa sich entschliessen müsste, 
gleichermaassen bedrohlich zu werden, nämlich Einen 
Willen zu bekommen, durch das Mittel einer neuen 
über Europa herrschenden Kaste, einen langen furcht- 
baren eigenen Willen, der sich über Jahrtausende hin 
Ziele setzen könnte: — damit endlich die langgesponnene 
Komödie seiner Kleinstaaterei und ebenso seine dyna- 
stische wie demokratische VielwoUerei zu einem Abschluss 
käme. Die Zeit für kleine Politik ist vorbei: schon 
das nächste Jahrhundert bringt den Kampf um die Erd- 
Herrschaft, — den Zwang zur grossen Politik. 



209. 

Inwiefern das neue kriegerische Zeitalter, in welches 
wir Europäer ersichtlich eingetreten sind, vielleicht auch 
der Entwicklung einer anderen und stärkeren Art von 
Skepsis günstig sein mag, darüber möchte ich mich vor- 
läufig nur durch ein Gleichniss ausdrücken, welches 
die Freunde der deutschen Geschichte schon verstehen 
werden. Jener unbedenkliche Enthusiast für schöne 
grossgewachsene Grenadiere, welcher, als König von 
Preussen, einem militärischen und skeptischen Genie — 
und damit im Grunde jenem neuen, jetzt eben siegreich 
heraufgekommenen Typus des Deutschen — das Dasein 
gab, der fragwürdige tolle Vater Friedrich des Grossen, 
hatte in Einem Punkte selbst den Griff und die Glücks- 
Kralle des Genie's : er wusste, woran es damals in Deutsch- 
land fehlte, und welcher Mangel hundert Mal ängstlicher 
und dringender war als etwa der Mangel an Bildung 
und gesellschaftlicher Form, — sein Widerwille gegen 
den jungen Friedrich kam aus der Angst eines tiefen 
Instinktes. Männer fehlten; und er argwöhnte zu 



— 157 — 

seinem bittersten Verdrusse, dass sein eigner Sohn nicht 
Manns genug sei. Darin betrog er sich: aber wer hätte 
an seiner Stelle sich nicht betrogen? Er sah seinen 
Sohn dem Atheismus, dem esprtt, der genüssHchen 
Leichtlebigkeit geistreicher Franzosen verfallen : — er 
sah im Hintergründe die grosse Blutaussaugerin , die 
Spinne Skepsis, er argwöhnte das unheilbare Elend eines 
Herzens, das zum Bösen wie zum Guten nicht mehr hart 
genug ist, eines zerbrochnen Willens, der nicht mehr 
befiehlt, nicht mehr befehlen kann. Aber inzwischen 
wuchs in seinem Sohne jene gefährhchere und härtere 
neue Art der Skepsis empor — wer weiss, wie sehr 
gerade durch den Hass des Vaters und durch die eisige 
Melancholie eines einsam gemachten Willens begünstigt? 
— die Skepsis der verwegenen Männlichkeit, welche 
dem Genie zum Kriege und zur Eroberung nächst ver- 
wandt ist und in der Gestalt des grossen Friedrich ihren 
ersten Einzug in Deutschland hielt. Diese Skepsis ver- 
achtet und reisst trotzdem an sich; sie untergräbt imd 
nimmt in Besitz; sie glaubt nicht, aber sie verliert sich 
nicht dabei; sie giebt dem Geiste gefährliche Freiheit, 
aber sie hält das Herz streng; es ist die deutsche 
Form der Skepsis, welche, als ein fortgesetzter und in's 
Geistigste gesteigerter Fridericianismus, Europa eine gute 
Zeit unter die Botmässigkeit des deutschen Geistes und 
seines kritischen und historischen Misstrauens gebracht 
hat Dank dem unbezwinglich starken und zähen 
Manns -Charakter der grossen deutschen Philologen und 
Geschichts-Kritiker (welche, richtig angesehn, allesammt 
auch Artisten der Zerstörung und Zersetzung waren) 
stellte sich allmählich und trotz aller Romantik in Musik 
und Philosophie ein neuer Begriff vom deutschen Geiste 
fest, in dem der Zug zur männlichen Skepsis entscheidend 



- 158 - 

hervortrat: sei es zum Beispiel als Unerschrockenlieit 
des Blicks, als Tapferkeit und Härte der zerlegenden 
Hand, als zäher Wille zu gefährlichen Entdeckungs- 
reisen, zu vergeistigten Nordpol-Expeditionen unter öden 
und gefährlichen Himmeln. Es mag seine guten Gründe 
haben, wenn sich warmblütige und oberflächliche Mensch- 
lichkeits-Menschen gerade vor diesem Geiste bekreuzigen: 
cet esprü fataliste, ironique, miphistophelique nennt ihn, 
nicht ohne Schauder, Michelet. Aber wiU man nach- 
fühlen, wie auszeichnend diese Furcht vor dem „Mann" 
im deutschen Geiste ist, durch den Europa aus seinem 
„dogmatischen Schlummer" geweckt wurde, so möge 
man sich des ehemaligen Begriffs erinnern, der mit ihm 
überwunden werden musste, — und wie es noch nicht zu 
lange her ist, dass ein vermännlichtes Weib es in zügel- 
loser Anmaassung wagen durfte, die Deutschen als sanfte 
herzensgute willensschwache und dichterische Tölpel der 
Theilnahme Europa's zu empfehlen. Man verstehe doch 
endlich das Erstaunen Napoleon's tief genug, als er 
Goethen zu sehen bekam: es verräth, was man sich 
Jahrhunderte lang unter dem „deutschen Geiste" gedacht 
hatte. „Voilä un komme l" — das wollte sagen: „das 
ist ja ein Mann! Und ich hatte nur einen Deutschen 
erwartet 1" — 

210. 

Gesetzt also, dass im Bilde der Philosophen der 
Zukunft irgend ein Zug zu rathen giebt, ob sie nicht 
vielleicht, in dem zuletzt angedeuteten Sinne, Skeptiker 
sein müssen, so wäre damit doch nur ein Etwas an ihnen 
bezeichnet — und nicht sie selbst Mit dem gleichen 
Rechte dürften sie sich Kritiker nennen lassen; und 
sicherlich werden es Menschen der Experimente sein. 



— 159 — 

Durch den Namen, auf welchen ich sie zu taufen wagte, 
habe ich das Versuchen und die Lust am Versuchen 
schon ausdrückhch unterstrichen: geschah dies deshalb, 
weil sie, als Kritiker an Leib und Seele, sich des Ex- 
periments in einem neuen, vielleicht weiteren, vielleicht 
gefährlicheren Sinne zu bedienen lieben? Müssen sie, in 
ihrer Leidenschaft der Erkenntniss, mit verwegenen und 
schmerzhaften Versuchen weiter gehn, als es der weich- 
müthige und verzärtelte Geschmack eines demokratischen 
Jahrhunderts gfut heissen kann? — Es ist kein Zweifel: 
diese Kommenden werden am wenigsten jener ernsten 
und nicht unbedenklichen Eigenschaften entrathen dürfen, 
welche den Kritiker vom Skeptiker abheben, ich meine 
die Sicherheit der Werthmaasse , die bewusste Hand- 
habung einer Einheit von Methode, den gewitzten Muth, 
das Alleinstehn und Sich -verantworten -können; ja, sie 
gestehen bei sich eine Lust am Nein -sagen und Zer- 
gliedern und eine gewisse besonnene Grausamkeit zu, 
welche das Messer sicher und fein zu führen weiss, auch 
noch, wenn das Herz blutet Sie werden härter sein 
(und vielleicht nicht immer nur gegen sich), als humane 
Menschen wünschen mögen, sie werden sich nicht mit 
der „Wahrheit" einlassen, damit sie ihnen „gefalle" oder 
sie „erhebe" und „begeistere": — ihr Glaube wird viel- 
mehr gering sein, dass gerade die Wahrheit solche Lust- 
barkeiten für das Gefühl mit sich bringe. Sie werden 
lächeln, diese strengen Geister, wenn Einer vor ihnen 
sagte: „jener Gedanke erhebt mich: wie sollte er nicht 
wahr sein?" Oder: „jenes Werk entzückt mich: wie 
sollte es nicht schön sein?" Oder: „jener Künstler ver- 
g^össert mich: wie sollte er nicht gross sein?" — sie 
haben vielleicht nicht nur ein Lächeln, sondern einen 
ächten Ekel vor allem derartig Schwärmerischen, Idea- 



— i6o — 

listischen, Femininischen, Hermaphroditischen bereit, und 
wer ihnen bis in ihre geheimen Herzkammern zu folgen 
wüsste, würde schwerlich dort die Absicht vorfinden, 
„christliche Gefühle" mit dem „antiken Geschmacke" und 
etwa gar noch mit dem „modernen Parlamentarismus" 
zu versöhnen (wie dergleichen Versöhnlichkeit in unserm 
sehr unsicheren, folglich sehr versöhnlichen Jahrhundert 
sogar bei Philosophen vorkommen soll). KJritische Zucht 
und jede Gewöhnung, welche zur Reinlichkeit und 
Strenge in Dingen des Geistes führt, werden diese Phi- 
losophen der Zukunft nicht nur von sich verlangen: sie 
dürften sie wie ihre Art Schmuck selbst zur Schau 
tragen, — trotzdem wollen sie deshalb noch nicht Kri- 
tiker heissen. Es scheint ihnen keine kleine Schmach, 
die der Philosophie angethan wird, wenn man dekretrrt, 
wie es heute so gern geschieht: „Philosophie selbst ist 
Kritik und kritische Wissenschaft — und gar nichts 
ausserdem!" Mag diese Werthschätzung der Philosophie 
sich des Beifalls aller Positivisten Frankreichs und Deutsch- 
lands erfreuen ( — und es wäre möglich, dass sie sogar 
dem Herzen und Geschmacke Kant's geschmeichelt 
hätte: man erinnere sich der Titel seiner Hauptwerke — ): 
unsre neuen Philosophen werden trotzdem sagen: Kri- 
tiker sind Werkzeuge des Philosophen und eben darum, 
als Werkzeuge, noch lange nicht selbst Philosophen 1 
Auch der grosse Chinese von Königsberg war nur ein 
grosser Klritiker. — 

211. 

Ich bestehe darauf, dass man endlich aufhöre, die 
philosophischen Arbeiter und überhaupt die wissenschaft- 
lichen Menschen mit den Philosophen zu verwechseln, — 
dass man gerade hier mit Strenge „Jedem das Seine" 



— i6i — 

und Jenen nicht viel zu Viel, Diesen nicht viel zu Wenig 
gebe. Es mag zur Erziehung des wirklichen Philosophen 
nöthig sein, dass er selbst auch auf allen diesen Stufen 
einmal gestanden hat, auf welchen seine Diener, die 
wissenschaftlichen Arbeiter der Philosophie, stehen bleiben, 
— stehen bleiben müssen; er muss selbst vielleicht 
Kritiker und Skeptiker und Dogmatiker und Historiker 
und überdies Dichter und Sammler und Reisender und 
Räthselrather und Moralist und Seher und „freier Geist" 
und beinahe Alles gewesen sein, um den Umkreis mensch- 
licher Werthe und Werth- Gefühle zu durchlaufen und 
mit vielerlei Augen und Gewissen, von der Höhe in jede 
Ferne, von der Tiefe in jede Höhe, von der Ecke in 
jede Weite, blicken zu können. Aber dies Alles sind 
nur Vorbedingungen seiner Aufgabe: diese Aufgabe 
selbst wiU etwas Anderes, — sie verlangt, dass er Werthe 
schaffe. Jene philosopliischen Arbeiter nach dem edlen 
Muster Kant's und Hegel's haben irgend emen grossen 
Thatbestand von Werthschätzungen — das heisst ehe- 
maliger Werthsetzungen, Werthschöpfungen , welche 
herrschend geworden sind und eine Zeit lang „Wahr- 
heiten" genannt werden — festzustellen und in Formeln 
zu drängen, sei es im Reiche des Logischen oder des 
Politischen (Moralischen) oder des Künstlerischen. 
Diesen Forschern liegt es ob, alles bisher Geschehene 
und Geschätzte übersichtlich, überdenkbar, fassHch, hand- 
lich zu machen, alles Lange, ja „die Zeit" selbst ab- 
zukürzen und die ganze Vergangenheit zu überwältigen: 
eine ungeheure und wundervolle Aufgabe, in deren 
Dienst sich sicherlich jeder feine Stolz, jeder zähe Wille 
befriedigen kann. Die eigentlichen Philosophen 
aber sind Befehlende und Gesetzgeber: sie sagen 
„so soll es sein!", sie bestimmen erst das Wohin? und 

Nietixch«, Werke band VH. II 



— f62 — 

Wozu? des Menschen und verfugen dabei Ober die Vor- 
arbeit aller philosophischen Arbeiter, aller Überwältiger 
der Vergangenheit, — sie greifen mit schöpferischer 
Hand nach der Zukunft, und Alles, was ist und war, 
wird ihnen dabei zum Mittel, zum Werkzeug, zum 
Hammer. Ihr ,JErkennen" ist Schaffen, ihr Schaffen 
ist eine Gesetzgebung, ihr Wille zur Wahrheit ist — 
Wille zur Macht. — Giebt es heute solche Philo- 
sophen? Gab es schon solche Philosophen? Muss es 
nicht solche Philosophen geben? . . . 



212. 

Es will mir immer mehr so scheinen, dass der Philo- 
soph als ein noth wendiger Mensch des Morgens und 
Übermorgens sich jederzeit mit seinem Heute in Wider- 
spruch befunden hat und befinden musste: sein Feind 
war jedes Mal das Ideal von Heute. Bisher haben alle 
diese ausserordentlichen Förderer des Menschen, welche 
man Philosophen nennt, und die sich selbst selten als 
Freunde der Weisheit, sondern eher als unangenehme 
Narren und gefährliche Fragezeichen fühlten — , ihre 
Aufgabe, ihre harte, ungewollte, unabweisliche Aufgabe, 
endlich aber die Grösse ihrer Aufgabe darin gefunden, 
das böse Gewissen ihrer Zeit zu sein. Indem sie gerade 
den Tugenden der Zeit das Messer vivisektorisch auf 
die Brust setzten, verriethen sie, was ihr eigenes Geheim- 
niss war: um eine neue Grösse des Menschen zu wissen, 
um einen neuen ungegangenen Weg zu seiner Ver- 
grösserung. Jedes Mal deckten sie auf, wie viel Heuchelei, 
Bequemlichkeit, Sich-gehen-lassen und Sich-fallen-lassen, 
wie viel Lüge unter dem bestgeehrten Typus ihrer zeit- 
genössischen Morahtät versteckt, wie viel Tugend über- 



- i63 - 

lebt sei; jedes Mal sagten sie: „wir müssen dorthin, dort- 
hinaus, wo ihr heute am wenigsten zu Hause seid." 
Angesichts einer Welt der „modernen Ideen", welche 
Jedermann in eine Ecke und „Spezialität" bannen möchte, 
würde ein Philosoph, falls es heute Philosophen geben 
könnte, gezwungen sein, die Grösse des Menschen, den 
BegriJBf „Grösse" gerade in seine Umfänglichkeit und 
Vielfältigkeit, in seine Ganzheit im Vielen zu setzen: er 
würde sogar den Werth und Rang darnach bestimmen, 
wie viel und vielerlei Einer tragen und auf sich nehmen, 
wie weit Einer seine Verantwortlichkeit spannen könnte. 
Heute schwächt und verdünnt der Zeitgeschmack und 
die Zeittugend den Willen, Nichts ist so sehr zeitgemäss 
als Willensschwäche: also muss, im Ideale des Philo- 
sophen, gerade Stärke des Willens, Härte und Fähigkeit 
zu langen EntSchliessungen in den Begriff „Grösse" 
hineingehören; mit so gutem Rechte als die umgekehrte 
Lehre und das Ideal einer blöden entsagenden demüthigen 
selbstlosen Menschlichkeit einem umgekehrten Zeitalter 
angemessen war, einem solchen, das gleich dem sechs- 
zehnten Jahrhundert an seiner aufgestauten Energie des 
Willens und den wildesten Wässern und Sturmfluthen 
der Selbstsucht litt. Zur Zeit des Sokrates, unter lauter 
Menschen des ermüdeten Instinktes, unter conservativen 
Altathenem, welche sich gehen Hessen — „zum Glück", 
wie sie sagten, zum Vergnügen, wie sie thaten — und 
die dabei immer noch die alten prunkvollen Worte in 
den Mund nahmen, auf die ihnen ihr Leben längst kein 
Recht mehr gab, war vielleicht Ironie zur Grösse der 
Seele nöthig, jene sokratische boshafte Sicherheit des 
alten Arztes und Pöbelmanns, welcher schonungslos in's 
eigne Fleisch schnitt, wie in's Fleisch und Herz des „Vor- 
nehmen", mit einem Blick, welcher verständlich genug 

II* 



— 164 — 

sprach: „verstellt euch vor mir nicht! hier — sind wir 
gleich!" Heute umgekehrt, wo in Europa das Heerden- 
thier allein zu Ehren kommt und Ehren vertheilt, wo die 
„Gleichheit der Rechte" allzuleicht sich in die Gleichheit 
im Unrechte umwandeln könnte: ich will sagen in ge- 
meinsame Bekriegung alles Seltenen, Fremden, Bevor- 
rechtigten, des höheren Menschen, der höheren Seele, 
der höheren Pflicht, der höheren Verantwortlichkeit, der 
schöpferischen Machtfülle und Herrschaftlichkeit — heute 
gehört das Vomehm-sein, das Für-sich-sein-wollen , das 
Anders-sein-können, das Allein-stehn und Auf-eigne-Faust- 
leben-müssen zum Begriff „Grösse"; und der Philosoph 
wird Etwas von seinem eignen Ideal verrathen, wenn 
er aufstellt: „der soll der Grösste sein, der der Einsamste 
sein kann, der Verborgenste, der Abweichendste, der 
Mensch jenseits von Gut und Böse, der Herr seiner 
Tugenden, der Überreiche des Willens; dies eben soll 
Grösse heissen: ebenso vielfach als ganz, ebenso weit 
als voll sein können." Und nochmals gefragt: ist heute 
— Grösse möglich? 

Was ein Philosoph ist, das ist deshalb schlecht zu 
lernen, weil es nicht zu lehren ist: man muss es „wissen", 
aus Erfahrung, — oder man soll den Stolz haben, es nicht 
zu wissen. Dass aber heutzutage alle Welt von Dingen 
redet, in Bezug auf welche sie keine Erfahrung haben 
kann, gilt am meisten und schlimmsten vom Philosophen 
und den philosophischen Zuständen: — die Wenigsten 
kennen sie, dürfen sie kennen, und alle populären Mein- 
ungen über sie sind falsch. So ist zum Beispiel jenes 
acht philosophische Beieinander einer kühnen ausge- 
lassenen Geistigkeit, welche presto läuft, und einer dialek- 



- i65 - 

tischen Strenge und Nothwendigkeit, die keinen Fehltritt 
thut, den meisten Denkern und Gelehrten von ihrer Er- 
fahrung her unbekannt und darum, falls Jemand davon 
vor ihnen reden wollte, unglaubwürdig. Sie stellen sich 
jede Nothwendigkeit als Noth, als peinliches Folgen- 
müssen und Gezwungen -werden vor; und das Denken 
selbst gilt ihnen als etwas Langsames, Zögerndes, bei- 
nahe als eine Mühsal und oft genug als „des Schweisses 
der Edlen werth", — aber ganz und gar nicht als etwas 
Leichtes, Göttliches und dem Tanze, dem Übermuthe 
Nächst -Verwandtes! ,J)enken" und eine Sache „ernst 
nehmen", „schwer nehmen" — das gehört bei ihnen zu 
einander: so allein haben sie es „erlebt". Die Künstler 
mögen hier schon eine feinere Witterung haben: sie, die 
nur zu gut wissen, dass gerade dann, wo sie Nichts mehr 
„willkürlich" und Alles nothwendig machen, ihr Gefühl 
von Freiheit, Feinheit, Vollmacht, von schöpferischem 
Setzen, Verfügen, Gestalten auf seine Höhe kommt, — 
kurz, dass Nothwendigkeit und »JFreiheit des Willens" 
dann bei ihnen Eins sind. Es giebt zuletzt eine Rang- 
ordnung seelischer Zustände, welcher die Rangordnung 
der Probleme gemäss ist; und die höchsten Probleme 
stossen ohne Gnade Jeden zurück, der ihnen zu nahen 
wagt, ohne durch Höhe und Macht seiner Geistigkeit zu 
ihrer Lösung vorherbestimmt zu sein. Was hilft es, 
wenn gelenkige Allerwelts- Köpfe oder ungelenke brave 
Mechaniker und Empiriker sich, wie es heute so vielfach 
geschieht, mit ihrem Plebejer-Ehrgeize in ihre Nähe und 
gleichsam an diesen „Hof der Höfe" drängen! Aber auf 
solche Teppiche dürfen grobe Füsse nimmermehr treten: 
dafür ist im Urgesetz der Dinge schon gesorgt; die 
Thüren bleiben diesen Zudringlichen geschlossen, mögen 
sie sich auch die Köpfe daran stossen und zerstossenl 



— i66 — 

Für jede hohe Welt muss man geboren sein; deutlicher 
gesagt, man muss für sie gezüchtet sein: ein Recht 
auf Philosophie — das Wort im grossen Sinne ge- 
nommen — hat man nur Dank seiner Abkunft, die 
Vorfahren, das „Geblüt" entscheidet auch hier. Viele 
Geschlechter müssen der Entstehung des Philosophen 
vorgearbeitet haben; jede seiner Tugenden muss einzeln 
erworben, gepflegt, fortgeerbt, einverleibt worden sein, 
und nicht nur der kühne leichte zarte Gang und Lauf 
seiner Gedanken, sondern vor Allem die BereitwiUigkeit 
zu grossen Verantwortungen, die Hoheit herrschender 
Blicke und Niederblicke, das Sich-Abgetrennt-Fühlen von 
der Menge und ihren Pflichten und Tugenden, das leut- 
selige Beschützen und Vertheidigen dessen, was miss- 
verstanden und verleumdet wird, sei es Gott, sei es 
Teufel, die Lust und Übung in der grossen Gerechtigkeit, 
die Kunst des Befehlens, die Weite des Willens, das 
langsame Auge, welches selten bewundert, selten hinauf 
blickt, selten liebt .... 



Siebentes Hauptstück: 



Unsere Tugenden. 



214. 

Unsere Tugenden? — Es ist wahrscheinlich, dass 
auch wir noch unsere Tugenden haben, ob es schon 
billigerweise nicht jene treuherzigen und vierschrötigen 
Tugenden sein werden, um derentwillen wir unsre 
Grossväter in Ehren, aber auch ein wenig uns vom 
Leibe halten. Wir Europäer von Übermorgen, wir 
Erstlinge des zwanzigsten Jahrhunderts, — mit aller 
unsrer gefährlichen Neugierde, unsrer Vielfältigkeit und 
Kunst der Verkleidung, unsrer mürben und gleichsam 
versüssten Grausamkeit in Geist und Sinnen, — wir 
werden vermuthlich, wenn wir Tugenden haben sollten, 
nur solche haben, die sich mit unsren heimlichsten und 
herzlichsten Hängen, mit unsem heissesten Bedürfhissen 
am besten vertragen lernten: wohlan, suchen wir einmal 
nach ihnen in unsren Labyrinthen 1 — woselbst sich, wie 
man weiss, so mancherlei verliert, so mancherlei ganz 
verloren geht Und g^ebt es etwas Schöneres, als nach 
seinen eigenen Tugenden suchen? Heisst dies nicht 
beinahe schon: an seine eig^e Tugend glauben? Dies 
aber „an seine Tugend glauben" — ist dies nicht im 
Grunde dcisselbe, was man ehedem sein „gutes Gewissen" 
nannte, jener ehrwürdige langschwänzige Begrifis-Zopf, 
den sich unsre Grossväter hinter ihren Kopf, oft genug 
auch hinter ihren Verstand hängten? Es scheint dem- 



— i7o — 

nach, wie wenig wir uns auch sonst altmodisch und 
grossväterhaft- ehrbar dünken mögen, in Einem sind wir 
dennoch die würdigen Eftkel dieser Grossväter, wir letzten 
Europäer mit gutem Gewissen: auch wir noch tragen 
ihren Zop£ — Ach! Wenn ihr wüsstet, wie es bald, so 
bald schon — anders kommtl — 



215. 

Wie es im Reich der Sterne mitunter zwei Sonnen 
and, welche die Bahn Eines Planeten bestimmen, wie in 
gewissen Fällen Sonnen verschiedener Farbe um einen 
einzigen Planeten leuchten, bald mit rothem Lichte, bald 
mit grünem Lichte, und dann wieder gleichzeitig ihn 
treffend und bunt überfluthend: so sind wir modernen 
Menschen, Dank der complicirten Mechanik unsres 
„Sternenhimmels" — durch verschiedene Moralen be- 
stimmt; unsre Handlungen leuchten abwechselnd in ver- 
schiedenen Farben, sie sind selten eindeutig, — und es 
giebt genug Fälle, wo wir bunte Handlungen thun. 



216. 

Seine Feinde lieben? Ich glaube, das ist gut gelernt 
worden: es geschieht heute tausendfältig, im Kleinen 
und im Grossen; ja es geschieht bisweilen schon das 
Höhere und Sublimere — wir lernen verachten, wenn 
wir lieben, und gerade wenn wir am besten lieben: — 
aber alles dies unbewusst, ohne Lärm, ohne Prunk, mit 
jener Scham und Verborgenheit der Güte, welche dem 
Munde das feierliche Wort und die Tugend-Formel ver- 
bietet Moral als Attitüde — geht uns heute wider den 
Geschmack. Dies ist auch ein Fortschritt: wie es der 



— lyi — 

Fortschritt unsrer Väter war, dass ihnen endlich Religion 
als Attitüde wider den Geschmack gieng, eingerechnet 
die Feindschaft und Voltairische Bitterkeit gegen die 
Religion (und was Alles ehemals zur Freigeist-Gebärden- 
sprache gehörte). Es ist die Musik in unserm Gewissen, 
der Tanz in unserm Geiste, zu dem alle Puritaner-Litanei, 
alle Moral-Predigt und Biedermännerei nicht klingen wilL 



217. 

Sich vor Denen in Acht nehmen, welche einen hohen 
Werth darauf legen, dass man ihnen moralischen Takt 
und Feinheit in der moralischen Unterscheidung zutraue: 
sie vergeben es uns nie, wenn sie sich einmal vor uns 
(oder gcir a n uns) vergriffen haben , — sie werden 
unvermeidlich zu unsern instinktiven Verleumdern und 
Beeinträchtigem, selbst wenn sie noch unsre „Freunde" 
bleiben. — Selig sind die Vergesslichen: denn sie werden 
auch mit ihren Dummheiten „fertig". 

218. 

Die Psychologen Frankreichs — und wo giebt es 
heute sonst noch Psychologen? — haben immer noch ihr 
bitteres und vielfaltiges Vergnügen an der bSitse hourgeoise 
nicht ausgekostet, gleichsam als wenn — — genug, 
sie verrathen etwas damit Flaubert zum Beispiel, der 
brave Bürger von Reuen, sah, hörte und schmeckte 
zuletzt nichts Anderes mehr: — es war seine Art von 
Selbstquälerei und feinerer Grausamkeit Nun empfehle 
ich, zur Abwechslung — denn es wird lang'weilig — , 
ein anderes Ding zum Entzücken: das ist die unbewusste 
Verschlagenheit mit der sich alle guten dicken braven 



— 172 — 

Geister des Mittelmaasses zu höheren Geistern und deren 
Aufgaben verhalten, jene feine verhäkelte jesuitische Ver- 
schlagenheit, welche tausend Mal feiner ist, als der Ver- 
stand und Geschmack dieses Mittelstandes in seinen 
besten Augenblicken — sogar auch als der Verstand 
seiner Opfer — : zum abermaligen Beweise dafür, dass 
der .Jnstinkt" unter allen Arten von InteUigenz, welche 
bisher entdeckt wurden, die intelligenteste ist. Kurz, 
studirt, ihr Psychologen, die Philosophie der „Regel" 
im Kampfe mit der „Ausnahme": da habt ihr ein Schau- 
spiel, gfut genug für Götter und götthche Boshaftigkeit! 
Oder, noch deutlicher: treibt Vivisektion am „guten 
Menschen", am „homo honae voluntati^\ ... an euch! 



219. 

Das moralische UrtheUen und Verurtheilen ist die 
Lieblings-Rache der Geistig-Beschränkten an Denen, die 
es weniger sind, auch eine Art Schadenersatz dafür, dass 
sie von der Natur schlecht bedacht wurden, endlich eine 
Gelegenheit, Geist zu bekommen und fein zu werden: 
— Bosheit vergeistigt. Es thut ihnen im Grunde ihres 
Herzens wohl, dass es einen Maassstab giebt, vor dem 
auch die mit Gütern und Vorrechten des Geistes Über- 
häuften ihnen gleich stehn : — sie kämpfen für die „Gleich- 
heit Aller vor Gott" und brauchen beinahe dazu schon 
den Glauben an Gott Unter ihnen sind die kräftigsten 
Gegner des Atheismus. Wer ihnen sagte „eine hohe 
Geistigkeit ist ausser Vergleich mit irgend welcher 
Bravheit und Achtbarkeit eines eben nur moralischen 
Menschen", würde sie rasend machen: — ich werde mich 
hüten, es zu thun. Vielmehr möchte ich ihnen mit meinem 
Satze schmeicheln, dass eine hohe Geistigkeit selber nur 



— 173 — 

als letzte Ausgeburt moralischer Qualitäten besteht; dass 
sie eine Synthesis aller jener Zustände ist, welche den 
„nur moralischen" Menschen nachgesagt werden, nach- 
dem sie, einzeln, durch lange Zucht und Übung, vielleicht 
in ganzen Ketten von Geschlechtern erworben sind; dass 
die hohe Geistigkeit eben die Vergeistigung der Gerech- 
tigkeit und jener gütigen Strenge ist, welche sich beauf- 
tragt weiss, die Ordnung des Ranges in der Welt 
aufrecht zu erhalten, unter den Dingen selbst — und 
nicht nur unter Menschen. 



220. 

Bei dem jetzt so voUcsthümlichen Lobe des „Un- 
interessirten" muss man sich, vielleicht nicht ohne einige 
Gefahr, zum Bewusstsein bringen, woran eigentlich das 
Volk Interesse nimmt, und was überhaupt die Dinge 
sind, um die sich der gemeine Mann gründlich und tief 
kümmert: die Gebildeten eingerechnet, sogar die Gelehr- 
ten, und wenn nicht Alles trügt, beinahe auch die Philo- 
sophen. Die Thatsache kommt dabei heraus, dass das 
Allermeiste von Dem, was feinere und verwöhntere Ge- 
schmäcker, was jede höhere Natur interessirt und reizt, 
dem durchschnittlichen Menschen gänzlich „uninteressant" 
scheint: — bemerkt er trotzdem eine Hingebung daran, 
so nennt er sie „ddsinUressi" und wundert sich, wie es 
möglich ist, „uninteressirt" zu handeln. Es hat Philo- 
sophen gegeben, welche dieser Volks -Verwunderung noch 
einen verführerischen und mystisch-jenseitigen Ausdruck 
zu verleihen wussten ( — vielleicht weil sie die höhere 
Natur nicht aus Erfahrung kannten? — ), statt die nackte 
und herzlich billige Wahrheit hinzustellen, dass die „un- 
interessirte" Handlung eine sehr interessante und „inter- 



— 174 — 

essirte" Handlung ist, vorausgesetzt „Und die Liebe?" 

— Wie ! Sogar eine Handlung aus Liebe soll „unegoistisch" 
sein? Aber ihr Tölpel — ! „Und das Lob des Auf- 
opfernden?" — Aber wer wirklich Opfer gebracht hat, 
weiss, dass er etwas dafür wollte und bekam — vielleicht 
etwas von sich für etwas von sich — , dass er hier hingab, 
um dort mehr zu haben, vielleicht um überhaupt mehr 
zu sein oder sich doch als „mehr" zu fühlen. Aber dies 
ist ein Reich von Fragen und Antworten, in dem ein 
verwöhnterer Geist sich ungern aufhält: so sehr hat hier 
bereits die Wahrheit nöthig, das Gähnen zu unterdrücken, 
wenn sie antworten muss. Zuletzt ist sie ein Weib: man 
soll ihr nicht Gewalt anthun. 



221. 

Es kommt vor, sagte ein moralistischer Pedant und 
Kleinigkeitskrämer, dass ich einen uneigennützigen Men- 
schen ehre und auszeichne: nicht aber, weil er uneigen- 
nützig ist, sondern weil er mir ein Recht darauf zu haben 
scheint, einem anderen Menschen auf seine eignen Un- 
kosten zu nützen. Genug, es fragt sich immer, wer er 
ist und wer Jener ist. An Einem zum Beispiele, der 
zum Befehlen bestimmt und gemacht wäre, würde Selbst- 
Verleugnung und bescheidenes Zurücktreten nicht eine 
Tugend, sondern die Vergeudung einer Tugend sein: so 
scheint es mir. Jede unegoistische Moral, welche sich 
unbedingt nimmt und an Jedermann wendet, sündigt 
nicht nur gegen den Geschmack: sie ist eine Aufreizung 
zu Unterlassungs- Sünden, eine Verführung mehr unter 
der Maske der Menschenfreundlichkeit — und gerade 
eine Verführung und Schädigung der Höheren, Seltneren, 
Bevorrechteten. Man muss die Moralen zwingen, sich zu 



— 175 — 

allererst vor der Rangordnung zu beugen, man muss 
ihnen ihre Anmaassung in's Gewissen schieben, — bis 
sie endlich mit einander darüber in's Klare kommen, dass 
es unmoralisch ist zu sagen: „was dem Einen recht 
ist, ist dem Andern billig". — Also mein moralistischer 
Pedant und honhomme: verdiente er es wohl, dass man 
ihn auslachte, als er die Moralen dergestalt zur Moralität 
ermahnte? Aber man soll nicht zu viel Recht haben, 
wenn man die Lacher auf seiner Seite haben will; ein 
Körnchen Unrecht gehört sogar zum guten Geschmack. 



222. 

Wo heute Mitleiden gepredigt wird, — und, recht 
gehört, wird jetzt keine andre Religion mehr gepredigt 
— möge der Psycholog seine Ohren aufmachen: durch 
alle Eitelkeit, durch allen Lärm hindurch, der diesen 
Predigern (wie allen Predigern) zu eigen ist, wird er 
einen heiseren, stöhnenden, ächten Laut von Selbst- 
Verachtung hören. Sie gehört zu jener Verdüsterung 
und Verhässlichung Europa's, welche jetzt ein Jahrhundert 
lang im Wachsen ist (und deren erste Symptome schon 
in einem nachdenklichen Briefe Galiani's an Madame 
d'Epinay urkundlich verzeichnet sind): wenn sie nicht 
deren Ursache ist! Der Mensch der „modernen 
Ideen", dieser stolze Affe, ist unbändig mit sich selbst 
unzufrieden: dies steht fest. Er leidet: und seine Eitel- 
keit will, dass er nur „mit leidet" 



223. 

Der europäische Mischmensch — ein leidlich häss- 
licher Plebejer, Alles in Allem — braucht schlechterdings 



— 176 — 

ein Kostüm: er hat die Historie nöthig als die Vorraths- 
kammer der Kostüme. Freilich bemerkt er dabei, dass 
ihm keines recht auf den Leib passt, — er wechselt und 
wechselt Man sehe sich das neunzehnte Jahrhundert 
auf diese schnellen Vorlieben und Wechsel der Stil- 
Maskeraden an; auch auf die Augenblicke der Ver- 
zweiflung darüber, dass uns „nichts steht" — . Unnütz, 
sich romantisch oder klassisch oder christlich oder floren- 
tinisch oder barokko oder „national" vorzuführen, in 
tnortbus et artibus: es „kleidet nicht"! Aber der „Geist", 
insbesondere der „historische Geist", ersieht sich auch 
noch an dieser Verzweiflung seinen Vortheil: immer 
wieder wird ein neues Stück Vorzeit und Ausland ver- 
sucht, umgelegt, abgelegt, eingepackt, vor allem stu- 
diert: — wir sind das erste studierte Zeitalter in puncto 
der „Kostüme", ich meine der Moralen, Glaubensartikel, 
Kunstgeschmäcker und Religionen, vorbereitet, wie noch 
keine Zeit es war, zum Karneval grossen Stils, zimi 
geistigsten Fasching-Gelächter und Übermuth, zur trans- 
scendentalen Höhe des höchsten Blödsinns und der aristo- 
phanischen Welt -Verspottung. Vielleicht, dass wir hier 
gerade das Reich unsrer Erfindung noch entdecken, 
jenes Reich, wo auch wir noch original sein können, 
etwa als Parodisten der Weltgeschichte und Hanswürste 
Gottes, — vielleicht dass, wenn auch Nichts von Heute 
sonst Zukunft hat, doch gerade unser Lachen noch 
Zukunft hat! 

224. 

Der historische Sinn (oder die Fähigkeit, die 
Rangordnung von Werthschätzungen schnell zu errathen, 
nach welchen ein Volk, eine Gesellschaft, ein Mensch 
gelebt hat, der „divinatorische Instinkt" für die Be- 



— 177 — 

Ziehungen dieser Werthschätzungen, für das Verhältniss 
der Autorität der Werthe zur Autorität der wirkenden 
Kräfte): dieser historische Sinn, auf welchen wir Euro- 
päer als auf unsre Besonderheit Anspruch machen, ist 
uns im Gefolge der bezaubernden und tollen Halb- 
barbarei gekommen, in welche Europa durch die 
demokratische Vermengnng der Stände und Rassen ge- 
stürzt worden ist, — erst das neunzehnte Jahrhundert 
kennt diesen Sinn, als seinen sechsten Sinn. Die Ver- 
gangenheit von jeder Form und Lebensweise, von Cul- 
turen, die früher hart neben einander, über einander 
lagen, strömt Dank jener Mischung in uns „moderne 
Seelen" aus, unsre Instinkte laufen nunmehr überallhin 
zurück, wir selbst sind eine Art Chaos — : schliesslich 
ersieht sich „der Geist", wie gesagt, seinen Vortheil dabei. 
Durch unsre Halbbarbarei in Leib und Begierde haben 
wir geheime Zugänge überallhin, wie sie ein vornehmes 
Zeitalter nie besessen hat, vor Allem die Zugänge zum 
Labyrinthe der unvollendeten Culturen und zu jeder 
Halbbarbarei, die nur jemals auf Erden dagewesen ist; 
und insofern der beträchtlichste Theil der menschlichen 
Cultur bisher eben Halbbarbarei war, bedeutet „histo- 
rischer Sinn" beinahe den Sinn und Instinkt für Alles, 
den Geschmack und die Zunge für Alles: womit er sich 
sofort als ein unvornehmer Sinn ausweist Wir ge- 
messen zum Beispiel Homer wieder: vielleicht ist es 
unser glücklichster Vorsprung, dass wir Homer zu 
schmecken verstehen, welchen die Menschen einer vor- 
nehmen Cultur (etwa die Franzosen des siebzehnten Jahr- 
hunderts, wie Saint-Evremond, der ihm den esprit vaste 
vorwirft, selbst noch ihr Ausklang Voltaire) nicht so 
leicht sich anzueignen wissen und wussten, — welchen 
zu gemessen sie sich kaum erlaubten. Das sehr bestimmte 

Nietzsche, Werke Band VII. 12 



- 178 - 

Ja und Nein ihres Gaumens, üir leicht bereiter Ekel, ihre 
zögernde Zurückhaltung in Bezug auf alles Fremdartige, 
ihre Scheu vor dem Ungeschmack selbst der lebhaften 
Neugierde, und überhaupt jener schlechte Wille jeder 
vornehmen und selbstgenügsamen Cultur, sich eine neue 
Begehrlichkeit, eine Unbefriedignng am Eignen, eine 
Bewunderung des Fremden einzugestehen: alles dies stellt 
und stimmt sie ungünstig selbst gegen die besten Dinge 
der Welt, welche nicht ihr Eigen thum sind oder ihre 
Beute werden könnten, — und kein Sinn ist solchen 
Menschen unverständlicher, als gerade der historische 
Sinn und seine unterwürfige Plebejer- Neugierde. Nicht 
anders steht es mit Shakespeare, dieser erstaunlichen 
spanisch-maurisch-sächsischen Geschmacks-Synthesis, über 
welchen sich ein Altathener aus der Freundschaft des 
Äschylus halbtodt gelacht oder geärgert haben würde: 
aber wir — nehmen gerade diese wilde Buntheit, dies 
Durcheinander des Zartesten, Gröbsten und Künsthchsten, 
mit einer geheimen Vertraulichkeit und Herzlichkeit an, 
wir geniessen ihn als das gerade uns aufgesparte Raf- 
finement der Kunst und lassen uns dabei von den widrigen 
Dämpfen und der Nähe des englischen Pöbels, in welcher 
Shakespeare's Kunst und Geschmack lebt, so wenig stören 
als etwa auf der Chiaja Neapel's: wo wir mit allen unsren 
Sinnen, bezaubert und willig, unsres Wegs gehn, wie sehr 
auch die Cloaken der Pöbel - Quartiere in der Luft sind. 
Wir Menschen des „historischen Sinns": wir haben als 
solche unsre Tugenden, es ist nicht zu bestreiten, — wir 
sind anspruchslos, selbstlos, bescheiden, tapfer, voller 
Selbstüberwindung, voller Hingebung, sehr dankbar, sehr 
geduldig, sehr entgegenkommend: — wir sind mit alle- 
dem vielleicht nicht sehr „geschmackvoll". Gestehen wir 
es uns schliesslich zu: was uns Menschen des „histo- 



— 179 — 

rischen Sinns" am schwersten zu fassen, zu fühlen, nach- 
zuschmecken, nachzulieben ist, was uns im Grunde vor- 
eingenommen und fast feindlich findet, das ist gerade 
das Vollkommne und Letzthin - Reife in jeder Cultur 
und Kunst, das eigentlich Vornehme an "Werken und 
Menschen, ihr Augenblick glatten Meers und halkyo- 
nischer Selbstgenügsamkeit, das Goldene und Kalte, 
welches alle Dinge zeigen, die sich vollendet haben. 
Vielleicht steht unsre grosse Tugend des historischen 
Sinns in einem nothwendigen Gegensatz zum guten 
Geschmacke, mindestens zum allerbesten Geschmacke, 
und wir vermögen gerade die kleinen kurzen und 
höchsten Glücksfälle und Verklärungen des menschlichen 
Lebens, wie sie hier und da einmal aufglänzen, nur 
schlecht, nur zögernd, nur mit Zwang in uns nachzu- 
bilden: jene Augenblicke und Wunder, wo eine grosse 
KJraft freiwillig vor dem Maasslosen und Unbegrenzten 
stehen bUeb — , wo ein Überfluss von feiner Lust in der 
plötzlichen Bändigung und Versteinerung, im Feststehen 
und Sich -Fest -Stellen auf einem noch zitternden Boden 
genossen wurde. Das Maass ist uns fremd, gestehen 
wir es uns; unser Kitzel ist gerade der Kitzel des Un- 
endlichen, Ungemessenen. Gleich dem Reiter auf vor- 
wärts schnaubendem Rosse lassen wir vor dem Unend- 
lichen die Zügel fallen, wir modernen Menschen, wir 
Halbbarbaren, — und sind erst dort in unsrer Seligkeit, 
wo wir auch am meisten — in Gefahr sind. 



225. 

Ob Hedonismu^, ob Pessimismus, ob Utilitarismus, 
ob Eudämonismus: alle diese Denkweisen, welche nach 
Lust und Leid, das heisst nach Begleitzuständen und 



— i8o — 

Nebensachen den Werth der Dinge messen, sind Vorder- 
gTunds-Denkweisen und Naivetäten, auf welche ein Jeder, 
der sich gestaltender Kräfte und eines Künstler- 
Gewissens bewusst ist, nicht ohne Spott, auch nicht ohne 
Mitleid herabblicken wird. Mitleiden mit euch! das ist 
freilich nicht das Mitleiden, wie ihr es meint: das ist 
nicht Mitleiden mit der socialen „Noth", mit der „Gesell- 
schaft:" und ihren Klranken und Verunglückten, mit Laster- 
haften und Zerbrochnen von Anbeginn, wie sie rings um 
uns zu Boden hegen; das ist noch weniger Mitleiden 
mit murrenden, gedrückten, aufrührerischen Sklaven- 
Schichten, welche nach Herrschaft — sie nennen's „Frei- 
heit" — trachten. Unser Mitleiden ist ein höheres fern- 
sichtigeres Mitleiden: — wir sehen, wie der Mensch 
sich verkleinert, wie ihr ihn verkleinert! — und es gieht 
Augenblicke, wo wir gerade eurem Mitleiden mit 
einer unbeschreiblichen Beängstigung zusehn, wo wir uns 
gegen dies Mitleiden wehren, — wo wir euren Ernst 
gefährlicher als irgend welche Leichtfertigkeit finden. 
Ihr wollt womöglich — und es giebt kein tolleres „wo- 
möglich" — das Leiden abschaffen; und wir? — es 
scheint gerade, wir wollen es lieber noch höher und 
schlimmer haben, als je es war! Wohlbefinden, wie ihr 
es versteht — das ist ja kein Ziel, das scheint uns ein 
Ende! Ein Zustand, welcher den Menschen alsbald 
lächerlich und verächtlich macht, — der seinen Unter- 
gang wünschen macht! Die Zucht des Leidens, des 
grossen Leidens — wisst üir nicht, dass nur diese 
Zucht alle Erhöhungen des Menschen bisher geschaffen 
hat? Jene Spannung der Seele im Unglück, welche ihr 
die Stärke anzüchtet, ihre Schauer im Anblick des grossen 
Zugrundegehens, ihre Erfindsamkeit und Tapferkeit im 
Tragen, Ausharren, Ausdeuten, Ausnützen des Unglücks, 



— i8i — 



und was ihr nur je von Tiefe, Geheimniss, Maske, Geist, 
List, Grösse geschenkt worden ist: — ist es nicht ihr 
unter Leiden, unter der Zucht des grossen Leidens ge- 
schenkt worden? Im Menschen ist Geschöpf und 
Schöpfer vereint: im Menschen ist Stoff, Bruchstück, 
Überfluss, Lehm, Koth, Unsinn, Chaos; aber im Menschen 
ist auch Schöpfer, Bildner, Hammer -Härte, Zuschauer- 
Göttlichkeit und siebenter Tag: — versteht ihr diesen 
Gegensatz? Und dass euer Mitleid dem „Geschöpf im 
Menschen" gilt, dem, was geformt, gebrochen, geschmie- 
det, gerissen, gebrannt, geglüht, geläutert werden muss, 

— dem, was nothwendig leiden muss und leiden soll? 
Und unser Mitleid — begreift ihr's nicht, wem unser 
umgekehrtes Mitleid gilt, wenn es sich gegen euer 
Mitleid wehrt, als gegen die schlimmste aller Verzärtel- 
ungen und Schwächen? — Mitleid also gegen Mitleid! 

— Aber, nochmals gesagt, es giebt höhere Probleme 
als alle Lust- und Leid- und Mitleid - Probleme ; und 
jede Philosophie, die nur auf diese hinausläuft, ist eine 
Naivetät. — 

226. 

Wir Immoralisten! — Diese Welt, die uns an- 
geht, in der wir zu fürchten und zu lieben haben, diese 
beinahe unsichtbare unhörbare Welt feinen Befehlens, 
feinen Gehorchens, eine Welt des „Beinahe" in jedem 
Betrachte, häklig, verfänglich, spitzig, zärtlich: ja, sie 
ist gut vertheidigt gegen plumpe Zuschauer und ver- 
trauliche Neugierde! Wir sind in ein strenges Garn 
und Hemd von Pflichten eingesponnen und können 
da nicht heraus — , darin eben sind wir „Menschen der 
Pflicht", auch wir! Bisweilen, es ist wahr, tanzen wir 
wohl in unsern „Ketten" und zwischen unsern „Schwer- 



— l82 — 

tem"; öfter, es ist nicht minder wahr, knirschen wir 
darunter und sind ungeduldig über aU die heimliche 
Härte unsres Geschicks. Aber wir mögen thun, was wir 
wollen: die Tölpel und der Augenschein sagen gegen 
uns „das sind Menschen ohne Pflicht" — wir haben 
immer die Tölpel und den Augenschein gegen uns! 



227. 

Redlichkeit, gesetzt, dass dies unsre Tugend ist, von 
der wir nicht loskönnen, wir freien Geister — nun, wir 
wollen mit aller Bosheit und Liebe an ihr arbeiten und 
nicht müde werden, uns in unsrer Tugend, die allein 
uns übrig blieb, zu „vervollkommnen": mag ihr Glanz 
einmal wie ein vergoldetes blaues spöttisches Abendlicht 
über dieser alternden Cultur und ihrem dumpfen düsteren 
Ernste liegen bleiben! Und wenn dennoch unsre Red- 
lichkeit eines Tags müde wird und seufzt und die 
Glieder streckt und uns zu hart findet und es besser, 
leichter, zärtücher haben möchte, gleich einem ange- 
nehmen Laster: bleiben wir hart, wir letzten Stoiker! 
und schicken wir ihr zu Hülfe, was wir nur an Teufelei in 
uns haben, — unsern Ekel am Plumpen und Ungefähren, 
unser „nüt'mur in vetitum", unsern Abenteurer -Muth, 
unsre gewitzte und verwöhnte Neugierde, unsern feinsten 
verkapptesten geistigsten Willen zur Macht und Welt- 
Überwindung, der begehrlich um alle Reiche der Zu- 
kunft schweift und schwärmt, — kommen wir unserm 
„Gotte" mit allen unsern „Teufeln" zu Hülfe! Es ist 
wahrscheinlich, dass man uns dar ob verkennt und ver- 
wechselt: was liegt daran! Man wird sagen: „ihre 
„Redlichkeit" — das ist ihre Teufelei, und gar nichts 
mehrl" was liegt daran! Und selbst wenn man Recht 



- i83 - 

hätte! Waren nicht alle Götter bisher dergleichen heilig J 
gewordne umgetaufte Teufel? Und was wissen wir zu- 
letzt von uns? Und wie der Geist heissen will, der 
uns führt? (es ist eine Sache der Namen) Und wie viele 
Geister wir bergen? Unsre Redlichkeit, wir freien 
Geister, — sorgen wir dafür, dass sie nicht unsre Eitel- 
keit, unser Putz und Prunk, unsre Grenze, unsre Dumm- 
heit werde! Jede Tugend neigt zur Dummheit, jede 
Dummheit zur Tugend; „dumm bis zur Heiligkeit" sagt 
man in Russland, — sorgen wir dafür, dass wir nicht 
aus Redlichkeit zuletzt noch zu Heiligen und Lang- 
weiligen werden! Ist das Leben nicht hundert Mal zu 
kurz, sich in ihm — zu langweilen? Man müsste schon 
an's ewige Leben glauben, um 



228. 

Man vergebe mir die Entdeckung, dass alle Moral- 
Philosophie bisher langweilig war und zu den Schlaf- 
mitteln gehörte, — und dass „die Tugend" durch nichts 
mehr in meinen Augen beeinträchtigt worden ist als 
durch diese Langweiligkeit ihrer Fürsprecher; womit 
ich noch nicht deren allgemeine NützUchkeit verkannt 
haben möchte. Es liegt viel daran, dass so wenig Men- 
schen als möglich über Moral nachdenken, — es liegt 
folglich sehr viel daran, dass die Moral nicht etwa eines 
Tages interessant werde! Aber man sei unbesorgt! Es 
steht auch heute noch so, wie es immer stand: ich sehe 
Niemanden in Europa, der einen Begriff davon hätte 
(oder gäbe), dass das Nachdenken über Moral gefährlich, 
verfänglich, verführerisch getrieben werden könnte, — 
dass Verhängniss darin liegen könnte ! Man sehe sich 
zum Beispiel die unermüdlichen unvermeidlichen eng- 



— i84 — 

lischen Utilitarier an, wie sie plump und ehrenwerth in 
den Fusstapfen Bentham's daher wandeln, dahin wandeln 
(ein homerisches Gleichniss sagt es deutlicher), so wie er 
selbst schon in den Fusstapfen des ehrenwerthen Hel- 
vetius wandelte (nein, das war kein gefährlicher Mensch, 
dieser Helv^tius, ce sinateur Pococurante, mit Galiani 
zu reden — ). Kein neuer Gedanke, Nichts von 
feinerer Wendung und Faltung eines alten Gedankens, 
nicht einmal eine wirkliche Historie des früher Gedachten: 
eine unmögliche Litteratur im Ganzen, gesetzt, dass 
man sie nicht mit einiger Bosheit sich einzusäuern ver- 
steht. Es hat sich nämlich auch in diese Moralisten 
(welche man durchaus mit Nebengedanken lesen muss, 
falls man sie lesen muss — ) jenes alte englische Laster 
eingeschlichen, das cant heisst und moralische Tar- 
tüfferie ist, dies Mal unter die neue Form der Wissen- 
schaftlichkeit versteckt; es fehlt auch nicht an geheimer 
Abwehr von Gewissensbissen, an denen billigerweise eine 
Rasse von ehemahgen Puritanern bei aller wissenschaft- 
lichen Befassung mit Moral leiden wird. (Ist ein Moralist 
nicht das Gegenstück eines Puritaners? Nämhch als ein 
Denker, der die Moral als fragwürdig, fragezeichenwürdig, 
kurz als Problem nimmt? Sollte Moralisiren nicht — 
unmoralisch sein?) Zuletzt wollen sie Alle, dass die 
englische Moralität Recht bekomme: insofern gerade 
damit der Menschheit, oder dem „allgemeinen Nutzen", 
oder „dem Glück der Meisten", nein! dem Glücke Eng- 
lands am besten gedient wird; sie möchten mit allen 
Kräften sich beweisen, dass das Streben nach eng- 
lischem Glück, ich meine nach comfort und fashion 
(und, an höchster Stelle, einem Sitz im Parlament) zugleich 
auch der rechte Pfad der Tugend sei, ja dass, so viel 
Tugend es bisher in der Welt gegeben hat, es eben in 



- i85 - 

einem solchen Streben bestanden habe. Keins von 
allen diesen schwerfälligen, im Gewissen beunruhigten 
Heerdenthieren (die die Sache des Egoismus als Sache 
der allgemeinen Wohlfahrt zu führen unternehmen — ) will 
etwas davon wissen und riechen, dass die „allgemeine 
Wohlfahrt" kein Ideal, kein Ziel, kein irgendwie fassbarer 
Begriff, sondern nur ein Brechmittel ist, — dass, was 
dem Einen billig ist, durchaus noch nicht dem Andern 
billig sein kann, dass die Forderung Einer Moral für 
Alle die Beeinträchtigung gerade der höheren Menschen 
ist, kurz, dass es eine Rangordnung zwischen Mensch 
und Mensch, folglich auch zwischen Moral und Moral 
giebt. Es ist eine bescheidene und gründlich mittel- 
mässige Art Mensch, diese utiUtarischen Engländer, und, 
wie gesagt: insofern sie langweilig sind, kann man nicht 
hoch genug von ihrer Utilität denken. Man sollte sie noch 
ermuthigen: wie es, zum Theil, mit nachfolgenden 
Reimen versucht worden ist 

Heil euch, brave Karrenschieber, 

Stets „je länger, desto lieber", 

Steifer stets an Kopf und Knie, 

Unbegeistert, ungespässig, 

Uiiverwüstlich-mittelmässig, 

Sans gdnie et sans espritl 

22g. 
Es bleibt in jenen späten Zeitaltem, die auf Mensch- 
lichkeit stolz sein dürfen, so viel Furcht, so viel Aber- 
glaube der Furcht vor dem „wilden grausamen Thiere" 
zurück, über welches Herr geworden zu sein eben den 
Stolz jener menschlicheren Zeitalter ausmacht, dass selbst 
handgreifliche Wahrheiten wie auf Verabredung Jahr- 
hunderte lang unausgesprochen bleiben, weil sie den 



— i86 — 

Anschein haben, jenem wilden, endlich abgetödteten Thiere 
wieder zum Leben zu verhelfen. Ich wage vielleicht 
etwas, wenn ich eine solche Wahrheit mir entschlüpfen 
lasse: mögen Andre sie wieder einfangen und ihr so viel 
„Milch der frommen Denkungsart" zu trinken geben, bis 
sie still und vergessen in ihrer alten Ecke liegt. — Man 
soll über die Grausamkeit umlernen und die Augen auf- 
machen; man soll endlich Ungeduld lernen, damit nicht 
länger solche unbescheidne dicke Irrthümer tugendhaft 
und dreist herumwandeln, wie sie zum Beispiel in Betreff 
der Tragödie von alten und neuen Philosophen aufge- 
füttert worden sind. Fast Alles, was wir .Jiöhere Cultur" 
nennen, beruht auf der Vergeistigung und Vertiefung der 
Grausamkeit — dies ist mein Satz; jenes „wilde Thier" 
ist gar nicht abgetödtet worden, es lebt, es blüht, es hat 
sich nur — vergöttHcht. Was die schmerzliche Wollust 
der Tragödie ausmacht, ist Grausamkeit; was im soge- 
nannten tragischen Mitleiden, im Grunde sogar in allem 
Erhabenen, bis hinauf zu den höchsten und zartesten 
Schaudern der Metaphysik, angenehm wirkt, bekommt 
seine Süssigkeit allein von der eingemischten Ingredienz 
der Grausamkeit. Was der Römer in der Arena, der 
Christ in den Entzückungen des Kreuzes, der Spanier 
Angesichts von Scheiterhaufen oder Stierkämpfen, der 
Japanese von Heute, der sich zur Tragödie drängt, der 
Pariser Vorstadt- Arbeiter, der ein Heimweh nach blutigen 
Revolutionen hat, die Wagnerianerin, welche mit ausge- 
hängtem Willen Tristan und Isolde über sich „ergehen 
lässt", — was diese Alle gemessen und mit geheimniss- 
voller Brunst in sich hineinzutrinken trachten, das sind 
die Würztränke der grossen Circe „Grausamkeit". Dabei 
muss man freilich die tölpelhafte Psychologie von Ehedem 
davon jagen, welche von der Grausamkeit nur zu lehren 



- 187 - 

wusste, dass sie beim Anblicke fremden Leides ent- 
stünde: es giebt einen reichlichen, überreichlichen Genuss 
auch am eignen Leiden, am eignen Sich -leiden -machen, 
— und wo nur der Mensch zur Selbst -Verleugnung im 
religiösen Sinne oder zur Selbst -Verstümmelung, wie 
bei Phöniziern und Asketen, oder überhaupt zur Entsinn- 
lichung, Entfleischung, Zerknirschung, zum puritanischen 
Busskrampfe, zur Gewissens- Vivisektion und zum Pasca- 
lischen sacrifizio delV intelletto sich überreden lässt, da 
wird er heimlich durch seine Grausamkeit gelockt und 
vorwärts gedrängt, durch jene gefährlichen Schauder der 
gegen sich selbst gewendeten Grausamkeit Zuletzt 
erwäge man, dass selbst der Erkennende, indem er seinen 
Geist zwingt, wider den Hang des Geistes und oft 
genug auch wider die Wünsche seines Herzens zu er- 
kennen — nämlich Nein zu sagen, wo er bejahen, lieben, 
anbeten möchte — , als Künstler und Verklärer der Grau- 
samkeit waltet; schon jedes Tief- und Gründlich-Nehmen 
ist eine Vergewaltigung, ein Wehe-thun-wollen am Grund- 
willen des Geistes, welcher unablässig zum Scheine und 
zu den Oberflächen hin will, — schon in jedem Erkennen- 
Wollen ist ein Tropfen Grausamkeit. 



230. 

Vielleicht versteht man nicht ohne Weiteres, was ich 
hier von einem „Grundwillen des Geistes" gesagt habe: 
man gestatte mir eine Erläuterung. — Das befehlerische 
Etwas, das vom Volke „der Geist" genannt wird, will in 
sich und um sich herum Herr sein und sich als Herrn 
fühlen: es hat den Willen aus der Vielheit zur Einfach- 
heit, einen zusammenschnürenden, bändigenden, herrsch- 
süchtigen und wirklich herrschaftUchen Willen. Seine 



— i88 — 

Bedürfnisse und Vermögen sind hierin die selben, wie 
sie die Physiologen für Alles, was lebt, wächst und sich 
vermehrt, aufstellen. Die Kxaft des Geistes, Fremdes sich 
anzueignen, offenbart sich in einem starken Hange, das 
Neue dem Alten anzuähnlichen , das Mannichfaltige zu 
vereinfachen , das gänzlich Widersprechende zu über- 
sehen oder wegzustossen: ebenso wie er bestimmte Züge 
und Linien am Fremden, an jedem Stück „Aussen- 
welt" willkürlich stärker unterstreicht, heraushebt, sich 
zurecht fälscht Seine Absicht geht dabei auf Einver- 
leibung neuer „Erfahrungen", auf Einreihung neuer 
Dinge unter alte Reihen, — auf Wachsthum also; be- 
stimmter noch, auf das Gefühl des Wachsthums, auf 
das Gefühl der vermehrten Kraft. Diesem selben Willen 
dient ein scheinbar entgegengesetzter Trieb des Geistes, 
ein plötzlich herausbrechender Entschluss zur Unwissen- 
heit, zur willkürlichen Abschliessung, ein Zumachen seiner 
Fenster, ein inneres Neinsagen zu diesem oder jenem 
Dinge, ein Nicht -herankommen -lassen, eine Art Ver- 
theidigungs- Zustand gegen vieles Wissbare, eine Zu- 
friedenheit mit dem Dunkel, mit dem abschliessenden 
Horizonte, ein Ja -sagen und Gutheissen der Unwissen- 
heit: wie dies Alles nöthig ist je nach dem Grade seiner 
aneignenden Kraft, seiner „Verdauungskraft", im Bilde ge- 
redet, — und wirklich gleicht „der Geist" am meisten noch 
einem Magen. Insgleichen gehört hierher der gelegent- 
liche Wille des Geistes, sich täuschen zu lassen, vielleicht 
mit einer muthwilligen Ahnung davon, dass es so und 
so nicht steht, dass man es so und so eben nur gelten 
lässt, eine Lust an aller Unsicherheit und Mehrdeutigkeit, 
ein frohlockender Selbstgenuss an der willkürlichen Enge 
und Heimlichkeit eines Winkels, am Allzunahen, am 
Vordergründe , am Vergrösserten , Verkleinerten , Ver- 



— i89 — 

schobenen, Verschönerten, ein Selbstgenuss an der Will- 
kürlichkeit aller dieser Machtäusserungen. Endlich gehört 
hierher jene nicht unbedenkliche Bereitwilligkeit des 
Geistes, andre Geister zu täuschen und sich vor ihnen 
zu verstellen, jener beständige Druck und Drang einer 
schaffenden, bildenden, wandelfähigen Kraft: der Geist 
geniesst darin seine Masken -Vielfältigkeit und Ver- 
schlagenheit, er geniesst auch das Gefühl seiner Sicher- 
heit darin, — gerade durch seine Proteuskünste ist er ja 
am besten vertheidigt und versteckt! — Diesem "Willen 
zum Schein, zur Vereinfachung, zur Maske, zum Mantel, 
kurz zur Oberfläche — denn jede Oberfläche ist ein 
Mantel — wirkt jener sublime Hang des Erkennenden 
entgegen, der die Dinge tief, vielfach, gründlich nimmt 
und nehmen will: als eine Art Grausamkeit des intellek- 
tuellen Gewissens und Geschmacks, welche jeder tapfere 
Denker bei sich anerkennen wird, gesetzt dass er, wie 
sich gebührt, sein Auge für sich selbst lange genug ge- 
härtet und gespitzt hat und an strenge Zucht, auch an 
strenge Worte gewöhnt ist. Er wird sagen „es ist etwas 
Grausames im Hange meines Geistes": — mögen die 
Tugendhaften und Liebenswürdigen es ihm auszureden 
suchen! In der That, es klänge artiger, wenn man uns, 
statt der Grausamkeit, etwa eine „ausschweifende Red- 
lichkeit" nachsagte, nachraunte, nachrühmte, — uns freien, 
sehr freien Geistern: — und so klingt vielleicht wirklich 
einmal unser — Nachruhm? Einstweilen — denn es hat 
Zeit bis dahin — möchten wir selbst wohl am wenigsten 
geneigt sein, uns mit dergleichen morahschen Wort- 
Flittern und -Fransen aufzuputzen: unsre ganze bisherige 
Arbeit verleidet uns gerade diesen Geschmack und seine 
muntere Üppigkeit. Es sind schöne glitzernde klirrende 
festüche Worte: Redlichkeit, Liebe zur Wahrheit, Liebe 



— IQO 

zur Weisheit, Aufopferung für die Erkenntniss, Herois- 
mus des Wahrhaftigen, — es ist Etwas daran, das Einem 
den Stolz schwellen macht. Aber wir Einsiedler und 
Murmelthiere , wir haben uns längst in aller Heimlich- 
keit eines Einsiedler -Gewissens überredet, dass auch 
dieser würdige Wort-Prunk zu dem alten Lügen -Putz, 
-Plunder und -Goldstaub der unbewussten menschlichen 
Eitelkeit gehört, und dass auch unter solcher schmeich- 
lerischen Farbe und Übermalung der schreckliche Grund- 
text honio natura wieder heraus erkannt werden muss. 
Den Menschen nämlich zurückübersetzen in die Natur; 
über die vielen eitlen und schwärmerischen Deutungen 
und Nebensinne Herr werden, welche bisher über jenen 
ewigen Grundtext homo natura gekritzelt und gemalt 
wurden; machen, dass der Mensch fürderhin vor dem 
Menschen steht, wie er heute schon, hart geworden in 
der Zucht der Wissenschaft, vor der anderen Natur 
steht, mit unerschrocknen ödipus -Augen und verklebten 
Odysseus-Ohren, taub gegen die Lockweisen alter meta- 
physischer Vogelfänger, welche ihm allzulange zugeflötet 
haben: „du bist mehrl du bist höher! du bist anderer 
Herkunft!" — das mag eine seltsame und tolle Aufgabe 
sein, aber es ist eine Aufgabe — wer wollte das 
leugnen! Warum wir sie wählten, diese tolle Aufgabe? 
Oder anders gefragt: „warum überhaupt Erkenntniss?" 
— Jedermann wird uns darnach fragen. Und wir, solcher- 
maassen gedrängt, wir, die wir uns hunderte Male selbst 
schon ebenso gefragt haben, wir fanden und finden keine 
bessere Antwort 

231. 

Das Lernen verwandelt uns, es thut Das, was alle 
Ernährung thut, die auch nicht bloss „erhält" — : wie 



— igi — 

der Physiologe weiss. Aber im Grunde von uns, ganz 
„da unten", giebt es freilich etwas Unbelehrbares, einen 
Granit von geistigem Fatum, von vorherbestimmter Ent- 
scheidung und Antwort auf vorherbestimmte ausgelesene 
Fragen. Bei jedem kardinalen Probleme redet ein un- 
wandelbares „das bin ich"; über Mann und Weib zum 
Beispiel kann ein Denker nicht umlernen, sondern nur 
auslernen, — nur zu Ende entdecken, was darüber bei 
ihm „feststeht". Man findet bei Zeiten gewisse Lösungen 
von Problemen, die gerade uns starken Glauben machen; 
vielleicht nennt man sie fürderhin seine „Überzeugungen". 
Später — sieht man in ihnen nur Fusstapfen zur Selbst- 
erkenntniss, Wegweiser zum Probleme, das wir sind, 
— richtiger, zur grossen Dummheit, die wir sind, zu 
unserem geistigen Fatum, zum Unbelehrbaren ganz 
„da unten". — Auf diese reichliche Artigkeit hin, wie 
ich sie eben gegen mich selbst begangen habe, wird es 
mir vielleicht eher schon gestattet sein, über das „Weib 
an sich" einige Wahrheiten herauszusagen: gesetzt, dass 
man es von vornherein nunmehr weiss, wie sehr es eben 
nur — meine Wahrheiten sind. — 



232. 

Das Weib will selbständig werden: und dazu fängt 
es an, die Männer über das „Weib an sich" aufzuklären 
— das gehört zu den schlimmsten Fortschritten der 
allgemeinen Verhässlichung Europa's. Denn was 
müssen diese plumpen Versuche der weiblichen Wissen- 
schaftlichkeit und Selbst -Entblössung Alles an's Licht 
bringen 1 Das Weib hat so viel Grund zur Scham: im 
Weibe ist so viel Pedantisches, Oberflächliches, Schul- 
meisterliches , Kleinlich - Anmaassliches , Kleinlich - Zügel- 



— ig2 — 

loses und -Unbescheidenes versteckt — man studire nur 
seinen Verkehr mit Kindern! — , das im Grunde bisher 
durch die Furcht vor dem Manne am besten zurück- 
gedrängt und gebändigt wurde. Wehe, wenn erst das 
„Ewig-Langweilige am Weibe" — es ist reich daran! — 
sich hervorwagen darf! wenn es seine Klugheit und 
Kunst, die der Anmuth, des Spielens, Sorgen- Wegscheu- 
chens, Erleichterns und Leicht -Nehmens, wenn es seine 
feine Anstelligkeit zu angenehmen Begierden gründlich 
und grundsätzlich zu verlernen beginnt! Es werden schon 
jetzt weibliche Stimmen laut, welche, beim heiligen Ari- 
stophanes! Schrecken machen, es wird mit medizinischer 
Deutlichkeit gedroht, was zuerst und zuletzt das Weib 
vom Manne will. Ist es nicht vom schlechtesten Ge- 
schmacke, wenn das Weib sich dergestalt anschickt, 
wissenschaftlich zu werden? Bisher war glücklicher 
Weise das Aufklären Männer-Sache, Männer- Gabe — 
man blieb damit „unter sich"; und man darf sich zuletzt, 
bei Allem, was Weiber über „das Weib" schreiben, ein 
gutes Misstrauen vorbehalten, ob das Weib über sich 
selbst eigentlich Aufklärung will — und wollen kann ... 
Wenn ein Weib damit nicht einen neuen Putz für sich 
sucht — ich denke doch, das Sich -Putzen gehört zum 
Ewig -Weiblichen? — nun, so will es vor sich Furcht 
erregen: — es will damit vielleicht Herrschaft. Aber es 
will nicht Wahrheit: was liegt dem Weibe an Wahrheit! 
Nichts ist von Anbeginn an dem Weibe fremder, wid- 
riger, feindlicher als Wahrheit, — seine grosse Kunst ist 
die Lüge, seine höchste Angelegenheit ist der Schein 
und die Schönheit Gestehen wir es, wir Männer: wir 
ehren und lieben gerade diese Kunst und diesen In- 
stinkt am Weibe : wir, die wir es schwer haben und uns 
gerne zu unsrer Erleichterung zu Wesen gesellen, unter 



— 193 — 

deren Händen, Blicken und zarten Thorheiten uns unser 
Ernst, unsre Schwere und Tiefe beinahe wie eine Thor- 
heit erscheint. Zuletzt stelle ich die Frage: hat jemals 
ein Weib selber schon einem Weibskopfe Tiefe, einem 
Weibsherzen Gerechtigkeit zugestanden? Und ist es nicht 
wahr, dass, im Grossen gerechnet, „das Weib" bisher 
vom Weibe selbst am meisten missachtet wurde — und 
ganz und gar nicht von uns? — Wir Männer wünschen, 
dass das Weib nicht fortfahre, sich durch Aufklärung zu 
compromittiren : wie es Manns-Fürsorge und Schonung 
des Weibes war, als die Kirche de'kTetirte: imuh'er taceat 
in ecclesiat Es geschah zum Nutzen des Weibes, als 
Napoleon der allzuberedten Madame de Stagl zu ver- 
stehen gab : mulier taceat in politicis / — und ich denke, 
dass es ein rechter Weiberfreund ist, der den Frauen 
heute zuruft: mulier taceat de mulierei 



233. 

Es verräth Comiption der Instinkte — noch abge- 
sehn davon, dass es schlechten Geschmack verräth — , 
wenn ein Weib sich gerade auf Madame Roland oder 
Madame de Stael oder Monsieur George Sand beruft, 
wie als ob damit etwas zu Gunsten des „Weibs an 
sich" bewiesen wäre. Unter Männern sind die Genannten 
die drei komischen Weiber an sich — nichts mehr! — 
und gerade die besten unfreiwilligen Gegen-Argumente 
gegen Emancipation und weibliche Selbstherrlichkeit 



234- 

Die Dummheit in der Küche; das Weib als Köchin; 
die schauerHche Gedankenlosigkeit, mit der die Ernährung 

Niotucho, Werke Band VlI. I3 



— 194 — 

der Familie und des Hausherrn besorgt wird! Das "Weib 
versteht nicht, was die Speise bedeutet: und will Köchin 
sein! Wenn das Weib ein denkendes Geschöpf wäre, so 
hätte es ja, als Köchin seit Jahrtausenden, die grössten 
physiolog^chen Thatsachen finden, insgleichen die Heil- 
kunst in seinen Besitz bringen müssen! Durch schlechte 
Köchinnen — durch den vollkommnen Mangel an Ver- 
nunft in der Küche ist die Entwicklung des Menschen 
am längsten aufgehalten, am schlimmsten beeinträchtigt 
worden: es steht heute selbst noch wenig besser. Eine 
Rede an höhere Töchter. 



235. 

Es giebt Wendungen und Würfe des Geistes, es 
giebt Sentenzen, eine kleine HandvoU Worte, in denen 
eine ganze Cultur, eine ganze Gesellschaft sich plötzlich 
krystaJlisirt Dahin gehört jenes gelegentliche Wort der 
Madame de Lambert an ihren Sohn: „mon ami, ne vous 
f>ermettez jamais gue de foUes, qut vous feront grand 
plaistr": — beiläufig das mütterlichste und klügste Wort, 
das je an einen Sohn gerichtet worden ist 

236. 

Das, was Dante und Goethe vom Weibe geglaubt 
haben — jener, indem er sang „ella guardava suso, ed 
io in lei'\ dieser, indem er es übersetzte „das Ewig -Weib- 
liche zieht uns hinan" — : ich zweifle nicht, dass jedes 
edlere Weib ach gegen diesen Glauben wehren wird, 
denn es glaubt eben das vom Ewig-Männhchen 



— 195 — 

237. 
Sieben Weibs-Sprüchlein. 

Wie die längste Weile fleucht, kommt ein Mann zu uns 
gekreucht 1 

Alter, ach! und Wissenschaft giebt auch schwacher Tu- 
gend Kraft. 

Schwarz Gewand und Schweigsamkeit kleidet jeglich 
Weib — gescheidt. 

* * 

Wem im Glück ich dankbar bin? Gott! — und meiner 

Schneiderin. 

* * 

Jung: beblümtes Höhlenhaus. Alt: ein Drache fährt 
heraus. 

Edler Name, hübsches Bein, Mann dazu: oh war* er 
meinl 

Kurze Rede, langer Sinn — Glatteis für die Eselin! 

237- 
Die Frauen sind von den Männern bisher wie Vögel 
behandelt worden, die von irgend welcher Höhe sich 
hinab zu ihnen verirrt haben: als etwas Feineres, Ver- 
letzUcheres, Wilderes, Wunderlicheres, Süsseres, Seelen- 
volleres, — aber als Etwas, das man einsperren muss, 
damit es nicht davon fliegt 

13* 



— 196 — 

238. 

Sich im Gmndprobleme „Mann und Weib" zu ver- 
greifen, hier den abgründlichsten Antagonismus und die 
Nothwendigkeit einer ewig - feindseligen Spannung zu 
leugnen, hier vielleicht von gleichen Rechten, gleicher 
Erziehung, gleichen Ansprüchen und Verpflichtungen 
zu träumen: das ist ein typisches Zeichen von Flach- 
köpfigkeit, und ein Denker, der an dieser gefahrHchen 
Stelle sich flach erwiesen hat — flach im Instinkte! — , 
darf überhaupt als verdächtig, mehr noch, als verrathen, 
als aufgedeckt gelten: wahrscheinlich wird er für alle 
Grundfragen des Lebens, auch des zukünftigen Lebens, 
zu „kurz" sein und in keine Tiefe hinunter können. Ein 
Mann hingegen, der Tiefe hat, in seinem Geiste wie in 
seinen Begierden, auch jene Tiefe des Wohlwollens, 
welche der Strenge und Härte fähig ist und leicht mit 
ihnen verwechselt wird, kann über das Weib immer nur 
orientalisch denken: — er muss das Weib als Besitz, als 
verschliessbares Eigenthum, als etwas zur Dienstbarkeit 
Vorbestimmtes luid in ihr sich Vollendendes fassen, — er 
muss sich hierin auf die ungeheure Vernunft Asiens, auf 
Asiens Instinkt-Überlegenheit stellen, wie dies ehemals 
die Griechen gethan haben, diese besten Erben und 
Schüler Asiens, — welche, wie bekannt, von Homer bis 
zu den Zeiten des Perikles, mit zunehmender Cultur und 
Umfänglichkeit an Kraft, Schritt für Schritt auch stren- 
ger gegen das Weib, kurz orientaHscher geworden sind. 
Wie nothwendig, wie logisch, wie selbst mensclüich- 
wünschbar dies war: möge man darüber bei sich nach- 
denken I 



— 197 — 

239- 

Das schwache Geschlecht ist in keinem Zeitalter 
mit solcher Achtung von Seiten der Männer behandelt 
worden als in unserm Zeitalter — das gehört zum 
demokratischen Hang und Grundgeschmack, ebenso wie 
die Unehrerbietigkeit vor dem Alter — : was Wunder, 
dass sofort wieder mit dieser Achtung Missbrauch ge- 
trieben wird? Man will mehr, man lernt fordern, man 
findet zuletzt jenen Achtungszoll beinahe schon kränkend, 
man würde den Wettbewerb um Rechte, ja ganz eigent- 
lich den Kampf vorziehn: genug, das Weib verliert an 
Scham. Setzen wir sofort hinzu, dass es auch an Ge- 
schmack verliert. Es verlernt den Mann zu fürchten: 
aber das Weib, das „das Fürchten verlernt", giebt seine 
weiblichsten Instinkte preis. Dass das Weib sich hervor 
wagt, wenn das Furcht-Einflössende am Manne, sagen 
wir bestimmter, wenn der Mann im Manne nicht mehr 
gewollt und grossgezüchtet wird, ist billig genug, auch 
begreiflich genug; was sich schwerer begreift, ist, dass 
ebendamit — das Weib entartet. Dies geschieht heute: 
täuschen wir uns nicht darüber! Wo nur der industrielle 
Geist über den militärischen und aristokratischen Geist 
gesiegt hat, strebt jetzt das Weib nach der wirthschaft- 
lichen und rechtlichen Selbständigkeit eines Commis: 
„das Weib als Commis" steht an der Pforte der sich bil- 
denden modernen Gesellschaft. Indem es sich dergestalt 
neuer Rechte bemächtigt, „Herr" zu werden trachtet 
und den „Fortschritt" des Weibes auf seine Fahnen und 
Fähnchen schreibt, vollzieht sich mit schrecklicher Deut- 
lichkeit das Umgekehrte: das Weib geht zurück. 
Seit der fi-anzösischen Revolution ist in Europa der Ein- 
fluss des Weibes in dem Maasse geringer geworden, 



— igS — 

als es an Rechten und Ansprüchen zugenommen hat; 
und die „Emancipation des Weibes", insofern sie von 
den Frauen selbst (und nicht nur von männlichen 
Flachköpfen) verlangt und gefördert wird, ergiebt sich 
dergestalt als ein merkwürdiges Symptom von der zu- 
nehmenden Schwächung und Abstumpfung der aller- 
weiblichsten Instinkte. Es ist Dummheit in dieser Be- 
wegung, eine beinahe maskulinische Dummheit, deren 
sich ein wohlgerathenes Weib — das immer ein kluges 
Weib ist — von Cmind aus zu schämen hätte. Die 
Witterung dafür verHeren, auf welchem Boden man am 
sichersten zum Siege kommt; die Übung in seiner eigent- 
lichen Waffenkunst vernachlässigen; sich vor dem Manne 
gehen lassen, vielleicht sogar „bis zum Buche", wo man 
sich früher in Zucht und feine listige Demuth nahm; 
dem Glauben des Mannes an ein im Weibe verhülltes 
grundverschiedenes Ideal, an irgend ein Ewig- und Noth- 
wendig-Weibliches mit tugendhafter Dreistigkeit ent- 
gegenarbeiten: dem Manne es nachdrücklich und ge- 
schwätzig ausreden, dass das Weib gleich einem zarteren, 
wunderlich wilden und oft angenehmen Hausthiere er- 
halten, versorgt, geschützt, geschont werden müsse; das 
täppische und entrüstete Zusammensuchen all des Sklaven- 
haften und Leibeigenen, das die Stellung des Weibes 
in der bisherigen Ordnung der Gesellschaft an sich gehabt 
hat und noch hat (als ob Sklaverei ein Gegenargument 
und nicht vielmehr eine Bedingung jeder höheren Cultur, 
jeder Erhöhung der Cultur sei): — was bedeutet dies 
Alles, wenn nicht eine Anbröckelung der weiblichen In- 
stinkte, eine Entweiblichung? Freilich, es giebt genug 
blödsinnige Frauen-Freunde und Weibs -Verderber unter 
den gelehrten Eseln männlichen Geschlechts, die dem 
Weibe anrathen, sich dergestalt zu entweiblichen und 



— 199 — 

alle die Dummheiten nachzumachen, an denen der „Mann" 
in Europa, die europäische „Mannhaftigkeit" krankt, — 
welche das Weib bis zur „allgemeinen Bildung^', wohl 
gar zum Zeitunglesen und Politisiren herunterbringen 
möchten. Man will hier und da selbst Freigeister und 
Litteraten aus den Frauen machen: als ob ein Weib 
ohne Frömmigkeit für einen tiefen und gottlosen Mann 
nicht etwas vollkommen Widriges oder Lächerliches 
wäre — ; man verdirbt fast überall ihre Nerven mit der 
krankhaftesten und gefährlichsten aller Arten Musik 
(unsrer deutschen neuesten Musik) und macht sie täglich 
hysterischer und zu ihrem ersten und letzten Berufe, 
kräftige Kinder zu gebären, unbefähigter. Man will sie 
überhaupt noch mehr „cultiviren" und, wie man sagt, 
das „schwache Geschlecht" durch Cultur stark machen: 
als ob nicht die Geschichte so eindringlich wie möglich 
lehrte, dass „Cultivirung" des Menschen und Schwächung 
— nämlich Schwächung, Zersplitterung, Ankränkelung 
der Willenskraft — immer mit einander Schritt ge- 
gangen sind, und dass die mächtigsten und einflussreichsten 
Frauen der Welt (zuletzt noch die Mutter Napoleon's) 
gerade ihrer Willenskraft — und nicht den Schul- 
meistern! — ihre Macht und ihr Übergewicht über die 
Männer verdankten. Das, was am Weibe Respekt und 
oft genug Furcht einflösst, ist seine Natur, die „natür- 
licher" ist als die des Mannes, seine ächte raubthierhafte 
listige Geschmeidigkeit, seine Tigerkralle unter dem 
Handschuh, seine Naivetät im Egoismus, seine Unerzieh- 
barkeit und innerliche Wildheit, das Unfassliche, Weite, 
Schweifende seiner Begierden und Tugenden . . . Was, 
bei aller Furcht, für diese gefährliche und schöne Katze 
„Weib" Mitleiden macht, ist, dass es leidender, verletz- 
barer, liebebedürftiger und zur Enttäuschung verurtheilter 



— 200 — ' 

erscheint als irgend ein Thier. Furcht und Mitleiden: 
mit diesen Gefühlen stand bisher der Mann vor dem 
"Weibe, immer mit einem Fusse schon in der Tragödie, 
welche zerreisst, indem sie entzückt — . Wie? Und damit 
soll es nun zu Ende sein? Und die Entzauberung des 
Weibes ist im Werke? Die Verlangfweiligung des Weibes 
kommt langsam herauf? Oh Europa! Europa! Man kennt 
das Thier mit Hörnern, welches für dich immer am an- 
ziehendsten war, von dem dir immer wieder Gefahr 
droht! Deine alte Fabel könnte noch einmal zur „Ge- 
schichte" werden, — noch einmal könnte eine ungeheure 
Dummheit über dich Herr werden und dich davon tragen I 
Und unter ihr kein Gott versteckt, nein! nur eine „Idee", 
eine „moderne Idee"l 



Achtes Hauptstück: 



Völker und Vaterländer. 



240. 

Ich hörte, wieder einmal zum ersten Male — Richard 
Wagner's Ouvertüre zu den Meistersingern: das ist 
eine prachtvolle, Oberladne, schwere und späte Kunst, 
welche den Stolz hat, zu ihrem Verständnisse zwei Jahr- 
hunderte Musik als noch lebendig vorauszusetzen: — es 
ehrt die Deutschen, dass sich ein solcher Stolz nicht 
verrechnete! Was für Säfte und Kräfte, was für Jahres- 
zeiten und Himmelsstriche sind hier nicht gemischt! 
Das muthet uns bald alterthümlich , bald fremd, herb 
und überjung an, das ist ebenso willkürlich als pomphaft- 
herkömmlich, das ist nicht selten schelmisch, noch öfter 
derb und grob, — das hat Feuer und Muth und zu- 
gleich die schlaffe falbe Haut von Früchten, welche zu 
spät reif werden. Das strömt breit und voll: und plötz- 
lich ein Augenblick unerklärlichen Zögems, gleichsam 
eine Lücke, die zwischen Ursache und Wirkung auf- 
springt, ein Druck, der uns träumen macht, beinahe ein 
Alpdruck — , aber schon breitet und weitet sich wieder 
der alte Strom von Behagen aus, von vielfältigstem Be- 
hagen, von altem und neuem Glück, sehr eingerechnet 
das Glück des Künstlers an sich selber, dessen er nicht 
Hehl hal)en will, sein erstauntes glückliches Mitwissen 
um die Meisterschaft seiner hier verwendeten Mittel, 
neuer neuerworbener unausgeprobter Kunstmittel, wie er 



— 204 — 

uns zu verrathen scheint. Alles in Allem, keine Schön- 
heit, kein Süden, Nichts von südlicher feiner Helligkeit 
des Himmels, Nichts von Grazie, kein Tanz, kaum ein 
Wille zur Logik; eine gewisse Plumpheit sogar, die noch 
unterstrichen wird, wie als ob der Künstler uns sagen 
wollte: „sie gehört zu meiner Absicht"; eine schwerfällige 
Gewandung, etwas Willkürlich- Barbarisches und Feier- 
liches, ein Geflirr von gelehrten und ehrwürdigen Kost- 
barkeiten und Spitzen; etwas Deutsches, im besten und 
schlimmsten Sinn des Wortes, etwas auf deutsche Art 
Vielfaches, Unförmliches und Unausschöpfliches; eine 
gewisse deutsche Mächtigkeit und Überfülle der Seele, 
welche keine Furcht hat, sich unter die raffinements 
des Verfalls zu verstecken, — die sich dort vielleicht 
erst am wohlsten fühlt; ein rechtes achtes Wahrzeichen 
der deutschen Seele, die zugleich jung und veraltet, 
übermürbe und überreich noch an Zukunft ist. Diese 
Art Musik drückt am besten aus, was ich von den 
Deutschen halte: sie sind von Vorgestern und von Über- 
morgen, — sie haben noch kein Heute. 



241. 

Wir „guten Europäer": auch wir haben Stunden, 
wo wir uns eine herzhafte Vaterländerei, einen Plumps 
und Rückfall in alte Lieben und Engen gestatten — 
ich gab eben eine Probe davon — , Stunden nationaler 
Wallungen, patriotischer Beklemmungen und allerhand 
anderer alterthümlicher Gefühls - Überschwemmungen. 
Schwerfälligere Geister, als wir sind, mögen mit Dem, 
was sich bei uns auf Stunden beschränkt und in Stunden 
zu Ende spielt, erst in längeren Zeiträumen fertig werden, 
in halben Jahren die Einen, in halben Menschenleben 



— 205 — 

die Anderen, je nach der Schnelligkeit und Kraft, mit 
der sie verdauen und ihre „Stoffe wechseln". Ja, ich 
könnte mir dumpfe zögernde Rassen denken, welche 
auch in unserm geschwinden Europa halbe Jahrhunderte 
nöthig hätten, um solche atavistische Anfälle von Vater- 
länderei und Schollenkleberei zu überwinden und wieder 
zur Vernunft, will sagen zum „guten Europäerthum" 
zurückzukehren. Und indem ich über diese Möglichkeit 
ausschweife, begegnet mir's, dass ich Ohrenzeuge eines 
Gesprächs von zwei alten „Patrioten" werde: — sie hörten 
beide offenbar schlecht und sprachen darum um so lauter. 
„Der hält und weiss von Philosophie so viel als ein 
Bauer oder Corpsstudent — sagte der Eine — : der ist 
noch unschuldig. Aber was liegt heute daran! Es ist 
das Zeitalter der Massen: die liegen vor allem Massen- 
haften auf dem Bauche. Und so auch in polittcts. Ein 
Staatsmann, der ihnen einen neuen Thurm von Babel, 
irgend ein Ungeheuer von Reich und Macht aufthürmt, 
heisst ihnen „gross": — was liegt daran, dass wir Vor- 
sichtigeren und Zurückhaltenderen einstweilen noch nicht 
vom alten Glauben lassen, es sei allein der grosse Ge- 
danke, der einer That und Sache Grösse giebt. Gesetzt, 
ein Staatsmann brächte sein Volk in die Lage, fürderhin 
„grosse Politik" treiben zu müssen, für welche es von 
Natur schlecht angelegt und vorbereitet ist: so dass es 
nöthig hätte, einer neuen zweifelhaften Mittelmässigkeit 
zu Liebe seine alten und sicheren Tugenden zu opfern, — 
gesetzt, ein Staatsmann verurtheilte sein Volk zum „Poli- 
tisiren" überhaupt, während dasselbe bisher Besseres zu 
thun und zu denken hatte und im Grunde seiner Seele 
einen vorsichtigen Ekel vor der Unruhe, Leere und lär- 
menden Zankteufelei der eigentlich politisirenden Völker 
nicht los wurde; — gesetzt, ein solcher Staatsmann stachle 



— 2o6 

die eingeschlafhen Leidenschaften und Begehrlichkeiten 
seines Volkes auf, mache ihm aus seiner bisherigen 
Schüchternheit und Lust am Danebenstehn einen Flecken, 
aus seiner Ausländerei und heimlichen Unendlichkeit 
eine Verschuldung, entwerthe ihm seine herzlichsten 
Hänge, drehe sein Gewissen um, mache seinen Geist eng, 
seinen Geschmack „national", — wie! ein Staatsmann, 
der dies Alles thäte, den sein Volk in alle Zukunft hin- 
ein, falls es Zukunft hat, abbüssen müsste, ein solcher 
Staatsmann wäre gross?" „Unzweifelhaft! antwortete ihm 
der andere alte Patriot heftig: sonst hätte er es nicht 
gekonnt! Es war toll vielleicht, so etwas zu wollen? 
Aber vielleicht war alles Grosse im Anfang nur toll!" 
— „Missbrauch der Worte! schrie sein Unterredner da- 
gegen: — stark! stark! stark und toll! Nicht gross!" — 
Die alten Männer hatten sich ersichtlich erhitzt, als sie 
sich dergestalt ihre Wahrheiten in's Gesicht schrieen; ich 
aber, in meinem Glück und Jenseits, erwog, wie bald 
über den Starken ein Stärkerer Herr werden wird; auch 
dass es für die geistige Verflachung eines Volkes eine 
Ausgleichung giebt, nämlich durch die Vertiefung eines 
anderen. — 

242. 

Nenne man es nun „Civilisation" oder „Vermensch- 
lichung" oder „Fortschritt", worin jetzt die Auszeichnung 
der Europäer gesucht wird; nenne man es einfach, ohne 
zu loben und zu tadeln, mit einer politischen Formel die 
demokratische Bewegung Europa's: hinter all den 
morahschen und politischen Vordergründen, auf welche 
mit solchen Formeln hingewiesen wird, vollzieht sich ein 
ungeheurer physiologischer Prozess, der immer mehr 
in Fluss geräth, — der Prozess einer Anähnlichung der 



— 207 — 

Europäer, ihre wachsende Loslösung von den Bedingungen, 
unter denen klimatisch und ständisch gebundene Rassen 
entstehen, ihre zunehmende Unabhängigkeit von jedem 
bestimmten müieu, das Jahrhunderte lang sich mit glei- 
chen Forderungen in Seele und Leib einschreiben möchte, — 
also die langsame Heraufkunft einer wesentHch übernatio- 
nalen und nomadischen Art Mensch, welche, physiologisch 
geredet, ein Maximum von Anpassungskunst und -kraft als 
ihre typische Auszeichnung besitzt Dieser Prozess des 
werdenden Europäers, welcher durch grosse Rück- 
fälle im Tempo verzögert werden kann, aber vielleicht ge- 
rade damit an Vehemenz und Tiefe gewinnt und wächst — 
der jetzt noch wüthende Sturm und Drang des „National- 
Gefahls" gehört hierher, insgleichen der eben heraufkom- 
mende Anarchismus — : dieser Prozess läuft wahrscheinlich 
auf Resultate hinaus, auf welche seine naiven Beförderer 
und Lobredner, die Apostel der „modernen Ideen", am 
wenigsten rechnen möchten. Dieselben neuen Beding- 
ungen, unter denen im Durchschnitt eine Ausgleichung 
und Vermittelmässigung des Menschen sich herausbilden 
wird — ein nützUches, arbeitsames, vielfach brauchbares 
und anstelliges Heerdenthier Mensch — , sind im höchsten 
Grade dazu angethan, Ausnahme -Menschen der gefähr- 
lichsten und anziehendsten Quahtät den Ursprung zu 
geben. Während nämhch jene Anpassungskraft, welche 
immer wechselnde Bedingungen durchprobirt und mit 
jedem Geschlecht, fast mit jedem Jahrzehend, eine neue 
Arbeit beginnt, die Mächtigkeit des Typus gar nicht 
möglich macht; während der Gesammt -Eindruck solcher 
zukünftigen Europäer wahrscheinlich der von vielfachen 
geschwätzigen willensarmen und äusserst anstellbaren 
Arbeitern sein wird, die des Herrn, des Befehlenden 
bedürfen wie des täglichen Brodes; während also die 



— 208 — 

Demokratisining Europa's auf die Erzeugung eines zur 
Sklaverei im feinsten Sinne vorbereiteten Typus hin- 
ausläuft: wird, im Einzel- und Ausnahmefall, der starke 
Mensch stärker und reicher gerathen müssen, als er viel- 
leicht jemals bisher gerathen ist, — Dank der Vorurtheils- 
losigkeit seiner Schulung, Dank der ungeheuren Viel- 
fältigkeit von Übung, Kunst und Maske. Ich wollte 
sagen: die Demokratisirung Europa's ist zugleich eine 
unfreiwillige Veranstaltung zur Züchtung von Tyrannen, 
— das Wort in jedem Sinne verstanden, auch im 
geistigsten. 

243. 

Ich höre mit Vergnügen, dass unsre Sonne in rascher 
Bewegung gegen das Sternbild des Herkules hin be- 
griffen ist: und ich hoffe, dass der Mensch auf dieser 
Erde es darin der Sonne gleich thut? Und wir voran, 
wir guten Europäer 1 — 

2H. 

Es gab eine Zeit, wo man gewohnt war, die Deut- 
schen mit Auszeichnung „tief' zu nennen: jetzt, wo der 
erfolgreichste Typus des neuen Deutschthums nach ganz 
andren Ehren geizt und an Allem, was Tiefe hat, vielleicht 
die „Schneidigkeit" vermisst, ist der Zweifel beinahe zeit- 
gemäss und patriotisch, ob man sich ehemals mit jenem 
Lobe nicht betrogen hat: genug, ob die deutsche Tiefe 
nicht im Grunde etwas Anderes und Schlimmeres ist — 
und Etwas, das man, Gott sei Dank, mit Erfolg los- 
zuwerden im Begriff steht Machen wir also den Ver- 
such, über die deutsche Tiefe umzulernen: man hat Nichts 
dazu nöthig als ein wenig Vivisektion der deutschen 
Seele. — Die deutsche Seele ist vor Allem vielfach, ver- 



— 209 — 

schiedenen Ursprungs, mehr zusammen- und Obereinander- 
gesetzt als wirklich gebaut: das liegt an ihrer Herkunft. 
Ein Deutscher, der sich erdreisten wollte, zu behaupten 
„zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust" würde sich 
an der Wahrheit arg vergreifen, richtiger, hinter der 
Wahrheit um viele Seelen zurückbleiben. Als ein Volk 
der ungeheuerlichsten Mischung und Zusammenrührung 
von Rassen, vielleicht sogar mit einem Übergewicht des 
vor-arischen Elementes, als „Volk der Mitte" in jedem 
Verstände, sind die Deutschen unfassbarer, umfänglicher, 
widerspruchsvoller, unbekannter, unberechenbarer, über- 
raschender, selbst erschrecklicher, als es andre Völker 
sich selber sind: — sie entschlüpfen der Definition 
und sind damit schon die Verzweiflung der Franzosen. 
Es kennzeichnet die Deutschen, dass bei ihnen die Frage 
„was ist deutsch?" niemals ausstirbt. Kotzebue kannte 
seine Deutschen gewiss gut genug: „wir sind erkannt" 
jubelten sie ihm zu, — aber auch Sand glaubte sie zu 
kennen. Jean Paul wusste, was er that, als er sich 
ergrimmt gegen Fichte's verlogne, aber patriotische 
Schmeicheleien und Übertreibungen erklärte, — aber es 
ist wahrscheinlich, dass Goethe anders über die Deutschen 
dachte als Jean Paul, wenn er ihm auch in Betreff 
Fichtens Recht gab. Was Goethe eigentlich über die 
Deutschen gedacht hat? — Aber er hat über viele Dinge 
um sich herum nie deutlich geredet und verstand sich zeit- 
lebens auf das feine Schweigen: — wahrscheinlich hatte 
er gute Gründe dazu. Gewiss ist, dass es nicht „die 
Freiheitskriege" waren, die ihn freudiger aufblicken Hessen, 
so wenig als die französische Revolution, — das Ereig- 
niss, um dessentwillen er seinen Faust, ja das ganze 
Problem „Mensch" umgedacht hat, war das Erscheinen 
Napoleon's. Es giebt Worte Goethe's, in denen er, wie 

Nietiscbfl, Werke Band VII. I4 



— 2IO 

vom Auslande her, mit einer ungeduldigen Härte über 
Das abspricht, was die Deutschen sich zu ihrem Stolze 
rechnen: das berühmte deutsche Gemüth definirt er ein- 
mal als „Nachsicht mit fremden und eignen Schwächen". 
Hat er damit Unrecht? — es kennzeichnet die Deutschen, 
dass man über sie selten völlig Unrecht hat. Die deutsche 
Seele hat Gänge und Zwischengänge in sich, es giebt in 
ihr Höhlen, Verstecke, Burgverliesse; ihre Unordnung 
hat viel vom Reize des Geheimnissvollen; der Deutsche 
versteht sich auf die Schleichwege zum Qaaos. Und wie 
jeglich Ding sein Gleichniss liebt, so liebt der Deutsche 
die Wolken und Alles, was unklar, werdend, dämmernd, 
feucht und verhängt ist: das Ungewisse, Unausgestaltete, 
Sich -Verschiebende, Wachsende jeder Art fühlt er als 
„tief". Der Deutsche selbst ist nicht, er wird, er „ent- 
wickelt sich". „Entwicklung" ist deshalb der eigenthch 
deutsche Fund und Wurf im grossen Reich philosophischer 
Formeln: — ein regierender Begriff, der, im Bunde mit 
deutschem Bier und deutscher Musik, daran arbeitet, 
ganz Europa zu verdeutschen. Die Ausländer stehen er- 
staunt und angezogen vor den Räthseln, die ihnen die 
Widerspruchs-Natur im Grunde der deutschen Seele auf- 
giebt (welche Hegel in System gebracht, Richard Wagner 
zuletzt noch in Musik gesetzt hat). „Gutmüthig und 
tückisch" — ein solches Nebeneinander, widersinnig in 
Bezug auf jedes andre Volk, rechtfertigt sich leider zu 
oft in Deutschland: man lebe nur eine Zeit lang unter 
Schwaben! Die Schwerfälligkeit des deutschen Gelehrten, 
seine gesellschaftliche Abgeschmacktheit verträgt sich zum 
Erschrecken gut mit einer innewendigen Seiltänzerei und 
leichten Kühnheit, vor der bereits alle Götter das Fürch- 
ten gelernt haben. Will man die „deutsche Seele" ad 
oculos demonstrirt, so sehe man nur in den deutschen 



— 211 — 

Geschmack, in deutsche Künste und Sitten hinein: welche 
bäurische Gleichgültigkeit gegen „Geschmack"! Wie steht 
da das Edelste und Gemeinste neben einander! Wie 
unordentlich und reich ist dieser ganze Seelen-Haushalt! 
Der Deutsche schleppt an seiner Seele: er schleppt an 
Allem, was er erlebt Er verdaut seine Ereignisse schlecht, 
er wird nie damit „fertig"; die deutsche Tiefe ist oft nur 
eine schwere zögernde „Verdauung". Und wie alle Ge- 
wohnheits-Kxanken, alle Dyspeptiker den Hang zum Be- 
quemen haben, so hebt der Deutsche die „Offenheit" und 
„Biederkeit": wie bequem ist es, offen und bieder zu 
sein! — Es ist heute vielleicht die gefährlichste und 
glücklichste Verkleidung, auf die sich der Deutsche ver- 
steht, dies Zutrauliche, Entgegenkommende, die-Karten- 
Aufdeckende der deutschen Redlichkeit: sie ist seine 
eigentliche Mephistopheles - Kunst , mit ihr kann er es 
„noch weit bringen"! Der Deutsche lässt sich gehen, 
blickt dazu mit treuen blauen leeren deutschen Augen 
— und sofort verwechselt das Ausland ihn mit seinem 
Schlafrocke! — Ich wollte sagen: mag die „deutsche 
Tiefe" sein, was sie will, — ganz unter uns erlauben wir 
uns vielleicht über sie zu lachen? — wir thun gut, ihren 
Anschein und guten Namen auch fürderhin in Ehren zu 
halten und unsern alten Ruf, als Volk der Tiefe, nicht 
zu billig gegen preussische „Schneidigkeit" und Berliner 
Witz und Sand zu veräussern. Es ist für ein Volk klug, 
sich für tief, für ungeschickt, für gutmüthig, für redlich, 
für unklug gelten zu machen, gelten zu lassen: es 
könnte sogar — tief sein! Zuletzt: man soll seinem 
Namen Ehre machen, — man heisst nicht umsonst das 
„Husche" Volk, das Täusche -Volk . — 



14» 



— 212 — 



245. 



Die „gute alte" Zeit ist dahin, in Mozaxt hat sie sich 
ausgesungen: — wie glücklich wir, dass zu uns sein 
Rokoko noch redet, dass seine „gute Gesellschaft;", sein 
zärtliches Schwärmen, seine Kinderlust am Chinesischen 
imd Geschnörkelten , seine Höflichkeit des Herzens , 
sein Verlangen nach dem Zierlichen, Verliebten, Tanzenden, 
Thränensehgen , sein Glaube an den Süden noch an 
irgend einen Rest in uns appelliren darf! Ach, irgend 
wann wird es einmal damit vorbei sein; — aber wer 
darf zweifeln, dass es noch früher mit dem Verstehen 
und Schmecken Beethoven's vorbei sein wird! — der ja 
nur der Ausklang eines Stil-Übergangs und Stil-Bruchs 
war und nicht, wie Mozart, der Ausklang eines grossen 
Jahrhunderte langen europäischen Geschmacks. Beet- 
hoven ist das Zwischen -Begebniss einer alten mürben 
Seele, die beständig zerbricht, und einer zukünftigen 
überjungen Seele, welche beständig kommt; auf seiner 
Musik liegt jenes Zwielicht von ewigem Verlieren und 
ewigem ausschweifendem Hoffen, — dasselbe Licht, in 
welchem Europa gebadet lag, als es mit Rousseau ge- 
träumt, als es um den Freiheitsbaum der Revolution 
getanzt und endlich vor Napoleon beinahe angebetet 
hatte. Aber wie schnell verbleicht jetzt gerade dies 
Gefühl, wie schwer ist heute schon das Wissen um dies 
Gefühl, — wie fremd klingt die Sprache jener Rousseau, 
Schiller, Shelley, Byron an unser Ohr, in denen zu- 
sammen dasselbe Schicksal Europa's den Weg zum 
Wort gefunden hat, das in Beethoven zu singen wusste! 
— Was von deutscher Musik nachher gekommen ist, 
gehört in die Romantik , das heisst in eine , historisch 
gerechnet, noch kürzere, noch flüchtigere, noch oberfläch- 



— 213 — 

liebere Bewegung, als es jener grosse Zwischenakt, jener 
Übergang Europa's von Rousseau zu Napoleon und zur 
Heraufkunft der Demokratie war. Weber: aber was ist 
uns heute Freischütz und Oberon! Oder Marschner's 
Hans Helling und Vampyr! Oder selbst noch Wagner's 
Tannhäuser! Das ist verklungene, wenn auch noch nicht 
vergessene Musik. Diese ganze Musik der Romantik 
war überdies nicht vornehm genug, nicht Musik genug, 
um auch anderswo Recht zu behalten, als im Theater 
und vor der Menge; sie war von vornherein Musik 
zweiten Ranges, die unter wirklichen Musikern wenig 
in Betracht kam. Anders stand es mit Felix Mendels- 
sohn, jenem halkyonischen Meister, der um seiner leich- 
teren reineren beglückteren Seele willen schnell verehrt 
und ebenso schnell vergessen wurde: als der schöne 
Zwischenfall der deutschen Musik. Was aber Robert 
Schumann angeht, der es schwer nahm und von Anfang 
an auch schwer genommen worden ist — es ist der 
Letzte, der eine Schule gegründet hat — : gilt es heute 
unter uns nicht als ein Glück, als ein Aufathmen, als 
eine Befreiung, dass gerade diese Schumann'sche Ro- 
mantik überwunden ist? Schumann, in die „sächsische 
Schweiz" seiner Seele flüchtend, halb Wertherisch, halb 
Jean-Paulisch geartet, gewiss nicht Beethovenisch I gewiss 
nicht Byronisch! — seine Manfred-Musik ist ein Missgriff 
und Missverständniss bis zum Unrechte — , Schumann 
mit seinem Geschmack, der im Grunde ein kleiner Ge- 
schmack war (nämlich ein gefährlicher, unter Deutschen 
doppelt gefährlicher Hang zur stillen Lyrik und Trunken- 
boldigkeit des Gefühls), beständig bei Seite gehend, sich 
scheu verziehend und zurückziehend, ein edler Zärtling, 
der in lauter anonymem Glück und Weh schwelgte, 
eine Art Mädchen und nolt me tangere von Anbeginn : 



— 214 — 

dieser Schumann war bereits nur noch ein deutsches 
Ereigniss in der Musik, kein europäisches mehr, wie 
Beethoven es war, wie, in noch umfänglicherem Maasse, 
Mozart es gewesen ist, — mit ihm drohte der deutschen 
Musik ihre grösste Gefahr, die Stimme für die Seele 
Europa's zu verlieren und zu einer blossen Vaterlän- 
derei herabzusinken. — 

246. 

— Welche Marter sind deutsch geschriebene Bücher 
für Den, der das dritte Ohr hat! Wie unwillig steht 
er neben dem langsam sich drehenden Sumpfe von 
Klängen ohne Klang, von Rhythmen ohne Tanz, welcher 
bei Deutschen ein „Buch" genannt wird! Und gar der 
Deutsche, der Bücher liest! Wie faul, wie widerwillig, 
wie schlecht liest er! Wie viele Deutsche wissen es und 
fordern es von sich zu wissen, dass Kunst in jedem 
guten Satze steckt, — Kunst, die errathen sein will, 
sofern der Satz verstanden sein will! Ein Missverständ- 
niss über sein Tempo zum Beispiel: und der Satz selbst 
ist missverstanden! Dass man über die rhythmisch ent- 
scheidenden Silben nicht im Zweifel sein darf, dass man 
die Brechung der allzustrengen Symmetrie als gewollt 
und als Reiz fühlt, dass man jedem staccato, jedem 
rubato ein feines geduldiges Ohr hinhält, dass man den 
Sinn in der Folge der Vokale und Diphthongen räth, 
und wie zart und reich sie in ihrem Hintereinander sich 
färben und umfärben können: wer unter bücherlesenden 
Deutschen ist gutwillig genug, solchergestalt Pflichten 
und Forderungen anzuerkennen und auf so viel Kunst 
und Absicht in der Sprache hinzuhorchen? Man hat 
zuletzt eben „das Ohr nicht dafür": und so werden die 
stärksten Gegensätze des Stils nicht gehört, und die 



— 215 — 

feinste Künstlerschaft Ist wIq vor Tauben verschwendet 
— Dies waren meine Gedanken, als ich merkte, wie man 
plump und ahnungslos zwei Meister in der Kunst der 
Prosa mit einander verwechselte, Einen, dem die Worte 
zögernd und kalt herabtropfen, wie von der Decke einer 
feuchten Höhle — er rechnet auf ihren dumpfen Klang 
und Wiederklang — imd einen Anderen, der seine 
Sprache wie einen biegsamen Degen handhabt und vom 
Arme bis zur Zehe hinab das gefährliche Glück der 
zitternden überscharfen Klinge fühlt, welche beissen, 
zischen, schneiden will. — 

247. 

Wie wenig der deutsche Stil mit dem Klange und 
mit den Ohren zu thun hat, zeig^ die Thatsache, deiss 
gerade unsre guten Musiker schlecht schreiben. Der 
Deutsche liest nicht laut, nicht für's Ohr, sondern bloss 
mit den Augen: er hat seine Ohren dabei in's Schubfach 
gelegt Der antike Mensch las, wenn er las — es ge- 
schah selten genug — , sich selbst etwas vor, und zwar 
mit lauter Stimme; man wunderte sich, wenn Jemand 
leise las und fragte sich insgeheim nach Gründen. Mit 
lauter Stimme: das wiU sagen, mit all den Schwellungen, 
Biegungen, Umschlägen des Tons und Wechseln des 
Tempo's, an denen die antike öffentliche Welt ihre 
Freude hatte. Damals waren die Gesetze des Schrift- 
Stils dieselben, wie die des Rede -Stils; und dessen 
Gesetze hiengen zum Theil von der erstaunlichen 
Ausbildung, den raffinirten Bedürfhissen des Ohrs und 
Kehlkopfs ab, zum andern Theil von der Stärke, Dauer 
und Macht der antiken Lunge. Eine Periode ist, im 
Sinne der Alten, vor y\llem ein physiologisches Ganzes, 
insofern sie von Einem Athem zusammengefasst wird. 



— 2l6 — 

Solche Perioden, wie sie bei Demosthenes, bei Cicero 
vorkommen, zwei Mal schwellend und zwei Mal ab- 
sinkend und Alles innerhalb Eines Athemzugs: das 
sind Genüsse für antike Menschen, welche die Tugend 
daran, das Seltene und Schwierige im Vortrag einer 
solchen Periode, aus ihrer eignen Schulung zu schätzen 
wussten: — wir haben eigentlich kein Recht auf die 
grosse Periode, wir Modernen, wir Kurzathmigen in 
jedem Sinne 1 Diese Alten waren ja insgesammt in der 
Rede selbst Dilettanten, folglich Kenner, folglich Kritiker, 
— damit trieben sie ihre Redner zum Äussersten; in 
gleicher Weise, wie im vorigen Jahrhundert, als alle 
Italiäner und Italiänerinnen zu singen verstanden, bei 
ihnen das Gesangs -Virtuosenthum (und damit auch die 
Kunst der Melodik — ) auf die Höhe kam. In Deutsch- 
land aber gab es (bis auf die jüngste Zeit, wo eine Art 
Tribünen - Beredtsamkeit schüchtern und plump genug 
ihre jungen Schwingen regt) eigentlich nur Eine Gat- 
tung öffentlicher und ungefähr kunstmässiger Rede: 
das ist die von der Kanzel herab. Der Prediger allein 
wusste in Deutschland, was eine Silbe, was ein Wort 
wiegt, inwiefern ein Satz schlägt, springt, stürzt, läuft, 
ausläuft, er allein hatte Gewissen in seinen Ohren, oft 
genug ein böses Gewissen : denn es fehlt nicht an Gründen 
dafür, dass gerade von einem Deutschen Tüchtigkeit in 
der Rede selten, fast immer zu spät erreicht wird. Das 
Meisterstück der deutschen Prosa ist deshalb billigerweise 
das Meisterstück ihres grössten Predigers: die Bibel 
war bisher das beste deutsche Buch. Gegen Luther's 
Bibel gehalten ist fast alles Übrige nur „Litteratur" — 
ein Ding, das nicht in Deutschland gewachsen ist und 
darum auch nicht in deutsche Herzen hinein wuchs und 
wächst: wie es die Bibel gethan hat 



217 



248. 

Es giebt zwei Arten des Genie's: eins, welches vor 
allem zeugt und zeugen will, und ein andres, welches 
sich gern befruchten lässt und gebiert Und ebenso 
giebt es unter den genialen Völkern solche, denen das 
Weibsproblem der Schwangerschaft und die geheime 
Aufgabe des Gestaltens, Ausreifens, Vollendens zuge- 
fallen ist — die Griechen zum Beispiel waren ein Volk 
dieser Art, insgleichen die Franzosen — ; und andre, 
welche befruchten müssen und die Ursache neuer Ord- 
nungen des Lebens werden — gleich den Juden, den 
Römern und, in aller Bescheidenheit gefragt, den Deut- 
schen? — , Völker gequält und entzückt von unbekannten 
Fiebern und unwiderstehlich aus sich herausgedrängt, 
verliebt und lüstern nach fremden Rassen (nach solchen, 
welche sich „befruchten lassen" — ) und dabei herrsch- 
süchtig wie Alles, was sich voller Zeugekräfte und folg- 
lich „von Gottes Gnaden" weiss. Diese zwei Arten des 
Genie's suchen sich, wie Mann und Weib; aber sie miss- 
verstehen auch einander, — wie Mann und Weib. 

249. 

Jedes Volk hat seine eigne TartüfFerie, und heisst 
sie seine Tugenden. — Das Beste, was man ist, kennt 
man nicht, — kann man nicht kennen, 

250. 

Was Europa den Juden verdankt? — Vielerlei, Gutes 

und Schlimmes, und vor allem Eins, das vom Besten 

und Schlimmsten zugleich ist: den g^rossen Stil in der 

Moral, die Furchtbarkeit und Majestät unendlicher Forder- 



— 2l8 — 

ungen, unendlicher Bedeutungen, die ganze Romantik 
und Erhabenheit der moralischen Fragwürdigkeiten — 
und folglich gerade den anziehendsten, verfänglichsten 
und ausgesuchtesten Theil jener Farbenspiele und Ver- 
führungen zum Leben, in deren Nachschimmer heute der 
Himmel unsrer europäischen Cultur, ihr Abend-Himmel, 
glüht, — vielleicht verglüht Wir Artisten unter den 
Zuschauem und Philosophen sind dafür den Juden — 
dankbar. — 

251- 

Man muss es in den Kauf nehmen, wenn einem 
Volke, das am nationalen Nervenfieber und politischen 
Ehrgeize leidet, leiden will — , mancherlei Wolken und 
Störungen über den Geist ziehn, kurz, kleine Anfalle 
von Verdummung: zum Beispiel bei den Deutschen von 
Heute bald die antifranzösische Dummheit, bald die 
antijüdische, bald die antipolnische, bald die christlich- 
romantische, bald die Wagnerianische , bald die teuto- 
nische, bald die preussische (man sehe sich doch diese 
armen Historiker, diese Sybel und Treitschke und ihre 
dick verbundenen Köpfe an — ), und wie sie alle heissen 
mögen, diese kleinen Benebelungen des deutschen Geistes 
und Gewissens. Möge man mir verzeihn, dass auch ich, 
bei einem kurzen gewagten Aufenthalt auf sehr inficir- 
tem Gebiete, nicht völlig von der Krankheit verschont 
blieb und mir, wie alle Welt, bereits Gedanken über 
Dinge zu machen anfieng, die mich nichts angehn: erstes 
Zeichen der politischen Infektion. Zum Beispiel über 
die Juden: man höre. — Ich bin noch keinem Deut- 
schen begegnet, der den Juden gewogen gewesen wäre; 
und so unbedingt auch die Ablehnung der eigentlichen 
Antisemiterei von Seiten aller Vorsichtigen und Politischen 



— 219 — 

sein mag-, so richtet sich doch auch diese Vorsicht und 
Politik nicht etwa gegen die Gattung des Gefühls selber, 
sondern nur gegen seine gefährliche Unmässigkeit, ins- 
besondere gegen den abgeschmackten und schandbaren 
Ausdruck dieses unmässigen Gefühls, — darüber darf 
man sich nicht täuschen. Dass Deutschland reichlich 
genug Juden hat, dass der deutsche Magen, das deutsche 
Blut Noth hat (und noch auf lange Noth haben wird), 
um auch nur mit diesem Quantum ,Jude" fertig zu 
werden — so wie der Italiäner, der Franzose, der Eng- 
länder fertig geworden sind, in Folge einer kräftigeren 
Verdauung — : das ist die deutliche Aussage und Sprache 
eines allgemeinen Instinktes, auf welchen man hören, 
nach welchem man handeln muss. ,JCeine neuen Juden 
mehr hinein lassen! Und namentlich nach dem Osten 
(auch nach Ostreich) zu die Thore zusperren!" also ge- 
bietet der Instinkt eines Volkes, dessen Art noch schwach 
und unbestimmt ist, so dass sie leicht verwischt, leicht 
durch eine stärkere Rasse ausgelöscht werden könnte. 
Die Juden sind aber ohne allen Zweifel die stärkste, 
Zäheste und reinste Rasse, die jetzt in Europa lebt; sie 
verstehen es, selbst noch unter den schlimmsten Be- 
dingungen sich durchzusetzen (besser sogar als unter 
günstigen), vermöge irgend welcher Tugenden, die man 
heute gern zu Lastern stempeln möchte, — Dank, vor 
Allem, einem resoluten Glauben, der sich vor den „mo- 
dernen Ideen" nicht zu schämen braucht; sie verändern 
sich, wenn sie sich verändern, immer nur so, wie das 
russische Reich seine Eroberungen macht, — als ein 
Reich, das Zeit hat und nicht von Gestern ist — : nämlich 
nach dem Grundsatze „so langsam als möglich!" Ein 
Denker, der die Zukunft Europa's auf seinem Gewissen 
hat, wird, bei allen Entwürfen, welche er bei sich über 



— 220 — 

diese Zukunft macht, mit den Juden rechnen wie mit 
den Russen, als den zunächst sichersten und wahrschein- 
Hchsten Faktoren im grossen Spiel und Kampf der 
Kräfte. Das, was heute in Europa „Nation" genannt 
wird und eigentlich mehr eine res facta als nata ist (ja 
mitunter einer res ßcta et ptcta zum Verwechseln 
ähnlich sieht — ), ist in jedem Falle etwas Werdendes, 
Junges, Leicht -Verschiebbares, noch keine Rasse, ge- 
schweige denn ein solches aere perenntus, wie es die 
Juden-Art ist: diese „Nationen" sollten sich doch vor jeder 
hitzköpfigen Concurrenz und Feindseligkeit sorgfältig in 
Acht nehmen! Dass die Juden, wenn sie woUten — oder, 
wenn man sie dazu zwänge, wie es die Antisemiten zu 
wollen scheinen — , jetzt schon das Übergewicht, ja ganz 
wörtlich die Herrschaft über Europa haben könnten, 
steht fest; dass sie nicht darauf hin arbeiten und Pläne 
machen, ebenfalls. Einstweilen wollen und wünschen sie 
vielmehr, sogar mit einiger Zudringlichkeit, in Europa, 
von Europa ein- und aufgesaugt zu werden, sie dürsten 
darnach, endlich irgendwo fest, erlaubt, geachtet zu sein 
und dem Nomadenleben, dem „ewigen Juden" ein Ziel 
zu setzen; und man sollte diesen Zug und Drang (der 
vielleicht selbst schon eine Milderung der jüdischen In- 
stinkte ausdrückt) wohl beachten und ihm entgegen- 
kommen: wozu es vielleicht nützlich und billig wäre, die 
antisemitischen Schreihälse des Landes zu verweisen. 
Mit aller Vorsicht entgegenkommen, mit Auswahl; un- 
gefähr so wie der englische Adel es thut. Es liegt 
auf der Hand, dass am unbedenklichsten noch sich die 
stärkeren und bereits fester geprägten Typen des neuen 
Deutschthums mit ihnen einlassen könnten, zum Beispiel 
der adelige Offizier aus der Mark; es wäre von vielfachem 
Interesse, zu sehen, ob sich nicht zu der erblichen Kunst 



— 221 — 

des Befehlens und Gehorchens — in Beidem ist das be- 
zeichnete Land heute klassisch — das Genie des Geldes 
und der Geduld (und vor allem etwas Geistigkeit, woran 
es reichlich an der bezeichneten Stelle fehlt — ) hinzu- 
thun, hinzuzüchten Hesse. Doch hier ziemt es sich, 
meine heitere Deutschthümelei und Festrede abzubrechen: 
denn ich rühre bereits an meinen Ernst, an das „euro- 
päische Problem", wie ich es verstehe, an die Züchtung 
einer neuen über Europa regierenden Kaste. — 



252. 

Das ist keine philosophische Rasse — diese Eng- 
länder: Bacon bedeutet einen Angriff auf den philo- 
sophischen Geist überhaupt, Hobbes, Hume und Locke 
eine Erniedrigung und Werth-Minderung des Begriffs 
„Philosoph" für mehr als ein Jahrhundert. Gegen Hume 
erhob und hob sich Kant; Locke war es, von dem 
Schelling sagen durfte: „je tniprise Locke" ; im Kampfe 
mit der englisch-mechanistischen Welt-Vertölpelung waren 
Hegel und Schopenhauer (mit Goethe) einmüthig, jene 
beiden feindlichen Brüder -Genies in der Philosophie, 
welche nach den entgegengesetzten Polen des deutschen 
Geistes auseinander strebten und sich dabei Unrecht 
thaten, wie sich eben nur Brüder Unrecht thun. — 
Woran es in England fehlt und immer gefehlt hat, das 
wusste jener Halb -Schauspieler und Rhetor g^t genug, 
der abgeschmackte Wirrkopf Carlyle, welcher es unter 
leidenschaftlichen Fratzen zu verbergen suchte, was er 
von sich selbst wusste: nämlich woran es in Carlyle 
fehlte — an eigentlicher Macht der Geistigkeit, an 
eigentlicher Tiefe des geistigen Blicks, kurz an Philo- 
sophie. — Es kennzeichnet eine solche unphilosophische 



— 222 

Rasse, dass sie streng zum Qiristenthume hält: sie 
braucht seine Zucht zur „Moralisirung" und Veran- 
menschlichung. Der Engländer, düsterer, sinnlicher, 
willensstärker und brutaler als der Deutsche, — ist eben 
deshalb, als der Gemeinere von Beiden, auch frömmer 
als der Deutsche: er hat das Christenthum eben noch 
nöthiger. Für feinere Nüstern hat selbst dieses eng- 
lische Christenthum noch einen acht englischen Neben- 
geruch von spieen und alkoholischer Ausschweifung, 
gegen welche es aus guten Gründen als Heilmittel ge- 
braucht wird, — das feinere Gift nämlich gegen das 
gröbere: eine feinere Vergiftung ist in der That bei 
plumpen Völkern schon ein Fortschritt, eine Stufe zur 
Vergeistignng. Die englische Plumpheit und Bauem- 
Emsthaftigkeit wird durch die christliche Gebärden- 
sprache und durch Beten und Psalmensingen noch am 
erträglichsten verkleidet, richtiger: ausgelegt und um- 
gedeutet; und für jenes Vieh von Trunkenbolden und 
Ausschweifenden, welches ehemals unter der Gewalt des 
Methodismus und neuerdings wieder als „Heilsarmee" 
moralisch grunzen lernt, mag wirklich ein Busskrampf 
die verhältnissmässig höchste Leistung von „Humanität" 
sein, zu der es gesteigert werden kann: so viel darf man 
billig zugestehn. Was aber auch noch am humansten 
Engländer beleidigt, das ist sein Mangel an Musik, im 
Gleichniss (und ohne Gleichniss — ) zu reden: er hat in 
den Bewegungen seiner Seele und seines Leibes keinen 
Takt und Tanz, ja noch nicht einmal die Begierde nach 
Takt und Tanz, nach „Musik". Man höre ihn sprechen; 
man sehe die schönsten Engländerinnen gehn — es 
giebt in keinem Lande der Erde schönere Tauben und 
Schwäne, — endlich: man höre sie singen I Aber ich 
verlange zu viel 



223 



253. 



Es giebt Wahrheiten, die am besten von mittel- 
mässigen Köpfen erkannt werden, weil sie ihnen am ge- 
mässesten sind, es giebt Wahrheiten, die nur für mittel- 
mässige Geister Reize und Verführungskräfte besitzen: — 
auf diesen vielleicht unangenehmen Satz wird man gerade 
jetzt hingestossen, seitdem der Geist achtbarer, aber mittel- 
mässiger Engländer — ich nenne Darwin, John Stuart 
Mill und Herbert Spencer — in der mittleren Region 
des europäischen Geschmacks zum Übergewicht zu ge- 
langen anhebt. In der That, wer möchte die Nützlichkeit 
davon anzweifeln, dass zeitweilig solche Geister herr- 
schen? Es wäre ein Irrthum, gerade die hochgearteten 
und abseits fliegenden Geister für besonders geschickt 
zu halten, viele kleine gemeine Thatsachen festzustellen, 
zu sammeln und in Schlüsse zu drängen: — sie sind 
vielmehr, als Ausnahmen, von vornherein in keiner günst- 
igen Stellung zu den „Regeln". Zuletzt haben sie mehr 
zu thun als nur zu erkennen — nämlich etwas Neues 
zu sein, etwas Neues zu bedeuten, neue Werthe dar- 
zustellen! Die Kluft zwischen Wissen und Können 
ist vielleicht grösser, auch unheimlicher als man denkt: 
der Könnende im grossen Stil, der Schaffende wird 
möglicherweise ein Unwissender sein müssen, — während 
andererseits zu wissenschaftlichen Entdeckungen nach der 
Art Darwin's eine gewisse Enge, Dürre und fleissige 
Sorglichkeit, kurz etwas Englisches nicht übel disponiren 
mag. — Vergesse man es zuletzt den Engländern nicht, 
dass sie schon Ein Mal mit ihrer tiefen Durchschnittlich- 
keit eine Gesammt- Depression des europäischen Geistes 
verursacht haben: Das, was man „die modernen Ideen" 
oder „die Ideen des achtzehnten Jahrhunderts" oder auch 



— 224 

„die französischen Ideen" nennt, — Das also, wogegen 
sich der deutsche Geist mit tiefem Ekel erhoben hat, — 
war englischen Ursprungs, daran ist nicht zu zweifeln. 
Die Franzosen sind nur die Affen und Schauspieler dieser 
Ideen gewesen, auch ihre besten Soldaten, insgleichen 
leider ihre ersten und griindlichsten Opfer: denn an der 
verdammlichen Anglomanie der „modernen Ideen" ist 
zuletzt die äme fran^atse so dünn geworden und abge- 
magert, dass man sich ihres sechszehnten und siebzehnten 
Jahrhunderts, ihrer tiefen leidenschaftlichen Kraft, ihrer 
erfinderischen Vornehmheit heute fast mit Unglauben 
erinnert Man muss aber diesen Satz historischer Billig- 
keit mit den Zähnen festhalten und gegen den Augen- 
blick und Augenschein vertheidigen : die europäische 
noblesse — des Gefühls, des Geschmacks, der Sitte, kurz 
das Wort in jedem hohen Sinne genommen — ist Frank- 
reichs Werk und Erfindung, die europäische Gemeinheit, 
der Plebejismus der modernen Ideen — Englands. — 



254. 

Auch jetzt noch ist Frankreich der Sitz der geistig- 
sten und raffinirtesten Cultur Europa's und die hohe 
Schule des Geschmacks: aber man muss dies „Frankreich 
des Geschmacks" zu finden wissen. Wer zu ihm gehört, 
hält sich gut verborgen: — es mag eine kleine Zahl 
sein, in denen es leibt und lebt, dazu vielleicht Menschen, 
welche nicht auf den kräftigsten Beinen stehn, zum Theil 
Fatalisten, Verdüsterte, Klranke, zum Theil Verzärtelte 
und Verkünstelte, solche, welche den Ehrgeiz haben, 
sich zu verbergen. Etwas ist Allen gemein; sie halten 
sich die Ohren zu vor der rasenden Dummheit und dem 
lärmenden Maulwerk des demokratischen hourgeois. In 



— 225 — 

der That wälzt sich heute im Vordergrunde ein ver- 
dummtes und vergröbertes Frankreich, — es hat neuer- 
dings, bei dem Leichenbegängniss Victor Hugo's, eine 
wahre Orgie des Ungeschmacks und zugleich der Selbst- 
bewoinderung gefeiert. Auch etwas Anderes ist ihnen 
gemeinsam: ein guter Wille, sich der geistigen Germa- 
nisirung zu erwehren — und ein noch besseres Unver- 
mögen dazu! Vielleicht ist jetzt schon Schopenhauer in 
diesem Frankreich des Geistes, welches auch ein Frank- 
reich des Pessimismus ist, mehr zu Hause und heimischer 
geworden, als er es je in Deutschland war; nicht zu 
reden von Heinrich Heine, der den feineren und an- 
spruchsvolleren Lyrikern von Paris lange schon in Fleisch 
und Blut übergegangen ist, oder von Hegel, der heute 
in Gestalt Taine's — das heisst des ersten lebenden 
Historikers — einen beinahe tyrannischen Einfluss aus- 
übt Was aber Richard Wagner betrifft: je mehr sich 
die französische Musik nach den wirklichen Bedürfnissen 
der äme moderne gestalten lernt, um so mehr wird sie 
„wagnerisiren", das darf man vorhersagen, — sie thut es 
jetzt schon genug! Es ist dennoch dreierlei, was auch 
heute noch die Franzosen mit Stolz als ihr Erb und 
Eigen und als unverlomes Merkmal einer alten Cultur- 
Überlegenheit über Europa aufweisen können, trotz aller 
freiwilligen oder unfreiwilligen Gerraanisirung und Ver- 
pöbelung des Geschmacks: einmal die Fähigkeit zu ar- 
tistischen Leidenschaften, zu Hingebungen an die ,JForm", 
für welche das Wort l'art pour l'art, neben tausend 
anderen, erfunden ist: — dergleichen hat in Frankreich 
seit drei Jahrhunderten nicht gefehlt und immer wieder. 
Dank der Ehrfurcht vor der „kleinen Zahl", eine Art 
Kammermusik der Litteratur ermöglicht, welche im 
übrigen Europa sich suchen lässt — . Das Zweite, worauf 

Nietxtche, Werke Band VII. I5 



— 226 

die Franzosen eine Überlegenheit über Europa begründen 
können, ist ihre alte vielfache moralistische Cultur, 
welche macht, dass man im Durchschnitt selbst bei 
kleinen romanciers der Zeitungen und zufälligen boule- 
vardiers de Paris eine psychologische Reizbarkeit und 
Neugierde findet, von der man zum Beispiel in Deutsch- 
land keinen Begriff (geschweige denn die Sache!) hat 
Den Deutschen fehlen dazu ein paar Jahrhunderte mora- 
listischer Arbeit, welche, wie gesagt, Frankreich sich 
nicht erspart hat; wer die Deutschen darum „naiv*' 
nennt, macht ihnen aus einem Mangel ein Lob zurecht. 
(Als Gegensatz zu der deutschen Unerfahrenheit und 
Unschuld in voluptate psychologica, die mit der Lang- 
weiligkeit des deutschen Verkehrs nicht gar zu fern ver- 
wandt ist, — und als gelungenster Ausdruck einer 
acht französischen Neugierde und Erfindungsgabe für 
dieses Reich zarter Schauder mag Henri Beyle gelten, 
jener merkwürdige vorwegnehmende und vorauslaufende 
Mensch, der mit einem Napoleonischen Tempo durch 
sein Europa, durch mehrere Jahrhunderte der euro- 
päischen Seele lief, als ein Ausspürer und Entdecker 
dieser Seele: — es hat zweier Geschlechter bedurft, um 
ihn irgendwie einzuholen, um einige der Räthsel 
nachzurathen , die ihn quälten und entzückten, diesen 
wunderlichen Epikureer und Fragezeichen-Menschen, der 
Frankreichs letzter grosser Psycholog war — ). Es giebt 
noch einen dritten Anspruch auf Überlegenheit: im Wesen 
der Franzosen ist eine halbwegs gelungene Synthesis 
des Nordens und Südens gegeben, welche sie viele Dinge 
begreifen macht und andre Dinge thun heisst, die ein 
Engländer nie begreifen wird; ihr dem Süden periodisch 
zugewandtes und abgewandtes Temperament, in dem 
von Zeit zu Zeit das proven9alische und ligurische Blut 



— 2z^ — 

überschäumt, bewahrt sie vor dem schauerlichen nor- 
dischen Grau in Grau und der sonnenlosen BegrifFs- 
Gespensterei und Blutarmuth, — unsrer deutschen 
Klrankheit des Geschmacks, gegen deren Übermaass man 
sich augenblicklich mit grosser Entschlossenheit Blut 
und Eisen, will sagen: die „grosse Politik" verordnet hat 
(gemäss einer gefährlichen Heilkunst, welche mich warten 
und warten, aber bis jetzt noch nicht hoffen lehrt — ). 
Auch jetzt noch giebt es in Frankreich ein Vorverständ- 
niss und ein Entgegenkommen für jene seltneren und 
selten befriedigten Menschen, welche zu umfänglich sind, 
um in irgend einer Vaterländerei ihr Genüge zu finden, 
und im Norden den Süden, im Süden den Norden zu 
lieben wissen, — für die geborenen Mittelländler, die 
„guten Europäer". — Für sie hat Bizet Musik gemacht, 
dieses letzte Genie, welches eine neue Schönheit und Ver- 
fuhrung gesehn, — der ein Stück Süden der Musik 
entdeckt hat 



255. 

Gegen die deutsche Musik halte ich mancherlei Vor- 
sicht für geboten. Gesetzt, dass Einer den Süden liebt, 
wie ich ihn liebe, als eine grosse Schule der Genesung, 
im Geistigsten und Sinnlichsten, als eine unbändige 
Sonnenfülle und Sonnen -Verklärung, welche sich über 
ein selbstherrliches, an sich glaubendes Dasein breitet: 
nun, ein Solcher wird sich etwas vor der deutschen 
Musik in Acht nehmen lernen, weil sie, indem sie seinen 
Geschmack zurück verdirbt, ihm die Gesundheit mit zu- 
rück verdirbt. Ein solcher Südländer, nicht der Abkunft, 
sondern dem Glauben nach, muss, falls er von der Zu- 
kunft der Musik träumt, auch von einer Erlösung der 

15* 



228 — 

Musik vom Norden träumen und das Vorspiel einer 
tieferen, mächtigeren, vielleicht böseren und geheimniss- 
volleren Musik in seinen Ohren haben, einer über- 
deutschen Musik, welche vor dem Anblick des blauen 
wollüstigen Meers und der mittelländischen Himmels- 
Helle nicht verklingt, vergilbt, verblasst, wie es alle 
deutsche Musik thut, einer übereuropäischen Musik, die 
noch vor den braunen Sonnen -Untergängen der Wüste 
Recht behält, deren Seele mit der Palme verwandt ist 
und unter grossen schönen einsamen Raubthieren hei- 
misch zu sein und zu schweifen versteht Ich könnte 

mir eine Musik denken, deren seltenster Zauber darin 
bestünde, dass sie von Gut und Böse nichts mehr wüsste, 
nur dass vielleicht irgend ein Schiffer- Heimweh, irgend 
welche goldne Schatten und zärtliche Schwächen hier 
und da über sie hin wegliefen : eine Kunst, welche von 
grosser Feme her die Farben einer untergehenden, fast 
unverständlich gewordenen moralischen Welt zu sich 
flüchten sähe, und die gastfreundlich und tief genug zum 
Empfang solcher späten Flüchtlinge wäre. — 



256. 

Dank der krankhaften Entfremdung, welche der 
Nationalitäts-Wahnsinn zwischen die Völker Europa's 
gelegt hat und noch legt, Dank ebenfalls den PoUtikern 
des kurzen Blicks und der raschen Hand, die heute mit 
seiner Hülfe obenauf sind und gar nicht ahnen, wie sehr 
die auseinanderlösende Politik, welche sie treiben, noth- 
wendig nur Zwischenakts -Politik sein kann, — Dank 
alledem und manchem heute ganz Unaussprechbaren 
werden jetzt die unzweideutigsten Anzeichen übersehn 
oder willkürlich und lügenhaft umgedeutet, in denen sich 



229 

ausspricht, dass Europa Eins werden will. Bei allen 
tieferen und umfänglicheren Menschen dieses Jahr- 
hunderts war es die eigentliche Gesammt- Richtung in 
der geheimnissvollen Arbeit ihrer Seele, den Weg zu 
jener neuen Synthesis vorzubereiten und versuchsweise 
den Europäer der Zukunft vorwegzunehmen: nur mit 
Uaren Vordergründen, oder in schwächeren Stunden, 
etwa im Alter, gehörten sie zu den „Vaterländern", — 
sie ruhten sich nur von sich selber aus, wenn sie „Pa- 
trioten" wurden. Ich denke an Menschen wie Napoleon, 
Goethe, Beethoven, Stendhal, Heinrich Heine, Schopen- 
hauer: man verarge mir es nicht, wenn ich auch Richard 
Wagner zu ihnen rechne, über den man sich nicht durch 
seine eignen Missverständnisse verfuhren lassen darf, — 
Genies seiner Art haben selten das Recht, sich selbst zu 
verstehen. Noch weniger freilich durch den ungesitteten 
Lärm, mit dem man sich jetzt in Frankreich gegen 
Richard Wagner sperrt und wehrt: — die Thatsache 
bleibt nichtsdestoweniger bestehen, dass die franzö- 
sische Spät-Romantik der Vierziger Jahre und 
Richard Wagner auf das Engste und Innigste zu ein- 
ander gehören. Sie sind sich in allen Höhen und Tiefen 
ihrer Bedürfnisse verwandt, grundverwandt: Europa ist 
es, das Eine Europa, dessen Seele sich durch ihre viel- 
fältige und ungestüme Kunst hinaus, hinauf drängt und 
sehnt — wohin? in ein neues Licht? nach einer neuen 
Sonne? Aber wer möchte genau aussprechen, was alle 
diese Meister neuer Sprachmittel nicht deutlich auszu- 
sprechen wussten? Gewiss ist, dass der gleiche Sturm und 
Drang sie quälte, dass sie auf gleiche Weise suchten, 
diese letzten grossen Suchenden! Allesammt beherrscht 
von der Litteratur bis in ihre Augen und Ohren — die 
ersten Künstler von weltlitterarischer Bildung — , meistens 



— 230 — • 

sogar selber Schreibende, Dichtende, Vermittler und Ver- 
mischer der Künste und der Sinne (Wagner gehört als 
Musiker unter die Maler, als Dichter unter die Musiker, 
als Künstler überhaupt unter die Schauspieler); allesammt 
Fanatiker des Ausdrucks „um jeden Preis" — ich hebe 
Delacroix hervor, den Nächstverwandten Wagner's — , 
allesammt grosse Entdecker im Reiche des Erhabenen, 
auch des Hässlichen und Grässlichen, noch grössere Ent- 
decker im Effekte, in der Schaustellung, in der Kunst 
der Schauläden, allesammt Talente weit über ihr Genie 
hinaus — , Virtuosen durch und durch, mit unheimlichen 
Zugängen zu Allem, was verführt, lockt, zwingt, umwirft, 
geborene Feinde der Logik und der geraden Linien, be- 
gehrlich nach dem Fremden, dem Exotischen, dem Un- 
geheuren, dem Krummen, dem Sich -Widersprechenden; 
als Menschen Tantalusse des Willens, heraufgekommene 
Plebejer, welche sich im Leben und Schaffen eines vor- 
nehmen tempo, eines lento unfähig wussten — man 
denke zum Beispiel an Balzac — , zügellose Arbeiter, 
beinahe Selbst-Zerstörer durch Arbeit; Antinomisten und 
Aufiührer in den Sitten, Ehrgeizige und Unersättliche 
ohne Gleichgewicht und Genuss; allesammt zuletzt an dem 
christlichen Kreuze zerbrechend und niedersinkend (und 
das mit Fug und Recht: denn wer von ihnen wäre tief 
und ursprünglich genug zu einer Philosophie des Anti- 
christ gewesen? — ) im Ganzen eine verwegen- wagende, 
prachtvoll - gewaltsame , hochfliegende und hochempor- 
reissende Art höherer Menschen, welche ihrem Jahrhundert 
— und es ist das Jahrhundert der Menge! — den Be- 
griff „höherer Mensch" erst zu lehren hatte .... Mögen 
die deutschen Freunde Richard Wagner's darüber mit 
sich zu Rathe gehn, ob es in der Wagnerischen Kimst 
etwas schlechthin Deutsches giebt, oder ob nicht gerade 



— 231 — 

deren Auszeichnung ist, aus überdeutschen Quellen 
und Antrieben zu kommen: wobei nicht unterschätzt 
werden mag, wie zur Ausbildung seines Typus gerade 
Paris unentbehrlich war, nach dem ihn in der entschei- 
dendsten Zeit die Tiefe seiner Instinkte verlangen hiess, 
und wie die ganze Art seines Auftretens, seines Selbst- 
Apostolats erst Angesichts des französischen Socialisten- 
Vorbilds sich vollenden konnte. Vielleicht wird man, bei 
einer feineren Vergleichung , zu Ehren der deutschen 
Natur Richard Wagner's finden, dass er es in Allem 
stärker, verwegener, härter, höher getrieben hat, als es 
ein Franzose des neunzehnten Jahrhunderts treiben könnte, 

— Dank dem Umstände, dass wir Deutschen der Bar- 
barei noch näher stehen als die Franzosen — ; vielleicht 
ist sogar das Merkwürdigste, was Richard Wagner ge- 
schaffen hat, der ganzen so späten lateinischen Rasse für 
immer und nicht nur für heute unzugänglich, unnach- 
fiihlbar, unnachahmbar; die Gestalt des Siegfried, jenes 
sehr freien Menschen, der in der That bei weitem zu 
frei, zu hart, zu wohlgemuth, zu gesund, zu anti- 
katholisch für den Geschmack alter und mürber Cultur- 
völker sein mag. Er mag sogar eiiie Sünde wider die 
Romantik gewesen sein, dieser antiromanische Siegfried: 
nun, Wagner hat diese Sünde reichlich quitt gemacht, in 
seinen alten trüben Tagen, als er — einen Geschmack 
vorwegnehmend, der inzwischen Politik geworden ist — 

— mit der ihm eignen religiösen Vehemenz den Weg 
nach Rom, wenn nicht zu gehn, so doch zu predigen 
anfieng. — Damit man mich, mit diesen letzten Worten, 
nicht missverstehe, will ich einige kräftige Reime zu 
Hülfe nehmen, welche auch weniger feinen Ohren es 
verrathen werden, was ich will, — was ich gegen den 
,4etzten Wagner" und seine Parsifal-Musik will: 



— 232 — 

^ Ist Das noch deutsch? — 

Aus deutschem Herzen kam dies schwüle Kreischen? 
Und deutschen Leibs ist dies Sich -selbst -Entfleischen? 
Deutsch ist dies Priester-Händespreitzen, 
Dies Weihrauch -düftelnde Sinne - Reizen ? 
Und deutsch dies Stocken, Stürzen, Taumeln, 
Dies ungewisse Bimbambaumeln? 
Dies Nonnen -Äugeln, Ave -Glocken -Bimmeln, 
Dies ganze falsch verzückte Himmel- Überhimmeln? 
— Ist Das noch deutsch? — 
Erwägt! Noch steht ihr an der Pforte: — 
Denn, was ihr hört, ist Rom, — Rom's Glaube 
ohne Wortel 



Neuntes Hauptstück; 



Was ist vornehm? 



Jede Erhöhung des Typus „Mensch" war bisher das 
Werk einer aristokratischen Gesellschaft, — und so wird 
es immer wieder sein: als einer Gesellschaft, welche an 
eine lange Leiter der Rangordnung und Werthverschie- 
denheit von Mensch und Mensch glaubt und Sklaverei 
in irgend einem Sinne nöthig hat. Ohne das Pathos 
der Distanz, wie es aus dem eingefleischten Unter- 
schied der Stände, aus dem beständigen Ausblick und 
Herabblick der herrschenden Kaste auf Unterthänige 
und Werkzeuge und aus ihrer ebenso beständigen Übung 
im Gehorchen und Befehlen, Nieder- und Femhalten er- 
wächst, könnte auch jenes andre geheimnissvollere Pathos 
gar nicht erwachsen, jenes Verlangen nach immer neuer 
Distanz-Erweiterung innerhalb der Seele selbst, die Heraus- 
bildung immer höherer, seltnerer, fernerer, weitgespann- 
terer, umfänglicherer Zustände, kurz eben die Erhöhung 
des Typus „Mensch", die fortgesetzte „Selbst -Überwin- 
dung des Menschen", um eine moralische Formel in 
einem überm orahschen Sinne zu nehmen. Freilich: maa 
darf sich über die Entstehungsgeschichte einer aristokra- 
tischen Gesellschaft (also der Voraussetzung jener Er- 
höhung des Typus „Mensch" — ) keinen humanitären 
Täuschungen hingeben: die Wahrheit ist hart Sagen 
wir es uns ohne Schonung, wie bisher jede höhere Cultur 



— 236 — 

auf Erden angefangen hat! Menschen mit einer noch 
natürlichen Natur, Barbaren in jedem furchtbaren Ver- 
stände des Wortes, Raubmenschen, noch im Besitz un- 
gebrochner Willenskräfte und Macht- Begierden, warfen 
sich auf schwächere, gesittetere, friedlichere, vielleicht 
handeltreibende oder viehzüchtende Rassen, oder auf alte 
mürbe Culturen, in denen eben die letzte Lebenskraft 
in glänzenden Feuerwerken von Geist und Verderbniss 
verflackerte. Die vornehme Kaste war im Anfang immer 
die Barbaren -Kaste: ihr Übergewicht lag nicht vorerst 
in der physischen Kraft, sondern in der seelischen, — 
es waren die ganzeren Menschen (was auf jeder Stufe 
auch so viel mit bedeutet als „die ganzeren Bestien" — ). 

258. 

Comiption, als der Ausdruck davon, dass innerhalb 
der Instinkte Anarchie droht, und dass der Grundbau 
der Affekte, der „Leben" heisst, erschüttert ist: Comip- 
tion ist, je nach dem Lebensgebilde, an dem sie sich 
zeigt, etwas Grundverschiedenes. Wenn zum Beispiel 
eine Aristokratie, wie die Frankreichs am Anfange der 
Revolution, mit einem sublimen Ekel ihre Privilegien 
wegwirft und sich selbst einer Ausschweifung ihres mora- 
lischen Gefühls zum Opfer bringt, so ist dies Corruption: 
— es war eigentlich nur der Abschlussakt jener Jahr- 
hunderte dauernden Corruption, vermöge deren sie Schritt 
für Schritt ihre herrschaftlichen Befugnisse abgegeben 
und sich zur Funktion des Königthums (zuletzt gar 
zu dessen Putz und Prunkstück) herabgesetzt hatte. Das 
Wesentliche an einer guten und gesunden Aristokratie 
ist aber, dass sie sich nicht als Funktion (sei es des 
Königthums, sei es des Gemeinwesens), sondern als 



— 237 — 

dessen Sinn und höchste Rechtfertigung- fühlt, — dass 
sie deshalb mit gutem Gewissen das Opfer einer Unzahl 
Menschen hinnimmt, welche um ihretwillen zu un- 
vollständigen Menschen, zu Sklaven, zu Werkzeugen 
herabgedrückt und vermindert werden müssen. Dir Grund- 
glaube muss eben sein, dass die Gesellschaft nicht um 
der Gesellschaft willen dasein dürfe, sondern nur als 
Unterbau und Gerüst, an dem sich eine ausgesuchte Art 
Wesen zu ihrer höheren Aufgabe und überhaupt zu einem 
höheren Sein emporzuheben vermag: vergleichbar jenen 
sonnensüchtigen Kletterpflanzen auf Java — man nennt 
sie Sipo Matador — , welche mit ihren Armen einen 
Eichbaum so lange und oft umklammern, bis sie endlich, 
hoch über ihm, aber auf ihn gestützt, in freiem Lichte 
ihre Krone entfalten und ihr Glück zur Schau tragen 
können. -^ 



259. 

Sich gegenseitig der Verletzung, der Gewalt, der 
Ausbeutung enthalten, seinen Willen dem des Andern 
gleich setzen : dies kann in einem gewissen groben Sinne 
zwischen Individuen zur guten Sitte werden, wenn die 
Bedingungen dazu gegeben sind (nämlich deren that- 
sächliche Ähnlichkeit in Kraftmengen und Werthmaassen 
und ihre Zusammengehörigkeit innerhalb Eines Körpers). 
Sobald man aber dies Princip weiter nehmen wollte und 
womöglich gar als Grundprincip der Gesellschaft, 
so würde es sich sofort erweisen als Das, was es ist: als 
Wille zur Verneinung des Lebens, als Auflösungs- 
und Verfalls-Princip. Hier muss man gründlich auf den 
Grund denken und sich aller empfindsamen Schwächlich- 
keit erwehren: Leben selbst ist wesentlich Aneignung, 



- 238 - 

Verletzung, Überwältigung des Fremden und Schwäche- 
ren, Unterdrückung, Härte, Aufzwängnng eigner Formen, 
Einverleibung und mindestens, mildestens Ausbeutung, — 
aber wozu sollte man immer gerade solche Worte ge- 
brauchen, denen von Alters her eine verleumderische 
Absicht eingeprägt ist? Auch jener Körper, innerhalb 
dessen, wie vorher angenommen wurde, die Einzelnen 
sich als gleich behandeln — es geschieht in jeder gesun- 
den Aristokratie — , muss selber, falls er ein lebendiger 
und nicht ein absterbender Körper ist, alles Das gegen 
andre Körper thun, wessen sich die Einzelnen in ihm 
gegen einander enthalten: er wird der leibhafte Wille 
zur Macht sein müssen, er wird wachsen, um sich greifen, 
an sich ziehn, Übergewicht gewinnen wollen, — nicht aus 
irgend einer Moralität oder Immoralität heraus, sondern 
weil er lebt, und weil Leben eben Wille zur Macht 
ist. In keinem Punkte ist aber das gemeine Bewusstsein 
der Europäer wider williger gegen Belehrung als hier; 
man schwärmt jetzt überall, unter wissenschaftlichen Ver- 
kleidungen sogar, von kommenden Zuständen der Gesell- 
schaft, denen „der ausbeuterische Charakter" abgehn soll: 

— das klingt in meinen Ohren, als ob man ein Leben 
zu erfinden verspräche, welches sich aller organischen 
Funktionen enthielte. Die „Ausbeutung" gehört nicht 
einer verderbten oder unvollkommnen und primitiven 
Gresellschaft an: sie gehört in's Wesen des Lebendigen, 
als organische Grundfunktion, sie ist eine Folge des 
eigentlichen Willens zur Macht, der eben der Wille des 
Lebens ist. — Gesetzt, dies ist als Theorie eine Neuerung, 

— als Realität ist es das Ur- Faktum aller Geschichte: 
man sei doch so weit gegen sich ehrlich 1 — 



— 239 — 



26o. 



Bei einer Wanderung durch die vielen feineren und 
gröberen Moralen, welche bisher auf Erden geherrscht 
haben oder noch herrschen, fand ich gewisse Züge regel- 
mässig mit einander wiederkehrend und aneinander ge- 
knüpft: bis sich mir endlich zwei Grundtypen verriethen, 
und ein Grundunterschied heraussprang. Es giebt Herren- 
Moral und Sklaven-Moral; — ich füge sofort hinzu, 
dass in allen höheren und gemischteren Culturen auch 
Versuche der Vermittlung beider Moralen zum Vorschein 
kommen, noch öfter das Durcheinander derselben und 
gegenseitige Missverstehen, ja bisweilen ihr hartes Neben- 
einander — sogar im selben Menschen, innerhalb Einer 
Seele. Die moralischen Werthunterscheidungen sind ent- 
weder unter einer herrschenden Art entstanden, welche 
sich ihres Unterschieds gegen die beherrschte mit Wohl- 
gefiihl bewusst wurde, — oder unter den Beherrschten, 
den Sklaven und Abhängigen jeden Grades. Im ersten 
Falle, wenn die Herrschenden es sind, die den Begriff 
„gut" bestimmen, sind es die erhobenen stolzen Zustände 
der Seele, welche als das Auszeichnende und die Rang- 
ordnung Bestimmende empfunden werden. Der vor- 
nehme Mensch trennt die Wesen von sich ab, an denen 
das Gegentheil solcher gehobener stolzer Zustände zum 
Ausdruck kommt: er verachtet sie. Man bemerke sofort, 
dass in dieser ersten Art Moral der Gegensatz „gut" 
und „schlecht" so viel bedeutet wie „vornehm" und „ver- 
ächtlich": — der Gegensatz „gnt" und „böse" ist anderer 
Herkunft. Verachtet wird der Feige, der Angstliche, 
der Kleinliche, der an die enge Nützlichkeit Denkende; 
ebenso der Misstrauische mit seinem unfreien Blicke, der 
Sich-Emiedrigende, die Hunde-Art von Mensch, welche 



240 

sich misshandeln lässt, der bettelnde Schmeichler, vor 
Allem der Lügner: — es ist ein Grundglaube aller 
Aristokraten, dass das gemeine Volk lügnerisch ist. „Wir 
Wahrhaftigen" — so nannten sich im alten Griechenland 
die Adeligen. Es liegt auf der Hand, dass die morali- 
schen Werthbezeichnungen überall zuerst auf Menschen 
und erst abgeleitet und spät auf Handlungen ge- 
legt worden sind: weshalb es ein arger FehlgrifiF ist, 
wenn Moral-Historiker von Fragen den Ausgang nehmen 
wie „warum ist die mitleidige Handlung gelobt worden?" 
Die vornehme Art Mensch fühlt sich als werthbestim- 
mend, sie hat nicht nöthig, sich gutheissen zu lassen, sie 
urtheilt „was mir schädlich ist, das ist an sich schädlich", 
sie weiss sich als Das, was überhaupt erst Ehre den 
Dingen verleiht, sie ist wertheschaffend. Alles, was 
sie an sich kennt, ehrt sie: eine solche Moral ist Selbst- 
verherrlichung. Im Vordergrunde steht das Gefiihl der 
FüUe, der Macht, die überströmen will, das Glück der 
hohen Spannung, das Bewusstsein eines Reichthums, der 
schenken und abgeben möchte: — auch der vornehme 
Mensch hilft dem Unglücklichen, aber nicht oder fast 
nicht aus Mitleid, sondern mehr aus einem Drang, den 
der Überfluss von Macht erzeugt Der vornehme Mensch 
ehrt in sich den Mächtigen, auch Den, welcher Macht 
über sich selbst hat, der zu reden und zu schweigen 
versteht, der mit Lust Strenge und Härte gegen sich 
übt und Ehrerbietung vor allem Strengen und Harten 
hat. „Ein hartes Herz legte Wotan mir in die Brust" 
heisst es in einer alten skandinavischen Saga: so ist es 
aus der Seele eines stolzen Wikingers heraus mit Recht 
gedichtet Eine solche Art Mensch ist eben stolz darauf, 
nicht zum Mitleiden gemächt zu sein: weshalb der 
Held der Saga warnend hinzufügt „wer jung schon kein 



— 241 — 

hartes Herz hat, dem wird es niemals hart". Vornehme 
und Tapfere, welche so denken, sind am entferntesten 
von jener Moral, welche gerade im Mitleiden oder im 
Handeln für Andere oder im d^sintSressevient das Ab- 
zeichen des Moralischen sieht; der Glaube an sich selbst, 
der Stolz auf sich selbst, eine Grundfeindschaft und 
Ironie gegen „Selbstlosigkeit" gehört eben so bestimmt 
zur vornehmen Moral wie eine leichte Geringschätzung 
und Vorsicht vor den Mitgefühlen und dem „warmen 
Herzen". — Die Mächtigen sind es, welche zu ehren 
verstehen, es ist ihre Kunst, ihr Reich der Erfindung. 
Die tiefe Ehrfurcht vor dem Alter und vor dem Her- 
kommen — das ganze Recht steht auf dieser doppelten 
Ehrfurcht — , der Glaube und das Vorurtheil zu Gunsten 
der Vorfahren und zu Ungunsten der Kommenden ist 
typisch in der Moral der Mächtigen; und wenn umgekehrt 
die Menschen der „modernen Ideen" beinahe instinktiv an 
den „Fortschritt" und die „Zukunft" glauben und der Ach- 
tung vor dem Alter immer mehr ermangeln, so verräth 
sich damit genugsam schon die unvomehme Herkunft 
dieser „Ideen". Am meisten ist aber eine Moral der Herr- 
schenden dem gegenwärtigen Geschmacke fremd und 
peinlich in der Strenge ihres Grundsatzes, dass man nur 
gegen Seinesgleichen Pflichten habe; dass man gegen 
die Wesen niedrigeren Ranges, gegen alles Fremde nach 
Gutdünken oder „wie es das Herz will" handeln dürfe 
und jedenfalls „jenseits von Gut und Böse" — • hierhin 
mag Mitleiden und dergleichen gehören. Die Fähigkeit 
und Pflicht zu langer Dankbarkeit und langer Rache — 
beides nur innerhalb seines Gleichen — , die Feinheit in 
der Wiedervergeltung, das Begriffs-Raffinement in der 
Freundschaft, eine gewisse Nothwendigkeit , Feinde zu 
haben (gleichsam als Abzugsgräben fiiir die Affekte Neid, 

Nietzsche, Werke Band VH. l6 



— 2^2 — 

Streitsucht, Übermuth, — im Grunde, um gut freund 
sein zu können): Alles das sind typische Merkmale der 
vornehmen Moral, welche, wie angedeutet, nicht die 
Moral der „modernen Ideen" ist und deshalb heute schwer 
nachzufühlen, auch schwer auszugraben und aufzudecken 
ist. — Es steht anders mit dem zweiten Typus der 
Moral, der Sklaven- Moral Gesetzt, dass die Ver- 
gewaltigten, Gedrückten, Leidenden, Unfreien, Ilirer-selbst- 
Ungewissen und Müden moralisiren: was wird das 
Gleichartige ihrer moralischen Werthschätzungen sein? 
Wahrscheinlich wird ein pessimistischer Argwohn gegen 
die ganze Lage des Menschen zum Ausdruck kommen, 
vielleicht eine Verurtheilung des Menschen mitsammt 
seiner Lage. Der Blick des Sklaven ist abgünstig für 
die Tugenden des Mächtigen: er hat Skepsis und Miss- 
trauen, er hat Feinheit des Misstrauens gegen alles 
„Gute", was dort geehrt wird — , er möchte sich über- 
reden, dass das Glück selbst dort nicht acht sei. Um- 
gekehrt werden die Eigenschaften hervorgezogen und 
mit Licht übergössen, welche dazu dienen. Leidenden das 
Dasein zu erleichtern: hier kommt das Mitleiden, die ge- 
fällige hülf bereite Hand, das warme Herz, die Geduld, 
der Fleiss, die Demuth, die Freundlichkeit zu Ehren — , 
denn das sind hier die nützlichsten Eigenschaften und 
beinahe die einzigen ^Mittel, den Druck des Daseins aus- 
zuhalten. Die Sklaven-Moral ist wesentlich Nützlichkeits- 
Moral. Hier ist der Herd für die Entstehung jenes be- 
rühmten Gegensatzes „gut" und „böse": — in's Böse 
wird die Macht und Gefälirlichkeit hinein empfunden, 
eine gewisse Furchtbarkeit, Feinheit und Stärke, welche 
die Verachtung nicht aufkommen lässt. Nach der Sklaven- 
Moral erregt also der „Böse" Furcht; nach der Herren- 
Moral ist es gerade der „Gute", der Furcht erregt und 



— 243 — 

erregen will, während der „schlechte" Mensch als der 
verächtliche empfunden wird. Der Gegensatz kommt auf 
seine Spitze, wenn sich, gemäss der Sklavenmoral-Conse- 
quenz, zuletzt nun auch an den „Guten" dieser Moral ein 
Hauch von Geringschätzung hängt — sie mag leicht 
und wohlwollend sein — , weil der Gute innerhalb der 
Sklaven-Denkweise jedenfalls der ungefährliche Mensch 
sein muss : er ist gutmüthig, leicht zu betrügen, ein bischen 
dumm vielleicht, tm bonhomme. Überall, wo die Sklaven- 
Moral zum Übergewicht kommt, zeigt die Sprache eine 
Neigung, die Worte „gut" und „dumm" einander anzu- 
nähern. — Ein letzter Grundunterschied: das Verlangen 
nach Freiheit, der Instinkt für das Glück und die 
Feinheiten des Freilieits - Gefühls gehört ebenso noth- 
wendig zur Sklaven-Moral und -Moralität, als die Kunst 
und Schwärmerei in der Ehrfurcht, in der Hingebung 
das regelmässige Symptom einer aristokratischen Denk- 
und "Werthungsweise ist. — Hieraus lässt sich ohne 
Weiteres verstehn, warum die Liebe als Passion — 
es ist unsre europäische Spezialität — schlechterdings 
vornehmer Abkunft sein muss: bekanntlich gehört ihre 
Erfindung den proven9alischen Ritter-Dichtern zu, jenen 
prachtvollen erfinderischen Menschen des ,,gat saber", 
denen Europa so Vieles und beinahe sich selbst ver- 
dankt. — 

261. 

Zu den Dingen, welche einem vornehmen Menschen 
vielleicht am schwersten zu begreifen sind, gehört die 
Eitelkeit: er wird versucht sein, sie noch dort zu leugnen, 
wo eine andre Art Mensch sie mit beiden Händen zu 
fassen meint Das Problem ist für ihn, sich Wesen vor- 
zustellen, die eine gute Meinung über sich zu erwecken 

16* 



— 244 — 

suchen, welche sie selbst von sich nicht haben — und 
also auch nicht „verdienen" — , und die doch hinterdrein 
an diese gnte Meinung selber glauben. Das erscheint 
ihm zur Hälfte so geschmacklos und unehrerbietig vor 
sich selbst, zur andren Hälfte so barock -unvernünftig, 
dass er die Eitelkeit gern als Ausnahme fassen möchte 
und sie in den meisten Fällen, wo man von ihr redet, 
anzweifelt. Er wird zum Beispiel sagen: „ich kann mich 
über meinen Werth irren und andererseits doch ver- 
langen, dass mein Werth gerade so, wie ich ihn ansetze, 
auch von Andern anerkannt werde, — aber das ist keine 
Eitelkeit (sondern Dünkel oder, in den häufigeren Fällen, 
das, was „Demuth", auch „Bescheidenheit" genannt 
wird)." Oder auch: „ich kann mich aus vielen Gründen 
über die gute Meinung Anderer freuen, vielleicht weil 
ich sie ehre und liebe und mich an jeder ihrer Freuden 
erfreue, vielleicht auch weil ihre gute Meinung den 
Glauben an meine eigne gute Meinung bei mir unter- 
schreibt und kräftigt, vielleicht weil die g^te Meinung 
Anderer, selbst in Fällen, wo ich sie nicht theile, mir 
doch nützt oder Nutzen verspricht, — aber das ist Alles 
nicht Eitelkeit." Der vornehme IMensch muss es sich 
erst mit Zwang, namentlich mit Hülfe der Historie, vor- 
stellig machen, dass, seit unvordenklichen Zeiten, in allen 
irgendwie abhängigen Volksschichten der gemeine Mensch 
nur Das war, was er galt: — gar nicht daran gewöhnt, 
Werthe selbst anzusetzen, maass er auch sich keinen 
andern Werth bei, als seine Herren ihm beimaassen (es 
ist das eigentliche Herrenrecht, Werthe zu schaffen). 
Mag man es als die Folge eines ungeheuren Atavismus 
begreifen, dass der gewöhnliche Mensch auch jetzt noch 
immer erst auf eine Meinung über sich wartet und sich 
dann derselben instinktiv unterwirft: aber durchaus nicht 



— 245 — 

bloss einer „guten" Meinung, sondern auch einer schlechten 
und unbilligen (man denke zum Beispiel an den grössten 
TheU der Selbstschätzungen und Selbstunterschätzungen, 
welche gläubige Frauen ihren Beichtvätern ablernen, und 
überhaupt der gläubige Christ seiner Kirche ablernt). 
Thatsächlich wird nun, gemäss dem langsamen Herauf- 
kommen der demokratischen Ordnung der Dinge (und 
seiner Ursache, der Blutvermischung von Herren und 
Sklaven), der ursprünglich vornehme und seltne Drang, 
sich selbst von sich aus einen Werth zuzuschreiben und 
von sich „gnt zu denken", mehr und mehr ermuthigt 
und ausgebreitet werden: aber er hat jeder Zeit einen 
älteren, breiteren und gründlicher einverleibten Hang 
gegen sich, — und im Phänomene der „Eitelkeit" wird 
dieser ältere Hang Herr über den jüngeren. Der Eitle 
freut sich über jede gute Meinung, die er über sich 
hört (ganz abseits von allen Gesichtspunkten ihrer Nütz- 
lichkeit, und ebenso abgesehn von wahr und falsch), 
ebenso wie er an jeder schlechten Meinung leidet: denn 
er unterwirft sich beiden, er fühlt sich ihnen unter- 
worfen, aus jenem ältesten Instinkte der Unterwerfung, 
der an ihm ausbricht. — Es ist „der Sklave" im Blute 
des Eitlen, ein Rest von der Verschmitztheit des Sklaven 
— und wie viel „Sklave" ist zum Beispiel jetzt noch im 
Weibe rückständig! — , welcher zu guten Meinungen 
über sich zu verführen sucht; es ist ebenfalls der 
Sklave, der vor diesen Meinungen nachher sofort selbst 
niederfällt, wie als ob er sie nicht hervorgerufen hätte. — 
Und nochmals gesagt: Eitelkeit ist ein Atavismus. 

262. 
Eine Art entsteht, ein Typus wird fest und stark 
unter dem langen Kampfe mit wesentlich gleichen 



— 246 — 

ungünstigen Bedingungen, Umgekehrt weiss man aus 
den Erfahrungen der Züchter, dass Arten, denen eine 
überreichliche Ernälirung und überhaupt ein Mehr von 
Schutz und Sorgfalt zu Theil wird, alsbald in der stärk- 
sten Weise zur Variation des Typus neigen und reich 
an Wundern und Monstrositäten (auch an monströsen 
Lastern) sind. Nun sehe man einmal ein aristokratisches 
Gemeinwesen, etwa eine alte griechische Polis oder 
Venedig, als eine, sei es freiAvillige, sei es unfreiwillige 
Veranstaltung zum Zweck der Züchtung an: es sind da 
Menschen bei einander und auf sich angewiesen, welche 
ihre Art durchsetzen wollen, meistens, weil sie sich durch- 
setzen müssen oder in furchtbarer Weise Gefahr laufen, 
ausgerottet zu werden. Hier fehlt jene Gunst, jenes 
Übermaass, jener Schutz, unter denen die Variation be- 
günstigt ist; die Art hat sich als Art nöthig, als Etwas, 
das sich gerade vermöge seiner Härte, Gleichförmigkeit, 
Einfachheit der Form überhaupt durchsetzen und dauer- 
haft machen kann, im beständigen Kampfe mit den Nach- 
barn oder mit den aufständischen oder Aufstand drohen- 
den Unterdrückten. Die mannichfaltigste Erfahrung lehrt 
sie, welchen Eigenschaften vornehmlich sie es verdankt, 
dass sie, allen Göttern und Menschen zum Trotz, noch 
da ist, dass sie noch immer obgesiegt hat: diese Eigen- 
schaften nennt sie Tugenden, diese Tugenden allein 
züchtet sie gross. Sie thut es mit Härte, ja sie will die 
Härte; jede aristokratische Moral ist unduldsam, in der 
Erziehung der Jugend, in der Verfügung über die Weiber, 
in den Ehesitten, im Verhältnisse von Alt und Jung, 
in den Strafgesetzen (welche allein die Abartenden in's 
Auge fassen): — sie rechnet die Unduldsamkeit selbst 
unter die Tugenden, unter dem Namen „Gerechtigkeit". 
Ein Typus mit wenigen, aber sehr starken Zügen, eine 



— 247 — 

Art strenger kriegerischer klug-schweigsamer, geschlos- 
sener und verschlossener Menschen (und als solche vom 
feinsten Gefühle für die Zauber und nuances der Societät) 
wird auf diese Weise über den Wechsel der Geschlechter 
hinaus festgestellt; der beständigeKampf mit immer glei- 
chen ungünstigen Bedingungen ist, wie gesagt, die 
Ursache davon, dass ein Typus fest und hart wird. 
Endlich aber entsteht einmal eine Glückslage, die unge- 
heure Spannung lässt nach; es giebt vielleicht keine 
Feinde mehr unter den Nachbarn und die Mittel zum 
Leben, selbst zum Genüsse des Lebens, sind überreichhch 
da. Mit Einem Schlage reisst das Band und der Zwang 
der alten Zucht: sie fühlt sich nicht mehr als nothwendig, 
als Dasein-bedingend, — wollte sie fortbestehn, so könnte 
sie es nur als eine Form des Luxus, als archaisirender 
Geschmack. Die Variation, sei es als Abartung (in's 
Höhere, Feinere, Seltnere), sei es als Entartung und 
Monstrosität, ist plötzlich in der grössten Fülle und 
Pracht auf dem Schauplatze, der Einzelne wagt einzeln 
zu sein und sich abzuheben. An diesen Wendepunkten der 
Geschichte zeigt sich neben einander und oft in einander 
verwickelt und verstrickt ein herrliches vielfaches urwald- 
haftes Heraufwachsen und Emporstreben, eine Art tro- 
pisches Tempo im Wetteifer des Wachsthums und ein 
ungeheures Zugrundegehen und Sich-zu-Grunde-Richten, 
Dank den wild gegeneinander gewendeten, gleichsam 
explodirenden Egoismen, welche um „Sonne und Licht" 
mit einander ringen und keine Grenze, keine Zügelung, 
keine Schonung mehr aus der bisherigen Moral zu ent- 
nehmen wissen. Diese Moral selbst war es, welche die 
Kraft in's Ungeheure aufgehäuft, die den Bogen auf so 
bedrohliche Weise gespannt hat: — jetzt ist, jetzt wird 
sie „überlebt". Der gefährliche und unheimliche Punkt ist 



— 248 — 

erreicht, wo das grössere, vielfachere, umfänglichere Leben 
über die alte Moral hinweg lebt; das „Individuum" 
steht da, genöthigt zu einer eigenen Gesetzgebung, zu 
eigenen Künsten und Listen der Selbst-Erhaltung, Selbst- 
Erhöhung, Selbst -Erlösung. Lauter neue Wozu's, lauter 
neue Womit's, keine gemeinsamen Formeln mehr, Miss- 
verständniss und Missachtung mit einander im Bunde, der 
Verfall, Verderb und die höchsten Begierden schauerlich 
verknotet, das Genie der Rasse aus allen Füllhörnern 
des Guten und Schlimmen überquellend, ein verhängniss- 
volles Zugleich von Frühhng und Herbst, voll neuer 
Reize und Schleier, die der jungen, noch unausgeschöpften, 
noch unermüdeten Verderbniss zu eigen sind. Wieder ist 
die Gefahr da, die Mutter der Moral, die grosse Gefahr, 
dies Mal in's Individuum verlegt, in den Nächsten und 
Freund, auf die Gasse, in's eigne Kind, in's eigne Herz, 
in alles Eigenste und Geheimste von Wunsch und Wille: 
was werden jetzt die Moral -Philosophen zu predigen 
haben, die um diese Zeit heraufkommen? Sie entdecken, 
diese scharfen Beobachter und Eckensteher, dass es 
schnell zum Ende geht, dass Alles um sie verdirbt und 
verderben macht, dass nichts bis übermorgen steht, Eine 
Art Mensch ausgenommen, die unheilbar Mittel- 
massigen. Die Mittelmässigen allein haben Aussicht, 
sich fortzusetzen, sich fortzupflanzen, — sie sind die 
Menschen der Zukunft, die einzig Überlebenden; „seid 
wie sie! werdet mittelmässig!" heisst nunmehr die alleinige 
Moral, die noch Sinn hat, die noch Ohren findet. — 
Aber sie ist schwer zu predigen, diese Moral der Mittel- 
mässigkeit! — sie darf es ja niemals eingestehn, was sie 
ist und was sie will! sie muss von Maass und Würde 
und Pflicht und Nächstenliebe reden, — sie wird Noth 
haben, die Ironie zu verbergen! — 



249 



263. 

Es giebt einen Instinkt für den Rang, welcher, 
melir als Alles, schon das Anzeichen eines hohen Ranges 
ist; es giebt eine Lust an den Nuancen der Ehrfurcht, 
die auf vornehme Abkunft und Gewohnheiten rathen 
lässt. Die Feinheit, Güte und Höhe einer Seele wird 
•gefährlich auf die Probe gestellt, wenn Et^vas an ihr 
vorüber geht, das ersten Ranges ist, aber noch nicht 
von den Schaudern der Autorität vor zudringlichen 
Griffen und Plumpheiten gehütet wird: Etwas, das un- 
abgezeichnet, unentdeckt, versuchend, vielleicht willkürlich 
verhüllt und verkleidet, wie ein lebendiger Prüfstein 
seines Weges geht. Zu wessen Aufgabe und Übung es 
gehört, Seelen auszuforschen, der wird sich in mancherlei 
Formen gerade dieser Kunst bedienen, um den letzten 
Werth einer Seele, die unverrückbare eingeborne Rang- 
ordnung, zu der sie gehört, festzustellen: er wird sie auf 
ihren Instinkt der Ehrfurcht hin auf die Probe 
stellen. Difference engendre haine: die Gemeinheit 
mancher Natur sprützt plötzlich wie schmutziges Wasser 
hervor, wenn irgend ein heiliges Gefäss, irgend eine 
Kostbarkeit aus verschlossenen Schreinen, irgend ein 
Buch mit den Zeichen des grossen Schicksals vorüber- 
getragen wird; und andrerseits giebt es ein unwillkür- 
liches Verstummen, ein Zögern des Auges, ein Stille- 
werden aller Gebärden, worin sich ausspricht, dass eine 
Seele die Nähe des Verehrungswürdigsten fühlt Die 
Art, mit der im Ganzen bisher die Ehrfurcht vor der 
Bibel in Europa aufrecht erhalten wird, ist vielleicht 
das beste Stück Zucht und Verfeinerung der Sitte, das 
Europa dem Christenthume verdankt: solche Bücher der 
Tiefe und der letzten Bedeutsamkeit brauchen zu ihrem 



— 250 — 

Schutz eine von Aussen kommende Tyrannei von Au- 
torität, um jene Jahrtausende von Dauer zu gewinnen, 
welche nöthig sind, sie auszuschöpfen und auszurathen. 
Es ist Viel erreicht, wenn der grossen Menge (den Flachen 
und Geschwind - Därmen aller Art) jenes Gefühl endlich 
angezüchtet ist, dass sie nicht an AUes rühren dürfe; dass 
es heilige Erlebnisse giebt, vor denen sie die Schuhe 
auszuziehn und die unsaubere Hand fern zu halten hat, 
— es ist beinahe ihre höchste Steigerung zur Mensch- 
lichkeit. Umgekehrt wirkt an den sogenannten Gebil- 
deten, den Gläubigen der „modernen Ideen", vielleicht 
Nichts so ekelerregend, als ihr Mangel an Scham, ihre 
bequeme Frechheit des Auges und der Hand, mit der 
von ihnen an Alles gerührt, geleckt, getastet wird; und 
es ist möglich, dass sich heut im Volke, im niedern 
Volke, namentlich unter Bauern, immer noch mehr 
relative Vornehmheit des Geschmacks und Takt der 
Ehrfurcht vorfindet als bei der zeitunglesenden Halb- 
welt des Geistes, den Gebildeten. 



264. 

Es ist aus der Seele eines Menschen nicht wegzu- 
wischen, was seine Vorfahren am liebsten und bestän- 
digsten gethan haben: ob sie etwa emsige Sparer waren 
und Zubehör eines Schreibtisches und Geldkastens, be- 
scheiden und bürgerlich in ihren Begierden, bescheiden 
auch in ihren Tugenden; oder ob sie an's Befehlen von 
fi-üh bis spät gewöhnt lebten, rauhen Vergnügungen hold 
und daneben vielleicht noch rauheren Pflichten und Ver- 
antwortungen; oder ob sie endlich alte Vorrechte der 
Geburt und des Besitzes irgendwann einmal geopfert 
haben, um ganz ihrem Glauben — ihrem „Gotte" — zu 



— 251 — 

leben, als die Menschen eines unerbittlichen und zarten 
Gewissens, welches vor jeder Vermittlung erröthet Es 
ist gar nicht möglich, dass ein Mensch nicht die Eigen- 
schaften und Vorlieben seiner Eltern und Altvordern im 
Leibe habe: was auch der Augenschein dagegen sagen 
mag. Dies ist das Problem der Rasse. Gesetzt, man 
kennt einiges von den Eltern, so ist ein Schluss auf das 
Kind erlaubt: irgend eine widrige Unenthaltsamkeit, 
irgend ein Winkel -Neid, eine plumpe Sich-Rechtgeberei 
— wie diese Drei zusammen zu allen Zeiten den eigent- 
lichen Pöbel -Typus ausgemacht haben — , dergleichen 
muss auf das Kind so sicher übergehn, wie verderbtes 
Blut; und mit Hülfe der besten Erziehung und Bildung 
wird man eben nur erreichen, über eine solche Vererbung 
zu täuschen. — Und was will heute Erziehung und 
Bildung Anderes! In unsrem sehr volksthümlichen , will 
sagen pöbelhaften Zeitalter muss „Erziehung" und „Bil- 
dung" wesentlich die Kunst zu täuschen sein, — über 
die Herkunft, den vererbten Pöbel in Leib und Seele 
hinweg zu täuschen. Ein Erzieher, der heute vor Allem 
Wahrhaftigkeit predigte und seinen Züchtungen beständig 
zuriefe „seid wahr! seid natürlich! gebt euch, wie ihr 
seid!" — selbst ein solcher tugendhafter und treuherziger 
Esel würde nach einiger Zeit zu jener furca des Horaz 
greifen lernen, um naturam expellere: mit welchem Er- 
folge? „Pöbel" usque recurret. — 



265. 

Auf die Gefahr hin, unschuldige Ohren missvergnügt 
zu machen , stelle ich hin : der Egoismus gehört zum 
Wesen der vornehmen Seele, ich meine jenen unverrück- 
baren Glauben, dass einem Wesen, wie „wir sind", andre 



— 252 — 

Wesen von Natur unterthan sein müssen und sich ihm 
zu opfern haben. Die vornehme Seele nimmt diesen That- 
bestand ihres Egoismus ohne jedes Fragezeichen hin, 
auch ohne ein Gefiihl von Härte, Zwang, Willkür darin, 
vielmehr wie Etwas, das im Urgesetz der Dinge be- 
gründet sein mag: — suchte sie nach einem Namen 
dafür, so würde sie sagen „es ist die Gerechtigkeit 
selbst", Sie gesteht sich, unter Umständen, die sie an- 
fangs zögern lassen, zu, dass es mit ihr Gleichberechtigte 
giebt; sobald sie über diese Frage des Rangs im Reinen 
ist, bewegt sie sich unter diesen Gleichen und Gleich- 
berechtigten mit der gleichen Sicherheit in Scham und 
zarter Ehrfurcht, welche sie im Verkehre mit sich selbst 
hat, — gemäss einer eingebornen himmlischen Mechanik, 
auf welche sich alle Sterne verstehn. Es ist ein Stück 
ihres Egoismus mehr, diese Feinheit und Selbstbe- 
schränkung im Verkehre mit ihres Gleichen — jeder 
Stern ist ein solcher Egoist — : sie ehrt sich in ihnen 
und in den Rechten, welche sie an dieselben abgiebt, 
sie zweifelt nicht, dass der Austausch von Ehren und 
Rechten als Wesen alles Verkehrs ebenfalls zum natur- 
gemässen Zustand der Dinge gehört. Die vornehme 
Seele giebt, wie sie nimmt, aus dem leidenschaftlichen 
und reizbaren Instinkte der Vergeltung heraus, welcher 
auf ihrem Grunde liegt. Der Begriff „Gnade" hat inter 
pares keinen Sinn und Wohlgeruch ; es mag eine sublime 
Art geben, Geschenke von Oben her gleichsam über 
sich ergehen zu lassen und wie Tropfen durstig aufzu- 
trinken: aber für diese Kunst und Gebärde hat die vor- 
nehme Seele kein Geschick. Ihr Egoismus hindert sie 
hier: sie blickt ungern überhaupt nach „Oben", — son- 
dern entweder vor sich, horizontal und langsam, oder 
hinab: — sie weiss sich in der Höhe. — 



— 253 — 



266. 



„Wahrhaft hochachten kann man nur, wer sich nicht 
selbst sucht". — Goethe an Rath Schlosser. 



267. 

Es giebt ein Sprüchwort bei den Chinesen, das die 
Mütter schon ihre Kinder lehren: stao-sin „mache dein 
Herz klein!" Dies ist der eigentliche Grundhang in 
späten Civilisationen: ich zweifle nicht, dass ein antiker 
Grieche auch an uns Europäern von Heute zuerst die 
Selbstverkleinerung herauserkennen würde, — damit allein 
schon giengen wir ihm „wider den Geschmack". — 

268. 

Was ist zuletzt die Gemeinheit? — Worte sind 
Tonzeichen für Begriffe; Begriffe aber sind mehr oder 
weniger bestimmte Bildzeichen für oft wiederkehrende und 
zusammen kommende Empfindungen, für Empfindungs- 
Gruppen. Es genügt noch nicht, um sich einander zu 
verstehen, dass man dieselben Worte gebraucht: man 
muss dieselben Worte auch für dieselbe Gattung in- 
nerer Erlebnisse gebrauchen, man muss zuletzt seine 
Erfahrung mit einander gemein haben. Deshalb ver- 
stehen sich die Menschen Eines Volkes besser unter 
einander als Zugehörige verschiedener Völker, selbst 
wenn sie sich der gleichen Sprache bedienen; oder viel- 
mehr, wenn Menschen lange unter ähnlichen Bedingungen 
(des Klima's, des Bodens, der Gefahr, der Bedürfnisse, 
der Arbeit) zusammen gelebt haben, so entsteht daraus 
Etwas, das „sich versteht", ein Volk. In allen Seelen 



— 254 — 

hat eine gleiche Anzahl oft wiederkehrender Erlebnisse 
die Oberhand gewonnen über seltner kommende: auf sie 
hin versteht man sich, schnell und immer schneller — 
die Geschichte der Sprache ist die Geschichte eines Ab- 
kürzungs -Prozesses — ; auf dies schnelle Verstehen hin 
verbindet man sich, enger und immer enger. Je grösser 
die Gefährlichkeit, um so grösser ist das Bedürfniss, 
schnell und leicht über Das, was noth thut, übereinzu- 
kommen; sich in der Gefahr nicht misszuverstehn , das 
ist es, was die Menschen zum Verkehre schlechterdings 
nicht entbehren können. Noch bei jeder Freundschaft 
oder Liebschaft macht man diese Probe: Nichts derart 
hat Dauer, sobald man dahinter kommt, dass Einer von 
Beiden bei gleichen Worten anders fühlt, meint, wittert, 
wünscht, fürchtet als der Andere. {Die Furcht vor dem 
„ewigen Missverständniss" : das ist jener wohlwollende 
Genius, der Personen verschiedenen Geschlechts so oft 
von übereilten Verbindungen abhält, zu denen Sinne und 
Herz rathen — und nicht irgend ein Schopenhauerischer 
„Genius der Gattung" — !) Welche Gruppen von Empfind- 
ungen innerhalb einer Seele am schnellsten wach werden, 
das Wort ergreifen, den Befehl geben, das entscheidet 
über die gesammte Rangordnung ihrer Werthe, das be- 
stimmt zuletzt ihre Gütertafel. Die Werthschätzungen 
eines Menschen verrathen etwas vom Aufbau seiner 
Seele, und worin sie ihre Lebensbedingungen, ihre eigent- 
liche Noth sieht. Gesetzt nun, dass die Noth von jeher 
nur solche Menschen einander angenähert hat, welche 
mit ähnlichen Zeichen ähnliche Bedürfnisse, ähnliche Er- 
lebnisse andeuten konnten, so ergiebt sich im Ganzen, 
dass die leichte Mittheilbarkeit der Noth, das heisst 
im letzten Grunde das Erleben von nur durchschnitt- 
lichen und gemeinen Erlebnissen, unter allen Gewalten, 



— 255 — 

welche über den Menschen bisher verfügt haben, die ge- 
waltigste g-ewesen sein muss. Die ähnlicheren, die ge- 
wöünlicheren Menschen waren und sind immer im Vor- 
theile, die Ausgesuchteren, Feineren, Seltsameren, schwerer 
Verständlichen bleiben leicht allein, unterliegen bei ihrer 
Vereinzelung den Unfällen und pflanzen sich selten fort. 
Man muss ungeheure Gegenkräfte anrufen, um diesen 
natürlichen, allzunatürlichen progressus in st7mle, die 
Fortbildung des Menschen in's Ähnliche, Gewöhnliche, 
Durchschnittliche, Heerdenhafte — in's Gemeine! — zu 
kreuzen. 

269. 

Je mehr ein Psycholog — ein geborener, ein unver- 
meidlicher Psycholog und Seelen -Errather — sich den 
ausgesuchteren FäUen und Menschen zukehrt, um so 
grösser wird seine Gefahr, am Mitleiden zu ersticken: 
er hat Härte und Heiterkeit nöthig, mehr als ein 
andrer Mensch. Die Verderbniss, das ZugTundegehen der 
höheren Menschen, der fremder gearteten Seelen ist 
nämlich die Regel: es ist schrecklich, eine solche Regel 
immer vor Augen zu haben. Die vielfache Marter des 
Psychologen, der dieses Zugrundegehen entdeckt hat, 
der diese gesammte innere „Heillosigkeit" des höheren 
Menschen, dieses ewige „Zu spät!" in jedem Sinne, erst 
einmal und dann fast immer wieder entdeckt, durch die 
ganze Geschichte hindurch, — kann vielleicht eines Tags 
zur Ursache davon werden, dass er mit Erbitterung sich 
gegen sein eignes Loos wendet und einen Versuch der 
Selbst-Zerstörung macht, — dass er selbst „verdirbt". 
Man wird fast bei jedem Psychologen eine verrätherische 
Vorneigung und Lust am Umgange mit alltäglichen und 
wohlgeordneten Menschen wahrnehmen: daran verräth 



— 256 — 

sich, dass er immer einer Heilung bedarf, dass er eine 
Art Flucht und Vergessen braucht, weg von dem, was 
ihm seine Einblicke und Einschnitte, was ihm sein „Hand- 
werk" auf's Gewissen gelegt hat. Die Furcht vor seinem 
Gedächtniss ist ihm eigen. Er kommt vor dem Urtheile 
Anderer leicht zum Verstummen: er hört mit einem un- 
bewegten Gesichte zu, wie dort verehrt, bewundert, ge- 
liebt, verklärt wird, wo er gesehen hat, — oder er 
verbirgt noch sein Verstummen, indem er irgend einer 
Vordergrunds-Meinung ausdrücklich zustimmt. Vielleicht 
geht die Paradoxie seiner Lage so weit in's Schauerliche, 
dass die Menge, die Gebildeten, die Schwärmer gerade 
dort, wo er das grosse Mitleiden neben der grossen Ver- 
achtung gelernt hat, ihrerseits die grosse Verehrung 
lernen, — die Verehrung für „grosse Männer" und 
Wunderthiere , um derentwillen man das Vaterland, die 
Erde, die Würde der Menschheit, sich selber segnet und 
in Ehren hält, auf welche man die Jugend hinweist, hin- 
erzieht . . . Und wer weiss, ob sich nicht bisher in allen 
grossen Fällen eben das Gleiche begab: dass die Menge 
einen Gott anbetete, — und dass der „Gott" nur ein 
armes Opferthier war! Der Erfolg war immer der grösste 
Lügner, — und das „Werk" selbst ist ein Erfolg; der 
grosse Staatsmann, der Eroberer, der Entdecker ist in 
seine Schöpfungen verkleidet, bis in's Unerkennbare; das 
„Werk", das des Künstlers, des Philosophen, erfindet erst 
Den, welcher es geschaffen hat, geschaffen haben soll; 
die „grossen Männer", wie sie verehrt werden, sind kleine 
schlechte Dichtungen hinterdrein; in der Welt der ge- 
schichtlichen Werthe herrscht die Falschmünzerei Diese 
grossen Dichter zum Beispiel, diese Byron, Musset, Poe, 
Leopardi, Kleist, Gogol (ich wage es nicht, grössere Namen 
zu nennen, aber ich meine sie), — so wie sie nun einmal 



— 257 — 

sind, vielleicht sein müssen: I^Ienschen des Augenblicks, 
begeistert, sinnlich, kindsköpfisch, im Misstrauen und Ver- 
trauen leichtfertig und plötzlich; mit Seelen, an denen 
gewöhnlich irgend ein Bruch verhehlt werden soll; oft 
mit ihren Werken Rache nehmend für eine innere Be- 
sudelung, oft mit ihren Aufflügen Vergessenheit suchend 
vor einem allzutreuen Gedächtniss, oft in den Schlamm 
verirrt und beinahe verliebt, bis sie den Irrlichtem um 
die Sümpfe herum gleich werden und sich zu Sternen 
verstellen — das Volk nennt sie dann wohl Idealisten — , 
oft mit einem langen Ekel kämpfend, mit einem wieder- 
kehrenden Gespenst von Unglauben, der kalt macht 
und sie zwingt, nach gloria zu schmachten und den „Glau- 
ben an sich" aus den Händen berauschter Schmeichler 
zu fressen: — welche Marter sind diese grossen Künstler 
und überhaupt die höheren Menschen für Den, der sie 
einmal errathen hat! Es ist so begreiflich, dass sie 
gerade vom Weibe — welches hellseherisch ist in der 
Welt des Leidens und leider auch weit über seine Kräfte 
hinaus hülf- und rettungssüchtig — so leicht jene Aus- 
brüche unbegrenzten hingehendsten Mitleids erfahren, 
welche die Menge, vor Allem die verehrende Menge, 
nicht versteht und mit neugierigen und selbstgefälligen 
Deutungen überhäuft. Dieses ]\Iitleiden täuscht sich regel- 
mässig über seine Klraft: das Weib möchte glauben, dass 
Liebe Alles vermag, — es ist sein eigentlicher Aber- 
glaube. Ach, der Wissende des Herzens erräth, wie arm, 
hülflos, anmaasslich, fehlgreifend, leichter zerstörend als 
rettend auch die beste, tiefste Liebe ist! — Es ist möglich, 
dass unter der heiligen Fabel und Verkleidung von Jesu 
Leben einer der schmerzlichsten FäUe vom Martyrium 
des Wissens um die Liebe verborgen liegt: das Mar- 
tyrium des unschuldigsten und begehrendsten Herzens, 

Nietzsche, Werke Band VII. 17 



- 258 - 

das an keiner Menschen-Liebe je genug hatte, das Liebe, 
Geliebt-werden und Nichts ausserdem verlangte, mit 
Härte, mit Wahnsinn, mit furchtbaren Ausbrüchen gegen 
Die, welche ihm Liebe verweigerten; die Geschichte 
eines armen Ungesättigten und Unersättlichen in der 
Liebe, der die Hölle erfinden musste, um Die dorthin zu 
schicken, welche ihn nicht lieben wollten, — und der 
endlich, wissend geworden über menschliche Liebe, einen 
Gott erfinden musste, der ganz Liebe, ganz Lieben- 
können ist, — der sich der Menschen -Liebe erbarmt, 
weil sie gar so armselig, so unwissend ist! Wer so fühlt, 
wer dergestalt um die Liebe weiss — , sucht den Tod. 
— Aber warum solchen schmerzlichen Dingen nach- 
hängen? Gesetzt, dass man es nicht muss. — 



270. 

Der geistige Hochmuth und Ekel jedes Menschen, 
der tief gelitten hat — es bestimmt beinahe die Rang- 
ordnung, wie tief Menschen leiden können — , seine 
schaudernde Gewissheit, von der er ganz durchtränkt 
und gefärbt ist, vermöge seines Leidens mehr zu 
wissen, als die Klügsten und Weisesten wissen können, 
in vielen fernen entsetzlichen Welten bekannt und ein- 
mal „zu Hause" gewesen zu sein, von denen „ihr nichts 

wisst!" dieser geistige schweigende Hochmuth des 

Leidenden, dieser Stolz des Auserwählten der Erkennt- 
niss, des „Eingeweihten", des beinahe Geopferten findet 
alle Formen von Verkleidung nöthig, um sich vor der 
Berührung mit zudringlichen und mitleidigen Händen 
und überhaupt vor Allem, was nicht Seines-Gleichen im 
Schmerz ist, zu schützen. Das tiefe Leiden macht vor- 
nehm; es trennt. Eine der feinsten Verkleidungs-Formen 



— 259 — 

ist der Epikureismus und eine gewisse furderhin zur 
Schau getragene Tapferkeit des Geschmacks, welche das 
Leiden leichtfertig nimmt und sich gegen alles Traurige 
und Tiefe zur Wehre setzt Es giebt „heitere Menschen", 
welche sich der Heiterkeit bedienen, weil sie um ihret- 
willen missverstanden werden: — sie wollen missver- 
standen sein. Es giebt „wissenschaftliche Menschen", 
welche sich der Wissenschaft bedienen . weil dieselbe 
einen heiteren Anschein giebt, und weil Wissenschaftlich- 
keit darauf schliessen lässt, dass der Mensch oberflächlich 
ist: — sie wollen zu einem falschen Schlüsse verführen. 
Es giebt freie freche Geister, welche verbergen und ver- 
leugnen möchten, dass sie zerbrochene stolze unheilbare 
Herzen sind (der Cynismus Hamlets — der Fall Galiani); 
und bisweilen ist die Narrheit selbst die Maske für ein 
unseliges allzugewisses Wissen. — Woraus sich ergiebt, 
dass es zur feineren Menschlichkeit gehört, Ehrfurcht 
„vor der Maske" zu haben und nicht an falscher Stelle 
Psychologie und Neugierde zu treiben. 



271. 

Was am tiefsten zwei Menschen trennt, das ist ein 
verschiedener Sinn und Grad der Reinlichkeit. Was hilft 
alle Bravheit und gegenseitige NützHchkeit, was hilft aller 
guter Wille für einander: zuletzt bleibt es dabei — sie 
„können sich nicht riechen!" Der höchste Instinkt der 
Reinlichkeit stellt den mit ihm Behafteten in die wunder- 
lichste und gefährlichste Vereinsamung, als einen Hei- 
ligen: denn eben das ist Heiligkeit — die höchste Ver- 
geistignng des genannten Instinktes. Irgend ein Mitwissen 
um eine unbeschreibliche Fülle im Glück des Bades, 
irgend eine Brunst imd Durstigkeit, welche die Seele 

I7* 



— zto — 

beständig aus der Nacht in den Morgen und aus dem 
Trüben, der „Trübsal", in's Helle, Glänzende, Tiefe, Feine 
treibt — : eben so sehr als ein solcher Hang auszeich- 
net — es ist ein vornehmer Hang — , trennt er auch. — 
Das Mitleiden des Heiligen ist das Mitleiden mit dem 
Schmutz des Menschlichen, Allzumenschlichen. Und 
es giebt Grade und Höhen, wo das Mitleiden selbst von 
ihm als Verunreinigung, als Schmutz gefühlt wird . . . 

272. 

Zeichen der Vornehmheit: nie daran denken, unsre 
Pflichten zu Pflichten für Jedermann herabzusetzen; die 
eigene Verantwortlichkeit nicht abgeben wollen, nicht 
theilen wollen; seine Vorrechte und deren Ausübung 
unter seine Pflichten rechnen. 

273. 
Ein Mensch, der nach Grossem strebt, betrachtet 
Jedermann, dem er auf seiner Bahn begegnet, entweder 
als Mittel oder als Verzögerung und Hemmniss — oder 
als zeitweihges Ruhebett Seine ihm eigenthümliche 
hochgeartete Güte gegen Mitmenschen ist erst möglich, 
wenn er auf seiner Höhe ist und herrscht. Die Unge- 
duld und sein Bewusstsein, bis dahin immer zur Komödie 
verurtheilt zu sein — denn selbst der Krieg ist eine 
Komödie und verbirgt, wie jedes Mittel den Zweck ver- 
birgt — , verdirbt ihm jeden Umgang: diese Art Mensch 
kennt die Einsamkeit und was sie vom Giftigsten an 
sich hat 

274. 

Das Problem der Wartenden. — Es sind Glücks- 
fälle dazu nöthig und vielerlei Unberechenbares, dass ein 



201 — 

höherer Mensch, in dem die Lösung eines Problems 
schläft, noch zur rechten Zeit zum Handeln kommt — 
„zum Ausbruch", wie man sagen könnte. Es geschieht 
durchschnittlich nicht, und in allen Winkeln der Erde 
sitzen Wartende, die es kaum wissen, in wiefern sie 
warten, noch weniger aber, dass sie umsonst warten. 
Mitunter auch kommt der Weckruf zu spät, jener Zufall, 
der die „Erlaubniss" zum Handeln giebt, — dann, wenn 
bereits die beste Jugend und Kraft zum Handeln durch 
Stillsitzen verbraucht ist; und wie Mancher fand, eben 
als er „aufsprang", mit Schrecken seine Glieder einge- 
schlafen und seinen Geist schon zu schwer! „Es ist zu 
spät" — sagte er sich, ungläubig über sich geworden 
und nunmehr für immer unnütz. — Sollte, im Reiche des 
Genie's, der „RafFael ohne Hände", das Wort im wei- 
testen Sinn verstanden, vielleicht nicht die Ausnahme, 
sondern die Regel sein? — Das Genie ist vielleicht gar 
nicht so selten: aber die fünfhundert Hände, die es 
nöthig hat, um den xaiQog, „die rechte Zeit" — zu tyran- 
nisiren, um den Zufall am Schopf zu fassen I 

275- 

Wer das Hohe eines Menschen nicht sehen will, 
blickt um so schärfer nach dem, was niedrig und Vorder- 
grund an ihm ist, — und verräth sich selbst damit. 

276. 

Bei aller Art von Verletzung und Verlust ist die 
niedere und gröbere Seele besser daran als die vor- 
nehmere: die Gefahren der letzteren müssen grösser sein, 
ihre Wahrscheinlichkeit, dass sie verunglückt und zu 
Grunde geht, ist sogar, bei der Vielfachheit ihrer Lebens- 



— 262 — 

bedingungen, ungeheuer. — Bei einer Eidechse wächst 
ein Finger nach, der ihr verloren gieng: nicht so beim 
Menschen. — 

— Schlimm genug! Wieder die alte Geschichte! 
Wenn man sich sein Haus fertig gebaut hat, merkt man 
unversehens Etwas dabei gelernt zu haben, das man 
schlechterdings hätte wissen müssen, bevor man zu 
bauen — anfieng. Das ewige leidige „Zu spät!" — Die 
Melancholie alles Fertigen! — 

278. 

— Wanderer, wer bist du? Ich sehe dich deines 
Weges gehn, ohne Hohn, ohne Liebe, mit unerrathbaren 
Augen; feucht und traurig wie ein Senkblei, das unge- 
sättigt aus jeder Tiefe wieder an's Licht gekommen — 
was suchte es da unten? — mit einer Brust, die nicht 
seufzt, mit einer Lippe, die ihren Ekel verbirgt, mit einer 
Hand, die nur noch langsam greift: wer bist du? was 
thatest du? Ruhe dich hier aus: diese Stelle ist gast- 
freundlich für Jedermann, — erhole dich! Und wer du 
auch sein magst: was gefällt dir jetzt? Was dient dir 
zur Erholung? Nenne es nur; alles was ich habe, biete 
ich dir an! — „Zur Erholung? Zur Erholung? Oh du 
Neugieriger, was sprichst du da! Aber gieb mir, ich 

bitte " Was? Was? sprich es aus! — „Eine Maske 

mehr! Eine zweite Maske!" — 



279. 

Die Menschen der tiefen Traurigkeit verrathen sich, 
wenn sie glücklich sind: sie haben eine Art, das Glück 



— 203 — 

zu fassen, wie als ob sie es erdrücken und ersticken 
möchten, aus Eifersucht, — ach, sie wissen zu gut, dass 
es ihnen davon läuft I 

280. 

„Schlimm 1 Schlimm! Wie? geht er nicht — zurück?" 
— Ja! Aber ihr versteht ihn schlecht, wenn üir darüber 
klagt. Er geht zurück, wie Jeder, der einen grossen 
Sprung thun will. 

281. 

— „Wird man es mir glauben? aber ich verlange, 
dass man es mir glaubt: ich habe immer nur schlecht 
an mich, über mich gedacht, nur in ganz seltnen Fällen, 
nur gezwungen, immer ohne Lust „zur Sache", bereit, 
von „mir" abzuschweifen, immer ohne Glauben an das 
Ergebniss, Dank einem unbezwinglichen Misstrauen gegen 
die Möglichkeit der Selbst -Erkenntniss, das mich so 
weit geführt hat, selbst am Begriff „unmittelbare Erkennt- 
niss", welchen sich die Theoretiker erlauben, eine contra- 
dictio in adjecto zu empfinden: — diese ganze Thatsache 
ist beinahe das Sicherste, was ich über mich weiss. Es 
muss eine Art Widerwillen in mir geben, etwas Bestimm- 
tes über mich zu glauben. — Steckt darin vielleicht ein 
Räthsel? Wahrscheinlich; aber glücklicherweise keins für 
meine eigenen Zähne. — Vielleicht verräth es die spectes, 
zu der ich gehöre? — Aber nicht mir: wie es mir selbst 
erwünscht genug ist — ** 

282. 

— ,Aber WEIS ist dir begegnet?" — ,J[ch weiss es nicht, 
sagte er zögernd; vielleicht sind mir die Harpyaen über 



— 204 — 

den Tisch geflogen." — Es kommt heute bisweilen vor, 
dass ein milder massiger zurückhaltender Mensch plötz- 
lich rasend wird, die Teller zerschlägt, den Tisch umwirft, 
schreit, tobt, alle Welt beleidigt — und endlich bei Seite 
geht, beschämt, wüthend über sich, — wohin? wozu? Um 
abseits zu verhungern? Um an seiner Erinnerung zu 
ersticken? — Wer die Begierden einer hohen wähler- 
ischen Seele hat und nur selten seinen Tisch gedeckt, 
seine Nahrung bereit findet, dessen Gefahr wird zu allen 
Zeiten gross sein: heute aber ist sie ausserordentlich. In 
ein lärmendes und pöbelhaftes Zeitalter hineingeworfen, 
mit dem er nicht aus Einer Schüssel essen mag, kann 
er leicht vor Hunger und Durst, oder, falls er endlich 
dennoch „zugreift" — vor plötzlichem Ekel zu Grunde 
gehn. — Wir haben wahrscheinlich Alle schon an Tischen 
gesessen , wo wir nicht hingehörten ; und gerade die 
Geistigsten von uns, die am schwersten zu ernähren sind, 
kennen jene gefährliche dyspepsta, welche aus einer 
plötzlichen Einsicht und Enttäuschung über unsre Kost 
und Tischnachbarschaft entsteht, — den Nachtisch-EkeL 



283. 

Es ist eine feine und zugleich vornehme Selbstbe- 
herrschung, gesetzt dass man überhaupt loben will, immer 
nur da zu loben, wo man nicht übereinstimmt: — im 
andern Falle würde man ja sich selbst loben, was wider 
den gfuten Geschmack geht, — freilich eine Selbstbe- 
herrschung, die einen artigen Anlass und Anstoss bietet, 
um beständig missverstanden zu werden. Man muss, 
um sich diesen wirklichen Luxus von Geschmack und 
Moralität gestatten zu dürfen, nicht unter Tölpeln des 
Geistes leben, vielmehr unter Menschen, bei denen Miss- 



— 265 — 

Verständnisse und Fehlgriffe noch durch ihre Feinheit 
belustigen, — oder man wird es theuer büssen müssen I 
— ,JEr lobt mich: also giebt er mir Recht" — diese 
Eselei von Schlussfolgerung verdirbt uns Einsiedlern das 
halbe Leben, denn es bringt die Esel in unsre Nach- 
barschaft und Freundschaft. 



284. 

Mit einer ungeheuren und stolzen Gelassenheit leben; 
immer jenseits — . Seine Affekte, sein Für und Wider 
willkürlich haben und nicht haben, sich auf sie herablassen, 
für Stunden; sich auf sie setzen, wie auf Pferde, oft 
wie auf Esel: — man muss nämlich ihre Dummheit so 
gut wie ihr Feuer zu nützen wissen. Seine dreihundert 
Vordergründe sich bewahren; auch die schwarze Brille: 
denn es giebt Fälle, wo uns Niemand in die Augen, 
noch weniger in unsre „Gründe" sehn darf. Und jenes 
spitzbübische und heitre Laster sich zur Gesellschaft 
wählen, die Höflichkeit. Und Herr seiner vier Tugenden 
bleiben, des Muthes, der Einsicht, des Alitgefühls, der 
Einsamkeit Denn die Einsamkeit ist bei uns eine Tugend, 
als ein sublimer Hang und Drang der ReinUchkeit, 
welcher erräth, wie es bei Berührung von Mensch und 
Mensch — „in Gesellschaft" — unvermeidlich-unreinlich 
zugehn muss. Jede Gemeinschaft macht, irgendwie, 
irgendwo, irgendwann — „gemein", 

285. 

Die grössten Ereignisse und Gedanken — aber die 
grössten Gedanken sind die grössten Ereignisse — wer- 
den am spätesten begriffen: die Geschlechter, welche 



— 266 — 

mit ihnen gleichzeitig sind, erleben solche Ereignisse 
nicht, — sie leben daran vorbei. Es geschieht da Etwas, 
wie im Reich der Sterne. Das Licht der fernsten Sterne 
kommt am spätesten zu den Menschen; und bevor es 
nicht angekommen ist, leugnet der Mensch, dass es 
dort — Sterne giebt. „Wie viel Jahrhunderte braucht 
ein Geist, um begriffen zu werden?" — das ist auch 
ein Maassstab, damit schafft man auch eine Rangord- 
nung und Etiquette, wie sie noth thut: für Geist und 
Stern. — 

286. 

„Hier ist die Aussicht frei, der Geist erhoben.** — 
Es giebt aber eine umgekehrte Art von Menschen, 
welche auch auf der Höhe ist und auch die Aussicht 
frei hat — aber hinab blickt 



287. 

— Was ist vornehm? Was bedeutet uns heute noch 
das Wort „vornehm" ? Woran verräth sich, woran erkennt 
man, unter diesem schweren verhängten Himmel der be- 
ginnenden Pöbelherrschaft, durch den Alles undurch- 
sichtig und bleiern wird, den vornehmen Menschen? — Es 
sind nicht die Handlungen, die ihn beweisen, — Hand- 
lungen sind immer vieldeutig, immer unergründlich — ; 
es sind auch die „Werke" nicht. Man findet heute 
unter Künstlern und Gelehrten genug von Solchen, 
welche durch ihre Werke verrathen, wie eine tiefe Be- 
gierde nach dem Vornehmen hin sie treibt: aber gerade 
dies Bedürfniss nach dem Vornehmen ist von Grund 
aus verschieden von den Bedürfnissen der vornehmen 
Seele selbst, und geradezu das beredte und gefährliche 



— 267 — 

Merkmal ihres Mangels. Es sind nicht die Werke, es 
ist der Glaube, der hier entscheidet, der hier die Rang- 
ordnung feststellt, um eine alte religiöse Formel in einem 
neuen und tieferen Verstände wieder aufzunehmen: irgend 
eine Grundgewissheit, welche eine vornehme Seele über 
sich selbst hat, Etwas, das sich nicht suchen, nicht finden 
und vielleicht auch nicht verlieren lässt. — Die vor- 
nehme Seele hat Ehrfurcht vor sich. — 



288. 

Es giebt Menschen, welche auf eine unvermeidliche 
"Weise Geist haben, sie mögen sich drehen und wenden, 
wie sie wollen, und die Hände vor die verrätherischen 
Augen halten ( — als ob die Hand kein Verräther 
wäre! — ): schliesslich kommt es immer heraus, dass sie 
Etwas haben, das sie verbergen, nämlich Geist Eins 
der feinsten Mittel, um wenigstens so lange als möglich 
zu täuschen und sich mit Erfolg dümmer zu stellen, als 
man ist — was im gemeinen Leben oft so wünschens- 
werth ist wie ein Regenschirm — , heisst Begeisterung: 
hinzugerechnet, was hinzu gehört, zum Beispiel Tugend. 
Denn, wie Galiani sagt, der es wissen musste — : vertu 
est enthoustasme. 

289. 

Man hört den Schriften eines Einsiedlers immer 
auch Etwas von dem Wiederhall der Öde, Etwas von 
dem Flüstertone und dem scheuen Umsichblicken der 
Einsamkeit an; aus seinen stärksten Worten, aus seinem 
Schrei selbst klingt noch eine neue und gefährlichere 
Art des Schweigens, Verschweigens heraus. Wer Jahr- 
aus, Jahrein und Tags und Nachts allein mit seiner Seele 



-- 268 — 

im vertraulichen Zwiste und Zwiegespräche zusammen- 
gesessen hat, wer in seiner Höhle — sie kann ein Laby- 
rinth, aber auch ein Goldschacht sein — zum Höhlen- 
bär oder Schatzgräber oder Schatzwächter und Drachen 
wurde: dessen Begriffe selber erhalten zuletzt eine eigne 
Zwielicht-Farbe, einen Geruch ebenso sehr der Tiefe als 
des Moders, etwas Unmittheilsames und Widerwilliges, 
das jeden Vorübergehenden kalt anbläst. Der Einsiedler 
glaubt nicht daran, dass jemals ein Philosoph — gesetzt, 
dass ein Philosoph immer vorerst ein Einsiedler war — 
seine eigentlichen und letzten Meinungen in Büchern 
ausgedrückt habe: schreibt man nicht gerade Bücher, 
um zu verbergen, was man bei sich birgt? — ja er 
wird zweifeln, ob ein Philosoph „letzte und eigenthche" 
Meinungen überhaupt haben könne, ob bei ihm nicht 
hinter jeder Höhle noch eine tiefere Höhle liege, liegen 
müsse — eine umfänglichere fremdere reichere Welt 
über einer Oberfläche, ein Abgrund hinter jedem Grunde, 
unter jeder „Begründung". Jede Philosophie ist eine 
Vordergrunds-Philosophie — das ist ein Einsiedler-Urtheil: 
„es ist etwas Willkürliches daran, dass er hier stehen 
blieb, zurückblickte, sich umblickte, dass er hier nicht 
mehr tiefer grub und den Spaten weglegte, — es ist 
auch etwas Misstrauisches daran." Jede Philosophie ver- 
birgt auch eine Philosophie; jede Meinung ist auch ein 
Versteck, jedes Wort auch eine Maske. 

2go. 

Jeder tiefe Denker furchtet melir das Verstanden- 
werden als das Missverstanden -werden. Am Letzteren 
leidet vielleicht seine Eitelkeit; am Ersteren aber sein 
Herz, sein Mitgefühl, welches immer spricht: „ach, warum 
wollt ihr es auch so schwer haben, wie ich?" 



— 269 — ' 



291. 



Der Mensch, ein vielfaches, verlogenes, künstliches 
und undurchsichtiges Thier, den andern Thieren weniger 
durch Kraft als durch List und Klugheit unheimlich, hat 
das gute Gewissen erfunden, um seine Seele einmal als 
einfach zu gemessen; und die ganze Moral ist eine 
beherzte lange Fälschung, vermöge deren überhaupt ein 
Genuss im Anblick der Seele möglich wird. Unter 
diesem Gesichtspunkte gehört vielleicht viel Mehr in den 
Begriff „Kunst" hinein, als man gemeinhin glaubt. 

292. 

Ein Philosoph: das ist ein Mensch, der beständig 
ausserordentliche Dinge erlebt, sieht, hört, argwöhnt, 
hofft, träumt; der von seinen eignen Gedanken wie von 
Aussen her, wie von Oben und Unten her, als von 
seiner Art Ereignissen und Blitzschlägen getroffen wird; 
der selbst vielleicht ein Gewitter ist, welches mit neuen 
Blitzen schwanger geht; ein verhängnissvoller Mensch, um 
den herum es immer grollt und brummt und klafft und 
unheimlich zugeht. Ein Philosoph: ach, ein Wesen, das 
oft von sich davon läuft, oft vor sich Furcht hat, — 
aber zu neugierig ist, um nicht immer wieder „zu sich 
zu kommen". — 

293. 

Ein Mann, der sagt: „das gefällt mir, das nehme ich 
zu eigen und will es schützen und gegen Jedermann 
vertheidigen"; ein Mann, der eine Sache führen, einen 
Entschluss durchführen, einem Gedanken Treue wahren, 
ein Weib festhalten, einen Verwegenen strafen und nieder- 
werfen kann; ein Mann, der seinen Zorn und sein Schwert 



— 270 — 

hat, und dem die Schwachen, Leidenden, Bedrängten, 
auch die Thiere, gern zufallen und von Natur zugehören, 
kurz ein Mann, der von Natur Herr ist, — wenn ein 
solcher Mann Mitleiden hat, nun! dies Mitleiden hat 
Werth! Aber was liegt am Mitleiden Derer, welche 
leiden! Oder Derer, welche gar Mitleiden predigen! Es 
giebt heute fast überall in Europa eine krankhafte 
Empfindlichkeit und Reizbarkeit für Schmerz, insgleichen 
eine widrige Unenthaltsamkeit in der Klage, eine Ver- 
zärtlichung, welche sich mit Religion und philosophischem 
Krimskrams zu etwas Höherem aufputzen möchte, — es 
giebt einen förmlichen Cultus des Leidens. Die Un- 
männlichkeit dessen, was in solchen Schwärmer- 
kreisen „Mitleid" getauft wird, springt, wie ich meine, 
immer zuerst in die Augen. — Man muss diese neueste 
Art des schlechten Geschmacks kräftig und gpründlich in 
den Bann thun; und ich wünsche endlich, dass man das 
gute Amulet „gai saher" sich dagegen um Herz und 
Hals lege, — „ft-öhliche Wissenschaft", um es den Deut- 
schen zu verdeutlichen. 

294. 

Das olympische Laster. — Jenem Philosophen 
zum Trotz, der als ächter Engländer dem Lachen bei 
allen denkenden Köpfen eine üble Nachrede zu schaffen 
suchte — „das Lachen ist ein arges Gebreste der mensch- 
lichen Natur, welches jeder denkende Kopf zu über- 
winden bestrebt sein wird" (Hobbes) — , würde ich mir 
sogar eine Rangordnung der Philosophen erlauben, je 
nach dem Range ihres Lachens — bis hinauf zu denen, 
die des goldnen Gelächters fähig sind. Und gesetzt, 
dass auch Götter philosophiren, wozu mich mancher 
Schluss schon gedrängt hat — , so zweifle ich nicht, dass 



271 — 

sie dabei auch auf eine übermenschliche und neue Weise 
zu lachen wissen — und auf Unkosten aller ernsten 
Dinge! Götter sind spottlustig: es scheint, sie können 
selbst bei heiligen Handlungen das Lachen nicht lassen. 

295. 
Das Genie des Herzens, wie es jener grosse Ver- 
borgene hat, der Versucher- Gott und geborene Ratten- 
fänger der Gewissen, dessen Stimme bis in die Unter- 
welt jeder Seele hinabzusteigen weiss, welcher nicht ein 
Wort sagt, nicht einen Blick blickt, in dem nicht eine 
Rücksicht und Falte der Lockung läge, zu dessen Meister- 
schaft es gehört, dass er zu scheinen versteht — und 
nicht Das, was er ist, sondern was Denen, die ihm folgen, 
ein Zwang mehr ist, um sich immer näher an ihn zu 
drängen, um ihm immer innerlicher und gründlicher zu 
folgen: — das Genie des Herzens, das alles Laute und 
Selbstgefällige verstummen macht und horchen lehrt, das 
die rauhen Seelen glättet und ihnen ein neues Verlangen 
zu kosten giebt, — still zu liegen wie ein Spiegel, dass 
sich der tiefe Himmel auf ihnen spiegele — ; das Genie 
des Herzens, das die tölpische und überrasche Hand 
zögern und zierlicher greifen lehrt; das den verborgenen 
und vergessenen Schatz, den Tropfen Güte und süsser 
Geistigkeit unter trübem dickem Eise erräth und eine 
Wünschelruthe für jedes Korn Goldes ist, welches lange 
im Kerker vielen Schlamms und Sandes begraben lag; 
das Genie des Herzens, von dessen Berührung Jeder 
reicher fortgeht, nicht begnadet und überrascht, nicht 
wie von fremdem Gute beglückt und bedrückt, sondern 
reicher an sich selber, sich neuer als zuvor, aufgebrochen, 
von einem Thau winde angeweht und ausgehorcht, un- 
sicherer vielleicht, zärtlicher zerbrechlicher zerbrochener, 



— 272 

aber voll Hoffnungen, die noch keinen Namen haben, 
voll neuen Willens und Strömens, voll neuen Unwillens 
und Zurückströmens — — aber was thue ich, meine 
Freunde? Von wem rede ich zu euch? Vergass ich mich 
soweit, dass ich euch nicht einmal seinen Namen nannte? 
Es sei denn, dass ihr nicht schon von selbst erriethet, 
wer dieser fragwürdige Geist und Gott ist, der in solcher 
Weise gelobt sein will. Wie es nämlich einem Jeden 
ergeht, der von Kindesbeinen an immer unterwegs und 
in der Fremde war, so sind auch mir manche seltsame 
und nicht ungefährliche Geister über den Weg gelaufen, 
vor Allem aber der, von dem ich eben sprach, und dieser 
immer wieder, kein Geringerer nämlich, als der Gott 
Dionysos, jener grosse Zweideutige und Versucher- 
Gott, dem ich einstmals, wie ihr wisst, in aller Heimlich- 
keit und Ehrfurcht meine Erstlinge dargebracht habe — 
(als der Letzte, wie mir scheint, der ihm ein Opfer dar- 
gebracht hat: denn ich fand Keinen, der es verstanden 
hätte, was ich damals that). Inzwischen lernte ich Vieles, 
Allzuvieles über die Philosophie dieses Gottes hinzu, und, 
wie gesagt, von Mund zu Mund, — ich, der letzte Jünger 
und Eingeweihte des Gottes Dionysos: und ich dürfte 
wohl endlich einmal damit anfangen, euch, meinen 
Freunden, ein Wenig, so weit es mir erlaubt ist, von 
dieser Philosophie zu kosten zu geben? Mit halber 
Stimme, wie billig: denn es handelt sich dabei um 
mancherlei Heimliches, Neues, Fremdes, Wunderliches, 
Unheimliches. Schon dass Dionysos ein Philosoph ist, 
und dass also auch Götter philosophiren , scheint mir 
eine Neuigkeit, welche nicht unverfänglich ist und die 
vielleicht gerade unter Philosophen Misstrauen erregen 
möchte, — unter euch, meine Freunde, hat sie schon 
weniger gegen sich, es sei denn, dass sie zu spät und 



— 273 — 

nicht zur rechten Stunde kommt: denn ihr glaubt heute 
ungern, wie man mir verrathen hat, an Gott und Götter. 
Vielleicht auch, dass ich in der Freimüthigkeit meiner 
Erzählung weiter gehn muss, als den strengen Gewohn- 
heiten eurer Ohren immer Uebsam ist? Gewisslich gieng 
der genannte Gott bei dergleichen Z^viegesprächen weiter, 
sehr viel weiter, und war immer um viele Schritte mir 
voraus .... Ja ich würde, falls es erlaubt wäre, ihm 
nach Menschenbrauch schöne feierliche Prunk- und 
Tugendnamen beizulegen, viel Rühmens von seinem 
Forscher- und Entdecker -Muthe, von seiner gewagten 
Redlichkeit, Wahrhaftigkeit und Liebe zur Weisheit zu 
machen haben. Aber mit all diesem ehrwürdigen Plunder 
und Prunk weiss ein solcher Gott nichts anzufangen. 
„Behalte dies, würde er sagen, für dich und deines 
Gleichen und wer sonst es nöthig hat! Ich — habe 
keinen Grrund, meine Blosse zu decken!" — Man erräth: 
es fehlt dieser Art von Gottheit und Philosophen viel- 
leicht an Scham? — So sagte er einmal: „unter Um- 
ständen liebe ich den Menschen — und dabei spielte er 
auf Ariadne an, die zugegen war — : der Mensch ist 
mir ein angenehmes tapferes erfinderisches Thier, das 
auf Erden nicht seines Gleichen hat, es findet sich in 
allen Labyrinthen noch zurecht. Ich bin ihm gnt: ich 
denke oft darüber nach, wie ich ihn noch vorwärts 
bringe und ihn stärker, böser und tiefer mache, als er 
ist" — „Stärker, böser und tiefer?" fi-agte ich erschreckt. 
,Ja, sagte er noch Ein Mal, stärker, böser und tiefer; 
auch schöner" — und dazu lächelte der Versucher -Gott 
mit seinem halkyonischen Lächeln, wie als ob er eben 
eine bezaubernde Artigkeit gesagt habe. Man sieht hier 
zugleich: es fehlt dieser Gottheit nicht nur an Scham — ; 
und es giebt überhaupt gute Gründe dafür, zu muth- 

Nietische, Werke Band VU. lg 



— 274 — 

maassen, dass in einigen Stücken die Götter insgesammt 
bei uns Menschen in die Schule gehn könnten. Wir 
Menschen sind — menschlicher . — 

296. 

Ach, was seid ihr doch, ihr meine geschriebenen 
und gemalten Gedanken! Es ist nicht lange her, da 
wart ihr noch so bunt, jung und boshaft, voller Stacheln 
und geheimer Würzen, dass ihr mich niesen und lachen 
machtet — und jetzt? Schon habt ihr eure Neuheit aus- 
gezogen, und einige von euch sind, ich furchte es, bereit, 
zu Wahrheiten zu werden: so unsterblich sehn sie be- 
reits aus, so herzbrechend rechtschaffen, so langweilig! 
Und war es jemals anders? Welche Sachen schreiben 
und malen wir denn ab, wir Mandarinen mit chinesischem 
Pinsel, wir Verewiger der Dinge, welche sich schreiben 
lassen, was vermögen wir denn allein abzumalen? Ach, 
immer nur Das, was eben welk werden will und anfängt, 
sich zu verriechen I Ach, immer nur abziehende und er- 
schöpfte Gewitter und gelbe späte Gefühle! Ach, immer 
nur Vögel, die sich müde flogen und verflogen und sich 
nun mit der Hand haschen lassen, — mit unserer Hand! 
Wir verewigen, was nicht mehr lange leben und fliegen 
kann, müde und mürbe Dinge allein! Und nur euer 
Nachmittag ist es, ihr meine geschriebenen und ge- 
malten Gedanken, für den allein ich Farben habe, viel 
Farben vielleicht, viel bunte Zärtlichkeiten und fünfzig 
Gelbs und Brauns und Grüns und Roths: — aber Nie- 
mand erräth mir daraus, wie ihr in eurem Morgen aus- 
sähet, ihr plötzlichen Funken und Wunder meiner Ein- 
samkeit, ihr meine alten geliebten — — schlimmen 
Gedanken I 



Aus hohen Bergen 



Nachofesanor 



Oh Lebens Mittag! Feierliche Zeit! 

Oh Sommergarten! 
Unruhig Glück im Stehn und Spähn und Warten: — 
Der Freunde harr ich, Tag und Nacht bereit, 
Wo bleibt ihr Freunde? Kommt! 's ist Zeit! 's ist Zeit! 

War's nicht für euch, dass sich des Gletschers Grau 

Heut schmückt mit Rosen? 
Euch sucht der Bach, sehnsüchtig drängen, stossen 
Sich Wind und Wolke höher heut in's Blau, 
Nach euch zu spähn aus fernster Vogel- Schau. 

Im Höchsten ward für euch mein Tisch gedeckt: — 

Wer wohnt den Sternen 
So nahe, wer des Abgrunds grausten Femen? 
Mein Reich — welch Reich hat weiter sich gereckt? 
Und meinen Honig — wer hat ihn geschmeckt? 



— Da seid ihr. Freunde! — Weh, doch ich bin's nicht, 

Zu dem ihr wolltet? 
Ihr zögert, staunt — ach, dass ihr lieber grolltet! 
Ich — bin's nicht mehr? Vertauscht Hand, Schritt, Gesicht? 
Und was ich bin, euch Freunden — bin ich's nicht? 



— 278 — 

Ein Andrer ward ich? Und mir selber fremd? 

Mir selbst entsprungen? 
Ein Ringer, der zu oft sich selbst bezwungen? 
Zu oft sich gegen eigne Kraft gestemmt, 
Durch eignen Sieg verwundet und gehemmt? 

Ich suchte, wo der Wind am schärfsten weht? 

Ich lernte wohnen, 
Wo Niemand wohnt, in öden Eisbär-Zonen, 
Verlernte Mensch und Gott, Fluch und Gebet? 
Ward zum Gespenst, das über Gletscher geht? 

— Ihr alten Freunde! Seht! Nun blickt ihr bleich, 

Voll Lieb und Grausen! 
Nein, geht! Zürnt nicht! Hier — könntet ihr nicht hausen: 
Hier zwischen fernstem Eis- und Felsenreich — 
Hier muss man Jäger sein und gemsengleich. 

Ein schlimmer Jäger ward ich! — Seht, wie steil 

Gespannt mein Bogen! 
Der Stärkste war's, der solchen Zug gezogen — — : 
Doch wehe nun! Gefährlich ist der Pfeil, 
Wie kein Pfeil, — fort von hier! Zu eurem Heil! 

Ihr wendet euch? — Oh Herz, du trugst genung, 

Stark blieb dein Hoffen; 
Halt neuen Freunden deine Thüren offen! 
Die alten lass! Lass die Erinnerung! 
Warst einst du jung, jetzt — bist du besser jung! 

Was je uns knüpfte, Einer Hoffnung Band, — 

Wer liest die Zeichen, 
Die Liebe einst hineinschrieb, noch, die bleichen? 
Dem Pergament vergleich ich's, das die Hand 
Zu fassen scheut, — ihm gleich verbräunt, verbrannt 



— 279 — 

Nicht Freunde mehr, das sind — wie nenn ich's doch? — 

Nur Freunds-Gespenster! 
Das klopft mir wohl noch Nachts an Herz und Fenster, 
Das sieht mich an und spricht: „wir waren 's doch?" — 
— Oh welkes Wort, das einst wie Rosen rochl 

Oh Jugend-Sehnen, das sich missverstand I 

Die ich ersehnte, 
Die ich mir selbst verwandt-verwandelt wähnte, 
Dass alt sie wurden, hat sie weggebannt: 
Nur wer sich wandelt, bleibt mit mir verwandt 

Oh Lebens Mittag! Zweite Jugendzeit! 

Oh Sommergarten! 
Unruhig Glück im Stehn und Spähn und Warten! 
Der Freunde harr' ich, Tag und Nacht bereit, 
Der neuen Freunde! Kommt! 's ist Zeit! 's ist Zeit! 



Dies Lied ist aus, — der Sehnsucht süsser Schrei 

Erstarb im Munde: 
Ein Zaubrer that's, der Freund zur rechten Stunde, 
Der Mittags-Freund — nein! fragt nicht, wer es sei 
Um Mittag war's, da wurde Eins zu Zwei 

Nun feiern wir, vereinten Siegs gevidss, 

Das Fest der Feste: 
Freund Zarathustra kam, der Gast der Gäste! 
Nun lacht die Welt, der grause Vorhang riss. 
Die Hochzeit kam für Licht und Finsterniss ..... 



z 



ur 



Genealogie der Moral 



Eine Streitschrift 



Von 



Friedrich Nietzsche 



Alfred Kröner Verlag in Stuttgart 



Dem letztveröffentlichten „Jenseits von Gut und Böse" 
zur Ergänzung und Verdeutlichung beigegeben 



Übersetzunsfsrecht vorbehalten 



Zur 



Genealoeie der Moral 



INHALT 

Seite 

Vorrede 287 

Erste Abhandlung: 

„Gut und Böse", „Gut und Schlecht" 299 

Zweite Abhandlung: 

„Schuld", „Schlechtes Gewissen" und Verwandtes 34 1 

Dritte Abhandlung: 

Was bedeuten asketische Ideale? 397 



VORREDE. 
1. 

Wir sind uns unbekannt, wir Erkennenden, wir selbst 
uns selbst: das hat seinen guten Grund. Wir haben nie 
nach uns gesucht, — wie sollte es geschehn, dass wir 
eines Tags uns fänden? Mit Recht hat man gesagt: „wo 
euer Schatz ist, da ist auch euer Herz"; unser Schatz 
ist, wo die Bienenkörbe unsrer Erkenntniss stehn. Wir sind 
immer dazu unterwegs, als gebome Flügelthiere und 
Honigsamraler des Geistes, wir kümmern uns von Herzen 
eigentlich nur um Eins — Etwas „heimzubringen". 
Was das Leben sonst, die sogenannten „Erlebnisse" an- 
geht, — wer von uns hat dafür auch nur Ernst genug? 
Oder Zeit genug? Bei solchen Sachen waren wir, 
furchte ich, nie recht „bei der Sache": wir haben eben 
unser Herz nicht dort — und nicht einmal unser Ohrl 
Vielmehr wie ein Göttlich -Zerstreuter und In-sich -Ver- 
senkter, dem die Glocke eben mit aller Macht ihre zwölf 
Schläge des Mittags in's Ohr gedröhnt hat, mit Einem 
Male aufwacht und sich fragt „was hat es da eigentlich 
geschlagen?" so reiben auch wir uns mitunter hinter- 
drein die Ohren und fragen, ganz erstaunt, ganz be- 
treten „was haben wir da eigentlich erlebt? mehr noch: 
wer sind wir eigentlich?" und wählen nach, hinterdrein, 



— 288 — 

wie gesagt, alle die zitternden zwölf Glockenschläge 
unsres Erlebnisses, unsres Lebens, unsres Seins — ach! 
und verzählen uns dabei . . . Wir bleiben uns eben 
noth wendig fremd, wir verstehn uns nicht, wir müssen 
uns verwechseln, für uns heisst der Satz in alle Ewigkeit 
,Jeder ist sich selbst der Fernste", — für ims sind wir 
keine „Erkennenden" . . . 



— Meine Gedanken über die Herkunft unsrer 
moralischen Vorurtheile — denn um sie handelt es sich 
in dieser Streitschrift — haben ihren ersten, sparsamen 
und vorläufigen Ausdruck in jener Aphorismen -Samm- 
lung erhalten, die den Titel trägt „Menschliches, Allzu- 
menschliches. Ein Buch für freie Geister", und deren 
Niederschrift in Sorrent begonnen wurde, während eines 
Winters, welcher es mir erlaubte, Halt zu machen, wie 
ein Wandrer Halt macht, imd das weite imd gefährliche 
Land zu überschauen, durch das mein Geist bis dahin 
gewandert war. Dies geschah im Winter 1876 — 77; die 
Gedanken selbst sind älter. Es waren in der Haupt- 
sache schon die gleichen Gedanken, die ich in den vor- 
liegenden Abhandlungen wieder auftiehme: — hoffen 
wir, dass die lange Zwischenzeit ihnen gut gethan hat, 
dass sie reifer, heller, stärker, vollkommner geworden 
sind! Dass ich aber heute noch an ihnen festhalte, 
dass sie sich selber inzwischen immer fester an einander 
gehalten haben, ja in einander gewachsen und verwach- 
sen sind, das stärkt in mir die frohe Zuversichtlichkeit, 
sie möchten von Anfang an in mir nicht einzeln, nicht 
beliebig, nicht sporadisch entstanden sein, sondern aus 
einer gemeinsamen Wurzel heraus, aus einem in der 



— 289 — 

Tiefe gebietenden, immer bestimmter redenden, immer 
Bestimmteres verlangenden Grund willen der Er- 
kenntniss. So allein nämlich geziemt es sich bei einem 
Philosophen. Wir haben kein Recht darauf, irgend 
worin einzeln zu sein: wir dürfen weder einzeln irren, 
noch einzeln die Wahrheit treffen. Vielmehr mit der 
Nothwendigkeit, mit der ein Baum seine Früchte trägt, 
wachsen aus uns unsre Gedanken, unsre Werthe, unsre 
Ja's und Nein's und Wenn's und Ob's — verwandt und 
bezüglich allesammt unter einander und Zeugnisse Eines 
Willens, Einer Gesundheit, Eines Erdreichs, Einer 
Sonne. — Ob sie euch schmecken, diese unsre 
Früchte? — Aber was geht das die Bäume anl Was 
geht das uns an, uns Philosophen I . . , 



3. 

Bei einer mir eignen Bedenklichkeit, die ich un- 
gern eingestehe — sie bezieht sich nämlich auf die 
Moral, auf Alles, was bisher auf Erden als Moral ge- 
feiert worden ist — , einer Bedenklichkeit, welche in 
meinem Leben so früh, so unaufgefordert, so unauf- 
haltsam, so in Widerspruch gegen Umgebung, Alter, 
Beispiel, Herkunft auftrat, dass ich beinahe das Recht 
hätte, sie mein „A priori*' zu nennen, — musste meine 
Neugierde ebenso wie mein Verdacht bei Zeiten an der 
Frage Halt machen, welchen Ursprung eigentlich 
unser Gut und Böse habe. In der That gieng mir be- 
reits als dreizehnjährigem Knaben das Problem vom 
Ursprung des Bösen nach: ihm widmete ich, in einem 
Alter, wo man Jialb Kinderspiele, halb Gott im Herzen" 
hat, mein erstes litterarisches Kinderspiel, meine erste 
philosophische Schreibübung — und was meine da- 

Nietische, Werke Band VII. I9 



— 290 — 

malige „Lösung" des Problems anbetrifft, nun, so gab 
ich, wie es bülig ist, Gott die Ehre und machte ihn 
zum Vater des Bösen. Wollte es gerade so mein „A 
prwrt" von mir? jenes neue, immoralische, mindestens 
immoraUstische ,jA priori'' und der aus ihm redende ach! 
so anti-Kantische, so räthselhafte „kategorische Impera- 
tiv", dem ich inzwischen immer mehr Gehör und nicht 
nur Gehör geschenkt habe? . . . Glücklicher Weise lernte 
ich bei Zeiten das theologische Vorurtheil von dem mo- 
ralischen abscheiden und suchte nicht mehr den Ur- 
sprung des Bösen hinter der Welt. Etwas historische 
und philologische Schulung, eingerechnet ein angeborner 
wählerischer Sinn in Hinsicht auf psychologische Fragen 
überhaupt, verwandelte in Kürze mein Problem in das 
andre: unter welchen Bedingungen erfand sich der 
Mensch jene Werthurtheile gut und böse? und wel- 
chen Werth haben sie selbst? Hemmten oder för- 
derten sie bisher das menschliche Gedeihen? Sind sie 
ein Zeichen von Nothstand, von Verarmung, von Ent- 
artung des Lebens? Oder umgekehrt, verräth sich in 
ihnen die Fülle, die Kraft, der Wille des Lebens, sein 
Muth, seine Zuversicht, seine Zukunft? — Darauf fand 
und wagte ich bei mir mancherlei Antworten, ich unter- 
schied Zeiten, Völker, Ranggrade der Individuen, ich 
spezialisirte mein Problem, aus den Antworten wurden 
neue Fragen, Forschungen, Vermuthungen, Wahrschein- 
lichkeiten: bis ich endlich ein eignes Land, einen eignen 
Boden hatte, eine ganze verschwiegene wachsende 
blühende Welt, heimliche Gärten gleichsam, von denen 
Niemand Etwas ahnen durfte . . . Oh wie wir glück- 
lich sind, wir Erkennenden, vorausgesetzt dass wir nur 
lange genug zu schweigen wissen 1 . . . 



— 2()1 — 

4. 
Den ersten Anstoss, von meinen Hypothesen über 
den Ursprung der Moral Etwas zu verlautbaren, gab 
mir ein klares, sauberes und kluges, auch altkluges 
Büchlein, in welchem mir eine umgekehrte und perverse 
Axt von genealogischen Hypothesen, ihre eigentlich 
englische Art, zum ersten Male deutlich entgegentrat, 
und das mich anzog — mit jener Anziehungskraft, die 
alles Entgegengesetzte, alles Antipodische hat. Der 
Titel des Büchleins war „der Ursprung der moralischen 
Empfindungen"; sein Verfasser Dr. Paul Ree; das Jahr 
seines Erscheinens 1877. Vielleicht habe ich niemals 
Etwas gelesen, zu dem ich dermaassen, Satz für Satz, 
Schluss für Schluss, bei mir Nein gesagt hätte wie zu 
diesem Buche: doch ganz ohne Verdruss und Ungeduld. 
In dem vorher bezeichneten "Werke, an dem ich damals 
arbeitete, nahm ich gelegentlich und ungelegentlich auf 
die Sätze jenes Buchs Bezug, nicht indem ich sie wider- 
legte — was habe ich mit Widerlegungen zu schaffen 1 
— sondern, wie es einem positiven Geiste zukommt, an 
Stelle des Unwahrscheinlichen das Wahrscheinlichere 
setzend, unter Umständen an Stelle eines Irrthums einen 
andern. Damals brachte ich, wie gesagt, zum ersten 
Male jene Herkunfts-Hypothesen an's Tageslicht, denen 
diese Abhandlungen gewidmet sind, mit Ungeschick, 
wie ich mir selbst am letzten verbergen möchte, noch 
unfrei, noch ohne eine eigne Sprache für diese eignen 
Dinge und mit mancherlei Rückfälligkeit und Schwan- 
kung. Im Einzelnen vergleiche man, was ich Mensch- 
liches, Allzumenschliches S. 68 über die doppelte Vor- 
geschichte von Gut und Böse sage (nämlich aus der 
Sphäre der Vornehmen und der der Sklaven); insgleichen 

S. 141 ff. über Werth und Herkunft der asketischen 

19^ 



— 2^2 — 

Moral; insgleichen S. 78. 82. II, 35 über die „Sittlichkeit 
der Sitte", jene viel ältere und ursprünglichere Art Moral, 
welche foto coelo von der altruistischen Werthungs- 
weise abliegt (in der Dr. Ree, gleich allen englischen 
Moralgenealogen, die moralische Werthungsweise an 
sich sieht); insgleichen S. 74. Wanderer S. 29. Morgen- 
röthe S. 99 über die Herkunft der Gerechtigkeit als 
eines Ausgleichs zwischen ungefähr Gleich -Mächtigen 
(Gleichgewicht als Voraussetzung aller Verträge, folglich 
alles Rechts); insgleichen über die Herkunft der Strafe 
Wanderer S. 25. 34,, für die der terroristische Zweck 
weder essentiell, noch ursprünglich ist (wie Dr. Ree 
meint: — er ist ihr vielmehr erst eingelegt, unter 
bestimmten Umständen, und immer als ein Nebenbei, 
als etwas Hinzukommendes). 



5. 
Im Grunde lag mir gerade damals etwas viel Wich- 
tigeres am Herzen als eignes oder fremdes Hypothesen- 
wesen über den Ursprung der Moral (oder, genauer: 
letzteres allein um eines Zweckes willen, zu dem es 
eins unter vielen Mitteln ist). Es handelte sich für 
mich um den Werth der Moral, — und darüber 
hatte ich mich fast allein mit meinem grossen Lehrer 
Schopenhauer auseinanderzusetzen, an den wie an einen 
Gegenwärtigen jenes Buch, die Leidenschaft und der 
geheime Widerspruch jenes Buchs sich wendet ( — denn 
auch jenes Buch war eine „Streitschrift"). Es handelte 
sich in Sonderheit um den Werth des „Unegoistischen", 
der Mitleids-, Selbstverleugnungs-, Selbstopferungs- In- 
stinkte, welche gerade Schopenhauer so lange vergoldet, 
vergöttlicht und verjenseitigt hatte, bis sie ihm schliess- 



— 293 — 

lieh als die „Werthe an sich" übrig blieben, auf Grund 
deren er zum Leben, auch zu sich selbst, Nein sagte. 
Aber gerade gegen diese Instinkte redete aus mir ein 
immer grundsätzlicherer Argwohn, eine immer tiefer 
grabende Skepsis! Gerade hier sah ich die grosse Gefahr 
der Menschheit, ihre sublimste Lockung und Verführung 
— wohin doch? in's Nichts? — gerade hier sah ich den 
Anfang vom Ende, das Stehenbleiben, die zurückblickende 
Müdigkeit, den Willen gegen das Leben sich wendend, 
die letzte Krankheit sich zärtlich und schwermüthig an- 
kündigend: ich verstand die immer mehr um sich 
greifende Mitleids-Moral, welche selbst die Philosophen 
ergriff und krank machte, als das unheimlichste Symptom 
unsrer unheimlich gewordnen europäischen Cultur, als 
ihren Umweg zu einem neuen Buddhismus? zu einem 
Europäer-Buddhismus? zum — Nihilismus? . . . Diese 
moderne Philosophen-Bevorzugung und Überschätzung 
des Mitleidens ist nämlich etwas Neues: gerade über 
den Unwerth des Mitleidens waren bisher die Philo- 
sophen übereingekommen. Ich nenne nur Plato, Spinoza, 
La Rochefoucauld und Kant, vier Geister so verschieden 
von einander als möglich, aber in Einem Eins: in der 
Geringschätzung des Mitleidens. — 



6. 
Dies Problem vom Werthe des Mitleids und der 
Mitleids-Moral ( — ich bin ein Gegner der schändlichen 
modernen Gefiihlsverweichlichung — ) scheint zunächst 
nur etwas Vereinzeltes, ein Fragezeichen für sich; wer 
aber einmal hier hängen bleibt, hier fragen lernt, dem 
wird es gehn, wie es mir ergangen ist: — eine unge- 
heure neue Aussicht thut sich ihm auf, eine Möglich- 



— 294 — 

keit fasst ihn wie ein Schwindel, jede Art Misstrauen, 
Argwohn, Furcht springt hervor, der Glaube an die 
Moral, an alle Moral wankt, — endlich wird eine neue 
Forderung laut. Sprechen wir sie aus , diese neue 
Forderung: wir haben eine Kritik der moralischen 
Werthe nöthig, der Werth dieser Werthe ist selbst 
erst einmal in Frage zu stellen — und dazu thut 
eine Kenntniss der Bedingungen und Umstände noth, 
aus denen sie gewachsen, unter denen sie sich ent- 
wickelt imd verschoben haben (Moral als Folge, als 
Symptom, als Maske, als Tartüiferie, als Krankheit, 
als Missverständniss; aber auch Moral als Ursache, als 
Heilmittel, als Stimulans, als Hemmung, als Gift), wie 
eine solche Kenntniss weder bis jetzt da war, noch 
auch nur begehrt worden ist. Man nahm den Werth 
dieser „Werthe" als gegeben, als thatsächlich, als jen- 
seits aller In-Frage-Stellung; man hat bisher auch nicht 
im Entferntesten daran gezweifelt und geschwankt, „den 
Guten" für höherwerthig als „den Bösen" anzusetzen, 
höherwerthig im Sinne der Förderung, Nützlichkeit, Ge- 
deihlichkeit in Hinsicht auf den Menschen überhaupt 
(die Zukunft des Menschen eingerechnet). Wie? wenn 
das Umgekehrte die Wahrheit wäre? Wie? wenn im 
„Guten" auch ein Rückgangssymptom läge, insgleichen 
eine Gefahr, eine Verführung, ein Gift, ein Narcoticum, 
durch das etwa die Gegenwart auf Kosten der Zu- 
kunft lebte? Vielleicht behaglicher, ungefährlicher, 
aber auch in kleinerem Stile, niedriger? ... So dass 
gerade die Moral daran Schuld wäre, wenn eine an 
sich mögliche höchste Mächtigkeit und Pracht 
des Typus Mensch niemals erreicht würde? So dass 
gerade die Moral die Gefahr der Gefahren wäre? . . . 



— 295 — 

7. 
Genug, dass ich selbst, seitdem mir dieser Ausblick 
sich öffnete, Gründe hatte, mich nach gelehrten, kühnen 
und arbeitsamen Genossen umzusehn (ich thue es heute 
noch). Es gilt, das ungeheure, ferne und so versteckte 
Land der Moral — der wirklich dagewesenen, wirklich 
gelebten Moral — mit lauter neuen Fragen und gleich- 
sam mit neuen Augen zu bereisen: und heisst dies nicht 
beinahe so viel als dieses Land erst entdecken? . . . 
Wenn ich dabei, unter Anderen, auch an den genannten 
Dr. Ree dachte, so geschah es, weil ich gar nicht 
zweifelte, dass er von der Natur seiner Fragen selbst 
auf eine richtigere Methodik, um zu Antworten zu ge- 
langen, gedrängt werden würde. Habe ich mich darin 
betrogen? Mein Wunsch war es jedenfalls, einem so 
scharfen und unbetheiligten Auge eine bessere Richtung, 
die Richtung zur wirklichen Historie der Moral zu 
geben und ihn vor solchem englischen Hypothesenwesen 
in 's Blaue noch zur rechten Zeit zu warnen. Es liegt 
ja auf der Hand, welche Farbe für einen Moral-Genea- 
logen hundert Mal wichtiger sein muss als gerade das 
Blaue: nämlich das Graue, wül sagen, das Urkundliche, 
das Wirklich -Feststellbare, das Wirklich -Dagewesene, 
kurz die ganze lange, schwer zu entziffernde Hiero- 
glyphenschrift der menschlichen Moral -Vergangenheit I 
— Diese war dem Dr. Ree unbekannt; aber er hatte 
Darwin gelesen: — und so reichen sich in seinen Hypo- 
thesen auf eine Weise, die zum Mindesten unterhaltend 
ist, die Darwin'sche Bestie und der allermodemste be- 
scheidene Moral-Zärtling, der „nicht mehr beisst", artig 
die Hand, letzterer mit dem Ausdruck einer gewissen 
gntmüthigen und feinen Indolenz im Gesicht, in die selbst 
ein Grran von Pessimismus, von Ermüdung eingemischt 



— 29Ö — 

ist: als ob es sich eigentlich gar nicht lohne, alle diese 
Dinge — die Probleme der Moral — so ernst zu nehmen. 
Mir nun scheint es umgekehrt gar keine Dinge zu geben, 
die es mehr lohnten, dass man sie ernst nimmt; zu 
welchem Lohne es zum Beispiel gehört, dass man eines 
Tags vielleicht die Erlaubniss erhält, sie heiter zu 
nehmen. Die Heiterkeit nämlich oder, um es in meiner 
Sprache zu sagen, die fröhliche Wissenschaft — 
ist ein Lohn: ein Lohn für einen langen, tapferen, ar- 
beitsamen und unterirdischen Ernst, der freilich nicht 
Jedermanns Sache ist An dem Tage aber, wo wir aus 
vollem Herzen sagen: „vorwärts! auch unsre alte 
Moral gehört in die Komödie!" haben wir für das 
dionysische Drama vom „Schicksal der Seele" eine 
neue Verwicklung und Möglichkeit entdeckt — und 
er wird sie sich schon zu Nutze machen, darauf darf 
man wetten, er, der grosse alte ewige Komödiendichter 
unsres Daseins! . . . 

8. 

— Wenn diese Schrift irgend Jemandem unver- 
ständlich ist und schlecht zu Ohren geht, so liegt die 
Schuld, wie mich dünkt, nicht nothwendig an mir. Sie 
ist deutlich genug, vorausgesetzt, was ich voraussetze, 
dass man zuerst meine fiüheren Schriften gelesen und 
einige Mühe dabei nicht gespart hat: diese sind in der 
That nicht leicht zugänglich. Was zum Beispiel meinen 
„Zarathustra" anbetrifft, so lasse ich Niemanden als 
dessen Kenner gelten, den nicht jedes seiner Worte 
irgendwann einmal tief verwundet und irgendwann 
einmal tief entzückt hat: erst dann nämlich darf er des 
Vorrechts gemessen, an dem halkyonischen Element, 
aus dem jenes Werk geboren ist, an seiner sonnigen 



— 297 — 

Helle, Feme, Weite und Gewissheit ehrfürchtig Antheil 
zu haben. In andern Fällen macht die aphoristische 
Form Schwierigkeit: sie liegt darin, dass man diese 
Form heute nicht schwer genug nimmt. Ein Apho- 
rismus, rechtschaffen geprägt und ausgegossen, ist da- 
mit, dass er abgelesen ist, noch nicht „entziffert"; viel- 
mehr hat nun erst dessen Auslegung zu beginnen, 
zu der es einer Kunst der Auslegung bedarf. Ich habe 
in der dritten Abhandlung dieses Buchs ein Muster von 
dem dargeboteil, was ich in einem solchen Falle „Aus- 
legung" nenne: — dieser Abhandlung ist ein Aphoris- 
mus vorangestellt, sie selbst ist dessen Commentar. 
Freilich thut, um dergestalt das Lesen als Kunst zu 
üben, Eins vor AUem noth, was heutzutage gerade am 
besten verlernt worden ist — und darum hat es noch 
Zeit bis zur „Lesbarkeit" meiner Schriften — , zu dem 
man beinahe Kuh und jedenfalls nicht „modemer 
Mensch" sein muss: das Wiederkäuen . . , 

Sils-Maria, Oberengadin, 

im Juli 1887. 



Erste Abhandlung: 



„Gut und Böse", „Gut und Schlecht" 



I. 

— Diese englischen Psychologen, denen man bisher 
auch die einzigen Versuche zu danken hat, es zu einer 
Entstehungsgeschichte der Moral zu bringen, — sie 
geben uns mit sich selbst kein kleines Räthsel auf; sie 
haben sogar, dass ich es gestehe, eben damit, als leib- 
haftige Räthsel, etwas Wesentliches vor ihren Büchern 
voraus — sie selbst sind interessant! Diese eng- 
lischen Psychologen — was wollen sie eigentlich? Man 
findet sie, sei es nun freiwillig oder unfreiwillig, immer 
am gleichen Werke, nämlich die Partie honteuse unsrer 
inneren Welt in den Vordergrund zu drängen und ge- 
rade dort das eigentlich Wirksame, Leitende, für die 
Entwicklung Entscheidende zu suchen, wo der intellek- 
tuelle Stolz des Menschen es am letzten zu finden 
wünschte (zum Beispiel in der vis inertiae der Ge- 
wohnheit oder in der Vergesslichkeit oder in einer blin- 
den und zufälligen Ideen -Verhäkelung und -Mechanik 
oder in irgend etwas Rein -Passivem, Automatischem, 
Reflexmässigem, Molekularem und Gründlich-Stupidem) 
— was treibt diese Psychologen eigentlich immer ge- 
rade in diese Richtung? Ist es ein heimlicher hä- 
mischer gemeiner, seiner selbst vielleicht uneingeständ- 
licher Instinkt der Verkleinerung des Menschen? Oder 



— 302 — 

etwa ein pessimistischer Argwohn, das Misstrauen von 
enttäuschten, verdüsterten, giftig und grün gewordenen 
Idealisten? Oder eine kleine unterirdische Feindschaft 
und Rancune gegen das Christenthum (und Plato), die 
vielleicht nicht einmal über die Schwelle des Bewusst- 
seins gelangt ist? Oder gar ein lüsterner Geschmack 
am Befremdlichen, am Schmerzhaft-Paradoxen, am Frag- 
würdigen und Unsinnigen des Daseins? Oder endlich 
— von Allem Etwas, ein wenig Gemeinheit, ein wenig 
Verdüsterung, ein wenig Antichristlichkeit, ein wenig 
Kitzel und Bedürfniss nach Pfeffer? . . . Aber man sagt 
mir, dass es einfach alte kalte langweilige Frösche 
seien, die am Menschen herum, in den Menschen liinein 
kriechen und hüpfen, wie als ob sie da so recht in 
ihrem Elemente wären, nämlich in einem Sumpfe. 
Ich höre das mit Widerstand, mehr noch, ich glaube 
nicht daran; und wenn man wünschen darf, wo man 
nicht wissen kann, so wünsche ich von Herzen, dass es 
umgekehrt mit ihnen stehen möge, — dass diese For- 
scher und Mikroskopiker der Seele im Grunde tapfere, 
gTossmüthige und stolze Thiere seien, welche ihr Herz 
wie ihren Schmerz im Zaum zu halten wissen und sich 
dazu erzogen haben, der Wahrheit alle Wünschbarkeit 
zu opfern, jeder Wahrheit, sogar der schlichten, her- 
ben, hässlichen, widrigen, unchristlichen, unmoralischen 
Wahrheit . . . Denn es giebt solche Wahrheiten. — 



2. 

Alle Achtung also vor den guten Geistern, die in 
diesen Historikern der Moral walten mögen 1 Aber 
gewiss ist leider, dass ihnen der historische Geist 
selber abgeht, dass sie gerade von allen guten Geistern 



— 303 — 

der Historie selbst im Stich gelassen worden sind! Sie 
denken allesammt, wie es nun einmal alter Philosophen- 
Brauch ist, wesentlich unhistorisch: daran ist kein 
Zweifel. Die Stümperei ihrer ]\Ioral-Genealogie kommt 
gleich am Anfang zu Tage, da, wo es sich darum han- 
delt, die Herkunft des Begriffs und Urtheils „gut" zu 
ermitteln. „Man hat ursprünglich — so dekretieren 
sie — unegoistische Handlungen von Seiten Derer ge- 
lobt und gut genannt, denen sie erwiesen wurden, 
also denen sie nützlich waren; später hat man diesen 
Ursprung des Lobes vergessen und die unegoisti- 
schen Handlungen einfach, weil sie gewohnheits- 
mässig immer als gut gelobt wurden, auch als gnt 
empfunden, — wie als ob sie an sich etwas Gutes wä- 
ren." Man sieht sofort: diese erste Ableitung enthält 
bereits alle typischen Züge der englischen Psychologen- 
Idiosynkrasie, — wir haben „die Nützlichkeit", „das 
Vergessen", „die Gewohnheit" und am Schluss „den 
Irrthum", Alles als Unterlage einer Werthschätzung, 
auf welche der höhere Mensch bisher wie auf eine Art 
Vorrecht des Menschen überhaupt stolz gewesen ist. 
Dieser Stolz soll gedemüthigt, diese Werthschätzung 
entwerthet werden: ist das erreicht? . . . Nun liegt für 
mich erstens auf der Hand, dass von dieser Theorie 
der eigentliche Entstehungsherd des Begriffs „gut" 
an falscher Stelle gesucht und angesetzt wird: das Ur- 
theil „gut" rührt nicht von Denen her, welchen „Güte" 
erwiesen wird! Vielmehr sind es „die Guten" selber 
gewesen, das heisst die Vornehmen, Mächtigen, Höher- 
gestellten und Hochgesinnten, welche sich selbst und 
ihr Thun als gut, nämlich als ersten Ranges empfanden 
und ansetzten, im Gegensatz zu allem Niedrigen, Niedrig- 
Gesinnten, Gemeinen und Pöbelhaften. Aus diesem Pa- 



thos der Distanz heraus haben sie sich das Recht, 
Werthe zu schaffen, Namen der Werthe auszuprägen, 
erst genommen: was gieng sie die Nützlichkeit an! Der 
Gesichtspunkt der Nützlichkeit ist gerade in Bezug 
auf ein solches heisses Herausquellen oberster rang- 
ordnender, rang-abhebender Werthurtheile so fremd und 
unangemessen wie möglich: hier ist eben das Gefühl 
bei einem Gegensatze jenes niedrigen Wärmegrades 
angelangt, den jede berechnende Klugheit, jeder Nütz- 
lichkeits-Calcul voraussetzt, — und nicht für einmal, 
nicht für eine Stunde der Ausnahme, sondern für die 
Dauer. Das Pathos der Vornehmheit und Distanz, wie 
gesagt, das dauernde und dominirende Gesammt- und 
Grundgefühl einer höheren herrschenden Art im Ver- 
hältniss zu einer niederen Art, zu einem „Unten" — 
das ist der Ursprung des Gegensatzes „gut" und 
„schlecht". (Das Herrenrecht, Namen zu geben, geht 
so weit, dass man sich erlauben sollte, den Ursprung 
der Sprache selbst als Machtäusserung der Herrschen- 
den zu fassen: sie sagen „das ist das und das", sie 
siegeln jegliches Ding und Geschehen mit einem Laute 
ab und nehmen es dadurch gleichsam in Besitz.) Es 
liegt an diesem Ursprünge, dass das Wort „gut" sich 
von vornherein durchaus nicht nothwendig an „un- 
egoistische" Handlungen anknüpft: wie es der Aber- 
glaube jener Moralgenealogen ist. Vielmehr geschieht es 
erst bei einem Niedergange aristokratischer Werth- 
urtheile, dass sich dieser ganze Gegensatz „egoistisch" 
„unegoistisch" dem menschlichen Gewissen mehr und 
mehr aufdrängt, — es ist, um mich meiner Sprache zu 
bedienen, der Heerdenin stinkt, der mit ihm endlich 
zu Worte (auch zu Worten) kommt. Und auch dann 
dauert es noch lange, bis dieser Instinkt in dem Maasse 



— 305 — 

Herr wird, dass die moralische Werthschätzung bei 
jenem Gegensatze geradezu hängen und stecken bleibt 
(wie dies zum Beispiel im gegenwärtigen Europa der 
Fall ist: heute herrscht das Vorurtheil, welches „mora- 
lisch", „unegoistisch", ^^disintiressi"' als gleichwerthige 
Begriffe nimmt, bereits mit der Gewalt einer „fixen Idee" 
xmd Kopfkrankheit). 



Zweitens aber: ganz abgesehn von der historischen 
Unhaltbarkeit jener Hypothese über die Herkunft des 
Werthurtheils „gut", krankt sie an einem psychologi- 
schen Widersinn in sich selbst. Die Nützlichkeit der 
unegoistischen Handlung soll der Ursprung ihres 
Lobes sein, und dieser Ursprung soll vergessen 
worden sein: — wie ist dies Vergessen auch nur mög- 
lich? Hat vielleicht die Nützlichkeit solcher Hand- 
lungen irgend wann einmal aufgehört? Das Gegen- 
theil ist der Fall: diese Nützlichkeit ist vielmehr die 
Alltagserfahrung zu allen Zeiten gewesen, Etwas also, 
das fortwährend immer neu unterstrichen wurde; folg- 
lich, statt aus dem Bewusstsein zu verschwinden, statt 
vergessbar zu werden, sich dem Bewusstsein mit immer 
grösserer Deutlichkeit eindrücken musste. Um wie viel 
vernünftiger ist jene entgegengesetzte Theorie (sie ist 
deshalb nicht wahrer — ), welche zum Beispiel von 
Herbert Spencer vertreten wird: der den Begriff „gfut" 
als wesensgleich mit dem Begriff „nützlich", „zweck- 
mässig" ansetzt; so dass in den Urtheilen „gut" und 
„schlecht" die Menschheit gerade ihre unvergessnen 
und unvergessbaren Erfahrungen über nützlich- 
zweckmässig, über schädlich - unzweckmässig aufsummirt 

Nietische, Werke Band VII. 20 



— 3o6 — 

und sanktionirt habe. Gut ist, nach dieser Theorie, 
was sich von jeher als nützlich bewiesen hat: damit 
darf es als „werthvoU im höchsten Grade", als „werth- 
voll an sich" Geltung behaupten. Auch dieser "Weg 
der Erklärung ist, wie gesagt, falsch, aber wenigstens 
ist die Erklärung selbst in sich vernünftig und psycho- 
logisch haltbar. — 

4. 
— Den Fingerzeig zum rechten Wege gab mir 
die Frage, was eigentlich die von den verschiednen 
Sprachen ausgeprägten Bezeichnungen des „Guten" in 
et)miologischer Hinsicht zu bedeuten haben: da fand 
ich, dass sie allesammt auf die gleiche Begriffs- 
Verwandlung zurückleiten, — dass überall „vornehm", 
„edel" im ständischen Sinne der Grundbegriff ist, aus 
dem sich „gut" im Sinne von „seelisch -vornehm", 
„edel" von „seelisch -hochgeartet", „ seelisch -privilegirt" 
mit Nothwendigkeit heraus entwickelt: eine Entwick- 
lung, die immer parallel mit jener anderen läuft, welche 
„gemein", „pöbelhaft", „niedrig" schliesslich in den 
Begriff „schlecht" übergehn macht. Das beredteste 
Beispiel für das Letztere ist das deutsche Wort „schlecht" 
selber: als welches mit „schlicht" identisch ist — ver- 
gleiche „schlechtweg", „schlechterdings" — und ur- 
sprünglich den schlichten, den gemeinen Mann, noch 
ohne einen verdächtigenden Seitenblick, einfach im Ge- 
gensatz zum Vornehmen bezeichnete. Um die Zeit des 
dreissigj ährigen Kriegs ungefähr, also spät genug, ver- 
schiebt sich dieser Sinn in den jetzt gebräuchlichen. — 
Dies scheint mir in Betreff der Moral-Genealogie eine 
wesentliche Einsicht; dass sie so spät erst gefunden 
wird. Hegt an dem hemmenden Einfluss, den das demo- 



— 307 — 

kratische Vorurtheil innerhalb der modernen Welt in 
Hinsicht auf alle Fragen der Herkunft ausübt. Und 
dies bis in das anscheinend objektivste Gebiet der Natur- 
wissenschaft und Physiologie hinein, wie hier nur an- 
gedeutet werden soll. Welchen Unfug aber dieses Vor- 
urtheil, einmal bis zum Hass entzügelt, in Sonderheit 
für Moral und Historie anrichten kann, zeigt der be- 
rüchtigte Fall Buckle's; der Plebejismus des mo- 
dernen Geistes, der englischer Abkunft ist, brach da 
einmal wieder auf seinem heimischen Boden heraus, 
heftig wie ein schlammichter Vulkan und mit jener ver- 
salzten überlauten gemeinen Beredtsamkeit, mit der bisher 
alle Vulkane geredet haben. — 



5. 

In Hinsicht auf unser Problem, das aus guten 
Gründen ein stilles Problem genannt werden kann 
und sich wählerisch nur an wenige Ohren wendet, ist 
es von keinem kleinen Interesse, festzustellen, dass viel- 
fach noch in jenen Worten und Wurzeln, die „gut" 
bezeichnen, die Hauptnuance durchschimmert, auf welche 
hin die Vornehmen sich eben als Menschen höheren 
Ranges fühlten. Zwar benennen sie sich vielleicht in 
den häufigsten Fällen einfach nach ihrer Überlegenheit 
an Macht (als „die Mächtigen", „die Herren", „die Ge- 
bietenden") oder nach dem sichtbarsten Abzeichen die- 
ser Überlegenheit, zum Beispiel als „die Reichen", „die 
Besitzenden" (das ist der Sinn von arya; und entspre- 
chend im Eranischen und Slavischen). Aber auch nach 
einem typischen Charakterzuge: und dies ist der 
Fall, der uns hier angeht. Sie heissen sich zum Bei- 
spiel „die Wahrhaftigen": voran der griechische Adel, 

ao* 



— 3o8 - 

dessen Mundstück der Megarische Dichter Theognis 
ist Das dafür ausgeprägte Wort ia&Xog bedeutet der 
Wurzel nach Einen, der ist, der Realität hat, der wirk- 
lich ist, der wahr ist; dann, mit einer subjektiven 
Wendung, den Wahren als den Wahrhaftigen: in dieser 
Phase der Begriffs -Verwandlung wird es zum Schlag- 
und Stichwort des Adels und geht ganz und gar in 
den Sinn „adelig" über, zur Abgrenzung vom lügen- 
haften gemeinen Manne, so wie Theognis ihn nimmt 
und schildert, — bis endlich das Wort, nach dem Nieder- 
gange des Adels, zur Bezeichnung der seelischen no- 
blesse übrig bleibt und gleichsam reif und süss wird. 
Im Worte xcxoj wie in ötilog (der Plebejer im Gegen- 
satz zum aya&og) ist die Feigheit unterstrichen: dies 
giebt vielleicht einen Wink, in welcher Richtung man 
die etymologische Herkunft des mehrfach deutbaren 
uya^og ZU suchen hat Im lateinischen malus (dem ich 
jnfAa? zur Seite stelle) könnte der gemeine Mann als 
der Dunkelfarbige, vor allem als der Schwarzhaarige 
{„hie niger est") gekennzeichnet sein, als der vorari- 
sche Insasse des italischen Bodens, der sich von der 
herrschend gewordnen blonden, nämlich arischen Er- 
oberer-Rasse durch die Farbe am deutlichsten abhob; 
wenigstens bot mir das Gälische den genau entsprechen- 
den Fall, — ßn (zum Beispiel im Namen Fm-Gal), das 
abzeichnende Wort des Adels, zuletzt der Gute, Edle, 
Reine, ursprünglich der Blondkopf, im Gegensatz zu 
den dunklen schwarzhaarigen Ureinwohnern. Die Kel- 
ten, beiläufig gesagt, waren durchaus eine blonde 
Rasse; man thut Unrecht, wenn man jene Streifen einer 
wesentlich dunkelhaarigen Bevölkerung, die sich aut 
sorgfältigeren ethnographischen Karten Deutschlands 
bemerkbar machen, mit irgend welcher keltischen Her- 



— 309 — 

kunft und Blutmischung in Zusammenhang bringt, wie 
dies noch Virchow thut: vielmehr schlägt an diesen 
Stellen die vorarische Bevölkerung Deutschlands 
vor. (Das Gleiche gilt beinahe für ganz Europa: im 
Wesentlichen hat die unterworfne Rasse schliesslich 
daselbst wieder die Oberhand bekommen, in Farbe, 
Kürze des Schädels, vielleicht sogar in den intellek- 
tuellen und socialen Instinkten: wer steht uns dafür, 
ob nicht die moderne Demokratie, der noch modernere 
Anarchismus und namentlich jener Hang zur „Commune", 
zur primitivsten Gesellschafts -Form, der allen Socia- 
listen Europa's jetzt gemeinsam ist, in der Hauptsache 
einen ungeheuren Nachschlag zu bedeuten hat — 
und dass die Eroberer- und Herren-Rasse, die der 
Arier, auch physiologisch im Unterliegen ist? . . .)' Das 
lateinische bonus glaube ich als „den Krieger" auslegen 
zu dürfen: vorausgesetzt, dass ich mit Recht bonus auf 
ein älteres duonus zurückführe (vergleiche bellum = 
duellum = duen-lum, worin mir jenes duonus erhalten 
scheint). Bonus somit als Mann des Zwistes, der Ent- 
zweiung {duö), als Kriegsmann: man sieht, was im alten 
Rom an einem Manne seine „Güte" ausmachte. Unser 
deutsches „Gut" selbst: sollte es nicht „den Göttlichen", 
den Mann götthchen Geschlechts bedeuten? Und mit 
dem Volks- (ursprünglich Adels-) Namen der Gothen 
identisch sein? Die Gründe zu dieser Vermuthung ge- 
hören nicht hierher. — 

6. 

Von dieser Regel, dass der politische Vorrangs- 
BegrifF sich immer in einen seelischen Vorrangs-BegrifiF 
auslöst, macht es zunächst noch keine Ausnahme (ob- 
gleich es Anlass zu Ausnahmen giebt), wenn die höchste 



— 3IO — 

Kaste zugleich die priesterliche Kaste ist und folg- 
lich zu ihrer Gesammt - Bezeichnung ein Prädikat be- 
vorzugt, das an ihre priesterliche Funktion erinnert 
Da tritt zum Beispiel „rein" und „unrein" sich zum 
ersten Male als Ständeabzeichen gegenüber; und auch 
hier kommt später ein „gut" und ein „schlecht" in 
einem nicht mehr ständischen Sinne zur Entwicklung. 
Im Übrigen sei man davor gewarnt, diese Begriffe 
„rein" und „unrein" nicht von vornherein zu schwer, 
zu weit oder gar symbolisch zu nehmen; alle Begriffe 
der älteren Menschheit sind vielmehr anfanglich in 
einem uns kaum ausdenkbaren Maasse gfrob, plump, 
äusserlich, eng, geradezu und insbesondre un sym- 
bolisch verstanden worden. Der „Reine" ist von 
Anfang an bloss ein Mensch, der sich wäscht, der sich 
gewisse Speisen verbietet, die Hautkrankheiten nach 
sich ziehn, der nicht mit den schmutzigen Weibern des 
niederen Volkes schläft, der einen Abscheu vor Blut 
hat, — nicht mehr, nicht viel mehrl Andrerseits erhellt 
es freilich aus der ganzen Art einer wesentlich priester- 
lichen Aristokratie, warum hier gerade frühzeitig sich die 
Werthungs-Gegensätze auf eine gefährliche Weise ver- 
innerlichen und verschärfen konnten; imd in der That 
sind durch sie schliesslich Klüfte zwischen Mensch und 
Mensch aufgerissen worden, über die selbst ein Achill 
der Freigeisterei nicht ohne Schauder hinwegsetzen 
wird. Es ist von Anfang an etwas Ungesundes in 
solchen priesterlichen Aristokratien und in den daselbst 
herrschenden, dem Handeln abgewendeten, theils brü- 
tenden, theils gefuhls - explosiven Gewohnheiten, als 
deren Folge jene den Priestern aller Zeiten fast unver- 
meidlich anhaftende intestinale Krankhaftigkeit und 
Neurasthenie erscheint; was aber von ihnen selbst 



— 311 — 

gegen diese ihre Krankhaftigkeit als Heilmittel erfun- 
den worden ist, — muss man nicht sagen, dass es sich 
zuletzt in seinen Nachwirkungen noch hundert Mal ge- 
fährlicher erwiesen hat als die Krankheit, von der es 
erlösen sollte? Die Menschheit selbst krankt noch an 
den Nachwirkungen dieser priesterlichen Kur -Naive- 
täten! Denken wir zum Beispiel an gewisse Diätformen 
(Vermeidung des Fleisches), an das Fasten, an die ge- 
schlechtliche Enthaltsamkeit, an die Flucht „in die 
Wüste" (Weir Mitchell'sche Isolirung, freilich ohne die 
darauf folgende Mastkur und Überernährung, in der das 
wirksamste Gegenmittel gegen alle Hysterie des aske- 
tischen Ideals besteht): hinzugerechnet die ganze sinnen- 
feindliche, faul- und raffinirtmachende Metaphysik der 
Priester, ihre Selbst -Hypnotisirung nach Art des Fakirs 
und Brahmanen — Brahman als gläserner Knopf und 
fixe Idee benutzt — und das schliessliche, nur zu be- 
greifliche, allgemeine Satthaben mit seiner Radikalkur, 
dem Nichts (oder Gott: — das Verlangen nach einer 
unto mystica mit Gott ist das Verlangen des Bud- 
dhisten in's Nichts, Nirväna — und nicht mehr!) Bei 
den Priestern wird eben Alles gefährlicher, nicht nur 
Kurmittel und Heilkünste, sondern auch Hochmuth, 
Rache, Scharfsinn, Ausschweifung, Liebe, Herrschsucht, 
Tugend, Krankheit; — mit einiger Billigkeit Hesse sich 
allerdings auch hinzufügen, dass erst auf dem Boden 
dieser wesentlich gefährlichen Daseinsform des 
Menschen, der priesterlichen, der Mensch überhaupt 
ein interessantes Thier geworden ist, dass erst 
hier die menschliche Seele in einem höheren Sinne 
Tiefe bekommen hat und böse geworden ist — und 
das sind ja die beiden Grundformen der bisherigen Über- 
legenheit des Menschen über sonstiges Gethier! . . . 



— 312 — 

— Man wird bereits errathen haben, wie leicht sich 
die priesterliche Werthungs -Weise von der ritterlich- 
aristokratischen abzweigen und dann zu deren Gegen- 
satze fortentwickeln kann; wozu es in Sonderheit jedes 
Mal einen Anstoss giebt, wenn die Priesterkaste und 
die Elriegerkaste einander eifersüchtig entgegentreten 
und über den Preis mit einander nicht einig werden 
wollen. Die ritterlich - aristokratischen Werthurtheile 
haben zu ihrer Voraussetzung eine mächtige Leiblich- 
keit, eine blühende, reiche, selbst überschäumende Ge- 
sundheit, sammt dem, was deren Erhaltung bedingt, 
Krieg, Abenteuer, Jagd, Tanz, Kampfspiele und Alles 
überhaupt, was starkes freies frohgemuthes Handeln 
in sich schliesst Die priesterlich-vomehme Werthungs- 
Weise hat — wir sahen es — andre Voraussetzungen: 
schlimm genug für sie, wenn es sich um Krieg han- 
delt! Die Priester sind, wie bekannt, die bösesten 
Feinde — weshalb doch? Weil sie die ohnmächtig- 
sten sind. Aus der Ohnmacht wächst bei ihnen der 
Hass in's Ungeheure und Unheimliche, in's Geistigste 
und Giftigste. Die ganz grossen Hasser in der Welt- 
geschichte sind immer Priester gewesen, auch die geist- 
reichsten Hasser: — gegen den Geist der priesterlichen 
Rache kommt überhaupt aller übrige Geist kaum in 
Betracht Die menschliche Geschichte wäre eine gar 
zu dumme Sache ohne den Geist, der von den Ohn- 
mächtigen her in sie gekommen ist: — nehmen wir 
sofort das grösste Beispiel Alles, was auf Erden gegen 
„die Vornehmen", „die Gewaltigen", „die Herren", „die 
Machthaber" gethan worden ist, ist nicht der Rede 
werth im Vergleich mit dem, was die Juden gegen 
sie gethan haben: die Juden, jenes priesterliche Volk, 



— 313 — 

das sich an seinen Feinden und Überwäl tigern zuletzt 
nur durch eine radikale Umwerthung von deren Wer- 
then, also durch einen Akt der geistigsten Rache 
Genugthuung zu schaffen wusste. So allein war es 
eben einem priesterlichen Volke gemäss, dem Volke 
der zurückgetretensten priesterlichen Rachsucht. Die 
Juden sind es gewesen, die gegen die aristokratische 
Werthgleichung (gut = vornehm = mächtig = schön 
= glücklich = gottgeliebt) mit einer furchteinflössen den 
Folgerichtigkeit die Umkehrung gewagt und mit den 
Zähnen des abgründlichsten Hasses (des Hasses der 
Ohnmacht) festgehalten haben, nämlich „die Elenden 
sind allein die Guten, die Armen, Ohnmächtigen, Nied- 
rigen sind allein die Guten, die Leidenden, Entbehren- 
den, Kranken, Hässlichen sind auch die einzig Frommen, 
die einzig Gottseligen, für sie allein g^ebt es Seligkeit, 

— dagegen ihr, ihr Vornehmen und Gewaltigen, ihr seid 
in alle Ewigkeit die Bösen, die Grausamen, die Lüsternen, 
die Unersättlichen, die Gottlosen, ihr werdet auch ewig 
die Unseligen, Verfluchten und Verdammten sein!" . . . 
Man weiss, wer die Erbschaft dieser jüdischen Um- 
werthung gemacht hat . . . Ich erinnere in Betreff der 
ungeheuren und über alle Maassen verhängnissvollen 
Initiative, welche die Juden mit dieser grundsätzlichsten 
aller Kriegserklärungen gegeben haben, an den Satz, 
auf den ich bei einer andren Gelegenheit gekommen 
bin (Jenseits von Gut und Böse" p. 126 f.) — dass näm- 
lich mit den Juden der Sklavenaufstand in der 
Moral beginnt: jener Aufstand, welcher eine zwei- 
tausendjährige Geschichte hinter sich hat und der uns 
heute nur deshalb aus den Augen gerückt ist, weil er 

— siegreich gewesen ist . . . 



- 3^4 — 

8. 
— Aber ihr versteht das nicht? Ihr habt keine 
Augen für Etwas, das zwei Jahrtausende gebraucht hat, 
um zum Siege zu kommen? . . . Daran ist Nichts zum 
Verwundem: alle langen Dinge sind schwer zu sehn, 
zu übersehn. Das aber ist das Ereignisse aus dem 
Stamme jenes Baums der Rache und des Hasses, des 
jüdischen Hasses — des tiefsten und sublimsten, näm- 
lich Ideale schaffenden, Werthe umschaffenden Hasses, 
dessen Gleichen nie auf Erden dagewesen ist — wuchs 
etwas ebenso Unvergleichliches heraus, eine neue 
Liebe, die tiefste und sublimste aller Arten Liebe: — 
und aus welchem andren Stamme hätte sie auch wach- 
sen können? . . . Dass man aber ja nicht vermeine, sie 
sei etwa als die eigentliche Verneinung jenes Durstes 
nach Rache, als der Gegensatz des jüdischen Hasses 
emporgewachsen! Nein, das Umgekehrte ist die Wahr- 
heit! Diese Liebe wuchs aus ihm heraus, als seine Krone, 
als die triumphirende, in der reinsten Helle und Sonnen- 
fülle sich breit und breiter entfaltende Krone, welche mit 
demselben Drange gleichsam im Reiche des Lichts imd 
der Höhe auf die Ziele jenes Hasses, auf Sieg, auf Beute, 
auf Verführung aus war, mit dem die Wurzeln jenes 
Hasses sich immer gründlicher und begehrlicher in 
Alles, was Tiefe hatte und böse war, hinunter senkten 
Dieser Jesus von Nazareth, als das leibhafte Evange- 
lium der Liebe, dieser den Armen, den Kranken, den 
Sündern die Seligkeit und den Sieg bringende „Er- 
löser" — war er nicht gerade die Verführung in ihrer 
unheimlichsten und unwiderstehlichsten Form, die Ver- 
führung und der Umweg zu eben jenen jüdischen 
Werthen imd Neuerungen des Ideals? Hat Israel nicht 
gerade auf dem Umwege dieses „Erlösers", dieses 



— 315 — 

scheinbaren Widersachers und Auflösers Israel's, dcis 
letzte Ziel seiner sublimen Rachsucht erreicht? Gehört 
es nicht in die geheime schwarze Kunst einer Wcihrhaft 
grossen Politik der Rache, einer weitsichtigen, unter- 
irdischen, langsam - greifenden und vorausrechnenden 
Rache, dass Israel selber das eigentliche Werkzeug 
seiner Rache vor aller Welt wie etwas Todfeindliches 
verleugnen und an's Kreuz schlagen musste, damit „alle 
Welt", nämlich alle Gegner Israel's unbedenklich ge- 
rade an diesen Köder anbeissen konnten? Und wüsste 
man sich andrerseits, aus allem Raffinement des Geistes 
heraus, überhaupt noch einen gefährlicheren Köder 
auszudenken? Etwas, das an verlockender berauschen- 
der betäubender verderbender Kraft jenem Symbol 
des „heiligen Kreuzes" gleichkäme, jener schauerlichen 
Paradoxie eines „Gottes am Kreuze", jenem Mysterium 
einer unausdenkbaren letzten äussersten Grausamkeit 
und Selbstkreuzigung Gottes zum Heile des Men- 
schen? . . . Gewiss ist wenigstens, dass sub hoc signo 
Israel mit seiner Rache und Umwerthung aller Werthe 
bisher über alle anderen Ideale, über alle vornehme- 
ren Ideale immer wieder triumphirt hat — — 



9. 
— „Aber was reden Sie noch von vornehmeren 
Idealen! Fügen wir uns in die Thatsachen: dsis Volk 
hat gesiegt — oder „die Sklaven", oder „der Pöbel", 
oder „die Heerde", oder wie Sie es zu nennen belieben 
— wenn dies durch die Juden geschehn ist, wohlan! 
so hatte nie ein Volk eine welthistorischere Mission. 
„Die Herren" sind abgethan; die Moral des gemeinen 
Mannes hat gesiegt Man mag diesen Sieg zugleich 



— 3i6 — 

als eine Blutvergiftung nehmen (er hat die Rassen 
durch einander gemengt) — ich widerspreche nicht; 
unzweifelhaft ist aber diese Intoxikation gelungen. 
Die „Erlösung" des Menschengeschlechts (nämlich von 
„den Herren") ist auf dem besten Wege; Alles ver- 
jüdelt oder verchristlicht oder verpöbelt sich zusehends 
(was liegt an Worten!). Der Gang dieser Vergiftung, 
durch den ganzen Leib der Menschheit hindurch, scheint 
unaufhaltsam, ihr tempo und Schritt darf sogar von nun 
an immer langsamer, feiner, unhörbarer, besonnener 
sein — man hat ja Zeit . . . Kommt der Kirche in dieser 
Absicht heute noch eine nothwendige Aufgabe, 
überhaupt noch ein Recht auf Dasein zu? Oder könnte 
man ihrer entrathen? Quaerüur, Es scheint, dass sie 
jenen Gang eher hemmt und zurückhält, statt ihn zu 
beschleunigen? Nun, eben das könnte ihre Nützlichkeit 
sein . . . Sicherlich ist sie nachgerade etwas Gröbliches 
und Bäurisches, das einer zarteren Intelligenz, einem 
eigentlich modernen Geschmacke widersteht Sollte sie 
sich zum Mindesten nicht etwas raffinieren? . . . Sie 
entfremdet heute mehr, als dass sie verführte . . . Wer 
von uns würde wohl Freigeist sein, wenn es nicht die 
Kirche g-äbe? Die Kirche widersteht uns, nicht ihr 
Gift . . . Von der Kirche abgesehn lieben auch wir das 
Gift ..." — Dies der Epilog eines „Freigeistes" zu 
meiner Rede, eines ehrlichen Thiers, wie er reichlich 
verrathen hat, überdies eines Demokraten; er hatte mir 
bis dahin zugehört und hielt es nicht aus, mich schwei- 
gen zu hören. Für mich nämlich giebt es an dieser 
Stelle viel zu schweigen. — 



— 317 — 

lO. 

— Der Sklavenaufstand in der Moral beginnt damit, 
dass das Ressentiment selbst schöpferisch wird und 
Werthe gebiert: das Ressentiment solcher Wesen, denen 
die eigentliche Reaktion, die der That, versagt ist, die 
sich nur durch eine imaginäre Rache schadlos halten. 
Während alle vornehme Moral aus einem triumphiren- 
den Ja -sagen zu sich selber herauswächst, sagt die 
Sklaven-Moral von vornherein Nein zu einem „Ausser- 
halb", zu einem „Anders", zu einem „Nicht-selbst" : imd 
dies Nein ist ihre schöpferische That Diese Umkeh- 
rung des werthe -setzenden Blicks — diese nothwen- 
dige Richtung nach Aussen statt zurück auf sich 
selber — gehört eben zum Ressentiment: die Sklaven- 
Moral bedarf, um zu entstehn, immer zuerst einer Ge- 
gen- und Aussenwelt, sie bedarf, physiologisch gespro- 
chen, äusserer Reize, um überhaupt zu agiren, — ihre 
Aktion ist von Grund aus Reaktion. Das Umgekehrte 
ist bei der vornehmen Werthungsweise der Fall: sie 
agirt und wächst spontan, sie sucht ihren Gegensatz 
nur auf, um zu sich selber noch dankbarer, noch froh- 
lockender Ja zu sagen, — ihr negativer Begriff „niedrig" 
„gemein" „schlecht" ist nur ein nachgebomes blasses 
Contrastbild im Verhältniss zu ihrem positiven, durch 
und durch mit Leben und Leidenschaft durchtränkten 
Grundbegriff „wir Vornehmen, wir Guten, wir Schönen, 
wir Glücklichen!" Wenn die vornehme Werthungsweise 
sich vergreift und an der Realität versündigt, so ge- 
schieht dies in Bezug auf die Sphäre, welche ihr nicht 
genügend bekannt ist, ja gegen deren wirkliches Kennen 
sie sich spröde zur Wehre setzt: sie verkennt unter 
Umständen die von ihr verachtete Sphäre, die des ge- 
meinen Mannes, des niedren Volks; andrerseits erwäge 



- 31« — 

man, dass jedenfalls der Affekt der Verachtung, des 
Herabblickens, des Überlegen-Blickens, gesetzt, dass er 
das Bild des Verachteten fälscht, bei weitem hinter 
der Fälschung zurückbleiben wird, mit der der zurück- 
getretene Hass, die Rache des Ohnmächtigen, sich an 
seinem Gegner — in efßgie natürlich — vergreifen wird. 
In der That ist in der Verachtung zu viel Nachlässig- 
keit, zu viel Leicht-Nehmen, zu viel Wegblicken und 
Ungeduld mit eingemischt, selbst zu viel eignes Froh- 
gefühl, als dass sie im Stande wäre, ihr Objekt zum 
eigentlichen Zerrbild und Scheusal umzuwandeln. Man 
überhöre doch die beinahe wohlwollenden nuances nicht, 
welche zum Beispiel der griechische Adel in alle Worte 
leg^, mit denen er das niedere Volk von sich abhebt; 
wie sich fortwährend eine Art Bedauern, Rücksicht, 
Nachsicht einmischt und anzuckert, bis zu dem Ende, 
dass fast alle Worte, die dem gemeinen Manne zukom- 
men, schliesslich als Ausdrücke für „unglücklich" „be- 
dauernswürdig" übrig geblieben sind (vergleiche duXog, 
deikaiog, novrjQogf ^tox&rjQog, letztere zwei eigentlich den 
gemeinen Mann als Arbeitssklaven und Lastthier kenn- 
zeichnend) — und wie andrerseits „schlecht" „niedrig** 
„unglücklich" nie wieder aufgehört haben, für das 
griechische Ohr in Einen Ton auszuklingen, mit einer 
Klangfarbe, in der „unglücklich" überwiegt: dies als 
Erbstück der alten edleren aristokratischen Werthungs- 
weise, die sich auch im Verachten nicht verleugnet 
( — Philologen seien daran erinnert, in welchem Sinne 
oi^vQog, uvokßog, rX'^ficov, övgTvx^iv, ^vfKpoQu gebraucht wer- 
den). Die „Wohlgeborenen" fühlten sich eben als 
die „Glücklichen"; sie hatten ihr Glück nicht erst durch 
einen Blick auf ihre Feinde künstlich zu construiren, 
unter Umständen einzureden, einzulügen (wie es alle 



— 319 — 

Menschen des Ressentiment zu thun pflegen); und eben- 
falls wussten sie, als volle, mit Kraft überladene, folg- 
lich nothwendig aktive Menschen, von dem Glück 
das Handeln nicht abzutrennen, — das Thätigsein wird 
bei ihnen mit Nothwendigkeit in's Glück hineingerechnet 
(woher tv itgatuiv seine Herkunft nimmt) — Alles sehr 
im Gegensatz zu dem „Glück" auf der Stufe der Ohn- 
mächtigen, Gedrückten, an giftigen und feindseligen 
Gefühlen Schwärenden, bei denen es wesentlich als Nar- 
kose, Betäubung, Ruhe, Frieden, „Sabbat", Gemüths- 
Ausspannung und Gliederstrecken, kurz passivisch 
auftritt Während der vornehme Mensch vor sich selbst 
mit Vertrauen und Offenheit lebt {ysvvaiog „edelbürtig" 
unterstreicht die ntiance „aufrichtig" und auch wohl 
„naiv"), so ist der Mensch des Ressentiment weder auf- 
richtig, noch naiv, noch mit sich selber ehrlich und ge- 
radezu. Seine Seele schielt; sein Geist liebt Schlupf- 
winkel, Schleichwege und Hinterthüren, alles Versteckte 
muthet ihn an als seine Welt, seine Sicherheit, sein 
Labsal; er versteht sich auf das Schweigen, das Nicht- 
Vergessen, das Warten, das vorläufige Sich-verkleinem, 
Sich - demüthigen. Eine Rasse solcher Menschen des 
Ressentiment wird nothwendig endlich klüger sein 
als irgend eine vornehme Rasse, sie wird die Klugheit 
auch in ganz andrem Maasse ehren: nämlich als eine 
Existenzbedingung ersten Ranges, während die Klug- 
heit bei vornehmen Menschen leicht einen feinen Bei- 
geschmack von Luxus und Raffinement an sich hat: — 
sie ist eben hier lange nicht so wesentlich, als die voll- 
kommne Funktions-Sicherheit der reg^irenden unbe- 
wussten Instinkte oder selbst eine gewisse Unklugheit, 
etwa das tapfre Drauflosgehn , sei es auf die Gefahr, 
sei es auf den Feind, oder jene schwärmerische Plötz- 



— 320 — 

lichkeit von Zorn, Liebe, Ehrfurcht, Dankbarkeit und 
Rache, an der sich zu allen Zeiten die vornehmen Seelen 
wiedererkannt haben. Das Ressentiment des vornehmen 
Menschen selbst, wenn es an ihm auftritt, vollzieht und 
erschöpft sich nämlich in einer sofortigen Reaktion, es 
vergiftet darum nicht: andrerseits tritt es in unzähligen 
Fällen gar nicht auf, wo es bei «dien Schwachen und 
Ohnmächtigen unvermeidlich ist Seine Feinde, seine 
Unfälle, seine Unthaten selbst nicht lange ernst neh- 
men können — das ist das Zeichen starker voller Naturen, 
in denen ein Überschuss plastischer, nachbildender, aus- 
heilender, auch vergessen machender Kraft ist (ein gutes 
Beispiel dafür aus der modernen Welt ist Mirabeau, 
welcher kein Gedächtniss für Insulte und Niederträchtig- 
keiten hatte, die man an ihm begieng, und der nur des- 
halb nicht vergeben konnte, weil er — vergass). Ein 
solcher Mensch schüttelt eben viel Gewürm mit Einem 
Ruck von sich, das sich bei Anderen eingräbt; hier 
allein ist auch das möglich, gesetzt, dass es überhaupt 
auf Erden möglich ist — die eigentliche „Liebe zu 
seinen Feinden". Wie viel Ehrfurcht vor seinem Feinde 
hat schon ein vornehmer Mensch! — und eine solche 
Ehrfurcht ist schon eine Brücke zur Liebe ... Er ver- 
langt ja seinen Feind für sich, als seine Auszeichnung, 
er hält ja keinen andren Feind aus, als einen solchen, 
an dem Nichts zu verachten und sehr Viel zu ehren 
ist! Dagegen stelle man sich „den Feind" vor, wie ihn 
der Mensch des Ressentiment concipirt — und hier 
gerade ist seine That, seine Schöpfung: er hat „den 
bösen Feind" concipirt, „den Bösen", und zwar als 
Grundbegriff, von dem aus er sich als Nachbild und 
Gegenstück nun auch noch einen „Guten" ausdenkt — 
sich selbsti ... 



— 321 _ 

II. 
Gerade umgekehrt also wie bei dem Vornehmen, 
der den Grundbegriff „gut" voraus und spontan, näm- 
lich von sich aus concipirt und von da aus erst eine 
Vorstellung von „schlecht" sich schafft! Dies „schlecht" 
vornehmen Ursprungs und jenes „böse" aus dem Brau- 
kessel des ungesättigten Hasses — das erste eine Nach- 
schöpfung, ein Nebenher, eine Complementärfarbe, das 
zweite dagegen das Original, der Anfang, die eigent- 
liche That in der Conception einer Sklaven -Moral — , 
wie verschieden stehen die beiden scheinbar demselben 
Begriff „gut" entgegengestellten Worte „schlecht" und 
„böse" da! Aber es ist nicht derselbe Begfrifi" „gut": 
vielmehr frage man sich doch, wer eigentlich „böse" ist, 
un Sinne der Moral des Ressentiment In aller Strenge 
geantwortet: eben der „Gute" der andren Moral, eben 
der Vornehme, der Mächtige, der Herrschende, nur 
umgefärbt, nur umgedeutet, nur umgesehn durch das 
Giftauge des Ressentiment. Hier wollen wir Eins am 
wenigsten leugnen: wer jene „Guten" nur als Feinde 
kennen lernte, lernte auch nichts als böse Feinde 
kennen, und dieselben Menschen, welche so streng durch 
Sitte, Verehrung, Brauch, Dankbarkeit, noch mehr 
durch gegenseitige Bewachung, durch Eifersucht inter 
pares in Schranken gehalten sind, die andrerseits im 
Verhalten zu einander so erfinderisch in Rücksicht, 
Selbstbeherrschung, Zartsinn, Treue, Stolz und Freund- 
schaft sich beweisen, — sie sind nach Aussen hin, dort 
wo das Fremde, die Fremde beginnt, nicht viel besser 
als losgelassne Raubthiere. Sie geniessen da die Frei- 
heit von allem socialen Zwang, sie halten sich in der 
Wildniss schadlos für die Spannung, welche eine lange 
EinSchliessung und Einfriedigung in den Frieden der 

Nietzsche, Werke Band VU. 21 



— 322 — 

Gemeinschaft giebt, sie treten in die Unschuld des 
Raubthier- Gewissens zurück, als frohlockende Unge- 
heuer, welche vielleicht von einer scheusslichen Abfolge 
von Mord, Niederbrennung, Schändung, Folterung mit 
einem Übermuthe und seelischen Gleichgewichte davon- 
gehen, wie als ob nur ein Studentenstreich vollbracht 
sei, überzeugt davon, dass die Dichter für lange nun 
wieder Etwas zu singen und zu rühmen haben. Auf 
dem Grunde aller dieser vornehmen Rassen ist das 
Raubthier, die prachtvolle nach Beute und Sieg lüstern 
schweifende blonde Bestie nicht zu verkennen; es 
bedarf für diesen verborgenen Grund von Zeit zu Zeit 
der Entladung, das Thier muss wieder heraus, muss 
wieder in die Wildniss zurück: — römischer, arabischer, 
germanischer, japanesischer Adel, homerische Helden, 
skandinavische Wikinger — in diesem Bedürfniss sind 
sie sich alle gleich. Die vornehmen Rassen sind es, 
welche den Begrifif „Barbar" auf all den Spuren hinter- 
lassen haben, wo sie gegangen sind; noch aus ihrer 
höchsten Cultur heraus verräth sich ein Bewusstsein 
davon und ein Stolz selbst darauf (zum Beispiel wenn 
Perikles seinen Athenern sagt, in jener berühmten 
Leichenrede, „zu allem Land und Meer hat unsre Kühn- 
heit sich den Weg gebrochen, unvergängliche Denk- 
male sich überall im Guten und Schlimmen auf- 
richtend"). Diese „Kühnheit" vornehmer Rassen, toll, 
absurd, plötzlich, wie sie sich äussert, das Unberechen- 
bare, das Unwahrscheinliche selbst ihrer Unternehmungen 
— Perikles hebt die Qadvfiia der Athener mit Aus- 
zeichnung hervor — , ihre Gleichgültigkeit und Ver- 
achtung gegen Sicherheit, Leib, Leben, Behagen, ihre 
entsetzliche Heiterkeit und Tiefe der Lust in allem 
Zerstören, in allen Wollüsten des Siegs und der Grau- 



— 323 — 

samkeit — Alles fasste sich für Die, welche daran litten, 
in das Bild des „Barbaren", des „bösen Feindes", etwa 
des „Gothen", des „Vandalen" zusammen. Das tiefe, 
eisige Misstrauen, das der Deutsche erregt, sobald er 
zur Macht kommt, auch jetzt wieder, — ist immer noch 
ein Nachschlag jenes unauslöschlichen Entsetzens, mit 
dem Jahrhunderte lang Europa dem Wüthen der blon- 
den germanischen Bestie zugesehn hat (obwohl zwischen 
alten Germanen und uns Deutschen kaum eine Begriffs-, 
geschweige eine Blutverwandtschaft besteht). Ich habe 
einmal auf die Verlegenheit Hesiod's aufmerksam ge- 
macht, als er die Abfolge der Cultur- Zeitalter aussann 
und sie in Gold, Silber, Erz auszudrücken suchte: er 
wusste mit dem Widerspinich , den ihm die herrliche, 
aber ebenfalls so schauerliche, so gewaltthätige Welt 
Homer's bot, nicht anders fertig zu werden, als indem 
er aus Einem Zeitalter zwei machte, die er nunmehr 
hinter einander stellte — einmal das Zeitalter der Helden 
und Halbgötter von Troja und Theben, so wie jene 
Welt im Gedächtniss der vornehmen Geschlechter 
zurückgeblieben war, die in ihr die eignen Ahnherrn 
hatten; sodann das eherne Zeitalter, so wie jene gleiche 
Welt den Nachkommen der Niedergetretenen, Beraubten, 
Misshandelten, Weggeschleppten, Verkauften erschien: 
als ein Zeitalter von Erz, wie gesagt, hart, kalt, grau- 
sam, gefiihl- und gewissenlos. Alles zermalmend und 
mit Blut übertünchend. Gesetzt, dass es wahr wäre, 
was jetzt jedenfalls als „Wahrheit" geglaubt wird, dass 
es eben der Sinn aller Cultur sei, aus dem Raub- 
thiere „Mensch" ein zahmes und civilisirtes Thier, ein 
Hausthier herauszuzüchten, so müsste man unzweifel- 
haft alle jene Reaktions- und Ressentiments -Instinkte, 
mit deren Hülfe die vornehmen Geschlechter sammt 



— 324 — 

ihren Idealen schliesslich zu Schanden gemacht und 
überwältigt worden sind, als die eigentlichen Werk- 
zeuge der Cultur betrachten; womit allerdings noch 
nicht gesagt wäre, dass deren Träger zugleich auch 
selber die Cultur darstellten. Vielmehr wäre das Gegen- 
theil nicht nur wahrscheinlich — nein! es ist heute 
augenscheinlich! Diese Träger der niederdrückenden 
und vergeltungslüsternen Instinkte, die Nachkommen 
alles europäischen und nicht europäischen Sklaventliums, 
aller vorarischen Bevölkerung in Sonderheit — sie 
stellen den Rückgang der Menschheit dar! Diese 
„Werkzeuge der Cultur" sind eine Schande des Men- 
schen, und eher ein Verdacht, ein Gegenargument gegen 
„Cultur" überhaupt! Man mag im besten Rechte sein, 
wenn man vor der blonden Bestie auf dem Grunde 
aller vornehmen Rassen die Furcht nicht los wird und 
auf der Hut ist: aber wer möchte nicht hundertmal 
lieber sich fürchten, wenn er zugleich bewundem dcir^ 
als sich nicht fürchten, aber dabei den ekelhaften An- 
blick des Missrathenen , Verkleinerten, Verkümmerten, 
Vergifteten nicht mehr los werden können? Und ist 
das nicht unser Verhängniss? Was macht heute 
unser n Widerwillen gegen „den Menschen"? — denn 
wir leiden am Menschen, es ist kein Zweifel. — Nicht 
die Furcht; eher, dass wir Nichts mehr am Menschen 
zu fürchten haben; dass das Gewürm „Mensch" im 
Vordergründe ist und wimmelt; dass der „zahme 
Mensch", der Heillos-!Mittelmässige und Unerquickliche 
bereits sich als Ziel und Spitze, als Sinn der Geschichte, 
als „höheren Menschen" zu fühlen gelernt hat; — ja 
dass er ein gewisses Recht darauf hat, sich so zu fühlen, 
insofern er sich im Abstände von der Überfülle des 
Missrathenen, Kränklichen, Müden, Verlebten fühlt, nach 



325 — 



dem heute Europa zu stinken beginnt, somit als etwas 
wenigstens relativ Gerathenes, wenigstens noch Lebens- 
fähiges, wenigstens zum Leben Ja-sagendes . . . 



12. 

— Ich unterdrücke an dieser Stelle einen Seufzer 
und eine letzte Zuversicht nicht Was ist das gerade 
mir ganz Unerträgliche? Das, womit ich allein nicht 
fertig werde, was mich ersticken und verschmachten 
macht? Schlechte Luft! Schlechte Luftl 
Missrathenes in meine Nähe kommt; dass ich die Ein- 
geweide einer missrathenen Seele riechen muss! . . . 
Was hält man sonst nicht aus von Noth, Entbehrung, 
bösem Wetter, Siechthum, Mühsal, Vereinsamung? Im 
Grunde wird man mit allem Übrigen fertig, geboren 
wie man ist zu einem unterirdischen und kämpfenden 
Dasein; man kommt immer wieder einmal an's Licht, 
man erlebt immer wieder seine goldene Stunde des 
Siegs, — und dann steht man da, wie man geboren ist, 
unzerbrechbar , gespannt, zu Neuem, zu noch Schwere- 
rem, Fernerem bereit, wie ein Bogen, den alle Noth 
immer nur noch straffer anzieht — Aber von Zeit zu 
Zeit gönnt mir — gesetzt dass es himmlische Gönne- 
rinnen giebt, jenseits von Gut und Böse — einen Blick, 
gönnt mir Einen Blick nur auf etwas Vollkommenes, 
zu -Ende -Gerathenes, Glückliches, Mächtiges, Trium- 
phirendes, an dem es noch Etwas zu furchten giebt! 
Auf einen Menschen, der den Menschen rechtfertigt 
auf einen complementären und erlösenden Glücksfall 
des Menschen, um deswillen man den Glauben an 
den Menschen festhalten darf! . . . Denn so steht es: 
die Verkleinerung und Ausgleichung des europäischen 



- 326 _ 

Menschen birgt unsre grösste Gefahr, denn dieser 
Anblick macht müde . . . Wir sehen heute Nichts, das 
grösser werden will, wir ahnen, dass es immer noch 
abwärts, abwärts geht, in's Dünnere, Gutmüthigere, 
Klügere, Behaglichere, Mittelmässigere, Gleichgültigere, 
Chinesischere, Christlichere — der Mensch, es ist kein 
Zweifel, wird immer „besser" . , . Hier eben liegt das 
Verhängniss Europa's — mit der Furcht vor dem Men- 
schen haben wir auch die Liebe zu ihm, die Ehrfurcht 
vor ihm, die Hoffnung auf ihn, ja den Willen zu ihm 
eingebüsst Der Anblick des Menschen macht nun- 
mehr müde — was ist heute Nihilismus, wenn er nicht 
das ist?. . . Wir sind des Menschen müde . . , 



13. 

— Doch kommen wir zurück: das Problem vom 
andren Ursprung des „Guten", vom Guten, wie ihn 
der Mensch des Ressentiment sich ausgedacht hat, ver- 
langt nach seinem Abschluss. — Dass die Lämmer den 
grossen Raubvögeln gram sind, das befremdet nicht: 
nur liegt darin kein Grund, es den grossen Raubvögeln 
zu verargen, dass sie sich kleine Lämmer holen. Und 
wenn die Lämmer unter sich sagen „diese Raubvögel 
sind böse; und wer so wenig als möglich ein Raub- 
vogel ist, vielmehr deren Gegenstück, ein Lamm, — 
sollte der nicht gut sein?" so ist an dieser Aufrichtung 
eines Ideals Nichts auszusetzen, sei es auch, dass die 
Raubvögel dazu ein wenig spöttisch blicken werden 
und vielleicht sich sagen: „wir sind ihnen gar nicht 
gram, diesen g^ten Lämmern, wir lieben sie sogar: 
nichts ist schmackhafter als ein zartes Lamm." — Von 
der Stärke verlangen, dass sie sich nicht als Stärke 



— 327 — 

äussere, dass sie nicht ein Überwältigen-Wollen, ein 
Niederwerfen - Wollen , ein Herrwerden - Wollen , ein 
Durst nach Feinden und Widerständen und Triumphen 
sei, ist gerade so widersinnig als von der Schwäche 
verlangen, dass sie sich als Stärke äussere. Ein Quan- 
tum Kraft ist ein eben solches Quantum Trieb, Wille, 
Wirken — vielmehr, es ist gar nichts anderes als eben 
dieses Treiben, Wollen, Wirken selbst, und nur unter 
der Verführung der Sprache (und der in ihr versteiner- 
ten Grundirrthümer der Vernunft), welche alles Wirken 
als bedingt durch ein Wirkendes, durch ein „Subjekt" 
versteht und missversteht, kann es anders erscheinen. 
Ebenso nämlich, wie das Volk den Blitz von seinem 
Leuchten trennt und letzteres als Thun, als Wirkung 
eines Subjekts nimmt, das Blitz heisst, so trennt die 
Volks -Moral auch die Stärke von den Äusserungen 
der Stärke ab, wie als ob es hinter dem Starken ein 
indifferentes Substrat gäbe, dem es freistünde. Stärke 
zu äussern oder auch nicht. Aber es giebt kein solches 
Substrat; es giebt kein „Sein" hinter dem Thun, Wirken, 
Werden; „der Thäter" ist zum Thun bloss hinzugedichtet 

— das Thun ist Alles. Das Volk verdoppelt im Grunde 
das Thun, wenn es den Blitz leuchten lässt, das ist ein 
Thun-Thun: es setzt dasselbe Geschehen einmal als Ur- 
sache und dann noch einmal als deren Wirkung. Die 
Naturforscher machen es nicht besser, wenn sie sagen 
„die ICraft bewegt, die Kraft verursacht" und dergleichen, 

— unsre ganze Wissenschaft steht noch, trotz aller ihrer 
Kühle, ihrer Freiheit vom Affekt, unter der Verführung 
der Sprache und ist die untergeschobnen Wechselbälge, 
die „Subjekte" nicht losgeworden (das Atom ist zum 
Beispiel ein solcher Wechselbalg, insgleichen das 
Kantische „Ding an sich"): was Wunder, wenn die 



i28 — 



zurückgetretenen, versteckt glimmenden Affekte Rache 
und Hass diesen Glauben für sich ausnützen und im 
Grunde sogar keinen Glauben inbrünstiger aufrecht er- 
halten als den, es stehe dem Starken frei, schwach, 
und dem Raubvogel, Lamm zu sein: — damit gewinnen 
sie ja bei sich das Recht, dem Raubvogel es zuzu- 
rechnen, Raubvogel zu sein . . . Wenn die Unter- 
drückten, Niedergetretenen, Vergewaltigten aus der rach- 
süchtigen List der Ohnmacht heraus sich zureden: „lasst 
uns anders sein als die Bösen, nämlich gut! Und gut 
ist Jeder, der nicht vergewaltigt, der Niemanden verletzt, 
der nicht angreift, der nicht vergilt, der die Rache Gott 
übergiebt, der sich wie wir im Verborgnen hält, der 
allem Bösen aus dem "Wege geht und wenig über- 
haupt vom Leben verlangt, gleich uns den Geduldigen, 
Demüthigen, Gerechten", — so heisst das, kalt und ohne 
Voreingenommenheit angehört, eigentlich nichts weiter 
als: „wir Schwachen sind nun einmal schwach; es ist 
gut, wenn wir nichts thun, wozu wir nicht stark 
genug sind*; aber dieser herbe Thatbestand, diese 
Klugheit niedrigsten Ranges, welche selbst Insekten 
haben (die sich wohl todt stellen, um nicht „zu viel" zu 
thun, bei grosser Gefahr), hat sich Dank jener Falsch- 
münzerei und Selbstverlogenheit der Ohnmacht in den 
Prunk der entsagenden stillen abwartenden Tugend 
gekleidet, gleich als ob die Schwäche des Schwachen 
selbst — das heisst doch sein Wesen, sein Wirken, 
seine ganze einzige unvermeidliche, unablösbare Wirk- 
lichkeit — eine freiwillige Leistung, etwas Gewolltes, 
Gewähltes, eine That, ein Verdienst sei. Diese 
Art Mensch hat den Glauben an das indifferente wahl- 
freie „Subjekt" nöthig aus einem Instinkte der Selbst- 
erhaltung, Selbstbejahung heraus, in dem jede Lüge 



— 329 — 

•sich zu heiligen pflegt Das Subjekt (oder, dass wir 
populärer reden, die Seele) ist vielleicht deshalb bis 
jetzt auf Erden der beste Glaubenssatz gewesen, weil 
er der Überzahl der Sterblichen, den Schwachen und 
Niedergedrückten jeder Art, jene sublime Selbstbetrü- 
gerei ermöglichte, die Schwäche selbst als Freiheit, ihr 
So- und So-sein als Verdienst auszulegen. 



14. 

— Will Jemand ein wenig in das Geheimniss hinab 
und hinunter sehn, wie man auf Erden Ideale fabri- 
zirt? Wer hat den Muth dazu? . . . Wohlan! Hier ist 
der Blick offen in diese dunkle Werkstätte. Warten 
Sie noch einen Augenblick, mein Herr Vorwitz und 
Wagehals: Ihr Auge muss sich erst an dieses falsche 
schillernde Licht gewöhnen ... Sol Genug! Reden Sie 
jetzt! Was geht da unten vor? Sprechen Sie aus, was 
Sie sehen, Mann der gefährlichsten Neugierde — jetzt 
bin ich der, welcher zuhört — 

— „Ich sehe Nichts, ich höre um so mehr. Es ist 
ein vorsichtiges tückisches leises Munkeln und Zu- 
sammenflüstem aus allen Ecken und Winkeln. Es 
scheint mir, dass man lügt; eine zuckrige Milde klebt 
an jedem Klange. Die Schwäche soll zum Verdienste 
umgelogen werden, es ist kein Zweifel — es steht da- 
mit so, wie Sie es sagten." — 

— - Weiter! 

— „und die Ohnmacht, die nicht vergilt, zur „Güte"; 
die ängstliche Niedrigkeit zur „Demuth"; die Unter- 
werfung vor Denen, die man hasst, zum „Gehorsam" 
(nämlich gegen Einen, von dem sie sagen, er befehle 
diese Unterwerfung, — sie heissen um Gott). Das Un- 



olTensive des Schwachen, die Feigheit selbst, an der er 
reich ist, sein An-der-Thür-stehn, sein unvermeidliches 
Warten-müssen kommt hier zu guten Namen, als „Ge- 
duld," es heisst auch wohl die Tugend; das Sich-nicht- 
rächen -Können heisst Sich -nicht -rächen -Wollen, viel- 
leicht selbst Verzeihung („denn sie wissen nicht, was 
sie thun — wir allein wissen es, was sie thun!"). Auch 
redet man von der „Liebe zu seinen Feinden" — und 
schwitzt dabei." 

— Weiter! 

— „Sie sind elend, es ist kein Zweifel, alle diese 
Munkler und Winkel-Falschmünzer, ob sie schon warm 
bei einander hocken — aber sie sagen mir, ihr Elend 
sei eine Auswahl und Auszeichnung Gottes, man prügele 
die Hunde, die man am liebsten habe; vielleicht sei dies 
Elend auch eine Vorbereitung, eine Prüfung, eine Schu- 
lung, vielleicht sei es noch mehr — Etwas, das einst 
ausgeglichen und mit ungeheuren Zinsen in Gold, 
nein! in Glück ausgezahlt werde. Das heissen sie „die 
Seligkeit." 

— Weiter! 

— „Jetzt geben sie mir zu verstehen, dass sie nicht 
nur besser seien als die Ivlächtigen, die Herrn der Erde, 
deren Speichel sie lecken müssen (nicht aus Furcht, 
ganz und gar nicht aus Furcht! sondern weil es Gott 
gebietet, alle Obrigkeit zu ehren) — dass sie nicht nur 
besser seien, sondern es auch „besser hätten", jedenfalls 
einmal besser haben würden. Aber genug! genug! Ich 
halte es nicht mehr aus. Schlechte Luft! Schlechte 
Luft! Diese Werkstätte, wo man Ideale fabrizirt — 
mich dünkt, sie stinkt vor lauter Lügen." 

— Nein! Noch einen Augenblick! Sie sagten noch 
nichts von dem Meisterstücke dieser Schwarzkünstler, 



^ 331 — 

welche Weiss, Milch und Unschuld aus jedem Schwarz 
herstellen: — haben Sie nicht bemerkt, was ihre Vollen- 
dung im Raffinement ist, ihr kühnster, feinster, geist- 
reichster, lügenreichster Artisten-Griff? Geben Sie Acht! 
Diese Kellerthiere voll Rache und Hass — was machen 
sie doch gerade aus Rache und Hass? Hörten Sie je 
diese Worte? Würden Sie ahnen, wenn Sie nur ihren 
Worten trauten, dass Sie unter lauter Menschen des 
Ressentiment sind? . . . 

— „Ich verstehe, ich mache nochmals die Ohren 
auf (ach! ach! ach! und die Nase zu). Jetzt höre ich 
erst, was sie so oft schon sagten: „Wir Guten — wir 
sind die Gerechten" — was sie verlangen, das 
heissen sie nicht Vergeltung, sondern „den Triumph der 
Gerechtigkeit"; was sie hassen, das ist nicht ihr 
Feind, nein! sie hassen das „Unrecht", die „Gott- 
losigkeit"; was sie glauben und hoffen, ist nicht die 
Hoffnung auf Rache, die Trunkenheit der süssen Rache 
( — „süsser als Honig" nannte sie schon Homer), son- 
dern „der Sieg Gottes, des gerechten Gottes über die 
Gottlosen"; was ihnen zu lieben auf Erden übrig bleibt, 
sind nicht ihre Brüder im Hasse, sondern ihre „Brüder 
in der Liebe", wie sie sagen, alle Guten und Gerechten 
auf der Erde." 

— Und wie nennen sie das, was ihnen als Trost 
wider alle Leiden des Lebens dient — ihre Phantas- 
magorie der vorweggenommenen zukünftigen Seligkeit? 

— „Wie? Höre ich recht? Sie heissen das „das 
jüngste Gericht", das Kommen ihres Reichs, des 
„Reichs Gottes" — einstweilen aber leben sie „im 
Glauben", „in der Liebe", „in der Hoffnung." 

— Genug! Genugl 



— 332 — 

15. 

Im Glauben woran? In der Liebe wozu? In der 
Hoffiiung worauf? — Diese Schwachen — irgendwann 
einmal nämlich wollen auch sie die Starken sein, es ist 
kein Zweifel, irgendwann soll auch ihr „Reich" kom- 
men — „das Reich Gottes" heisst es schlechtweg bei 
ihnen, wie gesagt: man ist ja in Allem so demüthig! 
Schon um das zu erleben, hat man nöthig, lange zu 
leben, über den Tod hinaus, — ja man hat das ewige 
Leben nöthig, damit man sich auch ewig im „Reiche 
Gottes" schadlos halten kann für jenes Erden -Leben 
„im Glauben, in der Liebe, in der Hoffnung". Schadlos 
wofür? Schadlos wodurch? . . . Dante hat sich, wie mich 
dünkt, gröblich vergriffen, als er, mit einer schrecken- 
einflössenden Ingenuität, jene Inschrift über das Thor 
zu serner Hölle setzte „auch mich schuf die ewige 
Liebe": — Ober dem Thore des christlichen Paradieses 
und seiner „ewigen Seligkeit" würde jedenfalls mit 
besserem Rechte die Inschrift stehen dürfen „auch mich 
schuf der ewige Hass" — gesetzt, dass eine "Wahrheit 
über dem Thor zu einer Lüge stehen dürfte I Denn 
was ist die Seligkeit jenes Paradieses? . . . Wir würden 
es vielleicht schon errathen; aber besser ist es, dass es 
uns eine in solchen Dingen nicht zu unterschätzende 
Autorität ausdrücklich bezeugt, Thomas von Aquino, 
der grosse Lehrer und Heilige. y^Beati in regno coelesli*, 
sagt er sanft wie ein Lamm, „videbunt poenas dam- 
natorum, ut heatitudo Ulis magis cotnplaceat.'* 
Oder will man es in einer stärkeren Tonart hören, etwa 
aus dem Munde eines triumphirenden Kirchenvaters, der 
seinen Christen die grausamen Wollüste der öff'entlichen 
Schauspiele widerrieth — warum doch? „Der Glaube 



~ 333 — 

bietet uns ja viel mehr — sagt er, de spectac. c. 29 ss. — , 
viel Stärkeres; Dank der Erlösung stehen uns ja 
ganz andre Freuden zu Gebote; an Stelle der Athleten 
haben wir unsre Märtyrer; wollen wir Blut, nun, so 
haben wir das Blut Christi . . . Aber was erwartet uns 
erst am Tage seiner Wiederkunft, seines Triumphes !" — 
und nun fährt er fort, der entzückte Visionär: „At enitn 
supersunt alia spectacula, ille ulttmus et perpetuus judicti 
dies, nie nationibus insperatus, ille derisus, cum tanta 
saeculi vettistas et tot ejus nativitates uno igne kaurien- 
tur. Quae tunc spectaculi latitudol Quid admirerl 
Quid rideaml Uhi gaudeam! Ubi exultem, 
spectans tot et tantos reges, qui in coelum recepti 
nuntiahantur, cum ipso Jove et ipsis suis testihus in imis 
tenebris congemescentes I Item praesides (die Provincial- 
statthalter) persecutores dominici nominis saevioribus 
quam ipsi ßammis saevierunt insultantibus contra Chris- 
tianos liquescentes l Quos praeter ea sapientes illos philo- 
sophos coram discipulis suis una conßagrantibus eru- 
bescentes, quibus nihil ad deum pertinere suadebant, 
quibus animas aut nullas aut non in pristina corpora 
redituras affirmabantl Etiam poetas non ad Rhada- 
manti nee ad Minois, sed ad inopinati Christi tribunal 
palpitantes! Tunc magis tragoedi audiendi, magis scilicet 
vocales (besser bei Stimme, noch ärgere Schreier) in 
sua propria calamitate; tunc histriones cognoscendi, 
solutiores multo per ignem; tunc spectandus auriga in 
flammea rota totus rubens, tunc xystici contemplandi 
non in gymnasiis, sed in igne jaculati, nisi quod ne 
tunc quidem illos velim vivos, ut qui malim ad eos potius 
conspectum insatiabilem conferre, qui in dominum 
desaevierunt. „Hie est ille, dicam, fabri aut quaesticariae 
ßlius (wie alles Folgende und insbesondere auch diese 



— 334 — 

aus dem Talmud bekannte Bezeichnung der Mutter Jesu 
zeigt, meint Tertullian von hier ab die Juden), sahhati 
destructor, Samarites et daemonium hahens. Htc est, 
quem a Juda redemistis, hie est ille arundine et colaphis 
dwerberatuSt sputamentis dedecoratus , feile et aceto 
potatus. Htc est, quem clam discentes suhripuerunt, ut 
resurrextsse dicatur vel hortulanus detraxit, ne lactucae 
stcae frequentta commeanttum laederentur." Ut talta 
spectes, ut talibus exultes, quts tibi praetor aut 
consul aut quaestor aut sacerdos de stta liberalitate 
praestabit? Et tarnen haec j'am habemus quodammodo 
per fidem spiritu imaginante repraesentata. Ceterum 
qualia illa sunt, qtiae nee oculus vidit nee auris audivit 
nee in cor hominis ascenderunt? (i. Cor. 2, 9.) Credo 
circo et utraque cavea (erster und vierter Rang oder, 
nach Anderen, komische und tragische Bühne) et omni 
studio gratiora." — Per fidem: so steht's geschrieben. 

16. 

Kommen wir zum Schluss. Die beiden entgegen- 
gesetzten Werthe „gut und schlecht", „gut und böse" 
haben einen furchtbaren, Jahrtausende langen Kampf 
auf Erden gekämpft; und so gewiss auch der zweite 
Werth seit langem im Übergewichte ist, so fehlt es 
doch auch jetzt noch nicht an Stellen, wo der Kampf 
unentschieden fortgekämpft wird. Man könnte selbst 
sagen, dass er inzwischen immer höher hinauf getragen 
und eben damit immer tiefer, immer geistiger gewor- 
den sei: so dass es heute vielleicht kein entscheiden- 
deres Abzeichen der „höheren Natur", der geisti- 
geren Natur giebt, als zwiespältig in jenem Sinne und 
wirklich noch ein Kampfplatz für jene Gegensätze zu 



— 335 — 

sein. Das Symbol dieses Kampfes, in einer Schrift 
geschrieben, die über alle Menschengeschichte hinweg 
bisher lesbar blieb, heisst „Rom gegen Judäa, Judäa 
gegen Rom": — es gab bisher kein grösseres Ereig- 
niss als diesen Kampf, diese Fragestellung, diesen 
todfeindlichen Widerspruch. Rom empfand im Juden 
Etwas wie die Widematur selbst, gleichsam sein anti- 
podisches Monstrum; in Rom galt der Jude „des Hasses 
gegen das ganze Menschengeschlecht überführt": 
mit Recht, sofern man ein Recht hat, das Heil und die 
Zukunft des Menschengeschlechts an die unbedingte 
Herrschaft der aristokratischen Werthe, der römischen 
Werthe anzuknüpfen. Was dagegen die Juden gegen 
Rom empftinden haben? Man erräth es aus tausend 
Anzeichen; aber es genügt, sich einmal wieder die Jo- 
hanneische Apokalypse zu Gemüthe zu führen, jenen 
wüstesten aller geschriebenen Ausbrüche, welche die 
Rache auf dem Gewissen hat. (Unterschätze man 
übrigens die tiefe Folgerichtigkeit des christlichen In- 
stinktes nicht, als er gerade dieses Buch des Hasses 
mit dem Namen des Jüngers der Liebe überschrieb, 
desselben, dem er jenes verliebt-schwärmerische Evan- 
gelium zu eigen gab — : darin steckt ein Stück Wahr- 
heit, wie viel litterarische Falschmünzerei auch zu die- 
sem Zwecke nöthig gewesen sein mag.) Die Römer 
waren ja die Starken und Vornehmen, wie sie stärker 
und vornehmer bisher auf Erden nie dagewesen, selbst 
niemals geträumt worden sind; jeder Überrest von 
ihnen, jede Inschrift entzückt, gesetzt, dass man erräth, 
was da schreibt Die Juden umgekehrt waren jenes 
priesterliche Volk des Ressentiment par excellejice, dem 
eine volksthümlich-moralische Genialität sonder Gleichen 
innewohnte: man vergleiche nur die verwandt-begabten 



— 336 — 

Völker, etwa die Chinesen oder die Deutschen, mit den 
Juden, um nachzufühlen, was ersten und was fünften 
Ranges ist. Wer von ihnen einstweilen gesiegt hat, 
Rom oder Judäa? Aber es ist ja gar kein Zweifel: 
man erwäge doch, vor wem man sich heute in Rom 
selber als vor dem Inbegriff aller höchsten Werthe 
beugt — und nicht nur in Rom, sondern fast auf der 
halben Erde, überall wo nur der Mensch zahm gewor- 
den ist oder zahm werden will — , vor drei Juden, 
wie man weiss, und Einer Jüdin (vor Jesus von Na- 
zareth, dem Fischer Petrus, dem Teppichwirker Paulus 
und der Mutter des anfangs genannten Jesus, genannt 
Maria). Dies ist sehr merkwürdig: Rom ist ohne allen 
Zweifel unterlegen. Allerdings gab es in der Renais- 
sance ein glanzvoll -unheimliches "Wiederaufwachen des 
klassischen Ideals, der vornehmen Werthungsweise aller 
Dinge; Rom selber bewegte sich wie ein aufgeweckter 
Scheintodter unter dem Druck des neuen, darüber ge- 
bauten judaisirten Rom, das den Aspekt einer ökume- 
nischen Synagoge darbot xmd „Kirche" hiess: aber 
sofort triumphirte wieder Judäa, Dank jener gründlich 
pöbelhaften (deutschen und englischen) Ressentiments- 
Bewegung, welche man die Reformation nennt, hinzu- 
gerechnet, was aus ihr folgen musste, die Wieder- 
herstellung der Kirche, — die Wiederherstellung auch 
der alten Grabesruhe des klassischen Rom. In einem 
sogar entscheidenderen und tieferen Sinne als damals 
kam Judäa noch einmal mit der französischen Revo- 
lution zum Siege über das klassische Ideal: die letzte 
politische Vornehmheit, die es in Europa gab, die des 
siebzehnten und achtzehnten französischen Jahrhun- 
derts, brach unter den volksthümlichen Ressentiments- 
Instinkten zusammen, — es wurde niemals auf Erden 



— 337 — 

ein grösserer Jubel, eine lärmendere Begeisterung ge- 
hört! Zwar geschah mitten darin das Ungeheuerste, 
das Unerwartetste: das antike Ideal selbst trat leib- 
haft und mit unerhörter Pracht vor Auge und Gewissen 
der Menschheit, — und noch einmal, stärker, einfacher, 
eindringlicher als je, erscholl, gegenüber der alten 
Lügen-Losung des Ressentiment vom Vorrecht der 
Meisten, gegenüber dem Willen zur Niederung, zur 
Erniedrigung, zur Ausgleichung, zum Abwärts und 
Abendwärts des Menschen die furchtbare und ent- 
zückende Gegenlosung vom Vorrecht der Wenig- 
sten! Wie ein letzter Fingerzeig zum andren Wege 
erschien Napoleon, jener einzelnste und spätestgebome 
Mensch, den es jemals gab, und in ihm das fleisch- 
gewordne Problem des vornehmen Ideals an sich 
— man überlege wohl, was es für ein Problem ist: 
Napoleon, diese Synthesis von Unmensch und Über- 
mensch . . • 

17. 

— War es damit vorbei? Wurde jener grösste aller 
Ideal-Gegensätze damit fiir alle Zeiten ad acta gelegt? 
Oder nur vertagt, auf lange vertagt? . . . Sollte es 
nicht irgendwann einmal ein noch viel furchtbareres, 
viel länger vorbereitetes Auflodern des alten Brandes 
geben müssen? Mehr noch: wäre nicht gerade das 
aus allen Kräften zu wünschen? selbst zu wollen? selbst 
zu fördern? . . . Wer an dieser Stelle anfängt, gleich 
meinen Lesern, nachzudenken, weiter zu denken, der 
wird schwerlich bald damit zu Ende kommen, — Grund 
genug für mich, selbst zu Ende zu kommen, voraus- 
gesetzt, dass es längst zur Genüge klar geworden ist, 
was ich will, was ich gerade mit jener gefährlichen 

Nietzsche, Werke Band VTI. 22 



- 338 - 

Losung will, welche meinem letzten Buche auf den 
Leib geschrieben ist: „Jenseits von Gut und 
Böse" . . . Dies heisst zum Mindesten nicht »Jenseits 
von Gut und Schlecht". — — 



Anmerkung. Ich nehme die Gelegenheit wahr, welche diese Ab- 
handlung mir giebt, um einen Wunsch öffentlich und förmlich auszu- 
drücken, der von mir bisher nur in gelegentlichem Gespräche mit Ge- 
lehrten geäussert worden ist: dass nämlich irgend eine philosophische 
Fakultät sich durch eine Reihe akademischer Preisausschreiben um die För- 
derung moralhistorischer Studien verdient machen möge : — vielleicht 
dient dies Buch dazu, einen kräftigen Anstoss gerade in solcher Richtung 
zu geben. In Hinsicht auf eine Möglichkeit dieser Art sei die nachstehende 
Frage in Vorschlag gebracht: sie verdient ebenso sehr die Aufmerksamkeit 
der Philologen und Historiker als die der eigentlichen Philosophie-Gelehrten 
▼on Beruf. 

„Welche Fingerzeige giebt die Sprachwissenschaft, 
insbesondere die etymologische Forschung, für die 
Entwicklungsgeschichte der moralischen Begriffe ab?" 
— Andrerseits ist es freilich ebenso nöthig, die Theilnahme der 
Physiologen imd Mediciner für diese Probleme (vom Werthe der bis- 
herigen Werthschätzungen) zu gewinnen: wobei es den Fach-Philosophen 
überlassen sein mag, auch in diesem einzelnen Falle die Fürsprecher und 
Vermittler zu machen, nachdem es ihnen im Ganzen gelungen ist, das 
ursprünglich so spröde, so misstrauische Verhältniss zwischen Philosophie, 
Physiologie imd Medicin in den freundschaftlichsten und fruchtbringendsten 
Austausch umzugestalten. In der That bedürfen alle Gütertafeln, alle 
„du sollst", von denen die Geschichte oder die ethnologische Forschung 
weiss, zunächst der physiologischen Beleuchtung und Ausdeutung, 
eher jedenfalls noch als der psychologischen; alle insgleichen warten auf 
eine Kritik von Seiten der medicinischen Wissenschaft. Die Frage: was 
ist diese oder jene Gütertafel und „Moral" werth? will unter die ver- 
schiedensten Perspektiven gestellt sein; man kann namentlich das „werth 



— 339 — 

wozu?" nicht fein genug aus einander legen. Etwas zum Beispiel, das 
ersichtlich Werth hätte in Hinsicht auf möglichste Dauerfähigkeit einer 
Rasse (oder auf Steigerung ihrer Anpassungskräfte an ein bestimmtes Klima 
oder auf Erhaltung der grössten Zahl), hätte durchaus nicht den gleichen 
Werth, wenn es sich etwa darum handelte, einen stärkeren Typus heraus- 
zubilden. Das Wohl der Meisten und das Wohl der Wenigsten sind ent- 
gegengesetzte Werth-Gesichtspunkte : an sich schon den ersteren für den 
höherwerthigen zu halten, wollen wir der Naivetät englischer Biologen über- 
lassen ... Alle Wissenschaften haben nunmehr der Zukunfts -Aufgabe 
des Philosophen vorzuarbeiten: diese Aufgabe dahin verstanden, dass der 
Philosoph das Problem vom Werth e zu lösen hat, dass er die 
Rangordnung der Werth e zu bestimmen hat. — 



Zweite Abhandlung: 

„Schuld", „schlechtes Gewissen' 
und Verwandtes. 



I. 

Ein Thier heranzüchten, das versprechen darf 
— ist das nicht gerade jene paradoxe Aufgabe selbst, 
welche sich die Natur in Hinsicht auf den Menschen 
gestellt hat? ist es nicht das eigentliche Problem vom 
Menschen? . . . Dass dies Problem bis zu einem hohen 
Grad gelöst ist, muss Dem um so erstaunlicher er- 
scheinen, der die entgegen wirkende Kraft, die der 
Vergesslichkeit, vollauf zu würdigen weiss. Ver- 
gessHchkeit ist keine blosse vis inertiae, wie die Ober- 
flächlichen glauben, sie ist vielmehr ein aktives, im 
strengsten Sinne positives Hemmungs vermögen, dem es 
zuzuschreiben ist, dass was nur von uns erlebt, erfahren, 
in uns hineingenommen wird, uns im Zustande der Ver- 
dauung (man dürfte ihn „Einverseelung" nennen) ebenso 
wenig in's Bewusstsein tritt, als der ganze tausend- 
fältige Prozess, mit dem sich unsre leibliche Ernährung, 
die sogenannte „Einverleibung" abspielt. Die Thüren 
und Fenster des Bewusstseins zeitweilig schliessen; 
von dem Lärm und Kampf, mit dem unsre Unterwelt 
von dienstbaren Organen für und gegen einander ar- 
beitet, unbehelligt bleiben; ein wenig Stille, ein wenig 
tabula rasa des Bewusstseins, damit wieder Platz wird 
fiir Neues, vor Allem für die vornehmeren Funktionen 



und Funktionäre, für Regieren, Voraussehn, Voraus- 
bestimmen (denn unser Organismus ist oligarchisch 
eingerichtet) — das ist der Nutzen der, wie gesagt, 
aktiven Vergesslichkeit , einer Thürwärterin gleichsam, 
einer Aufrechterhalterin der seelischen Ordnung, der 
Ruhe, der Etiquette: womit sofort abzusehn ist, inwie- 
fern es kein Glück, keine Heiterkeit, keine Hoffnung, 
keinen Stolz, keine Gegenwart geben könnte ohne 
Vergesslichkeit. Der Mensch, in dem dieser Hemmungs- 
apparat beschädigt wird und aussetzt, ist einem Dys- 
peptiker zu vergleichen (und nicht nur zu vergleichen) — 
er wird mit Nichts „fertig" . . . Eben dieses nothwendig 
vergessliche Thier, an dem das Vergessen eine Kraft, 
eine Form der starken Gesundheit darstellt, hat sich 
nun ein Gegenvermögen angezüchtet, ein Gedächtniss, 
mit Hülfe dessen für gewisse Fälle die Vergesslichkeit 
ausgehängt wird, — für die Fälle nämlich, dass ver- 
sprochen werden soll: somit keineswegs bloss ein pas- 
sivisches Nicht -wieder -los -werden -können des einmal 
eingeritzten Eindrucks, nicht bloss die Indigestion an 
einem ein Mal verpfändeten Wort, mit dem man nicht 
wieder fertig wird, sondern ein aktives Nicht - wieder- 
los -werden-wollen, ein Fort- und Fortwollen des ein 
Mal Gewollten, ein eigentliches Gedächtniss des 
Willens: so dass zwischen das ursprüngliche „ich 
will" „ich werde thun" und die eigentliche Entladung 
des Willens, seinen Akt, unbedenklich eine Welt von 
neuen firemden Dingen, Umständen, selbst Willensakten 
dazwischengelegt werden darf, ohne dass diese lange 
Kette des Willens springet. Was setzt das aber Alles 
voraus! Wie muss der Mensch, um dermaassen über 
die Zukunft voraus zu verfügen, erst gelernt haben, 
das nothwendige vom zufälligen Geschehen scheiden, 



- 345 — 

causal denken, das Ferne wie gegenwärtig sehn und 
vorwegnehmen, was Zweck ist, was Mittel dazu ist, mit 
Sicherheit ansetzen, überhaupt rechnen, berechnen 
können, — wie muss dazu der Mensch selbst vorerst 
berechenbar, regelmässig, nothwendig ge- 
worden sein, auch sich selbst für seine eigne Vorstel- 
lung, um endlich dergestalt, wie es ein Versprechender 
thut, für sich als Zukunft gut sagen zu können! 



2. 

Eben das ist die lange Geschichte von der Herkunft 
der Verantwortlichkeit. Jene Aufgabe, ein Thier 
heranzuzüchten, das versprechen darf, schliesst, wie wir 
bereits begriffen haben, als Bedingung und Vorberei- 
tung die nähere Aufgabe in sich, den Menschen zuerst 
bis zu einem gewissen Grade nothwendig, einförmig, 
gleich unter Gleichen, regelmässig und folglich be- 
rechenbar zu machen. Die ungeheure Arbeit dessen, 
was von mir „Sittlichkeit der Sitte" genannt worden 
ist (vergl. Morgenröthe S. 15 f. 21. 24) — die eigentliche 
Arbeit des Menschen an sich selber in der längsten 
Zeitdauer des Menschengeschlechts, seine ganze vor- 
historische Arbeit hat hierin ihren Sinn, ihre grosse 
Rechtfertigung, wie viel ihr auch von Härte, Tyrannei, 
Stumpfsinn und Idiotismus innewohnt : der Mensch 
wurde mit Hülfe der Sittlichkeit der Sitte und der so- 
cialen Zwangsjacke wirklich berechenbar gemacht. 
Stellen wir uns dagegen an's Ende des ungeheuren 
Prozesses, dorthin, wo der Baum endlich seine Früchte 
zeitigt, wo die Societät und ihre Sittlichheit der Sitte 
endlich zu Tage bringt, wozu sie nur das Mittel war: 
so finden wir als reifste Frucht an ihrem Baum das 



— 346 — 

souveraine Individuum, das nur sich selbst gleiche, 
das von der Sittlichkeit der Sitte wieder losgekommene, 
das autonome übersittliche Individuum (denn „autonom" 
und „sittlich" schliesst sich aus), kurz den Menschen 
des eignen unabhängigen langen Willens, der ver- 
sprechen darf — und in ihm ein stolzes, in allen 
Muskeln zuckendes Bewusstsein davon, was da endlich 
errungen und in ihm leibhaft geworden ist, ein eigent- 
liches Macht - und Freiheits - Bewusstsein , ein Voll- 
endungs- Gefühl des Menschen überhaupt Dieser Frei- 
gewordne, der wirklich versprechen darf, dieser Herr 
des freien Willens, dieser Souverain — wie sollte er 
es nicht wissen, welche Überlegenheit er damit vor 
Allem voraus hat, was nicht versprechen und für sich 
selbst gut sagen darf, wie viel Vertrauen, wie viel 
Furcht, wie viel Ehrfurcht er erweckt — er „verdient" 
alles Dreies — und wie ihm, mit dieser Herrschaft über 
sich, auch die Herrschaft über die Umstände, über die 
Natur und alle willenskürzeren und unzuverlässigeren 
Creaturen nothwendig in die Hand gegeben ist? Der 
„freie" Mensch, der Inhaber eines langen unzerbrech- 
lichen Willens, hat in diesem Besitz auch sein Werth- 
maass: von sich aus nach den Andern hinblickend, 
ehrt er oder verachtet er; und eben so nothwendig als 
er die ihm Gleichen, die Starken und Zuverlässigen 
(die welche versprechen dürfen) ehrt, — also Jeder- 
mann, der wie ein Souverain verspricht, schwer, selten, 
langsam, der mit seinem Vertrauen geizt, der aus- 
zeichnet, wenn er vertraut, der sein Wort giebt als 
Etwas, auf das Verlass ist, weil er sich stark genug 
weiss, es selbst gegen Unfälle, selbst „gegen dcis 
Schicksal" aufrecht zu halten — : eben so nothwendig 
wird er seinen Fusstritt für die schmächtigen Wind- 



— 347 — 

hunde bereit halten, welche versprechen, ohne es zu 
dürfen, und seine Zuchtruthe für den Lügner, der sein 
Wort bricht, im Augenblick schon, wo er es im Munde 
hat. Das stolze Wissen um das ausserordentliche Pri- 
vilegium der Verantwortlichkeit, das Bewusstsein 
dieser seltenen Freiheit, dieser Macht über sich und 
das Geschick hat sich bei ihm bis in seine unterste 
Tiefe hinabgesenkt und ist zum Instinkt geworden, zum 
dominirenden Instinkt: — wie wird er ihn heissen, 
diesen dominirenden Instinkt, gesetzt, dass er ein Wort 
dafür bei sich nöthig hat? Aber es ist kein Zweifel: 
dieser souveraine Mensch heisst ihn sein Gewissen . . . 



3. 

Sein Gewissen? ... Es lässt sich voraus errathen, 
dass der Begriff „Gewissen", dem wir hier in seiner 
höchsten, fast befremdlichen Ausgestaltung begegnen, 
bereits eine lange Geschichte und Form -Verwandlung 
hinter sich hat. Für sich gut sagen dürfen und mit 
Stolz, also auch zu sich Ja sagen dürfen — das ist, 
wie gesagt, eine reife Frucht, aber auch eine späte 
Frucht: — wie lange musste diese Frucht herb und 
sauer am Baume hängen! Und eine noch viel längere 
Zeit war von einer solchen Frucht gar nichts zu sehn, 
— Niemand hätte sie versprechen dürfen, so gewiss 
auch Alles am Baume vorbereitet und gerade auf sie 
hin im Wachsen war! — „Wie macht man dem Men- 
schen -Thiere ein Gedächtniss? Wie prägt man diesem 
theils stumpfen, theils faseligen Augenblicks -Verstände, 
dieser leibhaften Vergesslichkeit Etwas so ein, dass es 
gegenwärtig bleibt?" . . . Dies uralte Problem ist, wie 
man denken kann, nicht gerade mit zarten Antworten 



- 348 - 

und Mitteln gelöst worden; vielleicht ist sogar nichts 
furchtbarer und unheimlicher an der ganzen Vorge- 
schichte des Menschen, als seine Mnemotechnik. „Man 
brennt Etwas ein, damit es im Gedächtniss bleibt: nur 
was nicht aufhört, weh zu thun, bleibt im Gedächtniss'* 
— das ist ein Hauptsatz aus der allerältesten (leider 
auch allerlängsten) Psychologie auf Erden. Man möchte 
selbst sagen , dass überall, wo es jetzt noch auf 
Erden Feierlichkeit, Ernst, Geheimniss, düstere Farben 
im Leben von Mensch und Volk giebt, Etwas von der 
Schrecklichkeit nachwirkt, mit der ehemals überall 
auf Erden versprochen, verpfändet, gelobt worden ist: 
die Vergangenheit, die längste tiefste härteste Ver- 
gangenheit, haucht uns an und quillt in uns herauf, 
wenn wir „ernst" werden. Es gieng niemals ohne Blut, 
Martern, Opfer ab, wenn der Mensch es nöthig hielt, 
sich ein Gedächtniss zu machen; die schauerlichsten 
Opfer und Pfänder (wohin die Erstlingsopfer gehören), 
die widerlichsten Verstümmelungen (zum Beispiel die 
Castrationen) , die grausamsten Ritualformen aller reli- 
giösen Culte (und alle Religionen sind auf dem unter- 
sten Grunde Systeme von Grausamkeiten) — alles Das 
hat in jenem Instinkte seinen Ursprung, welcher im 
Schmerz das mächtigste Hülfsmittel der Mnemonik er- 
rieth. In einem gewissen Sinne gehört die ganze As- 
ketik hierher: ein paar Ideen sollen unauslöschlich, 
allgegenwärtig, unvergessbar, „fix" gemacht werden, 
zum Zweck der Hypnotisirung des ganzen nervösen und 
intellektuellen Systems durch diese „fixen Ideen" — und 
die asketischen Prozeduren und Lebensformen sind das 
Mittel dazu, um jene Ideen aus der Concurrenz mit allen 
übrigen Ideen zu lösen, um sie „unvergesslich" zu machen. 
Je schlechter die Menschheit „bei Gedächtniss" war, um 



— 349 — 

so furchtbarer ist immer der Aspekt ihrer Bräuche; 
die Härte der Strafgesetze giebt in Sonderheit einen 
Maassstab dafür ab, wie viel Mühe sie hatte, gegen die 
Vergesslichkeit zum Sieg zu kommen und ein paar 
primitive Erfordernisse des socialen Zusammenlebens 
diesen Augenblicks-Sklaven des Affekts und der Be- 
gierde gegenwärtig zu erhalten. Wir Deutschen be- 
trachten uns gewiss nicht als ein besonders grausames 
imd hartherziges Volk, noch weniger als besonders 
leichtfertig und in-den-Tag-hineinleberisch; aber man 
sehe nur unsre alten Strafordnungen an, um dahinter 
zu kommen, was es auf Erden für Mühe hat, ein „Volk 
von Denkern" heranzuzüchten (will sagen: das Volk 
Europa's, unter dem auch heute noch das Maximum 
von Zutrauen, Ernst, Geschmacklosigkeit und Sachlich- 
keit zu finden ist und das mit diesen Eigenschaften 
ein Anrecht darauf hat, alle Art von Mandarinen Eu- 
ropa's heran zu züchten). Diese Deutschen haben sich 
mit furchtbaren Mitteln ein Gedächtniss gemacht, um 
über ihre pöbelhaften Grund -Instinkte und deren bru- 
tale Plumpheit Herr zu werden: man denke an die 
alten deutschen Strafen, zum Beispiel an das Steinigen 
( — schon die Sage lässt den Mühlstein auf das Haupt 
des Schuldigen fallen), das Rädern (die eigenste Er- 
findung und Spezialität des deutschen Genius im Reich 
der Strafe!), das Werfen mit dem Pfahle, das Zerreissen- 
oder Zertretenlassen durch Pferde (das „Viertheilen"), 
das Sieden des Verbrechers in öl oder Wein (noch im 
vierzehnten und fünfzehnten Jahrhundert), das beliebte 
Schinden („Riemenschneiden"), das Herausschneiden des 
Fleisches aus der Brust; auch wohl dass man den 
Übelthäter mit Honig bestrich und bei brennender 
Sonne den Fliegen überliess. Mt Hülfe solcher Bilder 



— 350 — 

und Vorgänge behält man endlich fünf, sechs „ich will 
nicht" im Gedächtnisse, in Bezug auf welche man sein 
Versprechen gegeben hat, um unter den Vortheilen 
der Societät zu leben, — und wirklich ! mit Hülfe dieser 
Art von Gedächtniss kam man endlich „zur Ver- 
nunft"! — Ah, die Vernunft, der Ernst, die Herrschaft 
über die Affekte, diese ganze düstere Sache, welche 
Nachdenken heisst, alle diese Vorrechte und Prunk- 
stücke des Menschen: wie theuer haben sie sich bezahlt 
gemacht! wie viel Blut und Grausen ist auf dem Grunde 
aller „guten Dinge"! . . . 

4- 
Aber wie ist denn jene andre „düstre Sache", das 
Bewusstsein der Schuld, das ganze „schlechte Gewissen" 
auf die Welt gekommen? — Und hiermit kehren wir zu 
unsern Genealogen der Moral zurück. Nochmals ge- 
sagt — oder habe ich's noch gar nicht gesagt? — sie 
taugen nichts. Eine fünf Spannen lange eigne, bloss 
„moderne" Erfahrung; kein Wissen, kein Wille zum 
Wissen des Vergangnen; noch weniger ein historischer 
Instinkt, ein hier gerade nöthiges „zweites Gesicht" — 
und dennoch Geschichte der Moral treiben: das muss 
billigerweise mit Ergebnissen enden, die zur Wahrheit 
in einem nicht bloss spröden Verhältnisse stehn. Haben 
sich diese bisherigen Genealogen der Moral auch nur 
von Ferne Etwas davon träumen lassen, dass zum 
Beispiel jener moralische Hauptbegriff „Schuld" seine 
Herkunft aus dem sehr materiellen Begriff „Schulden" 
genommen hat? Oder dass die Strafe als eine Vergel- 
tung sich vollkommen abseits von jeder Voraussetzung 
über Freiheit oder Unfreiheit des Willens entwickelt 
hat? — und dies bis zu dem Grade, dass es vielmehr 



— 351 — 

immer erst einer hohen Stufe der Vermenschlichung 
bedarf, damit das Thier „INIensch" anfängt, jene viel 
primitiveren Unterscheidungen „absichtlich" „fahrlässig^' 
„zufällig" „zurechnungsfähig" und deren Gegensätze zu 
machen und bei der Zumessung der Strafe in Anschlag 
zu bringen. Jener jetzt so wohlfeile und scheinbar so 
natürliche, so unvermeidliche Gedanke, der wohl gar 
zur Erklärung, wie überhaupt das Gerechtigkeitsgefühl 
auf Erden zu Stande gekommen ist, hat herhalten 
müssen, „der Verbrecher verdient Strafe, weil er hätte 
anders handeln können", ist thatsächlich eine überaus 
spät erreichte, ja raffinirte Form des menschlichen 
Urtheilens und Schliessens; wer sie in die Anfänge 
verlegt, vergreift sich mit groben Fingern an der Psy- 
chologie der älteren Menschheit. Es ist die längste 
Zeit der menschlichen Geschichte hindurch durchaus 
nicht gestraft worden, weil man den Übelanstifter für 
seine That verantwortlich machte, also nicht unter 
der Voraussetzung, dass nur der Schuldige zu strafen 
sei: — vielmehr, so wie jetzt noch Eltern ihre Kinder 
strafen, aus Zorn über einen erlittenen Schaden, der sich 
am Schädiger auslässt, — dieser Zorn aber in Schranken 
gehalten und modifizirt durch die Idee, dass jeder Scha- 
den irgend worin sein Äquivalent habe und wirklich 
abgezahlt werden könne, sei es selbst durch einen 
Schmerz des Schädigers. Woher diese uralte, tiefge- 
wurzelte, vielleicht jetzt nicht mehr ausrottbare Idee ihre 
Macht genommen hat, die Idee einer Äquivalenz von 
Schaden und Schmerz? Ich habe es bereits verrathen; 
in dem Vertragsverhältniss zwischen Gläubiger und 
Schuldner, das so alt ist als es überhaupt „Rechtssub- 
jekte" giebt und seinerseits wieder auf die Grundformen von 
Kauf, Verkauf, Tausch, Handel und Wandel zurückweist 



— 352 — 



5. 
Die Vergegenwärtigung dieser Vertragsverhältnisse 
weckt allerdings, wie es nach dem Voraus-Bemerkten 
von vornherein zu erwarten steht, gegen die ältere 
Menschheit, die sie schuf oder gestattete, mancherlei 
Verdacht und Widerstand. Hier gerade wird ver- 
sprochen; hier gerade handelt es sich darum, Dem, 
der verspricht, ein Gedächtniss zu machen; hier ge- 
rade, so darf man argwöhnen, wird eine Fundstätte für 
Hartes, Grausames, Peinliches sein. Der Schuldner, 
um Vertrauen für sein Versprechen der Zurückbezahlung 
einzuflössen, um eine Bürgschaft für den Ernst und die 
Heiligkeit seines Versprechens zu geben, um bei sich 
selbst die Zurückbezahlung als Pflicht, Verpflichtung 
seinem Gewissen einzuschärfen, verpfändet Kraft eines 
Vertrags dem Gläubiger für den Fall, dass er nicht 
zahlt, Etwas, das er sonst noch „besitzt", über das er 
sonst noch Gewalt hat, zum Beispiel seinen Leib oder 
sein Weib oder seine Freiheit oder auch sein Leben 
(oder , unter bestimmten religiösen Voraussetzungen , 
selbst seine Seligkeit, sein Seelen -Heil, zuletzt gar den 
Frieden im Grabe: so in Ägypten, wo der Leichnam 
des Schuldners auch im Grabe vor dem Gläubiger keine 
Ruhe fand, — es hatte allerdings gerade bei den 
Ägyptern auch etwas auf sich mit dieser Ruhe). 
Namentlich aber konnte der Gläubiger dem Leibe des 
Schuldners alle Arten Schmach und Folter anthun, zum 
Beispiel so viel davon herunterschneiden als der Grösse 
der Schuld angemessen schien: — und es gab früh- 
zeitig und überall von diesem Gesichtspunkte aus ge- 
naue, zum Theil entsetzlich in's Kleine und Kleinste 
gehende Abschätzungen, zu Recht bestehende Ab- 



— 353 - 

Schätzungen der einzelnen Glieder und Körperstellen. 
Ich nehme es bereits als Fortschritt, als Beweis freierer, 
gfrösser rechnender, römischerer Rechtsauffassung, 
wenn die Zwölftafel -Gesetzgebung Rom's dekretierte, es 
sei gleichgültig, wie viel oder wie wenig die Gläubiger 
in einem solchen Falle herunterschnitten „si plus mi- 
nusve secueruni, ne fraude esto". Machen wir uns die 
Logik dieser ganzen Ausgleichungsform klar: sie ist 
fremdartig genug. Die Äquivalenz ist damit gegeben, 
dass an Stelle eines gegen den Schaden direkt auf- 
kommenden Vortheils (also an Stelle eines Ausgleichs 
in Geld, Land, Besitz irgend welcher Art) dem Gläu- 
biger eine Art Wohlgefühl als Rückzahlung und 
Ausgleich zugestanden wird, — das Wohlgefiihl , seine 
Macht an einem Machtlosen unbedenklich auslassen zu 
dürfen, die Wollust „de faire le mal pour le platsir de le 
faire", der Genuss in der Vergewaltigung: als welcher 
Genuss um so höher geschätzt wird, je tiefer und nie- 
driger der Gläubiger in der Ordnung der Gesellschaft 
steht, und leicht ihm als köstlichster Bissen, ja als 
Vorgeschmack eines höheren Rangs erscheinen kann. 
Vermittelst der „Strafe" am Schuldner nimmt der 
Gläubiger an einem Herren-Rechte theil: endlich 
kommt auch er ein Mal zu dem erhebenden Gefühle, 
ein Wesen als ein „Unter-sich" verachten und misshandeln 
zu dürfen — oder wenigstens, im Falle die eigentliche 
Strafgewalt, der Strafvollzug schon an die „Obrigkeit" 
übergegangen ist, es verachtet und misshandelt zu 
sehen. Der Ausgleich besteht also in einem Anweis 
und Anrecht auf Grausamkeit — 



Nietzsche, Werke band VII. «3 



— 354 — 

6. 

In dieser Sphäre, im Obligationen -Rechte also, 
hat die moralische Begriffswelt „Schuld", „Gewissen", 
„Pflicht", „Heiligkeit der Pflicht" ihren Entstehungs- 
heerd, — ihr Anfang ist, wie der Anfang alles Grossen 
auf Erden, gründlich und lange mit Blut begossen 
worden. Und dürfte man nicht hinzufügen, dass jene 
Welt im Grunde einen gewissen Geruch von Blut und 
Folter niemals wieder ganz eingebüsst habe? (selbst 
beim alten Kant nicht: der kategorische Imperativ 
riecht nach Grausamkeit . . .) Hier ebenfalls ist jene 
unheimliche und vielleicht unlösbar gewordne Ideen- 
Verhäkelung „Schuld und Leid" zuerst eingehäkelt 
worden. Nochmals gefragt: in wiefern kann Leiden 
eine Ausgleichung von „ Schulden " sein ? Insofern 
Leiden- machen im höchsten Grade wohl that, insofern 
der Geschädigte für den Nachtheil, hinzugerechnet die 
Unlust über den Nachtheil, einen ausserordentlichen 
Gegen -Genuss eintauschte: das Leiden -machen, — 
ein eigentliches Fest, Etwas das, wie gesagt, um 
so höher im Preise stand, je mehr es dem Range und 
der gesellschafdichen Stellung des Gläubigers wider- 
sprach. Dies vermuthungsweise gesprochen: denn sol- 
chen unterirdischen Dingen ist schwer auf den Grund 
zu sehn , abgesehn davon , dass es peinlich ist ; und 
wer hier den Begriff der „Rache" plump dazwischen 
wirft, hat sich den Einblick eher noch verdeckt und 
verdunkelt als leichter gemacht ( — Rache selbst führt 
ja eben auf das gleiche Problem zurück: „wie kann 
Leiden-machen eine Genugthuung sein?"). Es widersteht, 
wie mir scheint, der Delikatesse, noch mehr der Tar- 
tüfferie zahmer Hausthiere (wül sagen modemer Men- 
schen, will sagen uns), es sich in aller Kraft vorstellig 



— 355 — 

zu machen, bis zu welchem Grade die Grausamkeit 
die grosse Festfreude der älteren Menschheit aus- 
macht, ja als Ingredienz fast jeder ihrer Freuden zu- 
gemischt ist; wie naiv andrerseits, wie unschuldig ihr 
Bedürfniss nach Grausamkeit auftritt, wie grundsätzlich 
gerade die „uninteressirte Bosheit" (oder, mit Spinoza 
zu reden, die sympathia tnalevolens) von ihr als nor- 
male Eigenschaft des Menschen angesetzt wird — : 
somit als Etwas, zu dem das Gewissen herzhaft Ja sagtl 
Für ein tieferes Auge wäre vielleicht auch jetzt noch 
genug von dieser ältesten und gründlichsten Festfreude 
des Menschen wahrzunehmen; in „Jenseits von Gut und 
Böse" S. 125 ff. (früher schon in der „Morgenröthe" 
S. 25. 76. iio f.) habe ich mit vorsichtigem Finger auf 
die immer wachsende Vergeistigung und „Vergött- 
lichung" der Grausamkeit hingezeigt, welche sich durch 
die ganze Geschichte der höheren Cultur hindurchzieht 
(und, in einem bedeutenden Sinne genommen, sie sogar 
ausmacht). Jedenfalls ist es noch nicht zu lange her, 
dass man sich fürstliche Hochzeiten und Volksfeste 
grössten Stils ohne Hinrichtungen, Folterungen oder 
etwa ein Autodafe nicht zu denken wusste, insgleichen 
keinen vornehmen Haushalt ohne Wesen, an denen man 
unbedenklich seine Bosheit und grausame Neckerei aus- 
lassen konnte ( — man erinnere sich etwa Don Quixote's 
am Hofe der Herzogin: wir lesen heute den ganzen Don 
Quixote mit einem bittren Geschmack auf der Zunge, 
fast mit einer Tortur und würden damit seinem Urheber 
und dessen Zeitgenossen sehr fremd, sehr dunkel sein, — 
sie lasen ihn mit allerbestem Gewissen als das heiterste 
der Bücher, sie lachten sich an ihm fast zu Tod). Lei- 
den -sehn thut wohl, Leiden -machen noch wohler — 
das ist ein harter Satz, aber ein alter mächtiger mensch- 

23* 



OÖ 



6 — 



lieh - allzumenschlicher Hauptsatz, den übrigens viel- 
leicht auch schon die Affen unterschreiben würden: 
denn man erzählt, dass sie im Ausdenken von bizarren 
Grausamkeiten den Menschen bereits reichlich ankün- 
digen und gleichsam „vorspielen". Ohne Grausamkeit 
kein Fest: so lehrt es die älteste, längste Geschichte 
des Menschen — und auch an der Strafe ist so viel 
Festliches! — 

7. 

— Mit diesen Gedankien, nebenbei gesagt, bin ich 
durchaus nicht Willens, unsren Pessimisten zu neuem 
Wasser auf ihre misstönigen und knarrenden Mühlen 
des Lebensüberdrusses zu verhelfen; im Gegentheil soll 
ausdrückhch bezeugt sein, dass damals, als die Mensch- 
heit sich ihrer Grausamkeit noch nicht schämte, das 
Leben heiterer auf Erden war als jetzt, wo es Pessi- 
misten giebt Die Verdüsterung des Himmels über 
dem Menschen hat immer im Verhältniss dazu über- 
hand genommen, als die Scham des Menschen vor dem 
Menschen gewachsen ist. Der müde pessimistische 
Blick, das Misstrauen zum Räthsel des Lebens, das 
eisige Nein des Ekels am Leben — das sind nicht 
die Abzeichen der bösesten Zeitalter des Menschen- 
geschlechts; sie treten vielmehr erst an das Tageslicht, 
als die Sump^flanzen, die sie sind, wenn der Sumpf 
da ist, zu dem sie gehören, — ich meine die krankhafte 
Verzärtlichung und Vermoralisirung, vermöge deren dcis 
Gethier „Mensch" sich schliesslich aller seiner Instinkte 
schämen lernt. Auf dem Wege zum „Engel" (um hier 
nicht ein härteres Wort zu gebrauchen) hat sich der 
Mensch jenen verdorbenen Magen und jene belegte 
Zunge angezüchtet, durch die ihm nicht nur die Freude 



— 357 — 

und Unschuld des Thiers widerlich, sondern das Leben 
selbst unschmackhaft geworden ist: — so dass er mit- 
unter vor sich selbst mit zugehaltener Nase dasteht und 
mit Papst Innocenz dem Dritten missbilligend den Kata- 
log seiner Widerwärtigkeiten macht („unreine Erzeugung, 
ekelhafte Ernährung im Mutterleibe, Schlechtigkeit des 
Stofifs, aus dem der Mensch sich entwickelt, scheusslicher 
Gestank, Absonderung von Speichel, Urin und Koth"). 
Jetzt, wo das Leiden immer als erstes unter den Argu- 
menten gegen das Dasein auftnarschiren muss, als 
dessen schlimmstes Fragezeichen, thut man grit, sich der 
Zeiten zu erinnern, wo man umgekehrt urtheilte, weil 
man das Leiden -machen nicht entbehren mochte und 
in ihm einen Zauber ersten Rangs, einen eigentlichen 
Verfiihrungs - Köder zum Leben sah. Vielleicht that 
damals — den Zärtlingen zum Trost gesagt — der 
Schmerz noch nicht so weh wie heute; wenigstens wird 
ein Arzt so schliessen dürfen, der Neger (diese als Re- 
präsentanten des vorgeschichtlichen Menschen genom- 
men — ) bei schweren inneren Entzündungsfällen be- 
handelt hat, welche auch den bestorganisirten Europäer 
fast zur Verzweiflung bringen; — bei Negern thun sie 
dies nicht. (Die Curve der menschlichen Schmerzfähig- 
keit scheint in der That ausserordenthch und fast plötzlich 
zu sinken, sobald man erst die oberen Zehn-Tausend 
oder Zehn-Millionen der Übercultur hinter sich hat; und 
ich für meine Person zweifle nicht, dass, gegen Eine 
schmerzhafte Nacht eines einzigen hysterischen Bildungs- 
Weibchens gehalten, die Leiden aller Thiere insgesammt, 
welche bis jetzt zum Zweck wissenschaftlicher Ant- 
worten mit dem Messer befragt worden sind, einfach 
nicht in Betracht kommen.) Vielleicht ist es sogar er- 
laubt, die Möglichkeit zuzulassen, dass auch jene Lust 



— 358 — 

an der Grausamkeit eigentlich nicht ausgestorben zu 
sein brauchte: nur bedürfte sie, im Verhältniss dazu, 
wie heute der Schmerz mehr weh thut, einer gewissen 
Sublimirung und Subtilisirung , sie müsste namentlich 
in's Imaginative und Seelische übersetzt auftreten und 
geschmückt mit lauter so unbedenklichen Namen, dass 
von ihnen her auch dem zartesten hypokritischen Ge- 
wissen kein Verdacht kommt (das „tragische Mitleiden" 
ist ein solcher Name; ein andrer ist „les nostalgies de 
la croix"). Was eigentlich gegen das Leiden empört, 
ist nicht das Leiden an sich, sondern das Sinnlose des 
Leidens: aber weder ftir den Christen, der in das 
Leiden eine ganze geheime Heils - Maschinerie hinein- 
interpretirt hat, noch ftir den naiven Menschen älterer 
Zeiten, der alles Leiden sich in Hinsicht auf Zuschauer 
oder auf Leiden - Macher auszulegen verstand, gab es 
überhaupt ein solches sinnloses Leiden. Damit das 
verborgne, unentdeckte, zeugenlose Leiden aus der Welt 
geschafft und ehrlich negirt werden konnte, war man 
damals beinahe dazu genöthigt, Götter zu erfinden und 
Zwischenwesen aller Höhe und Tiefe, kurz Etwas, das 
auch im Verborgnen schweift, das auch im Dunklen 
sieht und das sich nicht leicht ein interessantes schmerz- 
haftes Schauspiel entgehen lässt. Mit Hülfe solcher 
Erfindungen nämlich verstand sich damals das Leben 
auf das Kunststück, auf das es sich immer verstanden 
hat, sich selbst zu rechtfertigen, sein „Übel" zu recht- 
fertigen; jetzt bedürfte es vielleicht dazu andrer Hülfs- 
Erfindungen (zum Beispiel Leben als Räthsel, Leben 
als Erkenntnissproblem). „Jedes Übel ist gerechtfertigt, 
an dessen Anblick ein Gott sich erbaut": so klang die 
vorzeitliche Logik des Gefühls — und wirklich, war es 
nur die vorzeitliche? Die Götter als Freunde grau- 



— 359 — 

samer Schauspiele gedacht — oh wie weit ragt diese 
uralte Vorstellung selbst noch in unsre europäische 
Vermenschlichung hinein! man mag hierüber etwa mit 
Calvin und Luther zu Rathe gehn. Gewiss ist jeden- 
falls, dass noch die Griechen ihren Göttern keine an- 
genehmere Zukost zu ihrem Glücke zu bieten wussten, 
als die Freuden der Grausamkeit Mit welchen Augen 
glaubt ihr denn, dass Homer seine Götter auf die 
Schicksale der Menschen niederblicken Hess? Welchen 
letzten Sinn hatten im Grunde trojanische Kriege und 
ähnliche tragische Furchtbarkeiten? Man kann gar nicht 
daran zweifeln : sie waren als Festspiele für die 
Götter gemeint: und, insofern der Dichter darin mehr 
als die übrigen Menschen „göttlich" geartet ist, wohl 
auch als Festspiele für die Dichter . . . Nicht anders 
dachten sich später die Moral-Philosophen Griechenlands 
die Augen Gottes noch auf das moralische Ringen, auf 
den Pleroismus und die Selbstquälerei des Tugendhaften 
herabblicken: der „Herakles der Pflicht" war auf einer 
Bühne, er wusste sich auch darauf; die Tugend ohne 
Zeugen war für dies Schauspieler -Volk etwas ganz Un- 
denkbares. Sollte nicht jene so verwegene, so verhäng- 
nissvolle Philosophen-Erfindung, welche damals zuerst 
für Europa gemacht wurde, die vom „freien Willen", 
von der absoluten Spontaneität des Menschen im Guten 
und im Bösen, nicht vor Allem gemacht sein, um sich 
ein Recht zu der Vorstellung zu schaffen, dass das 
Interesse der Götter am Menschen, an der menschlichen 
Tugend sich nie erschöpfen könne? Auf dieser 
Erden-Bühne sollte es niemals an wirklich Neuem, an 
wirklich unerhörten Spannungen, Verwicklungen, Kata- 
strophen gebrechen: eine vollkommen deterministisch 
gedachte Welt würde für Götter errathbar und folglich 



— 3^o — 

in Kürze auch ermüdend gewesen sein, — Grund ge- 
nug für diese Freunde der Götter, die Philosophen, 
ihren Göttern eine solche deterministische Welt nicht 
zuzumuthen! Die ganze antike Menschheit ist voll von 
zarten Rücksichten auf „den Zuschauer", als eine we- 
sentlich öffentliche, wesentlich augenfällige Welt, die 
sich das Glück nicht ohne Schauspiele und Feste zu 
denken wusste. — Und, wie schon gesagt, auch an der 
grossen Strafe ist so viel Festliches 1 . . . 



8. 

Das Gefühl der Schuld, der persönlichen Verpflich- 
tung, um den Gang unsrer Untersuchung wieder auf- 
zunehmen, hat, wie wir sahen, seinen Ursprung in dem 
ältesten und ursprünglichsten Personen -Verhältniss, das 
es giebt, gehabt, in dem Verhältniss zwischen Käufer 
und Verkäufer, Gläubiger und Schuldner: hier trat 
zuerst Person gegen Person, hier maass sich zuerst 
Person an Person. Man hat keinen noch so niedren 
Grad von Civilisation aufgefunden, in dem nicht schon 
Etwas von diesem Verhältnisse bemerkbar würde. 
Preise machen, Werthe abmessen, Äquivalente aus- 
denken, tauschen — das hat in einem solchen Maasse 
das allererste Denken des Menschen präoccupirt, dass 
es in einem gewissen Sinne das Denken ist: hier ist 
die älteste Art Scharfsinn heran gezüchtet worden, hier 
möchte ebenfalls der erste Ansatz des menschlichen 
Stolzes, seines Vorränge-Gefühls in Hinsicht auf anderes 
Gethier zu vermuthen sein. Vielleicht drückt noch 
unser Wort „Mensch" {manas) gerade etwas von die- 
sem Selbstgefühl aus: der Mensch bezeichnete sich als 
das Wesen, welches Werthe misst, werthet und misst, 



als das „abschätzende Thier an sich". Kauf und Ver- 
kauf, sammt ihrem psychologischen Zubehör, sind älter 
als selbst die Anfänge irgend welcher gesellschaftlichen 
Organisationsformen und Verbände: aus der rudimen- 
tärsten Form des Personen-Rechts hat sich vielmehr das 
keimende Gefühl von Tausch, Vertrag, Schuld, Recht, 
Verpflichtung, Ausgleich erst auf die gröbsten und 
anfänglichsten Gemeinschafts -Complexe (in deren Ver- 
hältniss zu ähnlichen Complexen) übertragen, zu- 
gleich mit der Gewohnheit, Macht an Macht zu ver- 
gleichen, zu messen, zu berechnen. Das Auge war 
nun einmal für diese Perspektive eingestellt: und mit 
jener plumpen Consequenz, die dem schwerbeweglichen, 
aber dann unerbittlich in gleicher Richtung weitergehen- 
den Denken der älteren Menschheit eigenthümlich ist, 
langte man alsbald bei der grossen Verallgemeinerung 
an „jedes Ding hat seinen Preis; Alles kann abgezahlt 
werden" — dem ältesten und naivsten Moral-Kanon der 
Gerechtigkeit, dem Anfange aller „Gutmüthigkeit", 
aller „Billigkeit", alles „gnten Willens", aller „Objektivität" 
auf Erden. Gerechtigkeit auf dieser ersten Stufe ist der 
gute Wille unter ungefähr Gleichmächtigen, sich mit 
einander abzufinden, sich durch einen Ausgleich wieder 
zu „verständigen" — und, in Bezug auf weniger Mächtige, 
diese unter sich zu einem Ausgleich zu zwingen. — 



9. 

Immer mit dem Maasse der Vorzeit gemessen 
(welche Vorzeit übrigens zu allen Zeiten da ist oder 
wieder möglich ist): so steht auch das Gemeinwesen 
zu seinen Gliedern in jenem wichtigen Grrundverhält- 
nisse, dem des Gläubigers zu seinen Schuldnern. Man 



— 362 — 

lebt in einem Gemeinwesen, man geniesst die Vortheile 
eines Gemeinwesens (oh was für Vortheile! wir unter- 
schätzen es heute mitunter), man wohnt geschützt, ge- 
schont, im Frieden und Vertrauen, sorglos in Hinsicht 
auf gewisse Schädigungen und Feindseligkeiten, denen 
der Mensch ausserhalb, der „Friedlose", ausgesetzt ist 
— ein Deutscher versteht, was „Elend" (ßlend) ursprüng- 
lich besagen will — , wie man sich gerade in Hinsicht 
auf diese Schädigungen und Feindseligkeiten der Ge- 
meinde verpfändet und verpflichtet hat. Was wird im 
andren Fall geschehn? Die Gemeinschaft, der ge- 
täuschte Gläubiger, wird sich bezahlt machen, so gut 
er kann, darauf darf man rechnen. Es handelt sich 
hier am wenigsten um den unmittelbaren Schaden, den 
der Schädiger angestiftet hat: von ihm noch abgesehn, 
ist der Verbrecher vor allem ein „Brecher", ein Ver- 
trags- und Wortbrüchiger gegen das Ganze, in Be- 
zug auf alle Güter und Annehmlichkeiten des Gemein- 
lebens, an denen er bis dahin Antheil gehabt hat Der 
Verbrecher ist 'ein Schuldner, der die ihm erwiesenen 
Vortheile und Vorschüsse nicht nur nicht zurückzahlt, 
sondern sich sogar an seinem Gläubiger vergreift: daher 
geht er von nun an, wie billig, nicht nur aller dieser 
Güter und Vortheile verlustig, — er wird vielmehr jetzt 
daran erinnert, was es mit diesen Gütern auf sich 
hat Der Zorn des geschädigten Gläubigers, des Ge- 
meinwesens, giebt ihn dem wilden und vogelfreien Zu- 
stande wieder zurück, vor dem er bisher behütet war. 
es stösst ihn von sich, — und nun darf sich jede Art 
Feindseligkeit an ihm auslassen. Die „Strafe" ist auf 
dieser Stufe der Gesittung einfach das Abbild, der 
Mimus des normalen Verhaltens gegen den gehassten, 
wehrlos gemachten, niedergeworfnen Feind, der nicht 



— 363 — 

nur jedes Rechtes und Schutzes, sondern auch jeder 
Gnade verlustig gegangen ist; also das Kriegsrecht 
und Siegesfest des vae vidtsl in aller Schonungslosig- 
keit und Grausamkeit: — woraus es sich erklärt, dass 
der Krieg selbst (eingerechnet der kriegerische Opfer- 
cult) alle die Formen hergegeben hat, unter denen 
die Strafe in der Geschichte auftritt 



10. 

Mit erstarkender Macht nimmt ein Gemeinwesen 
die Vergehungen des Einzelnen nicht mehr so wichtig, 
weil sie ihm nicht mehr in gleichem Maasse wie früher 
für das Bestehn des Ganzen als gefährlich und um- 
stürzend gelten dürfen: der Übelthäter wird nicht mehr 
„friedlos gelegt" und ausgestossen, der allgemeine Zorn 
darf sich nicht mehr wie früher dermaassen zügellos 
an ihm auslassen, — vielmehr wird von nun an der 
Übelthäter gegen diesen Zorn, sonderlich den der 
unmittelbar Geschädigten, vorsichtig von Seiten des 
Ganzen vertheidigt und in Schutz genommen. Der 
Compromiss mit dem Zorn der zunächst durch die 
Übelthat Betroffenen; ein Bemühen darum, den Fall zu 
lokalisiren und einer weiteren oder gar allgemeinen 
Betheiligung und Beunruhigung vorzubeugen; Versuche, 
Äquivalente zu finden und den ganzen Handel beizu- 
legen (die co7npositiö)\ vor allem der immer bestimmter 
auftretende Wille, jedes Vergehn als in irgend einem 
Sinne abzahlbar zu nehmen, also, wenigstens bis zu 
einem gewissen Maasse, den Verbrecher und seine That 
von einander zu isoliren — das sind die Züge, die 
der ferneren Entwicklung des Strafrechts immer deut- 
licher aufgeprägt sind. Wächst die Macht und das 



— 364 — 

Selbstbewusstsein eines Gemeinwesens, so mildert sich 
immer auch das Strafrecht; jede Schwächung und tiefere 
Gefährdung von jenem bringt dessen härtere Formen 
wieder an's Licht. Der „Gläubiger" ist immer in dem 
Grade menschlicher geworden, als er reicher geworden 
ist; zuletzt ist es selbst das Maass seines Reichthums, 
wie viel Beeinträchtigung er aushalten kann, ohne daran 
zu leiden. Es wäre ein Machtbewusstsein der Ge- 
sellschaft nicht undenkbar, bei dem sie sich den vor- 
nehmsten Luxus gönnen dürfte, den es für sie giebt, — 
ihren Schädiger straflos zu lassen. „Was gehen mich 
eigentlich meine Schmarotzer an? dürfte sie dann spre- 
chen. Mögen sie leben und gedeihen: dazu bin ich 
noch stark genug!" . . . Die Gerechtigkeit, welche damit 
anhob „Alles ist abzahlbar. Alles muss abgezahlt wer- 
den", endet damit, durch die Finger zu sehn und den 
Zahlungsunfähigen laufen zu lassen, — sie endet wie 
jedes gute Ding auf Erden, sich selbst aufhebend. 
Diese Selbstaufhebung der Gerechtigkeit: man weiss, 
mit welch schönem Namen sie sich nennt — Gnade; 
sie bleibt, wie sich von selbst versteht, das Vorrecht 
des Mächtigsten, besser noch, sein Jenseits des Rechts. 



II. 

— Hier ein ablehnendes Wort gegen neuerdings 
hervorgetretene Versuche, den Ursprung der Gerechtig- 
keit auf einem ganz andren Boden zu suchen, — nämlich 
auf dem des Ressentiment. Den Psychologen voran 
in's Ohr gesagt, gesetzt dass sie Lust haben sollten, 
das Ressentiment selbst einmal aus der Nähe zu stu- 
dieren: diese Pflanze blüht jetzt am schönsten unter 
Anarchisten und Antisemiten, übrigens so wie sie immer 



— 365 — 

geblüht hat, im Verborgnen, dem Veilchen gleich, wenn 
schon mit andrem Duft. Und wie aus Gleichem noth- 
wendig immer Gleiches hervor gehn muss, so wird es 
nicht überraschen, gerade wieder aus solchen Kreisen 
Versuche hervorgehen zu sehn, wie sie schon öfter 
dagewesen sind — vergleiche oben Seite 331 — , die 
Rache unter dem Namen der Gerechtigkeit zu hei- 
ligen — wie als ob Gerechtigkeit im Grunde nur eine 
Fortentwicklung vom Gefühle des Verletzt-seins wäre — 
und mit der Rache die reaktiven Affekte überhaupt 
und allesammt nachträglich zu Ehren zu bringen. An 
Letzterem selbst würde ich am wenigsten Anstoss neh- 
men: es schiene mir sogar in Hinsicht auf das ganze 
biologische Problem (in Bezug auf welches der Werth 
jener Affekte bisher unterschätzt worden ist) ein Ver- 
dienst. Worauf ich allein aufmerksam mache, ist der 
Umstand, dass es der Geist des Ressentiment selbst 
ist, aus dem diese neue Nuance von wissenschaftlicher 
Billigkeit (zu Gunsten von Hass, Neid, ^Missgunst, Arg- 
wohn, Rancune, Rache) herauswächst. Diese „wissen- 
schaftliche Billigkeit" nämlich pausirt sofort und macht 
Accenten tödtlicher Feindschaft und Voreingenommen- 
keit Platz, sobald es sich um eine andre Gruppe von 
Affekten handelt, die, vne mich dünkt, von einem noch 
viel höheren biologischen Werthe sind als jene reak- 
tiven und folglich erst recht verdienten, wissenschaft- 
lich abgeschätzt und hochgeschätzt zu werden: nämlich 
die eigentlich aktiven Affekte, wie Herrschsucht, Hab- 
sucht und dergleichen, (E. Dühring, Werth des Le- 
bens; Cursus der Philosophie; im Grunde überall.) So 
viel gegen diese Tendenz im Allgemeinen: was aber 
gar den einzelnen Satz Dühring's angeht, dass die 
Heimath der Gerechtigkeit auf dem Boden des reaktiven 



— 366 - 

Gefühls zu suchen sei, so muss man ihm, der Wahrheit 
zu Liebe, mit schroffer Umkehrung diesen andren Satz 
entgegenstellen: der letzte Boden, der vom Geiste 
der Gerechtigkeit erobert wird, ist der Boden des 
reaktiven Gefühls! Wenn es wirklich vorkommt, dass 
der gerechte Mensch gerecht sogar gegen seine Schä- 
diger bleibt (und nicht nur kalt, maassvoll, fremd, gleich- 
gültig: Gerecht-sein ist immer ein positives Verhalten), 
wenn sich selbst unter dem Ansturz persönlicher Ver- 
letzung, Verhöhnung, Verdächtigung die hohe, klare, 
ebenso tief als mildblickende Objektivität des gerechten, 
des richtenden Auges nicht trübt, nun, so ist das ein 
Stück Vollendung und höchster Meisterschaft auf Erden, 
— sogar Etwas, das man hier kluger Weise nicht er- 
warten, woran man jedenfalls nicht gar zu leicht glau- 
ben soll. Gewiss ist durchschnittlich, dass selbst bei 
den rechtschaffensten Personen schon eine kleine Dosis 
von Angriff, Bosheit, Insinuation genügt, um ihnen das 
Blut in die Augen und die Büligkeit aus den Augen 
zu jagen. Der aktive, der angreifende, übergreifende 
Mensch ist immer noch der Gerechtigkeit hundert 
Schritte näher gestellt als der reaktive; es ist eben für 
ihn durchaus nicht nöthig, in der Art, wie es der reak- 
tive Mensch thut, thun muss, sein Objekt falsch und 
voreingenommen abzuschätzen. Thatsächlich hat des- 
halb zu allen Zeiten der aggressive Mensch, als der 
Stärkere, I^Iuthigere, Vornehmere, auch das freiere 
Auge, das bessere Gewissen auf seiner Seite gehabt: 
umgekehrt erräth man schon, wer überhaupt die Er- 
findung des „schlechten Gewissens" auf dem Gewissen 
hat, — der Mensch des Ressentiment I Zuletzt sehe 
man sich doch in der Geschichte um: in welcher Sphäre 
ist denn bisher überhaupt die ganze Handhabung des 



— 3Ö7 — 

Rechts, auch dcis eigentliche Bedürfniss nach Recht 
auf Erden heimisch gewesen ? Etwa in der Sphäre der 
reaktiven Menschen? Ganz und gar nicht: vielmehr in 
der der Aktiven, Starken, Spontanen, Aggressiven. 
Historisch betrachtet, stellt das Recht auf Erden — zum 
Verdruss des genannten Agitators sei es gesagt (der 
selber einmal über sich das Bekenntniss ablegt: „die 
Rachelehre hat sich als der rothe Gerechtigkeitsfaden 
durch alle meine Arbeiten und Anstrengungen hindurch- 
gezogen") — den Kampf gerade wider die reaktiven 
Gefühle vor, den Krieg mit denselben seitens aktiver 
und aggressiver Mächte, welche ihre Stärke zum Theil 
dazu verwendeten, der Ausschweifung des reaktiven 
Pathos Halt und Maass zu gebieten und einen Ver- 
gleich zu erzwingen. Überall, wo Gerechtigkeit geübt, 
Gerechtigkeit aufrecht erhalten wird, sieht man eine 
stärkere Macht in Bezug auf ihr unterstehende Schwä- 
chere (seien es Gruppen, seien es Einzelne) nach Mitteln 
suchen, unter diesen dem unsinnigen Wüthen des Res- 
sentiment ein Ende zu machen, indem sie theils das 
Objekt des Ressentiment aus den Händen der Rache 
herauszieht, theils an Stelle der Rache ihrerseits den 
Kampf gegen die Feinde des Friedens und der Ord- 
nung setzt, theils Ausgleiche erfindet, vorschlägt, unter 
Umständen aufnöthigt, theils gewisse Äquivalente von 
Schädigungen zur Norm erhebt, an welche von nun an 
das Ressentiment ein für alle Mal gewiesen ist. Das 
Entscheidendste aber, was die oberste Gewalt gegen 
die Übermacht der Gegen- und Nachgefühle thut und 
durchsetzt — sie thut es immer, sobald sie irgendwie 
stark genug dazu ist — ist die Aufrichtung des Ge- 
setzes, die Imperativische Erklärung darüber, was 
überhaupt unter ihren Augen als erlaubt, als recht, 



— 3Ö8 — 

was als verboten, als unrecht zu gelten habe: indem 
sie nach Aufrichtung des Gesetzes Übergriffe und Will- 
kür-Akte Einzelner oder ganzer Gruppen als Frevel am 
Gesetz, als Auflehnung gegen die oberste Gewalt selbst 
behandelt, lenkt sie das Gefühl ihrer Untergebenen 
von dem nächsten durch solche Frevel angerichteten 
Schaden ab und erreicht damit auf die Dauer das 
Umgekehrte von dem , was alle Rache will , welche 
den Gesichtspunkt des Geschädigten allein sieht, allein 
gelten lässt — : von nun an wird das Auge für eine 
immer unpersönlichere Abschätzung der That 
eingeübt, sogar das Auge des Geschädigten selbst (ob- 
schon dies am allerletzten, wie voran bemerkt wurde). 
— Demgemäss giebt es erst von der Aufrichtung des 
Gesetzes an „Recht" und „Unrecht" (und nicht, wie 
Dühring will, von dem Akte der Verletzung an). An 
sich von Recht und Unrecht reden entbehrt alles Sinns, 
an sich kann natürlich ein Verletzen, Vergewaltigen, 
Ausbeuten, Vernichten nichts „Unrechtes" sein, inso- 
fern das Leben essentiell, nämlich in seinen Grund- 
funktionen verletzend, vergewaltigend, ausbeutend, ver- 
nichtend fungirt und gar nicht gedacht werden kann 
ohne diesen Charakter. Man muss sich sogar noch 
etwas Bedenklicheres eingestehn: dass, vom höchsten 
biologischen Standpunkte aus, Rechtszustände immer 
nur Ausnahme-Zustände sein dürfen, als theilweise 
Restriktionen des eigentlichen Lebenswillens, der auf 
Macht aus ist, und sich dessen Gesammtzwecke als 
Einzelmittel unterordnend: nämlich als Mittel, grössere 
Macht-Einheiten zu schaffen. Eine Rechtsordnung sou- 
verain imd allgemein gedacht, nicht als Mittel im Kampf 
von Macht-Complexen, sondern als Mittel gegen allen 
Kampf überhaupt, etwa gemäss der Communisten- 



— 369 — 

Schablone Dühring's, dass jeder Wille jeden Willen als 
gleich zu nehmen habe, wäre ein lebens feindliches 
Princip, eine Zerstörerin und Auflöserin des Menschen, 
ein Attentat auf die Zukunft des Menschen, ein Zeichen 
von Ermüdung, ein Schleichweg zum Nichts. — 



12. 

Hier noch ein Wort über Ursprung und Zweck der 
Strafe — zwei Probleme, die auseinander fallen oder 
fallen sollten: leider wirft man sie gewöhnlich in Eins. 
Wie treiben es doch die bisherigen Moral-Genealogen 
in diesem Falle? Naiv, wie sie es immer getrieben 
haben — : sie machen irgend einen „Zweck" in der 
Strafe ausfindig, zum Beispiel Rache oder Abschreckung, 
setzen dann arglos diesen Zweck an den Anfang, als 
causa fiendi der Strafe, und — sind fertig. Der „Zweck 
im Rechte" ist aber zu allerletzt für die Entstehungs- 
geschichte des Rechts zu verwenden: vielmehr giebt 
es für alle Art Historie gar keinen wichtigeren Satz 
als jenen, der mit solcher Mühe errungen ist, aber auch 
wirklich errungen sein sollte, — dass nämlich die 
Ursache der Entstehung eines Dings und dessen schliess- 
liche Nützlichkeit, dessen thatsächliche Verwendung und 
Einordnung in ein System von Zwecken toto coelo aus- 
einander liegen; dass etwas Vorhandenes, irgendwie Zu- 
Stande-Gekommenes immer wieder von einer ihm über- 
legnen Macht auf neue Absichten ausgelegt, neu in 
Beschlag genommen, zu einem neuen Nutzen umgebildet 
und umgerichtet wird; dass alles Geschehen in der or- 
ganischen Welt ein Überwältigen, Herr werden 
und dass wiederum alles Überwältigen und Herrwerden 
ein Neu -Interpretieren, ein Zurechtmachen ist, bei dem 

Nietrsche, Werke Hand VII. 24 



— 370 — 

der bisherige „Sinn" und „Zweck" nothwendig ver- 
dunkelt oder ganz ausgelöscht werden muss. Wenn 
man die Nützlichkeit von irgend welchem physiolo- 
gischen Organ (oder auch einer Rechts - Institution, 
einer gesellschaftlichen Sitte, eines politischen Brauclis, 
einer Form in den Künsten oder im religiösen Cultus) 
noch so gut begriffen hat, so hat man damit noch 
nichts in Betreff seiner Entstehung begriffen: so unbe- 
quem und unangenehm dies älteren Ohren klingen 
mag, — denn von Alters her hatte man in dem nach- 
weisbaren Zwecke, in der Nützlichkeit eines Dings, 
einer Form, einer Einrichtung auch deren Entstehungs- 
grund zu begreifen geglaubt, das Auge als gemacht 
zum Sehen, die Hand als gemacht zum Greifen. So 
hat man sich auch die Strafe vorgestellt als erfunden 
zum Strafen. Aber alle Zwecke, alle Nützlichkeiten 
sind nur Anzeichen davon, dass ein Wille zur Macht 
über etwas weniger Mächtiges Herr geworden ist und 
ihm von sich aus den Sinn einer Funktion aufgeprägt 
hat; und die ganze Geschichte eines „Dings", eines Or- 
gans, eines Brauchs kann dergestalt eine fortgesetzte 
Zeichen - Kette von immer neuen Interpretationen und 
Zurechtmachungen sein, deren Ursachen selbst unter sich 
nicht im Zusammenhange zu sein brauchen, vielmehr 
unter Umständen sich bloss zufällig hinter einander 
folgen und ablösen. „Entwicklung" eines Dings, eines 
Brauchs, eines Organs ist demgemäss nichts weniger 
als sein progrcssus auf ein Ziel hin, noch weniger ein 
logischer und kürzester , mit dem kleinsten Aufwand 
von Kraft und Kosten erreichter progrcssus, — sondern 
die Aufeinanderfolge von mehr oder minder tiefgehen- 
den, mehr oder minder von einander unabhängigen, 
an ihm sich abspielenden Überwältignngsprozessen, 



— 371 — 

hinzugerechnet die dagegen jedes Mal aufgewendeten 
Widerstände, die versuchten Form -Verwandlungen zum 
Zweck der Vertheidigung und Reaktion, auch die Re- 
sultate gelungener Gegenaktionen. Die Form ist flüssig, 
der „Sinn" ist es aber noch melur . . . Selbst innerhalb 
jedes einzelnen Organismus steht es nicht anders: mit 
jedem wesentlichen Wachsthum des Ganzen verschiebt 
sich auch der „Sinn" der einzelnen Organe, — unter Um- 
ständen kann deren theilweises Zu-Grunde-Gehn, deren 
Zahl -Verminderung (zum Beispiel durch Vernichtung 
der Mittelglieder) em Zeichen wachsender Kraft und 
Vollkommenheit sein. Ich wollte sagen: auch das theil- 
weise Unnützlich werden, das Verkümmern und Ent- 
arten, das Verlustiggehn von Sinn und Zweckmässigkeit, 
kurz der Tod gehört zu den Bedingungen des wirk- 
üchen progressus: als welcher immer in Gestalt eines 
Willens und Wegs zu grösserer Macht erscheint 
und immer auf Unkosten zahlreicher kleinerer Mächte 
durchgesetzt wird. Die Grösse eines „Fortscluitts" be- 
misst sich sogar nach der Masse dessen, was Uim Alles 
geopfert werden musste; die Menschheit als Masse dem 
Gedeihen einer einzelnen stärkeren Species Mensch 
geopfert — das wäre ein Fortschritt ... — Ich hebe 
diesen Haupt -Gesichtspunkt der historischen Methodik 
hervor, um so mehr als er im Grunde dem gerade 
herrschenden Instinkte und Zeitgeschmack entgegen 
geht, welcher lieber sich noch mit der absoluten Zu- 
fälligkeit, ja mechanistischen Unsinnigkeit alles Gesche- 
hens vertragen würde, als mit der Theorie eines in allem 
Geschehen sich abspielenden Macht-Willens. Die de- 
mokratische Idiosynkrasie gegen Alles, was herrscht 
und herrschen will, der moderne Misarchismus (um 
ein schlechtes Wort für eine schlechte Sache zu bilden) 



— 372 - 

hat sich allmählich dermaassen in's Geistige, Geistigste 
umgesetzt und verkleidet, dass er heute Schritt für 
Schritt bereits in die strengsten, anscheinend objek- 
tivsten Wissenschaften eindringt, eindringen darf; ja 
er scheint mir schon über die ganze Physiologie und 
Lehre vom Leben Herr geworden zu sein, zu Uirem 
Scliaden, wie sich von selbst versteht, indem er ihr 
einen Grundbegriff, den der eigentlichen Aktivität, 
eskamotirt hat. ^lan stellt dagegen unter dem Druck 
jener Idiosynkrasie die „Anpassung" in den Vorder- 
grund, das heisst eine Aktivität zweiten Ranges, 
eine blosse Reaktivität, ja man hat das Leben selbst 
als eine immer zweckmässigere innere Anpassung an 
äussere Umstände definirt (Herbert Spencer). Damit 
ist aber das Wesen des Lebens verkannt, sein Wille 
zur Macht; damit ist der principielle Vorrang über- 
sehn, den die spontanen, angreifenden, übergreifenden, 
neu-auslegenden, neu-richtenden und gestaltenden Kräfte 
haben, auf deren Wirkung erst die „Anpassung" folgt; 
damit ist im Organismus selbst die herrschaftliche Rolle 
der höchsten Funktionäre abgeleugnet, in denen der 
Lebenswille aktiv und formgebend erscheint. Man er- 
innert sich, was Huxley Spencer'n zum Vorwurf gemacht 
hat, — seinen „administrativen Nihilismus": aber es han- 
delt sich noch um mehr als um's „Administriren" . . . 



13- 

— Man hat also, um zur Sache, nämlich zur Strafe 
zurückzukehren, zweierlei an ilu* zu unterscheiden: ein- 
mal das relativ Dauerhafte an ihr, den Brauch, den 
Akt, das „Drama", eine gewisse strenge Abfolge von 
Prozeduren, andrerseits das Flüssige an ihr, den Sinn, 



— 373 — 

den Zweck, die Erwartung, welche sich an die Aus- 
führung solcher Prozeduren knüpft. Hierbei wird ohne 
Weiteres vorausgesetzt, per analogiam, gemäss dem 
eben entwickelten Hauptgesichtspunkte der historischen 
Methodik, dass die Prozedur selbst etwas Älteres, Frü- 
heres als ihre Benützung zur Strafe sein wird, dass 
letztere erst in die (längst vorhandene, aber in einem 
anderen Sinne übliche) Prozedur hineingelegt, hinein- 
gedeutet worden ist, kurz, dass es nicht so steht, wie 
unsre naiven Moral- und Rechtsgenealogen bisher an- 
nahmen, welche sich allesammt die Prozedur erfunden 
dachten zum Zweck der Strafe, so wie man sich ehe- 
mals die Hand erfunden dachte zum Zweck des Grei- 
fens. "Was nun jenes andre Element an der Strafe 
betrifft, das flüssige, ihren „Sinn", so stellt in einem 
sehr späten Zustande der Cultur (zum Beispiel im heu- 
tigen Europa) der Begriff „Strafe" in der That gar 
nicht mehr Einen Sinn vor, sondern eine ganze Syn- 
thesis von „Sinnen"; die bisherige Geschichte der Strafe 
überhaupt, die Geschichte ihrer Ausnützung zu den 
verschiedensten Zwecken, krystallisirt sich zuletzt in 
eine Art von Einheit, welche schwer löslich, schwer zu 
analysiren und, was man hervorheben muss, ganz und 
gar undefinirbar ist. (Es ist heute unmöglich, be- 
stimmt zu sagen, warum eigentlich gestraft wird: alle 
Begriffe, in denen sich ein ganzer Prozess semiotisch 
zusammenfasst, entziehn sich der Definition; definirbar 
ist nur Das, was keine Geschichte hat.) In einem frü- 
heren Stadium erscheint dagegen jene Synthesis von 
„Sinnen" noch löslicher, auch noch verschiebbarer; man 
kann noch wahrnehmen, wie für jeden einzelnen Fall 
die Elemente der Synthesis ilire Werthigkeit verändern 
und sich demgemäss umordnen, so dass bald dies, bald 



— 374 — 

jenes Element auf Kosten der übrigen hervortritt und 
dominirt, ja unter Umständen Ein Element (etwa der 
Zweck der Abschreckung) den ganzen Rest von Ele- 
menten aufzuheben scheint Um wenigstens eine Vor- 
stellung davon zu geben, wie unsicher, wie nachträg- 
lich, wie accidentiell „der Sinn" der Strafe ist und wie 
ein und dieselbe Prozedur auf grundverschiedne Ab- 
sichten hin benützt, gedeutet, zurechtgemacht werden 
kann: so stehe hier das Schema, das sich mir selbst 
auf Grund eines verhältnissmässig kleinen und zufälli- 
gen Materials ergeben hat Strafe als Unschädlich- 
machen, als Verhinderung weiteren Schädigens. Strafe 
als Abzahlung des Schadens an den Geschädigten, in 
irgend einer Form (auch in der einer Affekt -Compen- 
sation). Strafe als Isolirung einer Gleichgewichts -Stö- 
rung, um ein Weitergreifen der Störung zu verhüten. 
Strafe als Furchteinflössen vor Denen, welche die Strafe 
bestimmen und exekutiren. Strafe als eine Art Ausgleich 
für die Vortheile, welche der Verbrecher bis dahin 
genossen hat (zum Beispiel wenn er als Bergwerkssklave 
nutzbar gemacht wird). Strafe als Ausscheidung eines 
entartenden Elementes (unter Umständen eines ganzen 
Zweigs, wie nach chinesischem Rechte; somit als Mittel 
zur Reinerhaltung der Rasse oder zur Festhaltung 
eines socialen Typus). Strafe als Fest, nämlich als 
Vergewaltigung und Verhöhnung eines endlich nieder- 
geworfnen Feindes. Strafe als ein Gedächtniss-machen, 
sei es für Den, der die Strafe erleidet — die sogenannte 
„Besserung", sei es für die Zeugen der Exekution. Strafe 
als Zahlung eines Honorars, ausbedungen Seitens der 
Macht, welche den Übelthäter vor den Ausschweifungen 
der Rache schützt Strafe als Compromiss mit dem 
Naturzustand der Rache, sofern letzterer durch mächtige 



— 375 — 

Geschlechter noch aufrecht erhalten und als Privilegium 
in Anspruch genommen wird. Strafe als Kriegserklärung 
und Kriegsmaassregel gegen einen Feind des Friedens, 
des Gesetzes, der Ordnung, der Obrigkeit, den man als 
gefährlich für das Gemeinwesen, als vertragsbrüchig in 
Hinsicht auf dessen Voraussetzungen, als einen Empörer, 
Verräther und Friedensbrecher bekämpft, mit Mitteln, 
wie sie eben der Krieg an die Hand giebt — 



14. 

Diese Liste ist gewiss fticht vollständig; ersichtlich 
ist die Strafe mit Nützlichkeiten aller Art überladen. 
Um so eher darf man von ihr eine vermeintliche 
Nützlichkeit in Abzug bringen, die allerdings im popu- 
lären Bewusstsein als ihre wesentlichste gilt, — der 
Glaube an die Strafe, der heute aus mehreren Gründen 
wackelt, findet gerade an ihr immer noch seine kräf- 
tigste Stütze. Die Strafe soll den Werth haben, das 
Gefühl der Schuld im Schuldigen aufzuwecken, man 
sucht in ihr das eigentliche instrumentum jener seeli- 
schen Reaktion, welche „schlechtes Gewissen", „Ge- 
wissensbiss" genannt wird. Aber damit vergreift man 
sich selbst für heute noch an der Wirklichkeit und der 
Psychologie: und wie viel mehr für die längste Ge- 
schichte des Menschen, seine Vorgeschichte! Der ächte 
Gewissensbiss ist gerade unter Verbrechern und Sträf- 
lingen etwas äusserst Seltenes, die Gefängnisse, die 
Zuchthäuser sind nicht die Brutstätten, an denen diese 
Species von Nagewurm mit Vorliebe gedeiht: — darin 
kommen alle gewissenhaften Beobachter überein, die 
in vielen Fällen ein derartiges Urtheil ungern genug 
und wider die eigensten Wünsche abgeben. In's Grosse 



- 376 - 

gerechnet, härtet und kältet die Strafe ab; sie concen- 
trirt; sie verschärft das Gefühl der Entfremdung; sie 
stärkt die Widerstandskraft. Wenn es vorkommt, dass 
sie die Energie zerbricht und eine erbärmliche Prostra- 
tion und Selbsterniedrigung zu Wege bringt, so ist ein 
solches Ergebniss sicherlich noch weniger erquicklich 
als die durchschnittliche Wirkung der Strafe: als welche 
sich durch einen trocknen düsteren Ernst charakterisirt 
Denken wir aber gar an jene Jahrtausende vor der 
Geschichte des Menschen, so darf man unbedenklich 
urtheilen, dass gerade durch die Strafe die Entwicklung 
des Schuldgefühls am kräftigsten aufgehalten wor- 
den ist, — wenigstens in Hinsicht auf die Opfer, an 
denen sich die strafende Gewalt ausliess. Unterschätzen 
wir namentlich nicht, inwiefern der Verbrecher gerade 
durch den Anblick der gerichtlichen und vollziehenden 
Prozeduren selbst verhindert wird, seine That, die Art 
seiner Handlung an sich als verwerflich zu empfinden: 
denn er sieht genau die gleiche Art von Handlungen im 
Dienst der Gerechtigkeit verübt und dann gut geheissen, 
mit gutem Gewissen verübt: also Spionage, Überlistung, 
Bestechung, Fallenstellen, die ganze kniffliche und 
durchtriebene Polizisten- und Anklägerkunst, sodann 
das grundsätzliche, selbst nicht durch den Affekt ent- 
schuldigte Berauben, Überwältigen, Beschimpfen, Ge- 
fangennehmen , Foltern , Morden, wie es in den ver- 
schiednen Arten der Strafe sich ausprägt, — Alles somit 
von seinen Richtern keineswegs an sich verworfene 
und verurtheilte Handlungen, sondern nur in einer ge- 
wissen Hinsicht und Nutzanwendung. Das „schlechte 
Gewissen", diese unheimlichste und interessanteste Pflanze 
unsrer irdischen Vegetation, ist nicht auf diesem Boden 
gewachsen, — in der That drückte sich im Bewusstsein 



~ 377 - 

der Richtenden, der Strafenden selbst die längste Zeit 
hindurch Nichts davon aus, dass man mit einem 
„Schuldigen" zu thun habe. Sondern mit einem Scha- 
den-Anstifter, mit einem unverantwortlichen Stück Ver- 
hängniss. Und Der selber, über den nachher die Strafe, 
wiederum wie ein Stück Verhängniss, herfiel, hatte dabei 
keine andre „innere Pein", als wie beim plötzlichen Ein- 
treten von etwas Unberechnetem, eines schrecklichen 
Naturereignisses, eines herabstürzenden, zermalmenden 
Felsblocks, gegen den es keinen Kampf mehr giebt. 



15. 

Dies kam einmal auf eine verfängliche Weise Spi- 
noza zum Bewusstsein (zum Verdruss seiner Ausleger, 
welche sich ordentlich darum bemühen, ihn an dieser 
Stelle misszuverstehn , zum Beispiel Kuno Fischer), 
als er eines Nachmittags, wer weiss, an was für einer 
Erinnerung sich reibend, der Frage nachhieng, was 
eigentlich für ihn selbst von dem berühmten morsus 
conscientiae übrig geblieben sei — er, der Gut und 
Böse unter die menschlichen Einbildungen verwiesen 
und mit Ingrimm die Ehre seines „freien" Gottes gegen 
jene Lästerer vertheidigt hatte, deren Behauptung da- 
hin gieng, Gott wirke Alles suh ratione hont („das 
aber hiesse Gott dem Schicksale unterwerfen und wäre 
fürwahr die grösste aller Ungereimtheiten" — ). Die 
Welt war für Spinoza wieder in jene Unschuld zurück- 
getreten, in der sie vor der Erfindung des schlechten 
Gewissens dalag: was war damit aus dem morsus con- 
scientiae geworden ? „Der Gegensatz des gaudium, sagte 
er sich endlich, — eine Traurigkeit, begleitet von der 
Vorstellung einer vergangnen Sache, die gegen alles 



- 378 - 

Erwarten ausgefallen ist." Eth, III propos. XVHI schol. 
I. n. Nicht anders als Spinoza haben die von der 
Strafe ereilten Übel-Anstifter Jahrtausende lang in Be- 
treff ihres „Vergehens" empfunden: „hier ist Etwas un- 
vermuthet schief gegangen", nicht: „das hätte ich 
nicht thun sollen" — , sie unterwarfen sich der Strafe, 
wie man sich einer Krankheit oder einem Unglücke 
oder dem Tode unterwirft, mit jenem beherzten Fata- 
lismus ohne Revolte, durch den zum Beispiel heute 
noch die Russen in der Handhabung des Lebens gegen 
uns Westländer im Vortheil sind. Wenn es damals eine 
Kritik der That gab, so war es die Klugheit, die an der 
That Kritik übte: ohne Frage müssen wir die eigent- 
liche Wirkung der Strafe vor Allem in einer Verschär- 
fung der Klugheit suchen, in einer Verlängerung des 
Gedächtnisses, in einem Willen, fürderhin vorsichtiger, 
misstrauischer, heimlicher zu Werke zu gehn, in der 
Einsicht, dass man für Vieles ein-für-alle-Mal zu schwach 
sei, in einer Art Verbesserung der Selbstbeurtheilung. 
Das, was durch die Strafe im Grossen erreicht werden 
kann, bei Mensch und Thier, ist die Vermehrung der 
Furcht, die Verschärfung der Klugheit, die Bemeiste- 
rung der Begierden: damit zähmt die Strafe den Men- 
. sehen, aber sie macht ihn nicht „besser", — man dürfte 
mit mehr Recht noch das Gegentheil behaupten. 
(„Schaden macht klug", sagt das Volk: soweit er klug 
macht, macht er auch schlecht. Glücklicher Weise macht 
er oft genug dumm.) 

i6. 
An dieser Stelle ist es nun nicht mehr zu umgehn, 
meiner eignen Hypothese über den Ursprung des 
„schlechten Gewissens" zu einem ersten vorläufigen 



— 379 — 

Ausdrucke zu verhelfen: sie ist nicht leicht zu Gehör 
zu bringen und will lange bedacht, bewacht und be- 
schlafen sein. Ich nehme das schlechte Gewissen als 
die tiefe Erkrankung, welcher der Mensch unter dem 
Druck jener gründlichsten aller Veränderungen ver- 
fallen musste, die er überhaupt erlebt hat, — jener Ver- 
änderung, als er sich endgültig in den Bann der Ge- 
sellschaft und des Friedens eingeschlossen fand. Nicht 
anders als es den Wasserthieren ergangen sein muss, 
als sie gezwungen wurden, entweder Landthiere zu 
werden oder zu Grunde zu gehn, so gieng es diesen 
der Wildniss, dem Kriege, dem Herumschweifen, dem 
Abenteuer glücklich angepassten Halbthieren, — mit 
Einem Male waren alle ihre Instinkte entwerthet und 
„ausgehängt". Sie sollten nunmehr auf den Füssen 
gehn und „sich selber tragen", wo sie bisher vom 
Wasser getragen wurden: eine entsetzliche Schwere lag 
auf ihnen. Zu den einfachsten Verrichtungen fühlten 
sie sich ungelenk, sie hatten für diese neue unbekannte 
Welt ihre alten Führer nicht mehr, die regulirenden 
unbewusst - sicherführenden Triebe, — sie waren auf 
Denken, Schliessen, Berechnen, Combiniren von Ur- 
sachen und Wirkungen reduzirt, diese Unglücklichen, 
auf ihr „Bewusstsein", auf ihr ärmlichstes und fehl- 
greifendstes Organ! Ich glaube, dass niemals auf Erden 
ein solches Elends -Gefühl, ein solches bleiernes Miss- 
behagen dagewesen ist, — und dabei hatten jene alten 
Instinkte nicht mit Einem Male aufgehört, ihre Forde- 
rungen zu stellen I Nur war es schwer und selten 
möglich, ihnen zu Willen zu sein: in der Hauptsache 
mussten sie sich neue und gleichsam unterirdische Be- 
ftiedigTingen suchen. Alle Instinkte, welche sich nicht 
nach Aussen entladen, wenden sich nach Innen — 



— 38o - 

dies ist das, was ich die Verinnerlichung des Men- 
schen nenne: damit wächst erst das an den Menschen 
heran, was man später seine „Seele" nennt. Die ganze 
innere Welt, ursprünglich dünn wie zwischen zwei Häute 
eingespannt, ist in dem Maasse aus einander- und auf- 
gegangen, hat Tiefe, Breite, Höhe bekommen, als die 
Entladung des Menschen nach Aussen gehemmt 
worden ist. Jene furchtbaren Bollwerke, mit denen sich 
die staatliche Organisation gegen die alten Instinkte der 
Freiheit schützte - die Strafen gehören vor Allem zu 
diesen Bollwerken — brachten zu Wege, dass alle jene 
Instinkte des wilden freien schweifenden Menschen sich 
rückwärts, sich gegen den Menschen selbst wand- 
ten. Die Feindschaft, die Grausamkeit, die Lust an 
der Verfolgung, am Überfall, am Wechsel, an der Zer- 
störung — Alles das gegen die Inhaber solcher In- 
stinkte sich wendend: das ist der Ursprung des „schlech- 
ten Gewissens". Der Mensch, der sich, aus ^Mangel an 
äusseren Feinden und Widerständen, eingezwängt in 
eine drückende Enge und Regelmässigkeit der Sitte, 
ungeduldig selbst zerriss, verfolgte, annagte, aufstörte, 
misshandelte, dies an den Gitterstangen seines Käfigs 
sich wund stossende Thier, das man „zähmen" will, 
dieser Entbehrende imd vom Heimweh der Wüste Ver- 
zehrte, der aus sich selbst ein Abenteuer, eine Folter- 
stätte, eine unsichere und gefährliche Wildniss schaffen 
musste — dieser Narr, dieser sehnsüchtige und ver- 
zweifelte Gefangne wurde der Erfinder des „schlechten 
Gewissens". Mit ihm aber war die grösste und un- 
heimlichste Erkrankung eingeleitet, von welcher die 
Menschheit bis heute nicht genesen ist, das Leiden des 
Menschen am Menschen, an sich: als die Folge 
einer gewaltsamen Abtrennung von der thierischen Ver- 



— 3ÖI — 

gangenheit, eines Sprunges und Sturzes gleichsam in 
neue Lagen und Daseins-Bedingungen, einer Kriegs- 
erklärung gegen die alten Instinkte, auf denen bis dahin 
seine Kraft, Lust und Furchtbarkeit beruhte. Fügen wir 
sofort hinzu, dass andrerseits mit der Thatsache einer 
gegen sich selbst gekehrten, gegen sich selbst Partei 
nehmenden Thierseele auf Erden etwas so Neues, Tie- 
fes, Unerhörtes, Räthselhaftes, Widerspruchsvolles und 
Zukunftsvolles gegeben war, dass der Aspekt der 
Erde sich damit wesentlich veränderte. In der That, 
es brauchte göttlicher Zuschauer, um das Schauspiel 
zu würdigen, das damit anfieng und dessen Ende durch- 
aus noch nicht abzusehn ist, — ein Schauspiel zu fein, 
zu wundervoll, zu paradox, als dass es sich sinnlos- 
unvermerkt auf irgend einem lächerlichen Gestirn ab- 
spielen dürfte 1 Der Mensch zählt seitdem mit unter 
den unerwartetsten und aufregendsten Glückswürfen, 
die das „grosse Kind" des Heraklit, heisse es Zeus 
oder Zufall, spielt, — er erweckt für sich ein Interesse, 
eine Spannung, eine Hoffnung, beinahe eine Gewiss- 
heit, als ob mit ihm sich Etwas ankündige, Etwas vor- 
bereite, als ob der Mensch kein Ziel, sondern nur ein 
Weg, ein Zwischenfall, eine Brücke, ein grosses Ver- 
sprechen sei . . , 

17- 

Zur Voraussetzung dieser Hypothese über den Ur- 
sprung des schlechten Gewissens gehört erstens, dass 
jene Veränderung keine allmähliche, keine freiwillige 
war und sich nicht als ein organisches Hineinwachsen 
in neue Bedingungen darstellte, sondern als ein Bruch, 
ein Sprung, ein Zwang, ein unabweisbares Verhangniss, 
gegen das es keinen Kampf und nicht einmal ein 



— 382 — 

Ressentiment gab. Zweitens aber, dass die Einfügung 
einer bisher ungehemmten und ungestalteten Bevölke- 
rung in eine feste Form, wie sie mit einem Gewaltakt 
ihren Anfang nahm, nur mit lauter Gewaltakten zu 
Ende geführt wurde, — dass der älteste „Staat" dem- 
gemäss als eine furchtbare Tyrannei, als eine zer- 
drückende und rücksichtslose Maschinerie auftrat und 
fortarbeitete, bis ein solcher Rohstoff von Volk und 
Halbthier endlich nicht nur durchgeknetet und gefügig, 
sondern auch geformt war. Ich gebrauchte das Wort 
„Staat": es versteht sich von selbst, wer damit gemeint 
ist — irgend ein Rudel blonder Raubthiere, eine Er- 
oberer- und Herren-Rasse, welche, kriegerisch organisirt 
und mit der Kraft, zu organisiren, unbedenklich ihre 
furchtbaren Tatzen auf eine der Zahl nach vielleicht 
ungeheuer überlegene, aber noch gestaltlose, noch 
schweifende Bevölkerung legt. Dergestalt beginnt ja 
der „Staat" auf Erden: ich denke, jene Schwärmerei ist 
abgethan, welche ihn mit einem „Vertrage" beginnen 
Hess. Wer befehlen kann, wer von Natur „Herr" ist, 
wer gewaltthätig in Werk und Gebärde auftritt — was 
hat der mit Verträgen zu schaffen! Mit solchen Wesen 
rechnet man nicht, sie kommen wie das Schicksal, ohne 
Grund, Vernunft, Rücksicht, Vorwand, sie sind da wie 
der Blitz da ist, zu furchtbar, zu plötzlich, zu über- 
zeugend, zu „anders", um selbst auch nur gehasst zu 
werden. Ihr Werk ist ein instinktives Formen-schaflfen, 
Formen-aufdrücken, es sind die unfreiwilligsten, unbe- 
wusstesten Künstler, die es g^ebt: — in Kürze steht etwas 
Neues da, wo sie erscheinen, ein Herrschafts - Gebilde, 
das lebt, in dem Theile und Funktionen abgegrenzt 
und bezüglich gemacht sind, in dem Nichts überhaupt 
Platz findet, dem nicht erst ein „Sinn" in Hinsicht auf 



- 383 - 

das Ganze eingelegt ist Sie wissen nicht, was Schuld, 
was Verantwortlichkeit, was Rücksicht ist, diese gebo- 
renen Organisatoren; in ihnen waltet jener furchtbare 
Künstler - Egoismus , der wie Erz blickt und sich im 
„Werke", wie die Mutter in ihrem Kinde, in alle Ewig- 
keit voraus gerechtfertigt weiss. Sie sind es nicht, 
bei denen das „schlechte Gewissen" gewachsen ist, das 
versteht sich von vornherein, — aber es würde nicht 
ohne sie gewachsen sein, dieses hässliche Gewächs, 
es würde fehlen, wenn nicht unter dem Druck ihrer 
Hammerschläge, ihrer Künstler - Gewaltsamkeit ein un- 
geheures Quantum Freiheit aus der Welt, mindestens 
aus der Sichtbarkeit geschafft und gleichsam latent 
gemacht worden wäre. Dieser gewaltsam latent ge- 
machte Instinkt der Freiheit — wir begriffen es 
schon — , dieser zurückgedrängte, zurückgetretene, in's 
Innere eingekerkerte und zuletzt nur an sich selbst noch 
sich entladende und auslassende Instinkt der Freiheit: 
das, nur das ist in seinem Anbeginn das schlechte 
Gewissen. 

x8. 

Man hüte sich, von diesem ganzen Phänomen des- 
halb schon gering zu denken, weil es von vornherein 
hässlich und schmerzhaft ist. Im Grunde ist es ja die- 
selbe aktive Kraft, die in jenen Gewalt -Künstlern und 
Organisatoren grossartiger am Werke ist und Staaten 
baut, welche hier, innerlich, kleiner, kleinlicher, in der 
Richtung nach rückwärts, im „Labyrinth der Brust", 
um mit Goethe zu reden, sich das schlechte Gewissen 
schafft und negative Ideale baut, eben jener Instinkt 
der Freiheit (in meiner Sprache geredet: der Wille 
zur Macht): nur dass der Stoff, an dem sich die form- 



- 384 — 

bildende und vergewaltigende Natur dieser Kraft aus- 
lässt, hier eben der Mensch selbst, sein ganzes thieri- 
sches altes Selbst ist — und nicht, wie in jenem 
grösseren und augenfälligeren Phänomen, der andre 
Mensch, die andren Menschen. Diese heimliche Selbst- 
Vergewaltigung, diese Künstler-Grausamkeit, diese Lust, 
sich selbst als einem schweren widerstrebenden leiden- 
den Stoffe eine Form zu geben, einen Willen, eine 
Kritik, einen Widerspruch, eine Verachtung, ein Nein 
einzubrennen, diese unheimliche und entsetzlich -lustvolle 
Arbeit einer mit sich selbst willig -zwiespältigen Seele, 
welche sich leiden macht, aus Lust am Leidenmachen, 
dieses ganze aktivische „schlechte Gewissen" hat zu- 
letzt — man erräth es schon — als der eigentliche 
Mutterschooss idealer und imaginativer Ereignisse auch 
eine Fülle von neuer befremdlicher Schönheit und Be- 
jahung an's Licht gebracht und vielleicht überhaupt 
erst die Schönheit . . , Was wäre denn „schön", wenn 
nicht erst der Widerspruch sich selbst zum Bewusstsein 
gekommen wäre, wenn nicht erst das Hässliche zu sich 
selbst gesagt hätte: „ich bin hässlich"?... Zum Mindesten 
wird nach diesem Winke das Räthsel weniger räthsel- 
haft sein, in wiefern in widersprüchlichen Begriffen, wie 
Selbstlosigkeit, Selbstverleugnung, Selbst- 
opferung ein Ideal, eine Schönheit angedeutet sein 
kann; und Eins weiss man hinfort, ich zweifle nicht 
daran — , welcher Art nämlich von Anfang an die Lust 
ist, die der Selbstlose, der Sich -selbst -Verleugnende, 
Sich -selber -Opfernde empfindet: diese Lust gehört zur 
Grausamkeit — Soviel vorläufig zur Herkunft des „Un- 
egoistischen" als eines moralischen Werthes und zur 
Absteckung des Bodens, aus dem dieser Werth ge- 
wachsen ist: erst das schlechte Gewissen, erst der Wille 



~ 385 - 

zur Selbstmisshandlung giebt die Voraussetzung- ab für 
den Werth des Unegoistischen. — 



19. 

Es ist eine Krankheit, das schlechte Gewissen, das 
unterliegt keinem Zweifel, aber eine Krankheit, wie 
die Schwangerschaft eine Krankheit ist Suchen wir 
die Bedingungen auf, unter denen diese Krankheit auf 
ihren furchtbarsten und sublimsten Gipfel gekommen 
ist: — wir werden sehn, was damit eigentlich erst 
seinen Eintritt in die Welt gemacht hat Dazu aber be- 
darf es eines langen Athems, — imd zunächst müssen 
wir noch einmal zu einem JBrüheren Gesichtspunkte zu- 
rück. Das privatrechtliche Verhältniss des Schuldners 
zu seinem Gläubiger, von dem des längeren schon die 
Rede war, ist noch einmal, und zwar in einer historisch 
überaus merkwürdigen und bedenklichen Weise in ein 
Verhältniss hineininterpretiert worden, worin es uns 
modernen Menschen vielleicht am unverständlichsten ist: 
nämlich in das Verhältniss der Gegenwärtigen zu 
ihren Vorfahren. Innerhalb der ursprünglichen Ge- 
schlechtsgenossenschaft — wir reden von Urzeiten — 
erkennt jedes Mal die lebende Generation gegen die 
frühere und in Sonderheit gegen die früheste, geschlecht- 
begründende eine juristische Verpflichtung an (und kei- 
neswegs eine blosse Gefühls-Verbindlichkeit: man dürfte 
diese letztere sogar nicht ohne Grund für die längste 
Dauer des menschlichen Geschlechts überhaupt in Ab- 
rede stellen). Hier herrscht die Überzeugung, dass das 
Geschlecht durchaus nur durch die Opfer und Leistimgen 
der Vorfahren besteht, — und dass man ihnen diese 
durch Opfer und Leistungen zurückzuzahlen hat: 

Nietzsche, Werke Band VU. *S 



— 386 — 

man erkennt somit eine Schuld an, die dadurch noch 
beständig anwächst, dass diese Ahnen in ihrer Fort- 
existenz als mächtige Geister nicht aufliören, dem Ge- 
schlechte neue Vortheile und Vorschüsse seitens ihrer 
Kraft zu gewähren. Umsonst etwa? Aber es giebt kein 
„Umsonst" für jene rohen und „seelenarmen" Zeitalter. 
Was kann man ihnen zurückgeben? Opfer (anfänglich 
zur Nahrung, im gröbhchsten Verstände), Feste, Kapellen, 
Ehrenbezeigungen, vor Allem Gehorsam — denn alle 
Bräuche sind, als Werke der Vorfahren, auch deren 
Satzungen und Befehle — : giebt man ihnen je genug? 
Dieser Verdacht bleibt übrig und wächst: von Zeit zu 
Zeit erzwingt er eine grosse Ablösung in Bausch und 
Bogen, irgend etwas Ungeheures von Gegenzahlung 
an den „Gläubiger" (das berüchtigte Erstlingsopfer zum 
Beispiel, Blut, Menschenblut in jedem Falle). Die Furcht 
vor dem Ahnherrn und seiner Macht, das Be\vusstsein 
von Schulden gegen ihn nimmt nach dieser Art von 
Logik nothwendig genau in dem Maasse zu, in dem die 
Macht des Geschlechts selbst zunimmt, in dem das Ge- 
sclüecht selbst immer siegreicher, unabhängiger, geehrter, 
gefürchteter dasteht Nicht etwa umgekelutl Jeder 
Schritt zur Verkümmerung des Geschlechts, alle elenden 
Zufälle, alle Anzeichen von Entartung, von herauf- 
kommender Auflösung vermindern vielmehr immer 
auch die Furcht vor dem Geiste seines Begründers und 
geben eine immer geringere Vorstellung von seiner 
Klugheit, Vorsorglichkeit und Macht-Gegenwart Denkt 
man sich diese rohe Art Logik bis an ihr Ende gelangt: 
so müssen schliesslich die Almherm der mächtigsten 
Geschlechter durch die Phantasie der wachsenden Furcht 
selbt in's Ungeheure gewachsen und in das Dunkel 
einer göttlichen Unheimlichkeit und Unvorstellbarkeit 



- 387 - ' 

zurückgeschoben worden sein: — der Ahnherr wird zu- 
letzt noth wendig in einen Gott transfigurirt. Vielleicht 
ist hier selbst der Ursprung der Götter, ein Ursprung 
also aus der Furchtl... Und wem es nöthig scheinen 
sollte hinzuzufügen: „aber auch aus der Pietät!", dürfte 
schwerlich damit für jene längste Zeit des Menschen- 
geschlechts Recht behalten, für seine Urzeit. Um so 
mehr freilich für die mittlere Zeit, in der die vor- 
nehmen Geschlechter sich herausbilden: — als welche 
in der That ihren Urhebern, den Ahnherren (Heroen, 
Göttern) alle die Eigenschaften mit Zins zurückgegeben 
haben, die inzwischen in ihnen selbst offenbar geworden 
sind, die vornehmen Eigenschaften. Wir werden auf 
die Veradligung und Veredelung der Götter (die freilich 
durchaus nicht deren „Heiligung" ist) später noch einen 
Blick werfen: führen wir jetzt nur den Gang dieser gan- 
zen Schuldbewusstseins- Entwicklung vorläufig zu Ende. 



20. 

Das Bewusstsein, Schulden gegen die Gottheit zu 
haben, ist, wie die Geschichte lehrt, auch nach dem 
Niedergang der blutverwandtschaftlichen Organisations- 
form der „Gemeinschaft" keineswegs zum Abschluss 
gekommen; die Menschheit hat, in gleicher Weise, wie 
sie die Begriffe „gut und schlecht" von dem Geschlechts- 
Adel (sammt dessen psychologischem Grundhange, Rang- 
ordnungen anzusetzen) geerbt hat, mit der Erbschaft 
der Geschlechts- und Stammgottheiten auch die des 
Drucks von noch unbezahlten Schulden und des Ver- 
langens nach Ablösung derselben hinzubekommen, (Den 
Übergang machen jene breiten Sklaven- und Hörigen- 
Bevölkerungen, welche sich an den Götter-Cultus ihrer 



— 388 — 

Herren, sei es durch Zwang, sei es durch Unterwürfigkeit 
und mimtcry, angepasst haben: von ihnen aus fliesst 
dann diese Erbschaft nach allen Seiten über.) Das 
Schuldgefühl gegen die Gottheit hat mehrere Jahrtausende 
nicht aufgehört zu wachsen, und zwar immer fort im 
gleichen Verhältnisse, wie der Gottesbegriff und das 
Gottesgefühl auf Erden gewachsen und in die Höhe ge- 
tragen worden ist (Die ganze Geschichte des ethnischen 
Kämpfens, Siegens, Sich-versöhnens, Sich-verschmelzens, 
Alles was der endgültigen Rangordnung aller Volks- 
Elemente in jeder grossen Rassen-SynthesLs vorangeht, 
spiegelt sich in dem Genealogien -Wirrwarr ihrer Götter, 
in den Sagen von deren Kämpfen, Siegen und Ver- 
söhnungen ab; der Fortgang zu Universal-Reichen ist 
immer auch der Fortgang zu Universal-Gottheiten, der 
Despotismus mit seiner Überwältigung des unabhängigen 
Adels bahnt immer auch irgend welchem Monotheismus 
den Weg.) Die Heraufkunft des christlichen Gottes, 
als des Maximal-Gottes, der bisher erreicht worden ist, 
hat deshalb auch das Maximum des Schuldgefühls auf 
Erden zur Erscheinung gebracht Angenommen, dass 
wir nachgerade in die umgekehrte Bewegung einge- 
treten sind, so dürfte man mit keiner kleinen Wahr- 
scheinlichkeit aus dem unaufhaltsamen Niedergang des 
Glaubens an den christlichen Gott ableiten, dciss es jetzt 
bereits auch schon einen erheblichen Niedergang des 
menschlichen Schuldbewusstseins gäbe; ja die Aussicht 
ist nicht abzuweisen, dass der vollkommne und endgültige 
Sieg des Atheismus die Menschheit von diesem ganzen 
Gefühl, Schulden gegen ihren Anfang, ihre causa privia 
zu haben, lösen dürfte. Atheismus und eine Art zweiter 
Unschuld gehören zu einander. — 



389 



21. 

Dies vorläufig im Kurzen und Groben über den 
Zusammenhang der Begriffe „Schuld", „Pflicht" mit reli- 
giösen Voraussetzungen: ich habe absichtlich die eigent- 
liche Moralisirung dieser Begriffe (die Zurückschiebung 
derselben in's Gewissen, noch bestimmter, die Verwick- 
lung des schlechten Gewissens mit dem Gottesbegriffe) 
bisher bei Seite gelassen und am Schluss des vorigen 
Abschnittes sogar geredet, wie als ob es diese Moralisi- 
rung gar nicht gäbe, folglich, wie als ob es mit jenen 
Begriffen nunmehr nothwendig zu Ende gienge, nachdem 
deren Voraussetzung gefallen ist, der Glaube an unsem 
„Gläubiger*', an Gott Der Thatbestand weicht davon in 
einer furchtbaren Weise ab. Mit der Moralisirung der 
Begriffe Schuld und Pflicht, mit ihrer Zurückschiebung 
in's schlechte Gewissen ist ganz eigentlich der Ver- 
such gegeben, die Richtung der eben beschriebenen 
Entwicklung umzukehren, mindestens ihre Bewegung 
stillzustellen: jetzt soll gerade die Aussicht auf eine 
endgültige Ablösung ein-für-alle-Mal sich pessimistisch 
zuschliessen, jetzt soll der Blick trostlos vor einer 
ehernen Unmöglichkeit abprallen, zurückprallen, jetzt 
sollen jene Begriffe „Schuld" und „Pflicht" sich rück- 
wärts wenden — gegen wen denn? Man kann nicht 
zweifeln: zunächst gegen den „Schuldner", in dem nun- 
mehr das schlechte Gewissen sich dermaassen festsetzt, 
einfrisst, ausbreitet und polypenhaft in jede Breite und 
Tiefe wächst, bis endlich mit der Unlösbarkeit der 
Schuld auch die Unlösbarkeit der Busse, der Gedanke 
ihrer Unabzahlbarkeit (der „ewigen Strafe") concipirt 
ist — ; endlich aber sogar gegen den „Gläubiger", denke 
man dabei nun an die causa prima des Menschen, 



— 390 - 

an den Anfang des menschlichen Geschlechts, an seinen 
Ahnherrn, der nunmehr mit einem Fluche behaftet wird 
(„Adam", „Erbsünde", „Unfreiheit des Willens") oder an 
die Natur, aus deren Schooss der Mensch entsteht und 
in die nunmehr das böse Princip hineingelegt wird 
(„Verteufelung der Natur") oder an das Dasein überhaupt, 
das als unwerth an sich übrig bleibt (nihilistische 
Abkehr von ihm, Verlangen in's Nichts oder Verlangen 
in seinen „Gegensatz", in ein Anders-sein, Buddhismus 
und Verwandtes) — bis wir mit Einem Male vor dem 
paradoxen und entsetzlichen Auskunftsmittel stehn, an 
dem die gemarterte Menschheit eine zeitweilige Erleich- 
terung gefunden hat, jenem Geniestreich des Christen- 
thums: Gott selbst sich für die Schuld des Menschen 
opfernd, Gott selbst sich an sich selbst bezahlt machend, 
Gott als der Einzige, der vom Menschen ablösen kann, 
was für den Menschen selbst unablösbar geworden ist — 
der Gläubiger sich für seinen Schuldner opfernd, aus 
Liebe (sollte man 's glauben? — ), aus Liebe zu seinem 
Schuldner 1 . . . 

27. 

Man wird bereits errathen haben, was eigentlich mit 
dem Allen und unter dem Allen geschehen ist: jener 
Wille zur Selbstpeinigung, jene zurückgetretene Grausam- 
keit des innerlich gemachten, in sich selbst zurückge- 
scheuchten Thiermenschen, des zum Zweck der Zähmung 
in den „Staat" Eingesperrten, der das schlechte Gewissen 
erfunden hat, um sich wehe zu thun, nachdem der 
natürlichere Ausweg dieses Wehe-thun-wollens ver- 
stopft war, — dieser Mensch des schlechten Gewissens 
hat sich der religiösen Voraussetzung bemächtigt, um seine 
Selbstmarterung bis zu ihrer schauerlichsten Härte und 



— 39^ — 

Schärfe zu treiben. Eine Schuld gegen Gott: dieser 
Gedanke wird ihm zum Folterwerkzeug. Er ergreift in 
„Gott" die letzten Gegensätze, die er zu seinen eigentlichen 
und unablöslichen Thier-Instinkten zu finden vermag, er 
deutet diese Thier-Instinkte selbst um als Schuld gegen 
Gott (als Feindschaft, Auflehnung, Aufruhr gegen den 
„Herrn", den „Vater", den Urahn und Anfang der Welt), 
er spannt sich in den Widerspruch „Gott" und „Teufel", 
er wirft alles Nein, das er zu sich selbst, zur Natur, 
Natürlichkeit, Thatsächlichkeit seines Wesens sagt, aus 
sich heraus als ein Ja, als seiend, leibhaft, wirklich, als 
Gott, als Heiligkeit Gottes, als Richterthum Gottes, als 
Henkerthum Gottes, als Jenseits, als Ewigkeit, als Marter 
ohne Ende, als Hölle, als Unausmessbarkeit von Strafe 
und von Schuld. Dies ist eine Art Willens-Wahnsinn 
in der seelischen Grausamkeit, der schlechterdings nicht 
seines Gleichen hat: der Wille des Menschen, sich 
schuldig und verwerflich zu finden bis zur Unsühnbarkeit, 
sein Wille, sich bestraft zu denken, ohne dass die Strafe 
je der Schuld äquivalent werden könne, sein Wille, den 
untersten Grund der Dinge mit dem Problem von Strafe 
und Schuld zu inficiren und giftig zu machen, um sich 
aus diesem Labyrinth von „fixen Ideen" ein für alle Mal 
den Ausweg abzuschneiden, sein Wille, ein Ideal auf- 
zurichten — das des „heiligen Gottes" — , um Angesichts 
desselben seiner absoluten Unwürdigkeit handgreiflich 
gewiss zu sein. Oh über diese wahnsinnige traurige 
Bestie Mensch! Welche Einfälle kommen ihr, welche 
Widematur, welche Paroxysmen des Unsinns, welche 
Bestialität der Idee bricht sofort heraus, wenn sie 
nur ein wenig verhindert wird, Bestie der That zu 
seinl . . . Dies Alles ist interessant bis zum Übermaass, 
aber auch von einer schwarzen düsteren entnervenden 



— 392 _ 

Traurigkeit, dass man es sich gewaltsam verbieten muss, 
zu lange in diese Abgründe zu blicken. Hier ist Krank- 
heit, es ist kein Zweifel, die furchtbarste KJrankheit, die 
bis jetzt im Menschen gewüthet hat: — und wer es noch 
zu hören vermag (aber man hat heute nicht mehr die 
Ohren dafür 1 — ), wie in dieser Nacht von Marter und 
Widersinn der Schrei Liebe, der Schrei des sehn- 
süchtigsten Entzückens, der Erlösung in der Liebe 
geklungen hat, der wendet sich ab, von einem unbesieg- 
lichen Grausen erfasst . . . Im Menschen ist so viel 
Entsetzliches! . . . Die Erde war zu lange schon ein 
Irrenhaus I . . . 

23. 
Dies genüge ein für alle Mal über die Herkunft 
des „heiligen Gottes". — Dass an sich die Conception 
von Göttern nicht nothwendig zu dieser Verschlechterung 
der Phantasie führen muss, deren Vergegenwärtigung 
wir uns für einen Augenblick nicht erlassen durften, 
dass es vornehmere Arten giebt, sich der Erdichtung 
von Göttern zu bedienen, als zu dieser Selbstkreuzigung 
und Selbstschändung des Menschen, in der die letzten 
Jahrtausende Europa's ihre Meisterschaft gehabt haben, — 
das lässt sich zum Glück aus jedem Blick noch ab- 
nehmen, den man auf die griechischen Götter wirft, 
diese Wiederspiegelungen vornehmer und selbstherrlicher 
Menschen, in denen das Thier im Menschen sich ver- 
göttlicht fühlte und nicht sich selbst zerriss, nicht 
gegen sich selber wüthete! Diese Griechen haben sich 
die längste Zeit ihrer Götter bedient, gerade um sich 
das „schlechte Gewissen" vom Leibe zu halten, um ihrer 
Freiheit der Seele froh bleiben zu dürfen: also in einem 
umgekehrten Verstände als das Christenthum Gebrauch 



— 393 — 

von seinem Gotte gemacht hat. Sie giengen darin sehr 
weit, diese prachtvollen und löwenmüthigen Kindsköpfe; 
und keine geringere Autorität als die des homerischen 
Zeus selbst giebt es ihnen hier und da zu verstehn, 
dass sie es sich zu leicht machen. „Wunder! sagt er 
einmal — es handelt sich um den Fall des Ägisthos, um 
einen sehr schlimmen Fall — 

„Wunder, wie sehr doch klagen die Sterblichen 

wider die Götter 1 

„Nur von uns sei Böses, vermeinen sie; aber 

sie selber 

„Schaffen durch Unverstand, auch gegen Geschick, 

sich das Elend." 
Doch hört und sieht man hier zugleich, auch dieser 
olympische Zuschauer und Richter ist ferne davon, ihnen 
deshalb gram zu sein und böse von ihnen zu denken: 
„was sie thö rieht sind!" so denkt er bei den Unthaten 
der Sterblichen, — und „Thorheit", „Unverstand", ein 
wenig „Störung im Kopfe", so viel haben auch die 
Griechen der stärksten, tapfersten Zeit selbst bei sich 
zugelassen als Grund von vielem Schlimmen imd Ver- 
hängnissvollen: — Thorheit, nicht Sünde! versteht ihr 
das? . . . Selbst aber diese Störung im Kopfe war ein 
Problem — „ja, wie ist sie auch nur möglich? woher 
mag sie eigentlich gekommen sein, bei Köpfen, wie wir 
sie haben, wir Menschen der edlen Abkunft, des Glücks, 
der Wohlgerathenheit, der besten Gesellschaft, der Vor- 
nehmheit, der Tugend?" — so fragte sich Jahrhunderte 
lang der vornehme Grieche Angesichts jedes ihm un- 
verständlichen Greuels und Frevels, mit dem sich Einer 
von seines Gleichen befleckt hatte. „Es muss ihn wohl 
ein Gott bethört haben", sagte er sich endlich, den 
Kopf schüttelnd . . Dieser Ausweg ist typisch für 



— 394 — 

Griechen . . . Derg-estalt dienten damals die Götter dazu, 
den Menschen bis zu einem gewissen Grade auch im 
Schlimmen zu rechtfertigen, sie dienten als Ursachen 
des Bösen — damals nahmen sie nicht die Strafe auf 
sich, sondern, wie es vornehmer ist, die Schuld... 



24. 

— Ich schliesse mit drei Fragezeichen, man sieht 
es wohl. „Wird hier eigentlich ein Ideal aufgerichtet 
oder eins abgebrochen?" so fragt man mich vielleicht. . . 
Aber habt ihr euch selber je genug gefragt, wie theuer 
sich auf Erden die Aufrichtung jedes Ideals bezahlt 
gemacht hat? Wie viel Wirklichkeit immer dazu ver- 
leumdet und verkannt, wie viel Lüge geheiligt, wie viel 
Gewissen verstört, wie viel „Gott" jedes Mal geopfert 
werden musste? Damit ein Heiligthum aufgerichtet wer- 
den kann, muss ein Heiligthum zerbrochen werden: 
das ist das Gesetz — man zeige mir den Fall, wo es 
nicht erfüllt ist! . . . Wir modernen Menschen, wir sind 
die Erben der Gewissens-Vivisektion und Selbst-Thier- 
quälerei von Jahrtausenden : darin haben wir unsre längste 
Übung, unsre Künstlerschaft vielleicht, in jedem Fall 
unser Raffinement, unsre Geschmacks-Verwöhnung. Der 
Mensch hat allzulange seine natürlichen Hänge mit 
„bösem Blick" betrachtet, so dass sie sich in ihm schliess- 
lich mit dem „schlechten Gewissen" verschwistert haben. 
Ein umgekehrter Versuch wäre an sich möglich — 
aber wer ist stark genug dazu? — nämlich die un- 
natürlichen Hänge, alle jene Aspirationen zum Jen- 
seitigen, Sinnenwidrigen, Instinktwidrigen, Naturwidrigen, 
Thierwidrigen, kurz die bisherigen Ideale, die allesammt 
lebensfeindliche Ideale, Weltverleumder-Ideale sind, mit 



— 395 — 

dem schlechten Gewissen zu verschwistem. An wen 
sich heute mit solchen Hoffnungen und Ansprüchen 
wenden? . . . Gerade die guten Menschen hätte man 
damit gegen sich; dazu, wie billig, die bequemen, die 
versöhnten, die eitlen, die schwärmerischen, die müden . . . 
Was beleidigt tiefer, was trennt so gründlich ab, als 
etwas von der Strenge und Höhe merken zu lassen, mit 
der man sich selbst behandelt? Und wiederum — wie 
entgegenkommend, wie liebreich zeigt sich alle Welt 
gegen uns, sobald wir es machen wie alle Welt und 
uns „gehen lassen" wie alle Welt! ... Es bedürfte zu 
jenem Ziele einer andren Art Geister, als gerade in 
diesem Zeitalter wahrscheinlich sind: Geister, durch 
Klriege und Siege gekräftigt, denen die Eroberung, das 
Abenteuer, die Gefahr, der Schmerz sogar zum Bedürf- 
niss geworden ist; es bedürfte dazu der Gewöhnung an 
scharfe hohe Luft, an winterliche Wanderungen, an Eis 
und Gebirge in jedem Sinne, es bedürfte dazu einer Art 
sublimer Bosheit selbst, eines letzten selbstgewissesten 
Muthwillens der Erkenntniss, welcher zur grossen Ge- 
sundheit gehört, es bedürfte, kurz und schlimm genug, 
eben dieser grossen Gesundheit!... Ist diese gerade 
heute auch nur möglich? . . . Aber irgend wann, in einer 
stärkeren Zeit, als diese morsche, selbstzweiflerische 
Gegenwart ist, muss er uns doch kommen, der erlösende 
Mensch der grossen Liebe und Verachtung, der schö- 
pferische Geist, den seine drängende Kraft aus allem 
Abseits und Jenseits immer wieder wegtreibt, dessen 
Einsamkeit vom Volke missverstanden wird, wie als ob 
sie eine Flucht vor der Wirklichkeit sei — : während 
sie nur seine Versenkung, Vergrabung, Vertiefung i n die 
Wirklichkeit ist, damit er einst aus ihr, wenn er wieder 
an's Licht kommt, die Erlösung dieser Wirklichkeit 



— 39^ — 

heimbringe: ihre Erlösung von dem Fluche, den das 
bisherige Ideal auf sie gelegt hat. Dieser Mensch der 
Zukunft, der uns ebenso vom bisherigen Ideal erlösen 
wird, als von dem, was aus ihm wachsen musste, 
vom grossen Ekel, vom "Willen zum Nichts, vom Nihi- 
lismus, dieser Glockenschlag des Mittags und der grossen 
Entscheidung, der den Willen wieder frei macht, der 
der Erde ihr Ziel und dem Menschen seine Hoffnung 
zurückg^ebt, dieser Antichrist und Antinihilist, dieser 
Besieger Gottes und des Nichts — er muss einst 
kommen ... 

25. 
— Aber was rede ich da? Genug! Genug! An 
dieser Stelle geziemt mir nur Eins, zu schweigen: ich 
vergriffe mich sonst an dem, was einem Jüngeren allein 
freisteht, einem „Zukünftigeren", einem Stärkeren, als ich 
bin, — was allein Zarathustra frebteht, Zarathustra 
dem Gottlosen . . . 



Dritte Abhandlung: 



was bedeuten asketische Ideale? 



Unbekümmert, spöttisch, gewaltthätig 
— so will uns die Weisheit: sie ist 
ein Weib, sie liebt immer nur einen 
Kriegsmann. 

Also sprach Zarathustra. 



I. 

Was bedeuten asketische Ideale? — Bei Künstlern 
Nichts oder zu Vielerlei; bei Philosophen und Gelehrten 
Etwas wie Witterung und Instinkt für die günstigsten 
Vorbedingungen hoher Geistigkeit; bei Frauen, besten 
Falls, eine Liebenswürdigkeit der Verführung mehr, ein 
wenig morhidezza auf schönem Fleische, die Engelhaftig- 
keit eines hübschen fetten Thiers; bei physiologisch Ver- 
unglückten und Verstimmten (bei der Mehrzahl der 
Sterblichen) einen Versuch, sich „zu gut" für diese Welt 
vorzukommen, eine heilige Form der Ausschweifung, ihr 
Hauptmittel im Kampf mit dem langsamen Schmerz und 
der Langen weile; bei Priestern den eigentlichen Priester- 
glauben, ihr bestes Werkzeug der Macht, auch die „aller- 
höchste" Erlaubniss zur Macht ; bei Heiligen endlich einen 
Vorwand zum Winterschlaf, ihre novissima gloriae cupido, 
ihre Ruhe im Nichts („Gott"), ihre Form des Irrsinns. 
Dass aber überhaupt das asketische Ideal dem Menschen 
so viel bedeutet hat, darin drückt sich die Grundthatsache 
des mensclüichen Willens aus, sein horror vacui: er 
braucht ein Ziel, — und eher will er noch das Nichts 
wollen, als nicht wollen. — Versteht man mich? . . . 
Hat man mich verstanden? . . . „Schlechterdings nicht' 
mein Herrl" — Fangen wir also von vorne an. 



400 



2. 

Was bedeuten asketische Ideale? — Oder, dass ich 
einen einzelnen Fall nehme, in Betreff dessen ich oft 
genug um Rath gefragt worden bin, was bedeutet es 
zum Beispiel, wenn ein Künstler wie Richard Wagner in 
seinen alten Tagen der Keuschheit eine Huldigung dar- 
bringt? In einem gewissen Sinne freilich hat er dies 
immer gethan; aber erst zu allerletzt in einem asketischen 
Sinne. Was bedeutet diese „Sinnes"-Anderung, dieser 
radikale Sinnes-Umschlag? — denn ein solcher war es, 
Wagner sprang damit geradewegs in seinen Gegensatz 
um. Was bedeutet es, wenn ein Künstler in seinen 
Gegensatz umspringt? . . . Hier kommt uns, gesetzt, dass 
wir bei dieser Frage ein wenig Halt machen wollen, als- 
bald die Erinnerung an die beste, stärkste, frohmüthigste, 
muthigste Zeit, welche es vielleicht im Leben Wagner's 
gegeben hat: das war damals, als ihn innerlich und tief 
der Gedanke der Hochzeit Luther's beschäftigte. Wer 
weiss, an welchen Zufällen es eigentlich gehangen hat, 
dass wir heute an Stelle dieser Hochzeits-Musik die 
Meistersinger besitzen? Und wie viel in diesen vielleicht 
noch von jener fortklingt? Aber keinem Zweifel imter- 
liegt es, dass es sich auch bei dieser „Hochzeit Luther*s" 
um ein Lob der Keuschheit gehandelt haben würde. 
Allerdings auch um ein Lob der Sinnlichkeit: — imd 
gerade so schiene es mir in Ordnung, gerade so wäre 
es auch „Wagnerisch" gewesen. Denn zwischen Keusch- 
heit und Sinnlichkeit giebt es keinen nothwendigen Gegen- 
satz; jede gute Ehe, jede eigentliche Herzensliebschaft 
ist über diesen Gegensatz hinaus. Wagner hätte, wie 
mir scheint, wohlgethan, diese angenehme Thatsächlich- 
keit seinen Deutschen mit Hülfe einer holden und tapferen 



— 40I — 

Luther-Komödie wieder einmal zu Gemüthe zu führen, 
denn es giebt und gab unter den Deutschen immer viele 
Verleumder der Sinnlichkeit; und Luther's Verdienst ist 
vielleicht in Nichts grösser als gerade darin, den Muth 
zu seiner Sinnlichkeit gehabt zu haben ( — man hiess 
sie damals, zart genug, die „evangelische Freiheit" . . .) 
Selbst aber in jenem Falle, wo es wirklich jenen Gegen- 
satz zwischen Keuschheit und Sinnlichkeit giebt, braucht 
es glücklicher Weise noch lange kein tragischer Gegen- 
satz zu sein. Dies dürfte wenigstens für alle wohl- 
geratheneren, wohlgemutheren Sterblichen gelten, welche 
ferne davon sind, ihr labiles Gleichgewicht zwischen 
„Thier und Engel" ohne Weiteres zu den Gegengründen 
des Daseins zu rechnen, — die Feinsten und Hellsten, 
gleich Goethen, gleich Hafis, haben darin sogar einen 
Lebensreiz mehr gesehn. Solche „Widersprüche" gerade 
verführen zum Dasein . . . Andrerseits versteht es sich 
nur zu gut, dass wenn einmal die verunglückten Schweine 
dazu gebracht werden, die Keuschheit anzubeten — und 
es giebt solche Schweine! — sie in ihr nur ihren Gegen- 
satz, den Gegensatz zum verunglückten Schweine sehn 
und anbeten werden — oh mit was für einem tragischen 
Gegrunz und Eifer! man kann es sich denken — , jenen 
peinlichen und überflüssigen Gegensatz, den Richard 
Wagner unbestreitbar am Ende seines Lebens noch hat 
in Musik setzen und auf die Bühne stellen wollen. Wo- 
zu doch? wie man billig fragen darf. Denn was giengen 
ihn, was gehen uns die Schweine an? — 



Dabei ist freilich jene andre Frage nicht zu umgehn > 
was ihn eigentlich jene männliche (ach, so unmännliche) 

Nietzsche, Werke Band VH. 

26 



— 402 — • 

„Einfalt vom Lande" angieng, jener arme Teufel und 
Naturbursch Parsifal, der von ihm mit so verfänglichen 
Mitteln schliesslich katholisch gemacht wird — vne? 
war dieser Parsifal überhaupt ernst gemeint? Man 
könnte nämlich versucht sein, das Umgekehrte zu muth- 
maassen, selbst tu "wünschen, — dass der Wagner'sche 
Parsifal heiter gemeint sei, gleichsam als Schlussstück 
und Satyrdrama, mit dem der Tragiker Wagner auf 
eine gerade ihm gebührende und würdige Weise von 
uns, auch von sich, vor Allem von der Tragödie 
habe Abschied nehmen wollen, nämlich mit einem Excess 
höchster und muthwilligster Parodie auf das Tragische 
selbst, auf den ganzen schauerlichen Erden-Ernst und 
Erden-Jammer von Ehedem, auf die endlich überwundene 
gröbste Form in der Widematur des asketischen 
Ideals. So wäre es, wie gesagt, eines grossen Tragikers 
gerade würdig gewesen: als welcher, wie jeder Künstler, 
erst dann auf den letzten Gipfel seiner Grösse kommt, 
wenn er sich und seine Kunst unter sich zu sehen 
weiss, — wenn er über sich zu lachen weiss. Ist der 
„Parsifal" Wagner's sein heimliches Überlegenheits-Lachen 
über sich selbst, der Triumph seiner errungenen letzten 
höchsten Künstler -Freiheit, Künstler -Jenseitigkeit? Man 
möchte es, wie gesagt, wünschen: denn was würde der 
ernstgemeinte Parsifal sein? Hat man wirklich nöthig, 
in ihm (wie man sich gegen mich ausgedrückt hat) „die 
Ausgeburt eines tollgewordnen Hasses auf Erkenntniss, 
Geist und Sinnlichkeit" zu sehn? Einen Fluch auf Sinne 
und Geist in Einem Hass und Athem? Eine Apostasie 
und Umkehr zu christlich-krankhaften und obskurantisti- 
schen Idealen? Und zuletzt gar ein Sich-selbst- Verneinen, 
Sich -selbst -Durchstreichen von Seiten eines Künstlers, 
der bis dahin mit aller Macht seines Willens auf das 



— 403 — 

Umgekehrte, nämlich auf höchste Vergeistigung 
und Versinnlichung seiner Kunst aus gewesen war? 
Und nicht nur seiner Kunst: auch seines Lebens. Man 
erinnere sich, wie begeistert seiner Zeit Wagner in den 
Fusstapfen des Philosophen Feuerbach gegangen ist: 
Feuerbach's Wort von der „gesunden Sinnlichkeit" — 
das klang in den dreissiger und vierziger Jahren Wag- 
nern gleich vielen Deutschen ( — sie nannten sich die 
„jungen Deutschen") wie das Wort der Erlösung. Hat 
er schliesslich darüber umgelernt? Da es zum Min- 
desten scheint, dass er zuletzt den Willen hatte, darüber 
umzulehren . . . Und nicht nur mit den Parsifal- 
Posaunen von der Bühne herab: — in der trüben, ebenso 
unfreien als rathlosen Schriftstellerei seiner letzten Jahre 
giebt es hundert Stellen, in denen sich ein heimlicher 
Wunsch und Wille, ein verzagter, unsicherer, uneinge- 
ständlicher Wille verräth, ganz eigentlich Umkehr, 
Bekehrung, Verneinung, Christenthum , Mittelalter zu 
predigen und seinen Jüngern zu sagen „es ist Nichts' 
Sucht das Heil wo anders!" Sogar das ,31ut des Er- 
lösers" wird einmal angerufen , . . 



4. 

Dass ich in einem solchen Falle, der vieles Pein- 
liche hat, meine Meinung sage — und es ist ein typi- 
scher Fall — : man thut gewiss am besten, einen Künst- 
ler in so weit von seinem Werke zu trennen, dass man 
ihn selbst nicht gleich ernst nimmt wie sein Werk. Er 
ist zuletzt nur die Vorausbedingung seines Werks, der 
Mutterschooss, der Boden, unter Umständen der Dünger 
und Mist, auf dem, aus dem es wächst, — und somit, 
m den meisten Fällen, Etwas, das man vergessen muss, 

26* 



— 404 — 

wenn man sich des Werks selbst erfreuen will. Die 
Einsicht in die Herkunft eines Werks geht die Phy- 
siologen und Vivisektoren des Geistes an: nie und 
nimmermehr die ästhetischen Menschen, die Artisten! 
Dem Dichter und Ausgestalter des Parsifal blieb ein 
tiefes, gründliches, selbst schreckliches Hineinleben und 
Hinabsteigen in mittelalterliche Seelen - Contraste , ein 
feindseliges Abseits von aller Höhe, Strenge und Zucht 
des Geistes, eine Art intellektueller Perversität (wenn 
man mir das Wort nachsehn will) ebensowenig erspart 
als einem schwangeren Weibe die Widerlichkeiten und 
Wunderlichkeiten der Schwangerschaft: als welche man, 
wie gesagt, vergessen muss, um sich des Kindes zu 
erh-eun. Man soll sich vor der Verwechselung hüten, 
in welche ein Künstler nur zu leicht selbst geräth, aus 
psychologischer conttguüy, mit den Engländern zu reden: 
wie als ob er selber das wäre, was er darstellen, aus- 
denken, ausdrücken kann. Thatsächlich steht es so, dass, 
wenn er eben das wäre, er es schlechterdings nicht 
darstellen, ausdenken, ausdrücken würde; ein Homer 
hätte keinen Achill, ein Goethe keinen Faust gedichtet, 
wenn Homer ein Achill und wenn Goethe ein Faust 
gewesen wäre. Ein voUkommner imd ganzer Künstler 
ist in alle Ewigkeit von dem „Realen", dem Wirklichen 
abgetrennt; andrerseits versteht man es, wie er an dieser 
ewigen „Unrealität" und Falschheit seines innersten Da- 
seins mitunter bis zur Verzweiflung müde werden kann, 
— und dass er dann wohl den Versuch macht, einmal 
in das gerade ihm Verbotenste, in's Wirkliche überzu- 
greifen, wirklich zu sein. Mit welchem Erfolge? Man 
wird es errathen ... Es ist das die typische Velleität 
des Künstlers: dieselbe Velleität, welcher auch der alt- 
gewordne Wagner verfiel und die er so theuer, so 



— 405 — 

verhängnissvoll hat büssen müssen ( — er verlor durch 
sie den werthvollen Theil seiner Freunde). Zuletzt aber, 
noch ganz abgesehn von dieser Velleität, wer möchte 
nicht überhaupt wünschen, um Wagner's selber willen, 
dass er anders von uns und seiner Kunst Abschied 
genommen hätte, nicht mit einem Parsifal, sondern sieg- 
reicher, selbstgewisser, Wagnerischer, — weniger irre- 
führend, weniger zweideutig in Bezug auf sein ganzes 
Wollen, weniger Schopenhauerisch, weniger nihilistisch?. , . 



5. 

— Was bedeuten also asketische Ideale? Im Falle 
eines Künstlers, wir begreifen es nachgerade: gar 
Nichts! . . . Oder so Vielerlei, dass es so gut ist wie 
gar Nichts! . . . Zuletzt, was liegt daran! Die Herren 
Künstler stehen lange nicht unabhängig genug in der 
Welt und gegen die Welt, als dass ihre Werth- 
schätzungen und deren Wandel an sich Theilnahme 
verdiente! Sie waren zu allen Zeiten Kammerdiener 
einer Moral oder Philosophie oder Religion; ganz ab- 
gesehn noch davon, dass sie leider oft genug die allzu- 
geschmeidigen Höflinge ihrer Anhänger- und Gönner- 
schaft und spürnasige Schmeichler vor alten oder eben 
neu heraufkommenden Gewalten gewesen sind. Zum 
Mindesten brauchen sie immer eine Schutzwehr, einen 
Rückhalt, eine bereits begründete Autorität: die Künstler 
stehen nie für sich, das Alleinstehn geht wider ihre tief- 
sten Instinkte. So nahm zum Beispiel Richard Wagner 
den Philosophen Schopenhauer, als „die Zeit gekommen 
war", zu seinem Vordermann, zu seiner Schutzwehr: — 
wer möchte es auch nur für denkbar halten, dass er den 
Muth zu einem asketischen Ideal gehabt hätte, ohne 



— 4°^ — 

den Rückhalt, den ihm die Philosophie Schopenhauer's 
bot, ohne die in den siebziger Jahren in Europa zum 
Übergewicht gelangende Autorität Schopenhauer's? 
(dabei noch nicht in Anschlag gebracht, ob im neuen 
Deutschland ein Künstler ohne die Milch frommer, 
reichsfrommer Denkungsart überhaupt möglich gewesen 
wäre). — Und damit sind wir bei der ernsthafteren 
Frage angelangt: was bedeutet es, wenn ein wirklicher 
Philosoph dem asketischen Ideale huldigt, ein wirklich 
auf sich gestellter Geist wie Schopenhauer, ein Mann 
und Ritter mit erzenem Blick, der den Muth zu sich 
selber hat, der allein zu stehn weiss und nicht erst auf 
Vordermänner und höhere Winke wartet? — Erwägen 
wir hier sofort die merkwürdige und für manche Art 
Mensch selbst fascinirende Stellung Schopenhauer's zur 
Kunst: denn sie ist es ersichtlich gewesen, um derent- 
willen zunächst Richard Wagner zu Schopenhauem 
übertrat (überredet dazu durch einen Dichter, wie man 
weiss, durch Herwegh), und dies bis zu dem Maasse, 
dass sich damit ein vollkommner theoretischer Wider- 
spruch zwischen seinem früheren und seinem späteren 
ästhetischen Glauben aufriss, — ersterer zum Beispiel in 
„Oper und Drama" ausgedrückt, letzterer in den Schriften, 
die er von 1870 an herausgab. In Sonderheit änderte 
Wagner, was vielleicht am meisten befremdet, von da 
an rücksichtslos sein Urtheil über Werth und Stellung 
der Musik selbst: was lag ihm daran, dass er bisher 
aus ihr ein Mittel, ein Medium, ein „Weib" gemacht 
hatte, das schlechterdings eines Zweckes, eines Manns 
bedürfe, um zu gedeihn — nämlich des Drama's! Er 
begriff mit Einem Male, dass mit der Schopenhauer'schen 
Theorie und Neuerung mehr zu machen sei in majorem 
mustcae gloriam, — nämlich mit der Souverainetät 



— 407 — 

der Musik, so wie sie Schopenhauer begriff: die Musik 
abseits gestellt gegen alle übrigen Künste, die unab- 
hängige Kunst an sich, nicht, wie diese, Abbilder 
der Phänomenalität bietend, vielmehr die Sprache des 
Willens selbst redend, unmittelbar aus dem „Abgrunde" 
heraus, als dessen eigenste, ursprünglichste, unabgeleitetste 
Offenbarung. Mit dieser ausserordentlichen Werth- 
steigerung der Musik, wie sie aus der Schopenhauer'schen 
Philosophie zu erwachsen schien, stieg mit Einem Male 
auch der Musiker selbst unerhört im Preise: er wurde 
nunmehr ein Orakel, ein Priester, ja mehr als ein Priester, 
eine Art Mundstück des „An-sich" der Dinge, ein Tele- 
phon des Jenseits, — er redete fürderhin nicht nur Musik, 
dieser Bauchredner Gottes, — er redete Metaphysik: 
was Wunder, dass er endlich eines Tags asketische 
Ideale redete? . . . 

6. 

Schopenhauei hat sich die Kantische Fassung des 
ästhetischen Problems zu Nutze gemacht, — obwohl er 
es ganz gewiss nicht mit Kantischen Augen angeschaut 
hat. Kant gedachte der Kunst eine Ehre zu erweisen, 
als er unter den Prädikaten des Schönen diejenigen be- 
vorzugte und in den Vordergrund stellte, welche die 
Ehre der Erkenntniss ausmachen: Unpersönlichkeit und 
Allgemeingültigkeit Ob dies nicht in der Hauptsache 
ein Fehlgriff war, ist hier nicht am Orte zu verhandeln; 
was ich allein unterstreichen will, ist, dass Kant, gleich 
allen Philosophen, statt von den Erfahrungen des Künst- 
lers (des Schaffenden) aus das ästhetische Problem zu 
visiren, allein vom „Zuschauer" aus über die Kunst und 
das Schöne nachgedacht und dabei unvermerkt den 
„Zuschauer" selber in den Begriff „schön" hinein be- 



— 4o8 — 

kommen hat Wäre aber wenigstens nur dieser „Zu- 
schauer" den Philosophen des Schönen ausreichend 
bekannt gewesen! — nämlich als eine grosse persön- 
liche Thatsache und Erfahrung, als eine Fülle eigenster 
starker Erlebnisse, Begierden, Überraschungen, Ent- 
zückungen auf dem Gebiete des Schönen! Aber das 
Gegentheil war, wie ich fürchte, immer der Fall: und so 
bekommen wir denn von ihnen gleich von Anfang an 
Definitionen, in denen, wie in jener berühmten Definition, 
die Kant vom Schönen giebt, der Mangel an feinerer 
Selbst-Erfahrung in Gestalt eines dicken Wurms von 
Grundirrthum sitzt „Schön ist, hat Kant gesagt, was 
ohne Interesse gefällt" Ohne Interesse! Man ver- 
gleiche mit dieser Definition jene andre, die ein wirklicher 
„Zuschauer" und Artist gemacht hat, — Stendhal, der 
das Schöne einmal une promesse de bonheur nennt 
Hier ist jedenfalls gerade Das abgelehnt und aus- 
gestrichen, was Kant allein am ästhetischen Zustande 
hervorhebt: le d^sinUressement. Wer hat Recht Kant 
oder Stendhal? — Wenn freilich unsre Ästhetiker nicht 
müde werden, zu Gunsten Kant's in die Wagschale zu 
werfen, dass man unter dem Zauber der Schönheit sogar 
gewandlose weibliche Statuen „ohne Interesse" anschauen 
könne, so darf man wohl ein wenig auf ihre Unkosten 
lachen: — die Erfahrungen der Künstler sind in Bezug 
auf diesen heiklen Punkt „interessanter" und Pygmalion 
war jedenfalls nicht nothwendig ein „unästhetischer 
Mensch". Denken wir um so besser von der Unschuld 
unsrer Ästhetiker, welche sich in solchen Argumenten 
spiegelt, rechnen wir es zum Beispiel Kanten zu Ehren 
an, was er über das Eigenthümliche des Tastsinns mit 
landpfarrermässiger Naivetät zu lehren weiss! — Und 
hier kommen wir auf Schopenhauer zurück, der in ganz 



— 409 — 

andrem Maasse als Kant den Künsten nahestand und 
doch nicht aus dem Bann der Kantischen Definition 
herausgekommen ist: wie kam das? Der Umstand ist 
wunderlich genug: das Wort „ohne Interesse" inter- 
pretirte er sich in der allerpersönlichsten Weise, aus 
einer Erfahrung heraus, die bei ihm zu den regelmässig- 
sten gehört haben muss. Über wenig Dinge redet 
Schopenhauer so sicher wie über die Wirkung der ästhe- 
tischen Contemplation : er sagt ihr nach, dass sie gerade 
der geschlechtlichen „Interessirtheit" entgegenwirke, 
ähnlich also wie Lupulin und Kampher, er ist nie müde 
geworden, dieses Loskommen vom „Willen" als den 
grossen Vorzug und Nutzen des ästhetischen Zustandes 
zu verherrlichen. Ja man möchte versucht sein zu fragen, 
ob nicht seine Grundconception von „Willen und Vor- 
stellung", der Gedanke, dass es eine Erlösung vom 
„Willen" einzig durch die „Vorstellung" geben könne, aus 
einer Verallgemeinerung jener Sexual -Erfahrung ihren 
Ursprung genommen habe. (Bei allen Fragen in Betreff 
der Schopenhauer'schen Philosophie ist, anbei bemerkt, 
niemals ausser Acht zu Isissen, dass sie die Conception 
eines sechsundzwanzigj ährigen Jünglings ist; so dass sie 
nicht nur an dem Spezifischen Schopenhauer's, sondern 
auch an dem Spezifischen jener Jahreszeit des Lebens 
Antheil hat.) Hören wir zum Beispiel eine der aus- 
drücklichsten Stellen unter den zahllosen, die er zu Ehren 
des ästhetischen Zustandes geschrieben hat (Welt als 
Wille und Vorstellung I 231), hören wir den Ton heraus, 
das Leiden, das Glück, die Dankbarkeit, mit der solche 
Worte gesprochen worden sind. „Das ist der schmerzens- 
lose Zustand, den Epikuros als das höchste Gut und 
als den Zustand der Götter pries; wir sind, für jenen 
Augenblick, des schnöden Willensdranges entledigt, wir 



— ^lO — 

feiern den Sabbat der Zuchthausarbeit des Wollens, das 
Rad des Ixion steht still" . . . Welche Vehemenz der 
Worte! Welche Bilder der Qual und des langen Über- 
drusses! Welche fast pathologische Zeit - Gegenüber- 
stellung ,jenes Augenblicks" und des sonstigen „Rads 
des Ixion", der „Zuchthausarbeit des Wollens", des „schnö- 
den Willensdrangs"! — Aber gesetzt, dass Schopenhauer 
hundert Mal für seine Person Recht hätte, was wäre 
damit fOr die Einsicht in's Wesen des Schönen gethan? 
Schopenhauer hat Eine Wirkung des Schönen beschrieben, 
die willen-calmirende, — ist sie auch nur eine regel- 
mässige? Stendhal, wie gesagt, eine nicht weniger sinn- 
liche, aber glücklicher gerathene Natur als Schopenhauer, 
hebt eine andre Wirkung des Schönen hervor: „das 
Schöne verspricht Glück", ihm scheint gerade die 
Erregung des Willens („des Interesses") durch das 
Schöne der Thatbestand. Und könnte man nicht zuletzt 
Schopenhauem selber einwenden, dass er sehr mit Un- 
recht sich hierin Kantianer dünke, dass er ganz und gajr 
nicht die Kantische Definition des Schönen Kantisch 
verstanden habe, — dass auch ihm das Schöne aus 
einem ,Jnteresse" gefalle, sogar aus dem allerstärksten, 
allerpersönlichsten Interesse: dem des Torturirten, der 
von seiner Tortur loskommt? . . . Und, um auf unsre 
erste Frage zurückzukommen „was bedeutet es, wenn 
ein Philosoph dem asketischen Ideale huldigt?" so be- 
kommen wir hier wenigstens einen ersten Wink: er will 
von einer Tortur loskommen. — 



Hüten wir uns, bei dem Wort „Tortur" gleich düstere 
Gesichter zu machen: es bleibt gerade in diesem Falle 



— 411 — 

genug dagegen zu rechnen, genug abzuziehn, — es bleibt 
selbst etwas zu lachen. Unterschätzen wir es namentlich 
nicht, dass Schopenhauer, der die Geschlechtlichkeit in 
der That als persönlichen Feind behandelt hat {einbegriffen 
deren Werkzeug, das Weib, dieses „instrumentum 
diaholi'-'). Feinde nöthig hatte, um guter Dinge zu 
bleiben; dass er die g^rimmigen galligen schwarzgrünen 
Worte liebte; dass er zürnte, um zu zürnen, aus Passion; 
dass er krank geworden wäre, Pessimist geworden 
wäre ( — denn er war es nicht, so sehr er es auch 
wünschte) ohne seine Feinde, ohne Hegel, das Weib, die 
Sinnlichkeit und den ganzen Willen zum Dasein, Da- 
bleiben. Schopenhauer wäre sonst nicht dageblieben, 
darauf darf man wetten, er wäre davongelaufen: seine 
Feinde aber hielten ihn fest, seine Feinde verführten ihn 
immer wieder zum Dasein, sein Zorn war, ganz wie bei 
den antiken Cynikem, sein Labsal, seine Erholung, sein 
Entgelt, sein remedium gegen den Ekel, sein Glück. 
So viel in Hinsicht auf das Persönlichste am Fall 
Schopenhauer's ; andrerseits ist an ihm noch etwas 
Typisches, — und hier erst kommen wir wieder auf 
unser Problem. E^ besteht unbestreitbar, so lange es 
Philosophen auf Erden giebt und überall, wo es Philo- 
sophen gegeben hat (von Indien bis England, um die 
entgegengesetzten Pole der Begabung für Philosophie 
zu nehmen) eine eigentliche Philosophen -Gereiztheit und 
-Rancune gegen die Sinnlichkeit — Schopenhauer ist 
nur deren beredtester und, wenn man das Ohr dafür hat, 
auch hinreissendster und entzückendster Ausbruch — ; 
es besteht msgleichen eine eigentliche Philosophen -Vor- 
eingenommenheit und -Herzlichkeit in Bezug auf das 
ganze asketische Ideal, darüber und dagegen soll man 
sich nichts vormachen. Beides gehört, wie gesagt, zum 



— 412 — 

Typus; fehlt Beides an einem Philosophen, so ist er — 
dessen sei man sicher — immer nur ein „sogenannter". 
Was bedeutet das? Denn man muss diesen That- 
bestand erst interpretiren : an sich steht er da, dumm in 
alle Ewigkeit, wie jedes „Ding an sich". Jedes Thier, 
somit auch la bete phüosophe, strebt instinktiv nach einem 
Optimum von günstigen Bedingungen, unter denen es 
seine Kraft ganz herauslassen kann und sein Maximum 
im Machtgefühl erreicht; jedes Thier perhorreszirt ebenso 
instinktiv und mit einer Fehiheit der Witterung, die 
„höher ist als alle Vernunft", alle Art Störenfriede und 
Hindemisse, die sich ilim über diesen Weg zum Opti- 
muvi legen oder legen könnten ( — es ist nicht sein 
Weg zum „Glück", von dem ich rede, sondern sein Weg 
zur Macht, zur That, zum mächtigsten Thun, und in den 
meisten Fällen thatsächlich sein Weg zum Unglück). 
Dergestalt perhorreszirt der Philosoph die Ehe sammt 
dem, was zu ihr überreden möchte, — die Ehe als Hin- 
derniss und Verhängniss auf seinem Wege zum Opti- 
mum. Welcher grosse Philosoph war bisher verheirathet ? 
Heraklit, Plato, Descartes, Spinoza, Leibniz, Kant, 
Schopenhauer — sie waren es nicht; mehr noch, man 
kann sie sich nicht einmal denken als verheirathet. Ein 
verheiratheter Philosoph gehört in die Komödie, das 
ist mein Satz : und jene Ausnahme Sokrates — der boshafte 
Sokrates hat sich, scheint es, ironice verheirathet, eigens 
um gerade diesen Satz zu demonstriren. Jeder Philosoph 
würde sprechen, wie einst Buddha sprach, als ihm die 
Geburt eines Sohns gemeldet wurde: „Rähula ist mir 
geboren, eine Fessel ist mir geschmiedet" (Rähula be- 
deutet hier „ein kleiner Dämon"); jedem „freien Geiste" 
müsste eine nachdenkliche Stunde kommen, gesetzt dass 
er vorher eine gedankenlose gehabt hat, wie sie einst 



— 413 — 

demselben Buddha kam — »eng bedrängt, dachte er bei 
sich, ist das Leben im Hause, eine Stätte der Unreinheit; 
Freiheit ist im Verlassen des Hauses": „die weil er also 
dachte, verliess er das Haus". Es sind im asketischen 
Ideale so viele Brücken zur Unabhängigkeit ange- 
zeigt, dass ein PhUosoph nicht ohne ein innerhches Froh- 
locken und Händeklatschen die Geschichte aller jener 
Entschlossnen zu hören vermag, welche eines Tages 
Nein sagten zu aller Unfreiheit und in irgend eine 
Wüste giengen: gesetzt selbst, dass es bloss starke Esel 
waren und ganz und gar das Gegenstück eines starken 
Geistes. Was bedeutet demnach das asketische Ideal 
bei einem Philosophen? Meine Antwort ist — man wird 
es längst errathen haben: der Philosoph lächelt bei 
seinem Anblick einem Optimum der Bedingungen höch- 
ster und kühnster Geistigkeit zu, — er verneint nicht 
damit „das Dasein", er bejaht darin vielmehr sein Da- 
sein und nur sein Dasein, und dies vielleicht bis zu dem 
Grade, dass ihm der frevelhafte Wunsch nicht fem bleibt: 
pereat mundus, ßat phüosophiay ßat phüosophus, fiam /. . . 



8. 

Man sieht, das sind keine unbestochnen Zeugen 
und Richter über den Werth des asketischen Ideals, 
diese Philosophen! Sie denken an sich, — was geht sie 
„der HeUige" an! Sie denken an Das dabei, was ihnen 
gerade das Unentbehrlichste ist: Freiheit von Zwang, 
Störung, Lärm, von Geschäften, Pflichten, Sorgen; Hellig- 
keit im Kopf; Tanz, Sprung und Flug der Gedanken; 
eine gute Luft, dünn, klar, frei, trocken, wie die Luft 
auf Höhen ist, bei der alles animalische Sein geistiger 
wird und Flügel bekommt; Ruhe in allen Souterrains; 



— 414 — 

alle Hunde hübsch an die Kette gelegft; kein Gebell 
von Feindschaft und zotteliger Rancune; keine Nage- 
würmer verletzten Ehrgeizes; bescheidne und unterthä- 
nige Eingeweide, flelssig wie Mühlwerke, aber fem; das 
Herz fremd, jenseits, zukünftig, posthum, — sie denken, 
Alles in Allem, bei dem asketischen Ideal an den hei- 
teren Asketismus eines vergöttlichten und flügge geword- 
nen Thiers, das über dem Leben mehr schweift als ruht 
Man weiss, was die drei grossen Prunkworte des aske- 
tischen Ideals sind: Annuth, Demuth, Keuschheit: und 
nun sehe man sich einmal das Leben aller grossen frucht- 
baren erfinderischen Geister aus der Nähe an, — man 
wird darin alle drei bis zu einem gewissen Grade immer 
wiederfinden. Durchaus nicht, wie sich von selbst ver- 
steht, als ob es etwa deren „Tugenden" wären — was 
hat diese Art Mensch mit Tugenden zu schaffen I — , 
sondern als die eigentlichsten und natürlichsten Be- 
dingungen ihres besten Daseins, ihrer schönsten 
Fruchtbarkeit Dabei ist es ganz wohl möglich, dass 
ihre dominirende Geistigkeit vorerst einem unbändigen 
und reizbaren Stolze oder einer muthwilligen Sinnlich- 
keit Zügel anzulegen hatte oder dass sie iliren Willen 
zur „AVüste" vielleicht gegen einen Hang zum Luxus 
und zum Ausgesuchtesten, insgleichen gegen eine ver- 
schwenderische Liberalität mit Herz und Hand schwer 
genug aufrecht erhielt Aber sie that es, eben als der 
dominirende Instinkt der seine Forderungen bei allen 
andren Instinkten durchsetzte — sie thut es noch; thäte 
sie's nicht, so dominirte sie eben nicht. Daran ist also 
nichts von „Tugend". Die Wüste übrigens, von welchei 
ich eben sprach, in die sich die starken, unabhängig ge- 
arteten Geister zurückziehn und vereinsamen — oh wie 
anders sieht sie aus, als die Gebildeten sich eine Wüste 



— 415 — 

träumen! — unter Umständen sind sie es nämlich selbst, 
diese Gebildeten. Und gewiss ist es, dass alle Schau- 
spieler des Geistes es schlechterdings nicht in ihr aus- 
hielten, — für sie ist sie lange nicht romantisch und 
syrisch genug, lange nicht Theater -Wüste genug! Es 
fehlt allerdings auch in ihr nicht an Kameelen: darauf 
aber beschränkt sich die ganze Ähnlichkeit Eine will- 
kürliche Obskurität vielleicht; ein Aus -dem -Wege -Gehn 
vor sich selber; eine Scheu vor Lärm, Verehrung, Zei- 
tung, Einfluss; ein kleines Amt, ein Alltag, Etwas, das 
mehr verbirgt als an's Licht stellt; ein Umgang ge- 
legentlich mit harmlosem heitren Gethier und Geflügel, 
dessen Anblick erholt; ein Gebirge zur Gesellschaft, 
aber kein todtes, eins mit Augen (das heisst mit Seen); 
unter Umständen selbst ein Zimmer in einem vollen 
Allerwelts - Gasthof , wo man sicher ist, verwechselt zu 
werden, und ungestraft mit Jedermann reden kann, — 
das ist liier „Wüste": oh sie ist einsam genug, glaubt 
es mirl Wenn Heraklit sich in die Freihöfe und Säulen- 
gänge des ungeheuren Artemis -Tempels zurückzog, so 
war diese „Wüste" würdiger, ich gebe es zu: weshalb 
fehlen uns solche Tempel? ( — sie fehlen uns vielleicht 
nicht: eben gedenke ich meines schönsten Studir- 
zimmers, der piazza dt San Marco, Frühling voraus- 
gesetzt, insgleichen Vormittag, die Zeit zwischen lo 
und 12.) Das aber, dem Heraklit auswich, ist das 
Gleiche noch, dem wir jetzt aus dem Wege gehn: der 
Lärm und dcis Demokraten-Geschwätz der Ephesier, ihre 
Politik, ihre Neuigkeiten vom „Reich" (Persien, man 
versteht mich), ihr Markt -Kram von „Heute", — denn 
wir Philosophen brauchen zu allererst vor Einem Ruhe: 
vor allem „Heute". Wir verehren das Stille, das Kalte, 
das Vornehme, das Feme, das Vergangne, Jegliches 



— 4i6 — 

überhaupt, bei^ dessen Aspekt die Seele sich nicht zu 
verth eidigen und zuzuschnüren hat, — Etwas, mit dem 
man reden kann, ohne laut zu reden. Man höre 
doch nur auf den Klang, den ein Geist hat, wenn er 
redet: jeder Geist hat seinen Klang, liebt seinen Klang. 
Das dort zum Beispiel muss wohl ein Agitator sein, 
will sagen ein Hohlkopf, Hohltopf: was auch nur in ihn 
hineingeht, jeglich Ding kommt dumpf und dick aus 
ihm zurück, beschwert mit dem Echo der grossen Leere. 
Jener dort spricht selten anders als heiser: hat er sich 
vielleicht heiser gedacht? Das wäre möglich — man 
frage die Physiologen — , aber wer in Worten denkt, 
denkt als Redner und nicht als Denker (es verräth, 
dass er im Grunde nicht Sachen, nicht sachlich denkt, 
sondern nur in Hinsicht auf Sachen, dass er eigentlich 
sich und seine Zuhörer denkt). Dieser Dritte da redet 
aufdringlich, er tritt zu nahe uns an den Leib, sein 
Athem haucht uns an, — unwillkürlich schliessen wir 
den Mund, obwohl es ein Buch ist, durch das er zu uns 
spricht: der Klang seines Stils sagt den Grund davon, 
— dass er keine Zeit hat, dass er schlecht an sich selber 
glaubt, dass er heute oder niemals mehr zu Worte kommt. 
Ein Geist aber, der seiner selbst gewiss ist, redet leise; 
er sucht die Verborgenheit, er lässt auf sich warten. 
Man erkennt einen Philosophen daran, dass er drei 
glänzenden und lauten Dingen aus dem Wege geht, 
dem Ruhme, den Fürsten und den Frauen: womit nicht 
gesagt ist, dass sie nicht zu ihm kämen. Er scheut all- 
zuhelles Licht: deshalb scheut er seine Zeit und deren 
„Tag". Darin ist er wie ein Schatten: je mehr ihm die 
Sonne sinkt, um so grösser wird er. Was seine „De- 
muth" angeht, so verträgt er, wie er das Dunkel verträgt, 
auch eine gewisse Abhängigkeit und Verdunkelung: 



-. 417 — 

mehr noch, er fiirchtet sich vor der Störung durch BUtze, 
er schreckt vor der Ungeschütztheit eines allzu isolirten 
und preisgegebnen Baums zurück, an dem jedes schlechte 
Wetter seine Laune, jede Laune ihr schlechtes Wetter 
auslässt. Sein „mütterlicher" Instinkt, die geheime Liebe 
zu dem, was in ihm wächst, weist ihn auf Lagen hin, 
wo man es ihm abnimmt, an sich zu denken; in gleichem 
Sinne, wie der Listinkt der Mutter im Weibe die ab- 
hängige Lage des Weibes überhaupt bisher festgehalten 
hat. Sie verlangen zuletzt wenig genug, diese Philo- 
sophen, ihr Wahlspruch ist „wer besitzt, wird besessen" — : 
nicht, wie ich wieder und wieder sagen muss, aus einer 
Tugend, aus einem verdienstlichen Willen zur Genüg- 
samkeit und Einfalt, sondern weil es Üir oberster Herr 
so von ihnen verlangt, klug und unerbittlich verlangt: 
als welcher nur für Eins Sinn hat und Alles, Zeit, Kraft 
Liebe, Interesse nur dafür sammelt, nur dafür aufspart 
Diese Art Mensch liebt es nicht, durch Feindschaften 
gestört zu werden, auch durch Freundschaften nicht: sie 
vergisst oder verachtet leicht Es dünkt ihr ein schlechter 
Geschmack, den Märtyrer zu machen; „fttr die Wahrheit 
zu leiden" — das überlässt sie den Ehrgeizigen und 
Bühnenhelden des Geistes und wer sonst Zeit genug 
dazu hat ( — sie selbst, die Philosophen, haben Etwas 
für die Wahrheit zu thun). Sie machen einen sparsamen 
Verbrauch von grossen Worten; man sagt, dass ihnen 
selbst das Wort „Wahrheit" widerstehe: es klinge gfross- 
thuerisch . . . Was endlich die „Keuschheit" der Philo- 
sophen anbelangt so hat diese Art Geist ihre Frucht- 
barkeit ersichtlich wo anders als in Kindern; vielleicht 
wo anders auch das Fortleben ihres Namens, ihre kleine 
Unsterblichkeit (noch unbescheidner drückte man sich 
im alten Indien unter Philosophen aus „wozu Nach- 
Niet zsciie, Werke l!;ind VII. 87 



~ 418 — 

kommenschaft Dem, dessen Seele die Welt ist"?). Darin 
ist Nichts von Keuschheit aus irgend einem asketischen 
Skrupel und Sinnenhass, so wenig es Keuschheit ist, 
wenn ein Athlet oder Jockey sich der Weiber enthält; 
so will es vielmehr, zum Mindesten für die Zeiten der 
grossen Schwangerschaft, ilir dominirender Instinkt 
Jeder Artist weiss, wie schädlich in Zuständen grosser 
geistiger Spannung und Vorbereitung der Beischlaf wirkt; 
für die mächtigsten und instinktsichersten unter ihnen 
gehört dazu nicht erst die Erfahrung, die schlimme 
Erfahrung, — sondern eben ihr „mütterlicher** Instinkt 
ist es, der hier zum Vortheil des werdenden Werkes 
rücksichtslos über alle sonstigen Vorräthe und Zuschüsse 
von Kraft, von vigor des animalen Lebens verfügt: die 
grössere Kraft verbraucht dann die kleinere. — Man 
lege sich übrigens den oben besprochnen Fall Schopen- 
hauer's nach dieser Interpretation zurecht: der Anblick 
des Schönen wirkte offenbar bei ihm als auslösender 
Reiz auf die Hauptkraft seiner Natur (die Kraft der 
Besinnung und des vertieften Blicks); so dass diese dann 
explodirte und mit Einem Male Herr des Bewusstseins 
wurde. Damit soll durchaus die Möglichkeit nicht aus- 
geschlossen sein, dass jene eigenthümliche Süssigkeit 
und Fülle, die dem ästhetischen Zustande eigen ist, 
gerade von der Ing^redienz „Sinnlichkeit" ihre Herkunft 
nehmen könnte, (wie aus derselben Quelle jener „Idealis- 
mus" stammt, der mannbaren Mädchen eignet) — dcuss 
somit die Sinnlichkeit beim Eintritt des ästhetischen Zu- 
standes nicht aufgehoben ist, wie Schopenhauer glaubte, 
sondern sich nur transfigurirt und nicht als Geschlechts- 
reiz mehr in's Bewusstsein tritt. (Auf diesen Gesichts- 
punkt werde ich ein andres Mal zurückkommen, im Zu- 
sammenhang mit noch delikateren Problemen der bisher 



l 



— 419 — 

so unberührten, so unaufgeschlossnen Physiologie 
der Ästhetik.) 

9- 

Ein gewisser Asketismus, wir sahen es, eine harte 
und heitre Entsagsamkeit besten Willens gehört zu 
den günstigen Bedingungen höchster Geistigkeit, ins- 
gleichen auch zu deren natürlichsten Folgen: so wird 
es von vornherein nicht Wunder nehmen, wenn das 
asketische Ideal gerade von den Philosophen nie ohne 
einige Voreingenommenheit behandelt worden ist Bei 
einer ernsthaften historischen Nachrechnung erweist 
sich sogar das Band zwischen asketischem Ideal und 
Philosophie als noch viel enger und strenger. Man 
könnte sagen, dass erst am Gängelbande dieses Ideals 
die Philosophie überhaupt gelernt habe, ihre ersten 
Schritte und Schrittchen auf Erden zu machen — ach, 
noch so ungeschickt, ach, mit noch so verdrossnen 
Mienen, ach, so bereit, umzufallen und auf dem Bauch 
zu liegen, dieser kleine schüchterne Tapps und Zärtling 
mit krummen Beinen 1 Es ist der Philosophie anfangs 
ergangen wie allen guten Dingen, — sie hatten lange 
keinen Muth zu sich selber, sie sahen sich immer um, 
ob ihnen Niemand zu Hülfe kommen wolle, mehr noch, 
sie fürchteten sich vor Allen, die ihnen zusahn. Man 
rechne sich die einzelnen Triebe und Tugenden des 
Philosophen der Reihe nach vor — seinen anzweifelnden 
Trieb, seinen verneinenden Trieb, seinen abwartenden 
(„ephek tischen") Trieb, seinen analytischen Trieb, seinen 
forschenden, suchenden, wagenden Trieb, seinen ver- 
gleichenden, ausgleichenden Trieb, seinen Willen zu 
Neutralität und Objektivität, seinen Willen zu jedem 
„sine ira et studio" — : hat man wohl schon begriffen, 



— 420 — 

dass sie allesammt die längste Zeit den ersten Forde- 
rungen der Moral und des Gewissens entgegen giengen? 
(gar nicht zu reden von der Vernunft überhaupt, 
welche noch Luther Fraw Klüglin die kluge Hur zu 
nennen liebte.) Dass ein Philosoph, falls er sich zum 
Bewusstsein gekommen wäre, sich geradezu als das 
leibhafte „nttimur in vetitum" hätte fühlen müssen — 
und sich folglich hütete, „sich zu fühlen", sich zum 
Bewusstsein zu kommen? ... Es steht, wie gesagt, 
nicht anders mit allen guten Dingen, auf die wir heute 
stolz sind; selbst noch mit dem Maasse der alten Griechen 
gemessen, nimmt sich unser ganzes modernes Sein, 
soweit es nicht Schwäche, sondern Macht und Macht- 
bewusstsein ist, wie lauter Hybris und Gottlosigkeit 
aus: denn gerade die umgekehrten Dinge, als die sind, 
welche wir heute verehren, haben die längste Zeit das 
Gewissen auf ihrer Seite und Gott zu ihrem Wächter 
gehabt Hybris ist heute unsre ganze Stellung zur Natur, 
unsre Natur -Vergewaltigung mit Hülfe der Maschinen 
und der so unbedenklichen Techniker- und Ingenieur- 
Erfindsamkeit; Hybris ist unsre Stellung zu Gott, will 
sagen zu irgend einer angeblichen Zweck- und Sittlich- 
keits-Spinne hinter dem grossen Fangnetz-Gewebe der 
Ursächlichkeit — wir dürften wie Karl der Kühne im 
Kampfe mit Ludwig dem Elften sagen ,Je comhats 
l'universclle araign^e** — ; Hybris ist unsre Stellung zu 
uns, — denn wir experimentiren mit uns, wie wir es 
uns mit keinem Thiere erlauben würden, und schlitzen 
uns vergnügt und neugierig die Seele bei lebendigem 
Leibe auf: was liegt uns noch am „Heil" der Seele! 
Hinterdrein heilen wir uns selber: Kranksein ist lehrreich, 
wir zweifeln nicht daran, lehrreicher noch als Gesundsein, 
— die Krankmacher scheinen uns heute nöthiger selbst 



— 421 — 

als irgend welche Medizinmänner und „Heilande". Wir 
vergewaltigen uns jetzt selbst, es ist kein Zweifel, wir 
Nussknacker der Seele, wir Fragenden und Frag^würdigen, 
wie als ob Leben nichts Andres sei, als Nüsseknacken; 
ebendamit müssen wir nothwendig täglich immer noch 
fragwürdiger, würdiger zu fragen werden, ebendamit 
vielleicht auch würdiger — zu leben? . . . Alle guten 
Dinge waren ehemals schlimme Dinge; aus jeder Erb- 
sünde ist eine Erbtugend geworden. Die Ehe zum 
Beispiel schien lange eine Versündigung am Rechte der 
Gemeinde; man hat einst Busse dafür gezahlt, so unbe- 
scheiden zu sein und sich ein Weib für sich anzuraaassen 
(dahin gehört zum Beispiel das jtcs primae noctis, heute 
noch in Cambodja das Vorrecht der Priester, dieser Be- 
wahrer „alter guter Sitten"). Die sanften wohlwollenden 
nachgiebigen mitleidigen Gefühle — nachgerade so hoch 
im Werthe, dass sie fast „die Werthe an sich" sind — 
hatten die längste Zeit gerade die Selbstverachtung 
gegen sich: man schämte sich der MUde, wie man sich 
heute der Härte schämt (vergl. ,Jenseits von Gut und 
Böse" S. 240)- Die Unterwerfung unter das Recht: — 
oh mit was für Gewissens- Widerstände haben die vor- 
nehmen Geschlechter überall auf Erden ihrerseits Verzicht 
auf Vendetta geleistet und dem Recht über sich Gewalt 
eingeräumt! Das „Recht" war lange ein vetitum, ein 
Frevel, eine Neuerung; es trat mit Gewalt auf, als 
Gewalt, der man sich nur mit Scham vor sich selber 
fügte. Jeder kleinste Schritt auf der Erde ist ehedem 
mit geistigen und körperlichen Martern erstritten worden: 
dieser ganze Gesichtspunkt, „dass nicht nur das Vorwärts- 
schreiten, neini das Schreiten, die Bewegung, die Ver- 
änderung ihre unzähligen Märtyrer nöthig gehabt hat", 
klingt gerade heute uns so fremd, — ich habe ihn in 



— 422 — 

der „Morgenröthe" S. 25 ff. an's Licht gestellt. „Nichts 
ist theurer erkauft, heisst es daselbst S. 27, als das 
Wenige von menschlicher Vernunft und vom Geftlhle 
der Freiheit, was jetzt unsern Stolz ausmacht Dieser 
Stolz aber ist es, dessentwegen es uns jetzt fast unmöglich 
wird, mit jenen ungeheuren Zeitstrecken der „Sittlich- 
keit der Sitte" zu empfinden, welche der „Weltgeschichte" 
vorausliegen, als die wirkliche und entscheidende Haupt- 
geschichte, welche den Charakter der Menschheit festge- 
stellt hat: wo das Leiden als Tugend, die Grausamkeit 
als Tugend, die Verstellung als Tugend, die Rache als 
Tugend, die Verleugnung der Vernunft als Tugend, 
dagegen dcis Wohlbefinden als Gefahr, die Wissbegierde 
als Gefahr, der Friede als Gefahr, das Mitleiden als 
Gefahr, das Bemitleidetwerden als Schimpf, die Arbeit 
als Schimpf, der Wahnsinn als Göttlichkeit, die Ver- 
änderung als das Unsittliche und Verderbenschwangere 
an sich überall in Geltung warl" — 



la 

In demselben Buche S. 47 ist auseinandergesetzt, 
in welcher Schätzung, unter welchem Druck von 
Schätzung das älteste Geschlecht contemplativer Men- 
schen zu leben hatte, — genau so weit verachtet als 
es nicht gefürchtet wurde! Die Contemplation ist in 
vermummter Gestalt, in einem zweideutigen Ansehn, mit 
einem bösen Herzen und oft mit einem geängstigten 
Kopfe zuerst auf der Erde erschienen: daran ist kein 
Zweifel. Das Inaktive, Brütende, Unkriegerische in den 
Instinkten contemplativer Menschen legete lange ein 
tiefes Misstrauen um sie herum: dagegen gab es kein 
anderes Mittel als entschieden Furcht vor sich erwecken. 



— 4^3 — 

Und darauf haben sich zum Beispiel die alten Brahmanen 
verstanden! Die ältesten Philosophen wussten ihrem Da- 
sein und Erscheinen einen Sinn, einen Halt und Hinter- 
grund zu geben, auf den hin man sie fürchten lernte: 
genauer erwogen, aus einem noch fundamentaleren Be- 
dürfnisse heraus, nämlich um vor sich selbst Furcht und 
Ehrfurcht zu gewinnen. Denn sie fanden in sich alle 
Werthurtheile gegen sich gekehrt, sie hatten gegen 
„den Philosophen in sich" jede Art Verdacht und Wider- 
stand niederzukämpfen. Dies thaten sie, als Menschen 
furchtbarer Zeitalter, mit furchtbaren Mitteln: die Grau- 
samkeit gegen sich, die erfinderische Selbstkasteiung — 
das war das Hauptmittel dieser machtdurstigen Ein- 
siedler und Gedanken -Neuerer, welche es nöthig hatten, 
in sich selbst erst die Götter und das Herkömmliche zu 
vergewaltigen, um selbst an ihre Neuerung glauben 
zu können. Ich erinnere an die berühmte Geschichte des 
Königs Vi9vamitra, der aus tausendjährigen Selbstmar- 
terungen ein solches Machtgefühl und Zutrauen zu sich 
gewann, dass er es unternahm, einen neuen Himmel 
zu bauen: das unheimliche Symbol der ältesten und 
jüngsten Philosophen -Geschichte auf Erden, — Jeder, 
der irgendwann einmal einen „neuen Himmel" gebaut 
hat, fand die Macht dazu erst in der eignen Hölle... 
Drücken wir den ganzen Thatbestand in kurze Formeln 
zusammen: der philosophische Geist hat sich zunächst 
immer in die früher festgestellten Typen des con- 
templativen Menschen verkleiden und verpuppen müssen, 
als Priester, Zauberer, Wahrsager, überhaupt als reli- 
giöser Mensch, um in irgend einem Maasse auch nur 
möglich zu sein: das asketische Ideal hat lange 
Zeit dem Philosophen als Erscheinungsform, als Existenz- 
Voraussetzung gedient, — er musste es darstellen, 



— 424 — 

um Philosoph sein zu können, er musste an dasselbe 
glauben, um es darstellen zu können. Die eigen- 
thümlich weltvemeinende, lebensfeindliche, sinnen-ungläu- 
bige, entsinnlichte Abseits - Haltung der Philosophen, 
welche bis auf die neueste Zeit festgehalten worden ist 
und damit beinahe als Philosophen-Attitüde an 
sich Greltung gewonnen hat, — sie ist vor Allem eine 
Folge des Nothstandes von Bedingungen, unter denen 
Philosophie überhaupt entstand und bestand: insofern 
nämlich die längste Zeit Philosophie auf Erden gar 
nicht möglich gewesen wäre ohne eine asketische 
Hülle und Einkleidung, ohne ein asketisches Selbst- 
Missverständniss. Anschaulich und augenscheinlich aus- 
gedrückt: der asketische Priester hat bis auf die 
neueste Zeit die widrige und düstere Raupenform abge- 
geben, unter der allein die Philosophie leben durfte und 
herumschlich . . . Hat sich das wirklich verändert? 
Ist das bunte und gefährliche Flügelthier, jener „Geist", 
den diese Raupe in sich barg, wirklich, Dank einer 
sonnigeren, wärmeren, aufgehellteren Welt, zuletzt doch 
noch entkuttet und in's Licht hinausgelassen worden? 
Ist heute schon genug Stolz, Wagniss, Tapferkeit, Selbst- 
gewissheit, Wille des Geistes, Wille zur Verantwortlich- 
keit, Freiheit des Willens vorhanden, dass wirklich 
nunmehr auf Erden „der Philosoph" — möglich ist? . , , 



II. 

Jetzt erst, nachdem wir den asketischen Priester 
in Sicht bekommen haben, rücken wir unsrem Probleme: 
was bedeutet das asketische Ideal? ernsthaft auf den 
Leib, — jetzt erst wird es „Ernst": wir haben nunmehr 
den eigentlichen Repräsentanten des Ernstes über- 



— 425 — 

haupt uns gegenüber. „Was bedeutet aller Ernst?" — 
diese noch grundsätzlichere Frage legt sich vielleicht hier 
schon auf unsre Lippen: eine Frage für Physiologen, wie 
billig, an der wir aber einstweilen noch vorüberschlüpfen. 
Der asketische Priester hat in jenem Ideale nicht nur 
seinen Glauben, sondern auch seinen Willen, seine Macht, 
sein Interesse. Sein Recht zum Dasein steht und fällt 
mit jenem Ideale: was Wunder, dass wir hier auf einen 
furchtbaren Gegner stossen, gesetzt nämlich, deiss wir die 
Gegner jenes Ideales wären? einen solchen, der um seine 
Existenz gegen die Leugner jenes Ideales kämpft? . . . 
Andrerseits ist es von vornherein nicht wahrscheinlich, 
dass eine dergestalt interessirte Stellung zu unsrem 
Probleme diesem sonderlich zu Nutze kommen wird; der 
asketische Priester wird schwerlich selbst nur den glück- 
lichsten Vertheidiger seines Ideals abgeben, aus dem 
gleichen Grunde, aus dem es einem Weibe zu misslingen 
pflegt, wenn es „das Weib an sich" vertheidigen will, — 
geschweige denn den objektivsten Beurtheiler und Richter 
der hier aufgeregften Controverse. Eher also werden wir 
ihm noch zu helfen haben — so viel liegt jetzt schon 
auf der Hand — , sich gut gegen uns zu vertheidigen, 
als dass wir zu fürchten hätten, zu gut von ihm widerlegt 
zu werden . . . Der Gedanke, um den hier gekämpft wird, 
ist die Werthung unsres Lebens seitens der asketischen 
Priester: dasselbe wird (sammt dem, wozu es gehört, 
„Natur", „Welt", die gesammte Sphäre des Werdens 
und der Vergänglichkeit) von ihnen in Beziehung gesetzt 
zu einem ganz andersartigen Dasein, zu dem es sich 
gegensätzlich und ausschüessend verhält, es sei denn, 
dass es sich etwa gegen sich selber wende, sich selbst 
verneine: in diesem Falle, dem Falle eines asketischen 
Lebens, g^ilt das Leben als eine Brücke für jenes andre 



— 420 — 

Dasein. Der Asket behandelt das Leben wie einen 
Irrweg, den man endlich rückwärts gehn müsse, bis 
dorthin, wo er anfängt; oder wie einen Irrthum, 
den man durch die That widerlege — widerlegen 
solle: denn er fordert, dass man mit ihm gehe, er er- 
zwingt, wo er kann, seine Werthung des Daseins. Was 
bedeutet das? Eine solche ungeheuerliche Werthungs- 
weise steht nicht als Ausnahmefall und Curiosum in die 
Geschichte des Menschen eingeschrieben: sie ist eine 
der breitesten und längsten Thatsachen, die es giebt 
Von einem fernen Gestirn aus gelesen, würde vielleicht 
die Majuskel-Schrift unsres Erden-Daseins zu dem Schluss 
verführen, die Erde sei der eigentlich asketische Stern, 
ein Winkel missvergnügter, hochmüthiger und widriger 
Geschöpfe, die einen tiefen Verdruss an sich, an der 
Erde, an allem Leben gar nicht loswürden und sich 
selber so viel Wehe thäten als möglich, aus Vergnügen 
am Wehe-thun: — wahrscheinlich ihrem einzigen Ver- 
gnügen. Erwägen wir doch, wie regelmässig, wie all- 
gemein, wie fast zu allen Zeiten der asketische Priester 
in die Erscheinung tritt; er gehört keiner einzelnen 
Rasse an; er gedeiht überall; er wächst aus allen 
Ständen heraus. Nicht dass er etwa seine Werthung^- 
weise durch Vererbung züchtete und weiterpflanzte: das 
G^gentheil ist der Fall, — ein tiefer Instinkt verbietet 
ihm vielmehr, in's Grosse gerechnet, die Fortpflanzung. 
Eis muss eine Necessität ersten Rangs sein, welche diese 
lebens feindliche Species immer wieder wachsen und 
gedeihen macht, — es muss wohl ein Interesse des 
Lebens selbst sein, dass ein solcher Typus des Selbst- 
widerspruchs nicht ausstirbt Denn ein asketisches Leben 
ist ein Selbstwiderspruch: hier herrscht ein Ressentiment 
sonder Gleichen, das eines ungesättigten Instinktes und 



— 427 — 

Machtwillens, der Herr werden möchte, nicht Ober Etwas 
am Leben, sondern über das Leben selbst, über dessen 
tiefste, stärkste, unterste Bedingungen; hier wird ein 
Versuch gemacht, die Kraft zu gebrauchen, um die 
Quellen der Kraft zu verstopfen; hier richtet sich der 
Blick grün und hämisch gegen das physiologische Ge- 
deihen selbst, in Sonderheit gegen dessen Ausdruck, die 
Schönheit, die Freude; während am Missrathen, Ver- 
kümmern, am Schmerz, am Unfall, am Hässlichen, an 
der willkürlichen Einbusse, an der Entselbstung, Selbst- 
geisselung, Selbstopferung ein Wohlgefallen empfunden 
und gesucht wird. Dies ist Alles im höchsten Grade 
paradox: wir stehen hier vor einer Zwiespältigkeit, die 
sich selbst zwiespältig will, welche sich selbst in diesem 
Leiden geniesst und in dem Maasse sogar immer 
selbstgewisser und triumphirender wird, als ihre eigne 
Voraussetzung, die physiologische Lebensfähigkeit, ab- 
nimmt „Der Triumph gerade in der letzten Agonie": 
unter diesem superlativischen Zeichen kämpfte von jeher 
das asketische Ideal; in diesem Räthsel von Verführung, 
in diesem Bilde von Entzücken und Qual erkannte es 
sein hellstes Licht, sein Heil, seinen endlichen Sieg. 
Crux, nux, lux — das gehört bei ihm in Eins. — 



12. 

Gesetzt, dass ein solcher leibhafter Wille zur Contra- 
diction und Widematur dazu gebracht wird, zu phi- 
losophiren: woran wird er seine innerlichste Willkür 
auslassen? An dem, was am allersichersten als wahr, als 
real empfunden wird: er wird den Irrthum gerade dort 
suchen, wo der eigentliche Lebens-Instinkt die Wahrheit 
am unbedingtesten ansetzt. Er wird zum Beispiel, wie 



— 428 — 

es die Asketen der Vedänta- Philosophie thaten, die 
Leiblichkeit zur Illusion herabsetzen, den Schmerz ins- 
gleichen, die Vielheit, den ganzen Begriffs -Gegensatz 
„Subjekt" und „Objekt" — Irrthümer, Nichts als Irr- 
thümer! Seinem Ich den Glauben versagen, sich selber 
seine „Realität" verneinen — welcher Triumph! — schon 
nicht mehr bloss über die Sinne, über den Augenschein, 
eine viel höhere Art Triumph, eine Vergewaltig-ung und 
Grausamkeit an der Vernunft: als welche Wollust 
damit auf den Gipfel kommt, dass die asketische Selbst- 
verachtung, Selbstverhöhnung der Vernunft dekretiert: 
es giebt ein Reich der Wahrheit und des Seins, aber 
gerade die Vernunft ist davon ausgeschlossen!". . . 
(Anbei gesagft: selbst noch in dem Kantischen Begriff 
„intelligibler Charakter der Dinge" ist Etwas von dieser 
lüsternen Asketen - Zwiespältigkeit rückständig, welche 
Vernunft gegen Vernunft zu kehren liebt: „intelligibler 
Charakter" bedeutet nämlich bei Kant eine Art Be- 
schaffenheit der Dinge, von der der Intellekt gerade 
soviel begreift, dass sie für den Intellekt — ganz und 
gar unbegreiflich ist) — Seien wir zuletzt, gerade 
als Erkennende, nicht undankbar gegen solche resolute 
Umkehrungen der gewohnten Perspektiven und Wer- 
thungen, mit denen der Geist allzulange scheinbar fre- 
ventlich und nutzlos gegen sich selbst gewüthet hat: 
dergestalt einmal anders sehn, anders-sehn-w ollen ist 
keine kleine Zucht und Vorbereitung des Intellekts zu 
seiner einstmaligen „Objektivität", — letztere nicht als 
„interesselose Anschauung" verstanden (als welche ein 
Unbegriff und Widersinn ist), sondern als das Vermögen, 
sein Für und Wider in der Gewalt zu haben und 
aus- und einzuhängen: so dass man sich gerade die 
Verschiedenheit der Perspektiven und der Affekt- 



— 429 — 

Interpretationen für die Erkenntniss nutzbar zu machen 
weiss. Hüten wir uns nämlich, meine Herrn Philosophen, 
von nun an besser vor der gefährlichen alten Begriffe- 
Fabelei, welche ein „reines, willenloses, schmerzloses, 
zeitloses Subjekt der Erkenntniss" angesetzt hat, hüten 
wir uns vor den Fangarmen solcher contradiktorischen 
BegTÜFe wie „reine Vernunft", „absolute Geistigkeit", 
„Erkenntniss an sich": — hier wird immer ein Auge zu 
denken verlangt, das gar nicht gedacht werden kann, 
ein Auge, das durchaus keine Richtung haben soll, bei 
dem die aktiven und interpretirenden Kräfte unterbunden 
sein sollen, fehlen sollen, durch die doch Sehen erst ein 
Etwas-Sehen wird, hier wird also immer ein Widersinn 
und Unbegriff vom Auge verlangt Es giebt nur ein 
perspektivisches Sehen, nur ein perspektivisches „Er- 
kennen"; und je mehr Affekte wir über eine Sache zu 
Worte kommen lassen, je mehr Augen, verschiedne 
Augen wir uns für dieselbe Sache einzusetzen wissen, 
um so vollständiger wird unser „BegrifP' dieser Sache, 
unsre „Objektivität" sein. Den Willen aber überhaupt 
eliminiren, die Affekte sammt und sonders aushängen, 
gesetzt dass wir dies vermöchten: wie? hiesse das nicht 
den Intellekt castriren? . . . 



13. 
Aber kehren wir zurück. Ein solcher Selbstwider- 
spruch, wie er sich im Asketen darzustellen scheint, 
„Leben gegen Leben" ist — so viel liegt zunächst auf 
der Hand — physiologisch und nicht mehr psychologisch 
nachgerechnet, einfach Unsinn. Er kann nur scheinbar 
sein; er muss eine Art vorläufigen Ausdrucks, eine 
Auslegung, Formel, Zurechtmachung, ein psychologisches 



— 430 — 

Missverständniss von Etwas sein, dessen eigentliche Natur 
lange nicht verstanden, lange nicht an sich bezeichnet 
werden konnte, — ein blosses Wort, eingeklemmt in 
eine alte Lücke der menschlichen Erkenntniss. Und 
dass ich kurz den Thatbestand dagegen stelle: das 
asketische Ideal entspringt dem Schutz- und 
Heil-Instinkte eines degenerirenden Lebens, 
welches sich mit aUen Mitteln zu halten sucht und um 
sein Dasein kämpft; es deutet auf eine partielle physio- 
logische Hemmung und Ermüdung hin, gegen welche 
die tiefsten, intakt gebliebenen Instinkte des Lebens un- 
ausgesetzt mit neuen Mitteln und Erfindungen ankämpfen. 
Das asketische Ideal ist ein solches Mittel: es steht also 
gerade umgekehrt, als es die Verehrer dieses Ideals 
meinen — das Leben ringt in ihm und durch dasselbe 
mit dem Tode und gegen den Tod, das asketische 
Ideal ist ein KunstgrifiF in der Erhaltung des Lebens. 
Dass dasselbe in dem Maasse, wie die Geschichte es 
lehrt, über den Menschen walten und mächtig werden 
konnte, in Sonderheit überall dort, wo die Civilisation 
und Zähmung des Menschen durchgesetzt wurde, darin 
drückt sich eine grosse Thatsache aus; die Krank- 
haftigkeit im bisherigen Typus des Menschen, zum 
Mindesten des zahm gemachten Menschen, das physio- 
logische Ringen des Menschen mit dem Tode (genauer: 
mit dem Überdrusse am Leben, mit der Ermüdung, mit 
dem Wunsche nach dem „Ende")- Der asketische Priester 
ist der fleischgewordne Wunsch nach einem Anders- 
sein, Anderswo-sein, und zwar der höchste Grad dieses 
Wunsches, dessen eigentliche Inbrunst und Leidenschaft: 
aber eben die Macht seines Wünschens ist die Fessel, 
die ihn hier einbindet: eben damit wird er zum Werk- 
zeug, das daran arbeiten muss, günstigere Bedingungen 



— 431 — 

für das Hier-sein und Mensch-sein zu schaffen, — eben 
mit dieser Macht häJf- er die ganze Heerde der Miss- 
rathnen, Verstimmten, Schlechtweggekommnen , Ver- 
unglückten, An - sich - Leidenden jeder Art am Dasein 
fest, indem er ihnen instinktiv als Hirt vorangeht. Man 
versteht mich bereits: dieser asketische Priester, dieser 
anscheinende Feind des Lebens, dieser Verneinende, — 
er gerade gehört zu den ganz grossen conservirenden 
und Ja - s c h a f f e n d e n Gewalten des Lebens . . . Woran 
sie hängt, jene Krankhaftigkeit? Denn der Mensch ist 
kränker, unsicherer, wechselnder, unfestgestellter als 
irgend ein Thier sonst, daran ist kein Zweifel, — er ist 
das kranke Thier: woher kommt das? Sicherlich hat 
er auch mehr gewagt, geneuert, getrotzt, das Schicksal 
herausgefordert als alle übrigen Thiere zusammen ge- 
nommen: er, der grosse Experimentator mit sich, der 
Unbefriedigte, Ungesättigte, der um die letzte Herrschaft 
mit Thier, Natur und Göttern ringt, — er, der immer 
noch Unbezwungne, der ewig-Zukünftige, der vor seiner 
eignen drängenden Kraft keine Ruhe mehr findet, so 
dass ihm seine Zukunft unerbittlich wie ein Sporn im 
Fleische jeder Gegenwart wühlt: — wie sollte ein solches 
muthiges und reiches Thier nicht auch das am meisten 
gefährdete, das am längsten und tiefsten kranke unter 
allen kranken Thieren sein? . . . Der Mensch hat es satt, 
oft genug, es giebt ganze Epideniien dieses Satthabens 
( — so um 1348 herum, zur Zeit des Todtentanzes): aber 
selbst noch dieser Ekel, diese Müdigkeit, dieser Verdruss 
an sich selbst, — Alles tritt an ihm so mächtig heraus, 
dass es sofort wieder zu einer neuen Fessel wird. Sein 
Nein, das er zum Leben spricht, bringt wie durch einen 
Zauber eine Fülle zarterer Ja's an's Licht; ja wenn er 
sich verwundet, dieser Meister der Zerstörung, Selbst- 



— 432 — 

Zerstörung, — hinterdrein ist es die Wunde selbst, die 
ihn zwingt, zu leben .. . 



14. 

Je normaler die Krankhaftigkeit am Menschen ist 
— und wir können diese Normalität nicht in Abrede 
stellen — , um so höher sollte man die seltnen Fälle der 
seelisch - leiblichen Mächtigkeit, die Glücksfälle des 
Menschen in Ehren halten, um so strenger die Wohl- 
gerathenen vor der schlechtesten Luft, der Kranken-Luft 
behüten. Thut man das ?. . . Die Kranken sind die grösste 
Gefahr für die Gesunden; nicht von den Stärksten 
kommt das Unheil für die Starken, sondern von den 
Schwächsten. Weiss man das ? . . . In's Grosse gerechnet, 
ist es durchaus nicht die Furcht vor dem Menschen, 
deren Verminderung man wünschen dürfte: denn diese 
Furcht zwingt die Starken dazu, stark, unter Umständen 
furchtbar zu sein, — sie hält den wohlgerathenen Typus 
Mensch aufrecht Was zu fürchten ist, was verhäng- 
nissvoll wirkt wie kein andres Verhängniss, das wäre 
nicht die grosse Furcht, sondern der grosse Ekel vor 
dem Menschen; insgleichen das grosse Mitleid mit 
dem Menschen. Gesetzt, dass diese beiden eines Tages 
sich begatteten, so würde unvermeidlich sofort etwas 
vom Unheimlichsten zur Welt kommen, der „letzte Wille" 
des Menschen, sein Wille zum Nichts, der Nihilismus. 
Und in der That: hierzu ist Viel vorbereitet. Wer nicht 
nur seine Nase zum Riechen hat, sondern auch seine 
Augen und Ohren, der spürt fast überall, wohin er heute 
auch nur tritt, etwas wie Lrenhaus-, wie Krankenhaus- 
Luft, — ich rede, wie billig, von den Culturgebieten des 
Menschen, von jeder Art „Europa", das es nachgerade 



— 433 — 

auf Erden giebt Die Krankhaften sind des Menschen 
grosse Gefahr: nicht die Bösen, nicht die „Raubthiere". 
Die von vornherein Verunglückten, Niedergeworfnen, 
Zerbrochnen — sie sind es, die Schwächsten sind es, 
welche am meisten das Leben unter Menschen unter- 
miniren, welche unser Vertrauen zum Leben, zum Men- 
schen, zu uns am gefährlichsten vergiften und in Frage 
stellen. Wo entgienge man ihm, jenem verhängten 
Blick, von dem man eine tiefe Traurigkeit mit fortträgt, 
jenem zurückgewendeten Blick des Missgebornen von 
Anbeginn, der es verräth, wie ein solcher Mensch zu 
sich selber spricht, — jenem Blick, der ein Seufzer ist 
„Möchte ich irgend Jemand Anderes sein ! so seufzt dieser 
Blick: aber da ist keine Hoffnung. Ich bin, der ich bin: 
wie käme ich von mir selber los? Und doch — habe 
ich mich satt!" . . . Auf solchem Boden der Selbst- 
verachtung, einem eigentlichen Sumpfboden, wächst jedes 
Unkraut, jedes Giftgewächs, und alles so klein, so ver- 
steckt, so unehrlich, so süsslich. Hier wimmeln die 
Würmer der Räch- und Nachgefülile ; hier stinkt die Luft 
nach Heimlichkeiten und Uneingeständlichkeiten; hier 
spinnt sich beständig das Netz der bösartigsten Ver- 
schwörung, — der Verschwörung der Leidenden gegen 
die Wohlgerathenen und Siegreichen, hier wird der Aspekt 
des Siegreichen gehasst. Und welche Verlogenheit, um 
diesen Hass nicht als Hass einzugestehn! Welcher Auf- 
wand an grossen Worten und Attitüden, welche Kunst 
der „rechtschaffnen" Verleumdung! Diese ^lissrathenen: 
welche edle Beredsamkeit entströmt ihren Lippen ! Wieviel 
zuckrige, schleimige, demüthige Ergebung schwimmt in 
ihren Augen! Was wollen sie eigentlich? Die Gerech- 
tigkeit, die Liebe, die Weisheit, die Überlegenheit 
wenigstens darstellen — das ist der Ehrgeiz dieser 

Nietzsche, Werke Hand VIT. 28 



— 434 — 

„Untersten", dieser Kranken 1 Und wie geschickt macht 
ein solcher Ehrgeiz! Man bewundere namentlich die 
Falschmünzer-Geschicklichkeit, mit der hier das Gepräge 
der Tugend, selbst der Klingklang, der Goldklang der 
Tugend nachgemacht wird. Sie haben die Tugend jetzt 
ganz und gar für sich in Pacht genommen, diese 
Schwachen und Heillos-Krankhaften, daran ist kein 
Zweifel: „wir allein sind die Guten, die Gerechten, so 
sprechen sie, wir allein sind die homines honae voluntatts.** 
Sie wandeln unter uns herum als leibhafte Vorwürfe, als 
Warnungen an uns, — wie als ob Gesundheit, Wohl- 
gerathenheit, Stärke, Stolz, Machtgefühl an sich schon 
lasterhafte Dinge seien, für die man einst büssen, bitter 
büssen müsse: oh wie sie im Gnmde dazu selbst bereit 
sind, büssen zu machen, wie sie darnach dürsten, 
Henker zu seinl Unter ihnen giebt es in Fülle die zu 
Richtern verkleideten Rachsüchtigen, welche beständig 
das Wort „Gerechtigkeit" wie einen giftigen Speichel im 
Munde tragen, immer gespitzten Mundes, immer bereit, 
Alles anzuspeien, was nicht unzufrieden blickt und guten 
Muths seine Strasse zieht. Unter ihnen fehlt auch jene 
ekelhafteste Species der Eitlen nicht, die verlognen 
Missgeburten, die darauf aus sind, „schöne Seelen" dar- 
zustellen und etwa ihre verhunzte Sinnlichkeit, in Verse 
und andere Windeln gewickelt, als „Reinheit des 
Herzens" auf den Markt bringen: die Species der mora- 
lischen Onanisten und „Selbstbefriediger". Der Wille 
der Kranken, irgend eine Form der Überlegenheit dar- 
zustellen, ihr Instinkt für Schleichwege, die zu einer 
Tyrannei über die Gesunden führen, — wo fände er sich 
nicht, dieser Wille gerade der Schwächsten zur Macht 1 
Das kranke Weib in Sonderheit: Niemand übertrifft es 
in Raffinements, zu herrschen, zu drücken, zu tyrannisiren. 



— 435 — 

Das kranke Weib schont dazu nichts Lebendiges, nichts 
Todtes, es gräbt die begrabensten Dinge wieder auf 
(die Bogos sagen: „das Weib ist eine Hyäne"). Man 
blicke in die Hintergründe jeder Familie, jeder Körper- 
schaft, jedes Gemeinwesens: überall der Kampf der 
Kranken gegen die Gesunden, — ein stiller Kampf zu- 
meist mit kleinen Giftpulvern, mit Nadelstichen, mit 
tückischem Dulder-Mienenspiele, mitunter aber auch mit 
jenem Kranken-Pharisäismus der lauten Gebärde, der 
am liebsten „die edle Entrüstung" spielt. Bis in die 
geweihten Räume der Wissenschaft hinein möchte es 
sich hörbar machen, das heisere Entrüstungsgebell der 
krankhaften Hunde, die bissige Verlogenheit und Wuth 
solcher „edlen" Pharisäer ( — ich erinnere Leser, die 
Ohren haben, nochmals an jenen Berliner Rache-Apostel 
Eugen Düliring, der im heutigen Deutschland den unan- 
ständigsten und widerlichsten Gebrauch vom moralischen 
Bumbum macht: Dühring, das erste Moral- Grossmaul, 
das es jetzt giebt, selbst noch unter seines Gleichen, den 
Antisemiten). Das sind alles Menschen des Ressentiment, 
diese physiologisch Verunglückten und Wurmstichigen, 
ein ganzes zitterndes Erdreich unterirdischer Rache, 
unerschöpflich, unersättlich in Ausbrüchen gegen die 
Glücklichen und ebenso in Maskeraden der Rache, in 
Vorwänden zur Rache: wann würden sie eigentlich zu 
ihrem letzten, feinsten, sublimsten Triumph der Rache 
kommen? Dann unzweifelhaft, wenn es ihnen gelänge, 
ihr eignes Elend, alles Elend überhaupt den Glücklichen 
in's Gewissen zu schieben: so dass diese sich eines 
Tags ihres Glücks zu schämen begönnen und vielleicht 
unter einander sich sagten: „es ist eine Schande, glück- 
lich zu sein! es giebt zu viel Elendl". . . Aber es 
könnte gar kein grösseres und verhängniss volleres Miss- 

28* 



— 436 — 

verständniss geben, als wenn dergestalt die Glücklichen, 
die Wohlgerathenen, die Mächtigen an Leib und Seele 
anfiengen, an ihrem Recht auf Glück zu zweifeln. 
Fort mit dieser „verkelirten Welt"! Fort mit dieser 
schändlichen Verweichlichung des Gefühls! Dass die 
ICranken nicht die Gesunden krank machen — und 
dies wäre eine solche Verweichlichung — , das sollte doch 
der oberste Gesichtspunkt auf Erden sein: — dazu aber 
gehört vor allen Dingen, dass die Gesunden von den 
Kranken abgetrennt bleiben, behütet selbst vor dem 
Anblick der Kranken, dass sie sich nicht mit den 
Kranken verwechseln. Oder wäre es etwa ihre Aufgabe, 
Krankenwärter oder Arzte zu sein?. . . Aber sie könnten 
ihre Aufgabe gar nicht schlimmer verkennen und ver- 
leugnen, — das Höhere soll sich nicht zum Werkzeug 
des Niedrigeren herabwürdigen, das Pathos der Distanz 
soll in alle Ewigkeit auch die Aufgaben aus einander 
halten! Ihr Recht, dazusein, das Vorrecht der Glocke 
mit vollem Klange vor der misstönigen, zersprungenen, 
ist ja ein tausendfach g^rösseres: sie allein sind die 
Bürgen der Zukunft, sie allein sind verpflichtet für 
die Menschen-Zukunft. Was sie können, was sie sollen, 
das dürften niemals Kranke können und sollen: aber 
damit sie können, was nur sie sollen, wie stünde es 
ihnen noch frei, den Arzt, den Trostbringer, den „Heiland" 
der Kranken zu machen? . . . Und darum g^te Luft! 
gute Luft! Und weg jedenfalls aus der Nähe von allen 
Lren- und Klrankenhäusem der Cultur! Und darum 
gnte Gesellschaft, unsre Gesellschaft! Oder Einsamkeit, 
wenn es sein muss! Aber weg jedenfalls von den 
üblen Dünsten der innewendigen Verderbniss und des 
heimlichen Kranken -Wurmfrasses! . . . Damit wir uns 
selbst nämlich, meine Freunde, wenigstens eine Weile 



— 437 



noch gegen die rwei schlimmsten Seuchen vertheidigen, 
die gerade für uns aufgespart sein mögen, — gegen den 
grossen Ekel am Menschen! gegen das grosse 
Mitleid mit dem Menschen 1 . . . 



15. 

Hat man in aller Tiefe begriffen — und ich ver- 
lange, dass man hier gerade tief greift, tief begreift 
— , inwiefern es schlechterdings nicht die Aufgabe der 
Gesunden sein kann. Kranke zu warten, Kranke gesund 
zu machen, so ist damit auch eine Nothwendigkeit mehr 
begriffen, — die Nothwendigkeit von Ärzten und Kran- 
kenwärtern, die selber krank sind: und nunmehr 
haben und halten wir den Sinn des asketischen Priesters 
mit beiden Händen. Der asketische Priester muss uns 
als der vorherbestimmte Heiland, Hirt und Anwalt der 
kranken Heerde gelten: damit erst verstehen wir seine 
ungeheure historische Mission. Die Herrschaft über 
Leidende ist sein Reich, auf sie weist ihn sein Instinkt 
an, in ihr hat er seine eigenste Kunst, seine Meister- 
schaft, seine Art von Glück. Er muss selber krank sein, 
er muss den Kranken und Sclilechtweggekommenen von 
Grund aus verwandt sein, um sie zu verstehen, — um 
sich mit ihnen zu verstehen; aber er muss auch stark 
sein, mehr Herr noch über sich als über Andere, unver- 
sehrt namentlich in seinem Willen zur Macht, damit er 
das Vertrauen und die Furcht der Kranken hat, damit 
er ihnen Halt, Widerstand, Stütze, Zwang, Zuchtmeister, 
Tyrann, Gott sein kann. Er hat sie zu vertheidigen, 
seine Heerde — gegen wen? Gegen die Gesunden, es 
ist kein Zweifel, auch gegen den Neid auf die Gesunden ; 
er muss der natürliche Widersacher und Verächter 



/ 



- 438 - 

aller rohen, stürmischen, zügellosen, harten, gewaltthätig- 
raubthierhaften Gesundheit und Mächtigkeit sein. Der 
Priester ist die erste Form des delikateren Thiers, 
das leichter noch verachtet als hasst. Es wird ihm nicht 
erspart bleiben, Krieg zu führen mit den Raubthieren, 
einen Krieg der List (des „Geistes") mehr als der Ge- 
walt, wie sich von selbst versteht, — er wird es dazu 
unter Umständen nöthig haben, beinahe einen neuen 
Raubthier -Typus an sich herauszubilden, mindestens zu 
bedeuten, — eine neue Thier-Furchtbarkeit, in welcher 
der Eisbär, die geschmeidige kalte abwartende Tiger- 
katze und nicht am wenigsten der Fuchs zu einer ebenso 
anziehenden als furchteinflössender Einheit gebunden 
scheinen. Gesetzt, dass die Noth ihn zwingt, so tritt er 
dann wohl bärenhaft-ernst, ehrwürdig, klug, kalt, trüge- 
risch-überlegen, als Herold und Mundstück geheimniss- 
vollerer Gewalten, mitten unter die andere Art Raubthiere 
selbst, entschlossen, auf diesem Boden Leid, Zwiespalt, 
Selbstwiderspruch, wo er kann, auszusäen und, seiner 
Kunst nur zu gewiss, über Leidende jederzeit Herr 
zu werden. Er bringt Salben und Balsam mit, es ist 
kein Zweifel; aber erst hat er nöthig, zu verwunden, 
um Arzt zu sein; indem er dann den Schmerz stillt, 
den die Wunde macht, vergiftet er zugleich die 
Wunde — darauf vor Allem nämlich versteht er sich, 
dieser Zauberer und Raubthier-Bändiger, in dessen 
Umkreis alles Gesunde nothwendig krank und alles 
Kranke nothwendig zalim wird. Er vertheidigt in der 
That gut genug seine kranke Heerde, dieser seltsame 
Hirt, — er vertheidigt sie auch gegen sich, gegen die 
in der Heerde selbst glimmende Schlechtigkeit, Tücke, 
Böswilligkeit und was sonst allen Süchtigen und Kran- 
ken unter einander zu eigen ist, er kämpft klug, hart 



— 439 — 

und heimlich mit der Anarchie und der jederzeit be- 
ginnenden Selbstauflösung innerhalb der Heerde, in 
welcher jener gefährlichste Spreng- und Explosivstoff, 
das Ressentiment, sich beständig häuft und häuft. 
Diesen Sprengstoff so zu entladen, dass er nicht die 
Heerde und nicht den Hirten zersprengt, das ist sein 
eigentliches Kunststück, auch seine oberste Nützlichkeit; 
wollte man den Werth der priesterlichen Existenz in die 
kürzeste Formel f<issen, so wäre geradewegs zu sagen: 
der Priester ist der Richtungs-Veränderer des 
Ressentiment. Jeder Leidende nämlich sucht instinktiv 
zu seinem Leid eine Ursache; genauer noch, einen 
Thäter, noch bestimmter, einen für Leid empfänglichen 
schuldigen Thäter, — kurz, irgend etwas Lebendiges, 
an dem er seine Affekte thätlich oder tn effigie auf 
irgend einen Vorwand hin entladen kann: denn die 
Affekt-Entladung ist der grösste Erleichterungs- nämlich 
Betäubungs-Versuch des Leidenden, sein unwillkürlich 
begehrtes Narcoticum gegen Qual irgend welcher Art 
Hierin allein ist, meiner Vermuthung nach, die wirkliche 
physiologische Ursächlichkeit des Ressentiment, der 
Rache und ihrer Verwandten, zu finden, in einem Ver- 
langen also nach Betäubung von Schmerz durch 
Affekt: — man sucht dieselbe gemeinhin, sehr irrthüm- 
lich, wie mich dünkt, in dem Defensiv-Gegenschlag, einer 
blossen Schutzmaassregel der Reaktion, einer „Reflex- 
bewegung" im Falle irgend einer plötzlichen Schädigung 
und Gefährdung, von der Art, wie sie ein Frosch ohne 
Kopf noch vollzieht, um eine ätzende Säure loszuwerden. 
Aber die Verschiedenheit ist fundamental: im Einen 
Falle will man weiteres Beschädigtwerden hindern, im 
anderen Falle will man einen quälenden, heimlichen, 
unerträglich -werdenden Schmerz durch eine heftigere 



— 440 — 

Emotion irgend welcJier Art betäuben und für den 
Augenblick wenigstens aus dem Bewusstsein schaffen, — 
dazu braucht man einen Affekt, einen möglichst wilden 
Affekt und, zu dessen Erregung, den ersten besten Vor- 
wand. „Irgend Jemand muss schuld daran sein, dass ich 
mich schlecht befinde" — diese Art zu schliessen ist 
allen Krankhaften eigen, und zwar je mehr ihnen die 
wahre Ursache ihres Sich-Schlecht-Befindens, die physio- 
logische, verborgen bleibt ( — sie kann etwa in einer 
Erkrankung des nervus sympathicus liegen oder in einer 
übermässigen Gallen-Absonderung, oder an einer Armuth 
des Blutes an schwefel- und phosphorsaurem Kali oder 
in Druckzuständen des Unterleibs, welche den Blut- 
umlauf stauen, oder in Entartung der Eierstöcke und 
dergleichen). Die Leidenden sind allesammt von einer 
entsetzlichen Bereitwilligkeit und Erfindsamkeit in Vor- 
wänden zu schmerzhaften Affekten; sie geniessen ihren 
Argwohn schon, das Grübeln über Schlechtigkeiten und 
scheinbare Beeinträchtigungen, sie durchwühlen die 
Eingeweide ihrer Vergangenheit und Gegenwart nach 
dunklen fragwürdigen Geschichten, wo es ihnen freisteht, 
in einem quälerischen Verdachte zu schwelgen und am 
eignen Gifte der Bosheit sich zu berauschen — sie reissen 
die ältesten Wunden auf, sie verbluten sich an längst 
ausgeheilten Narben, sie machen Übelthäter aus Freund, 
Weib, Kind und was sonst ihnen am nächsten steht 
„Ich leide: daran muss irgend Jemand schuld sein" — 
also denkt jedes krankhafte Schaf Aber sein Hirt, der 
asketische Priester, sagt zu ihm: „Recht so, mein Schaf! 
irgend wer muss daran schuld sein: aber du selbst bist 
dieser Irgend -Wer, du selbst bist daran allein schuld, — 
du selbst bist an dir allein schuldl"... Das ist 
kühn genug, falsch genug: aber Eins ist damit wenig- 



— 441 — 

stens erreicht, damit ist, wie gesagt, die Richtung des 
Ressentiment — verändert. 



i6. 

Man erräth nunmehr, was nach meiner Vorstellung 
der Heilkünstler -Instinkt des Lebens durch den aske- 
tischen Priester zum Mindesten versucht hat und 
wozu ihm eine zeitweilige Tyrannei solcher paradoxer 
und paralog^scher Begriffe wie „Schuld", „Sünde", „Sünd- 
haftigkeit", „Verderbniss", „Verdammniss" hat dienen 
müssen: die Kranken bis zu einem gewissen Grade 
unschädlich zu machen, die Unheilbaren durch sich 
selbst zu zerstören, den Milder-Erkrankten streng die 
Richtung auf sich selbst, eine Rückwärtsrichtung ihres 
Ressentiments zu geben („Eins ist noth" — ) und die 
schlechten Instinkte aller Leidenden dergestalt zum 
Zweck der Selbstdisciplinirung , Selbstüberwachung, 
Selbstüberwindung auszunützen. Es kann sich, wie 
sich von selbst versteht, mit einer „Medikation" dieser 
Art, einer blossen Affekt - Medikation , schlechterdings 
nicht um eine wirkliche Kranken-Heilung im physio- 
logischen Verstände handeln; man dürfte selbst nicht 
einmal behaupten, dass der Instinkt des Lebens hierbei 
irgendwie die Heilung in Aussicht und Absicht genom- 
men habe. Eine Art Zusammendrängung und Organi- 
sation der Kranken auf der einen Seite ( — das Wort 
„Kirche" ist dafür der populärste Name), eine Art vor- 
läufiger Sicherstellung der Gesünder- Gerathenen, der 
VoUcr-Ausgegossenen auf der andern, die Aufreissung 
einer Kluft somit zwischen Gesund und Krank — das 
war für lange Alles! Und es war Viel! es war sehr 
Viel! . . . [Ich gehe in dieser Abhandlung, wie man 



— 442 — 

sieht, von einer Voraussetzung aus, die ich in Hinsicht 
auf Leser, wie ich sie brauche, nicht erst zu hegenden 
habe: dass „Sündhaftigkeit" am Menschen kein That- 
bcstand ist, viehnehr nur die Interpretation eines That- 
bestandes, nämlich einer physiologischen Verstimmung, — 
letztere unter einer moralisch-religiösen Perspektive ge- 
sehn, welche für uns nichts Verbindliches mehr hat — 
Damit, dass Jemand sich „schuldig", „sündig" fühlt, ist 
schlechterdings noch nicht bewiesen, dciss er sich mit 
Recht so fühlt; so wenig Jemand gesund ist, bloss 
deshalb, weil er sich gesund fühlt Man erinnere sich 
doch der berülimten Hexen-Prozesse: damals zweifelten 
die scharfsichtigsten und menschenfreundlichsten Richter 
nicht daran, dass hier eine Schuld vorliege; die „Hexen" 
selbst zweifelten nicht daran, — und dennoch 
fehlte die Schuld. — Um jene Voraussetzung in erwei- 
terter Form auszudrücken: der „seelische Schmerz" selbst 
gilt mir überhaupt nicht als Thatbestand, sondern nur 
als eine Auslegung (Causal-Auslegung) von bisher nicht 
exakt zu formulirenden Thatbeständen : somit als Etwas, 
das vollkommen noch in der Luft schwebt und wissen- 
schaftlich unverbindlich ist — ein fettes Wort eigentlich 
nur an Stelle eines sogar spindeldürren Fragezeichens. 
Wenn Jemand mit einem „seelischen Schmerz" nicht fertig 
wird, so liegt das, grob geredet nicht an seiner „Seele"; 
wahrscheinlicher noch an seinem Bauche (grob geredet 
wie gesagt: womit noch keineswegs der Wunsch aus- 
gedrückt ist, auch grob gehört, grob verstanden zu 
werden . . .). Ein starker und wohlgerathner Mensch 
verdaut seine Erlebnisse (Thaten, Unthaten eingerechnet) 
wie er seine Mahlzeiten verdaut, selbst wenn er harte 
Bissen zu verschlucken hat Wird er mit einem Erleb- 
nisse „nicht fertig*', so ist diese Art Indigestion so gut 



— 443 — 



physiologisch wie jene andere — und vielfach in der 
That nur eine der Folgen jener anderen. — Mit einer 
solchen Auffassung kann man, unter uns gesagt, immer 
noch der strengste Gegner alles Materialismus sein . . .1 



17. 

Ist er aber eigentlich ein Arzt, dieser asketische 
Priester? — Wir begriffen schon, inwiefern es kaum 
erlaubt ist, ihn einen Arzt zu nennen, so gern er auch 
selbst sich als „Heiland" fühlt, als „Heiland" verehren 
lässt. Nur das Leiden selbst, die Unlust des Leidenden 
wird von ihm bekämpft, nicht deren Ursache, nicht 
das eigentliche Kranksein, — das muss unsi*en grund- 
sätzlichsten Einwand gegen die priesterliche Medikation 
abgeben. Stellt man sich aber erst einmal in die Perspek- 
tive, wie der Priester sie allein kennt und hat, so kommt 
man nicht leicht zu Ende in der Bewunderung, was er 
unter ihr Alles gesehn, gesucht und gefunden hat Die 
Milderung des Leidens, das „Trösten" jeder Art, — 
das erweist sich als sein Genie selbst: wie erfinderisch 
hat er seine Tröster-Aufgabe verstanden, wie unbedenk- 
lich und kühn hat er zu ihr die Mittel gewählt! Das 
Christenthum in Sonderheit dürfte man eine grosse 
Schatzkammer geistreichster Trostmittel nennen, so viel 
Erquickliches, Milderndes, Narkotisirendes ist in ihm 
gehäuft, so viel Gefährlichstes und Verwegenstes zu 
diesem Zweck gewagt, so fein, so raffinirt, so südländisch- 
raffinirt ist von ihm insbesondere errathen worden, mit 
was für Stimulanz - Affekten die tiefe Depression, die 
bleierne Ermüdung, die schwarze Traurigkeit der Physio- 
logisch-Gehemmten wenigstens für Zeiten besiegt werden 
kann. Denn allgemein gesprochen: bei allen grossen 



— 444 — 

Religionen handelte es sich in der Hauptsache um die 
Bekämpfung einer gewissen zur Epidemie gewordnen 
Müdigkeit und Schwere. Man kann es von vornherein 
als wahrscheinlich ansetzen, dass von Zeit zu Zeit an 
bestimmten Stellen der Erde fast nothwendig ein phy- 
siologisches Hemmungsgefühl über breite Massen 
Herr werden muss, welches aber, aus Mangel an physio- 
logischem Wissen, nicht als solches in's Bewusstsein tritt, 
so dass dessen „Ursache", dessen Remedur auch nur 
psychologisch - moralisch gesucht und versucht werden 
kann ( — dies nämlich ist meine allgemeinste Formel 
für Das, was gemeinhin eine „Religion" genannt wird). 
Ein solches Hemmungsgefühl kann verschiedenster Ab- 
kunft sein:' etwa als Folge der Kreuzung von zu fremd- 
artigen Rassen (oder von Ständen — Stände drücken 
immer auch Abkunfts- und Rassen-Differenzen aus: der 
europäische „Weltschmerz", der „Pessimismus" des neun- 
zehnten Jahrhunderts ist wesentlich die Folge einer 
unsinnig plötzlichen Stände - Mischung) ; oder bedingt 
durch eine fehlerhafte Emigration — eine Rasse in ein 
Klima gerathen, für das ihre Anpassungskraft nicht 
ausreicht (der Fall der Inder in Indien); oder die Nach- 
wirkung von Alter und Ermüdung der Rasse (Pariser 
Pessimismus von 1850 an); oder einer falschen Diät 
(Alkoholismus des Mittelalters; der Unsinn der Vege- 
tarians, welche freilich die Autorität des Junker Christoph 
bei Shakespeare für sich haben); oder von Blutverderb- 
niss, Malaria, Syphilis und dergleichen (deutsche De- 
pression nach dem dreissigjährigen Kriege, welcher halb 
Deutschland mit schlechten Krankheiten durchseuchte 
und damit den Boden für deutsche Servilität, deutschen 
Kleinmuth vorbereitete). In einem solchen Falle wird 
jedes Mal im grössten Stil ein Kampf mit dem Un- 



— 445 — 

lustgefühl versucht; unterrichten wir uns kurz über 
dessen wichtigste Praktiken und Formen. (Ich lasse 
hier, wie billig, den eigentlichen Philosophen -Kampf 
gegen das Unlustgefühl, der immer gleichzeitig zu sein 
pflegt, ganz bei Seite — er ist interessant genug, aber 
zu absurd, zu praktisch- gleichgültig, zu spinneweberisch 
und eckensteherhaft, etwa wenn der Schmerz als ein 
Irrthum bewiesen werden soll, unter der naiven Vor- 
aussetzung, dass der Schmerz schwinden müsse, wenn 
erst der Irrthum in ihm erkannt ist — aber siehe da! 
er hütete sich, zu schwinden . . .) Man bekämpft erstens 
jene dominirende Unlust durch Mittel, welche das Lebens- 
gefühl überhaupt auf den niedrigsten Punkt herabsetzen. 
Womöglich überhaupt kein Wollen, kein Wunsch mehr; 
Allem, was Affekt macht, was ,31ut" macht, ausweichen 
(kein Salz essen: Hygiene des Fakirs); nicht lieben; 
nicht hassen; Gleichmuth; nicht sich rächen; nicht sich 
bereichern; nicht arbeiten; betteln; womöglich kein Weib, 
oder so wenig Weib als mögüch; in geistiger Hinsicht 
das Princip Pascal's „ü faut s'abettr". Resultat, psycho- 
logisch-moralisch ausgedrückt: „Entselbstung", „Heili- 
gung"; physiologisch ausgedrückt: Hypnotisirung, — der 
Versuch Etwas für den Menschen annähernd zu erreichen, 
was der Winterschlaf für einige Thierarten, der 
Sommerschlaf für viele Pflanzen der heissen Khmaten 
ist, ein Minimum von Stoffverbrauch und Stoffwechsel, 
bei dem das Leben gerade noch besteht, ohne eigentlich 
noch in's Bevvusstsein zu treten. Auf dieses Ziel ist 
eine erstaunliche IMenge menschlicher Energie verwandt 
worden — umsonst etwa? . . . Dass solche sporismen der 
„Heiligkeit", an denen alle Zeiten, fast alle Völker reich 
sind, in der That eine wirkliche Erlösung von dem ge- 
funden haben, was sie mit einem so rigorosen training 



_ 446 — 

bekämpften, daran darf man durchaus nicht zweifeln, — 
sie kamen von jener tiefen physiologischen Depression 
mit Hülfe ihres Systems von Hypnotisirungs -Mitteln in 
unzähligen Fällen wirklich los: weshalb ihre Methodik 
zu den allgemeinsten ethnologischen Thatsachen zählt 
Insgleichen fehlt jede Erlaubniss dazu, um schon an sich 
eine solche Absicht auf Aushungerung der Leiblichkeit 
und der Begierde unter die Irrsinns-Symptome zu rechnen 
(wie es eine täppische Art von Roastbeef- fressenden 
„Freigeistern" und Junker Christophen zu thun beliebt). 
Um so sicherer ist es, dass sie den Weg zu allerhand 
geistigen Störungen abgiebt, abgeben kann, zu „inneren 
Lichtem" zum Beispiel, wie bei den Hesychasten vom 
Berge Athos, zu Klang- und Gestalt - Hallucinationen, 
zu wollüstigen Überströmungen und Ekstasen der Sinn- 
lichkeit (Geschichte der heiligen Therese). Die Aus- 
legung, welche derartigen Zuständen von den mit ihnen 
Behafteten gegeben wird, ist immer so schwärmerisch- 
falsch wie möglich gewesen, dies versteht sich von selbst: 
nur überhöre man den Ton Überzeugtester Dankbarkeit 
nicht, der eben schon im Willen zu einer solchen 
Interpretations-Art zum Erklingen kommt Der höchste 
Zustand, die Erlösung selbst, jene endlich erreichte 
Gesammt-Hypnotisirung und Stille, gilt ihnen immer als 
das Geheimniss an sich, zu dessen Ausdruck auch die 
höchsten Symbole nicht ausreichen, als Ein- und Heim- 
kehr in den Grund der Dinge, als Freiwerden von allem 
Wahne, als „Wissen", als „Wahrheit", als „Sein", als 
Loskommen von jedem Ziele, jedem Wunsche, jedem 
Thun, als ein Jenseits auch von Gut und Böse. „Gutes 
und Böses, sagt der Buddhist, — Beides sind Fesseln: 
über Beides wurde der Vollendete Herr"; „Gethanes und 
Ungethanes, sag^ der Gläubige des Vedänta, schafft ihm 



— 147 — 

keinen Schmerz; das Gute und das Böse schüttelt er als 
ein Weiser von sich; sein Reich leidet durch keine 
That mehr; über Gutes und Böses, über Beides gieng 
er hinaus": — eine gesammt - indische Auffassung also, 
ebenso brahmanistisch als buddhistisch. (Weder in der 
indischen, noch in der christlichen Denkweise gut jene 
„Erlösung" als erreichbar durch Tugend, durch mo- 
ralische Besserung, so hoch der Hypnotisirungs-Werth 
der Tugend auch von ihnen angesetzt wird: dies halte 
man fest, — es entspricht dies übrigens einfach dem 
Thatbestande. Hierin wahr geblieben zu sein, darf 
vielleicht als das beste Stück Realismus in den drei 
gTössten, sonst so gründlich vermoralisirten Religionen 
betrachtet werden. „Für den Wissenden giebt es keine 
Pflicht"... „Durch Zulegung von Tugenden kommt 
Erlösung nicht zu Stande: denn sie besteht im Eins- 
sein mit dem keiner Zulegnng von Vollkommenheit 
fähigen Brahman; und ebenso wenig in der Ablegung 
von Fehlem: denn das Brahman, mit dem Eins zu sein 
Das ist, was Erlösung ausmacht, ist ewig rein" — diese 
Stellen aus dem Commentare des ^ankara, citirt von 
dem ersten wirklichen Kenner der indischen Philo- 
sophie in Europa, meinem Freunde Paul Deussen.) Die 
„Erlösung" in den grossen Religionen wollen wir also 
in Ehren halten; dagegen wird es uns ein wenig schwer 
bei der Schätzung, welche schon der tiefe Schlaf 
durch diese selbst für das Träumen zu müd gewordnen 
Lebensmüden erfährt, ernsthaft zu bleiben, — der tiefe 
Schlaf nämlich bereits als Eingehen in das Brahman, 
als erreichte unio tnysiüa mit Gott. „Wenn er dann 
eingeschlafen ist ganz und gar — heisst es darüber in 
der ältesten ehrwürdigsten „Schrift" — und völlig zur 
Ruhe gekommen, dass er kein Traumbild mehr schaut, 



— 448 — 

alsdann ist er, oh Theurer, vereinigt mit dem Seienden, 
in sich selbst ist er eingegangen, — von dem erkennt- 
nissartigen Selbste umschlungen hat er kein Bewusstsein 
mehr von dem, was aussen oder innen ist. Diese Brücke 
überschreiten nicht Tag und Nacht, nicht das Alter, 
nicht der Tod, nicht das Leiden, nicht gutes AVerk, noch 
böses Werk." „Im tiefen Schlafe, sagen insgleichen die 
Gläubigen dieser tiefsten der drei grossen Religionen, 
hebt sich die Seele heraus aus diesem Leibe, geht ein 
in das höchste Licht und tritt dadurch hervor in eigener 
Gestalt: da ist sie der höchste Geist selbst, der herum- 
wandelt, indem er scherzt und spielt und sich ergötzt, 
sei es mit Weibern oder mit Wagen oder mit Freunden, 
da denkt sie nicht mehr zurück an dieses Anhängsel 
von Leib, an welches der prdna (der Lebensodem) ange- 
spannt ist wie ein Zugthier an den Karren." Trotzdem 
wollen wir auch hier, wie im Falle der „Erlösung" uns 
gegenwärtig halten, dass damit im Grunde, wie selir 
auch immer in der Pracht orientalischer Übertreibung, 
nur die gleiche Schätzung ausgednickt ist, welche die 
des klaren, kühlen, griechisch - kühlen , aber leidenden 
Epikur war: das hypnotische Nichts -Gefühl, die Ruhe 
des tiefsten Schlafes, Leidlosigkeit kurzum — das 
darf Leidenden und Gründlich -Verstimmten schon als 
höchstes Gut, als Werth der Werthe gelten, das muss 
von ihnen als positiv abgeschätzt, als das Positive selbst 
empfunden werden. (Nach derselben Logik des Gefühls 
heisst in allen pessimistischen Religionen das Nichts Gott.) 



i8. 

Viel häufiger als eine solche hypnotistische Ge~ 
sammtdämpfung der Sensibilität, der Schmerzfähigkeit, 



— 449 — 

welche schon seltnere Kräfte, vor Allem Muth, Verach- 
tung der Meinung, „intellektuellen Stoicismus" voraus- 
setzt, wird gegen Depressions - Zustände ein anderes 
training versucht, welches jedenfalls leichter ist: die 
machinale Thätigkeit Dass mit ihr ein leidendes 
Dasein in einem nicht unbeträchthchen Grade erleichtert 
wird, steht ausser allem Zweifel: man nennt heute diese 
Thatsache, etwas unehrlich, „den Segen der Arbeit". -' 
Die Erleichterung besteht darin, dass das Interesse des 
Leidenden grundsätzlich vom Leiden abgelenkt wird, — 
dass beständig ein Thun und wieder nur ein Thun in's 
Bewusstsein tritt und folglich wenig Platz darin für 
Leiden bleibt: denn sie ist eng, diese Kammer des 
menschlichen Bewusstseins ! Die machinale Thätigkeit 
und was zu ihr gehört — wie die absolute Regularität, 
der pünktliche besinnungslose Gehorsam, das Ein-füi- 
alle-Mal der Lebensweise, die Ausfüllung der Zeit, eine 
gewisse Erlaubniss, ja eine Zucht zur „UnpersönUchkeit", 
zum Sich -selbst -Vergessen, zur ,,i)icuria sut" — : wie 
gründlich, wie fein hat der asketische Priester sie im 
Kampf mit dem Schmerz zu benutzen gewusst! Gerade 
wenn er mit Leidenden der niederen Stände, mit Arbeits- 
sklaven oder Gefangenen zu thun hatte (oder mit Frauen: 
die ja meistens Beides zugleich sind, Arbeitssklaven und 
Gefangene), so bedurfte es wenig mehr als einer kleinen 
Kunst des Namenwechseins und der Umtaufung, um sie 
in verhassten Dingen fürderhin eine Wohlthat, ein rela- 
tives Glück sehn zu machen: — die UnzufHedenheit des 
Sklaven mit seinem Loos ist jedenfalls nicht von den 
Priestern erfunden worden. — Ein noch geschätzteres 
Mittel im Kampf mit der Depression ist die Ordinirung 
einer kleinen Freude, die leicht zugänglich ist und J 
zur Regel gemacht werden kann; man bedient sich 

Nictzsclie, Werke Band VII. ^9 



— 450 — 

dieser Medikation häufig in Verbindung mit der eben 
besprochnen. Die häufigste Form, in der die Freude 
dergestalt als Kurmittel ordinirt wird, ist die Freude des 
Freude-Machens {als Wohlthun, Beschenken, Erleichtem, 
Helfen , Zureden , Trösten , Loben , Auszeichnen) ; der 
asketische Priester verordnet damit, dass er „Nächsten- 
liebe" verordnet, im Grunde eine Erregnng des stärksten, 
lebenbejahendsten Triebes, wenn auch in der vorsichtigsten 
Dosirung, — des Willens zur Macht Das Glück 
der „kleinsten Überlegenheit**, wie es alles Wohlthun, 
Nützen, Helfen, Auszeichnen mit sich bringt, ist das 
reichlichste Trostmittel, dessen sich die Physiologisch- 
Gehemmten zu bedienen pflegen, gesetzt dass sie gut 
berathen sind: im andern Falle thun sie einander weh, 
natürUch im Gehorsam gegen den gleichen Grundinstinkt 
Wenn man nach den Anfängen des Christenthums in 
der römischen Welt sucht, so findet man Vereine zu 
gegenseitiger Unterstützung, Armen-, Kranken-, Be- 
gräbniss -Vereine, aufgewachsen auf dem untersten Boden 
der damaligen Gesellschaft, in denen mit Bewusstsein 
jenes Hauptmittel gegen die Depression, die kleine 
Freude, die des gegenseitigen Wohlthuns gepflegt wurde, 
— vielleicht war dies damals etwas Neues, eine eigentliche 
Entdeckung? In einem dergestalt hervorgerufnen „Willen 
zur Gegenseitigkeit", zur Heerdenbildung, zur „Gemeinde", 
zum „Cönakel" muss nun wiederum jener damit, wenn 
auch im Kleinsten, erregte Wille zur Macht, zu einem 
neuen und viel volleren Ausbruch kommen: die Heer- 
denbildung ist im Kampf mit der Depression ein 
wesentlicher Schritt und Sieg. Im Wachsen der Gemeinde 
erstarkt auch für den Einzelnen ein neues Interesse, das 
ihn oft genug über das Persönlichste seines Missmuths, 
seine Abneigung gegen sich (die „despectio sui" des 



— 451 — 

Geiiliucx) iiinwegliebt. Alle Kranken, Krankhaften streben 
instinktiv, aus einem Verlangen nach Abschüttelung der 
dumpfen Unlust und des Schwächegefühls, nach einer 
Heerden - Organisation : der asketische Priester erräth 
diesen Instinkt und fördert ihn; wo es Heerden giebt, 
ist es der Schwäche -Instinkt, der die Heerde gewollt 
hat, und die Priester -Klugheit, die sie organisirt hat. 
Denn man übersehe dies nicht: die Starken streben 
ebenso natumothwendig aus einander, als die Schwachen 
zu einander; wenn erstere sich verbinden, so geschieht es 
nur in der Aussicht auf eine aggressive Gesammt-Aktion 
und Gesammt- Befriedigung ihres "VVülens zur Macht, 
mit vielem Widerstände des Einzel-Gewissens; letztere 
dagegen ordnen sich zusammen, mit Lust gerade an 
dieser Zusammenordnung, — ihr Instinkt ist dabei ebenso 
befriedigt, wie der Instinkt der geborenen „Herren" 
(das heisst der solitären Raubthier-Species Mensch) im 
Grunde durch Organisation gereizt und beunruhigt wird. 
Unter jeder Oligarchie liegt — die ganze Geschichte 
lehrt es — immer das tyrannische Gelüst versteckt; 
jede Oligarchie zittert beständig von der Spannung her, 
welche jeder Einzelne in ihr nöthig hat, Herr über dies 
Gelüst zu bleiben. (So war es zum Beispiel griechisch: 
Plato bezeugt es an hundert Stellen, Plato, der seines 
Gleichen kannte — und sich selbst . . .) 



IQ. 

Die Mittel des asketischen Priesters, welche wir 
bisher kennen lernten — die Gesammt -Dämpfung des 
Lebensgefühls, die machinale Thätigkeit, die kleine 
Freude, vor Allem die der „Nächstenliebe", die Heerden- 
Organisation, die Erweckung des Gemeinde-Machtgefühls, 

29* 



— 452 _ 

demzufolge der Verdruss des Einzelnen an sich durch 
seine Lust am Gedeihen der Gemeinde übertäubt wird 
— das sind, nach modernem Maasse gemessen, seine un- 
schuldigen Mittel im Kampfe mit der Unlust: wenden 
wir uns jetzt zu den interessanteren, den „schuldigen". 
Bei ihnen allen handelt es sich um Eins : um irgend eine 
Ausschweifung des Gefühls, — diese gegen die 
dumpfe lähmende lange Schmerzhaftigkeit als wirksamstes 
Mittel der Betäubung benutzt; weshalb die priesterliche 
Erfindsamkeit im Ausdenken dieser Einen Frage geradezu 
unerschöpflich gewesen ist: „wodurch erzielt man eine 
Ausschweifung des Gefühls ? " . . . Das klingt hart : es 
liegt auf der Hand, dass es lieblicher klänge und besser 
tdelleicht zu Ohren gienge, wenn ich etwa sagte „der 
asketische Priester hat sich jederzeit die Begeisterung 
zu Nutze gemacht, die in allen starken Affekten liegt". 
Aber wozu die verweichlichten Ohren unsrer modernen 
Zärtlinge noch streicheln? Wozu unsrerseits ihrer 
Tartüfferie der Worte auch nur einen Schritt breit nach- 
geben? Für uns Psychologen läge darin bereits eine 
TartüfFerie der That, abgesehn davon, dass es uns 
Ekel machen würde. Ein Psychologe nämlich hat heute 
darin, wenn irgend worin, seinen guten Geschmack 
( — Andre mögen sagen: seine Rechtschaffenheit), dass 
er der schändlich vermoralisirten Sprechweise wider- 
strebt, mit der nachgerade alles moderne Urtheilen über 
Mensch und Ding angeschleimt ist Denn man täusche 
sich hierüber nicht: was das eigentlichste Merkmal mo- 
demer Seelen, modemer Bücher ausmacht, das ist nicht 
die Lüge, sondern die eingefleischte Unschuld in der 
moralistischen Verlogenheit Diese „Unschuld" überall 
wieder entdecken müssen — das macht vielleicht unser 
widerlichstes Stück Arbeit aus, an all der an sich nicht 



~ 453 — 

unbedenklichen Arbeit, deren sich heute ein Psychologe 
zu unterziehn hat; es ist ein Stück unsrer grossen 
Gefahr, — es ist ein Weg, der vielleicht gerade uns zum 
grossen Ekel führt... Ich zweifle nicht daran, wozu 
allein moderne Bücher (gesetzt, dass sie Dauer haben, 
was freilich nicht zu furchten ist, und ebenfalls gesetzt, 
dass es einmal eine Nachwelt mit strengerem härteren 
gesünderen Geschmack giebt) — wozu alles Moderne 
überhaupt dieser Nachwelt dienen würde, dienen könnte: 
zu Brechmitteln, — und das vermöge seiner moralischen 
Versüsslichung und Falschheit, seines innerlichsten Femi- 
ninismus, der sich gern „Idealismus" nennt und jedenfalls 
Idealismus glaubt. Unsre Gebildeten von Heute, unsre 
„Guten" lügen nicht — das ist wahr; aber es gereicht 
ihnen nicht zur Ehre! Die eigentliche Lüge, die ächte 
resolute „ehrliche" Lüge (über deren Werth man Plato 
hören möge) wäre für sie etwas bei weitem zu Strenges, 
zu Starkes; es würde verlangen, was man von ihnen 
nicht verlangen darf, dass sie die Augen gegen sich 
selbst aufmachten, dass sie zwischen „wahr" und „falsch" 
bei sich selber zu unterscheiden wüssten. Ihnen geziemt 
allein die unehrliche Lüge; Alles, was sich heute 
als „guter Mensch" fühlt, ist vollkommen unfähig, zu 
irgend einer Sache anders zu stehn als unehrlich- 
verlogen, abgTündlich-verlogen, aber unschuldig-verlogen, 
treuherzig -verlogen, blauäugig -verlogen, tugendhaft- ver- 
logen. Diese „guten Menschen", — sie sind allesammt 
jetzt in Grund und Boden vermoralisirt und in Hinsicht 
auf Ehrlichkeit zu Schanden gemacht und verhunzt für 
alle Ewigkeit: wer von Urnen hielte noch eine Wahrheit 
„über den Menschen" aus!. .. Oder, greiflicher gefragt: 
wer von ihnen ertrüge eine wahre Biographie! .. . Ein 
paar Anzeichen: Lord Byron hat einiges Persönlichste 



_ 454 — 

über sich aufgezeichnet, aber Thomas ^roore war „zu gut" 
dafür: er verbrannte die Papiere seines Freundes. Das- 
selbe soll Dr. Gwinner gethan haben, der Testaments- 
Vollstrecker Schopenhauer's : denn auch Schopenhauer 
hatte Einiges über sich und vielleicht auch gegen sich 
{„dg fffvrov") aufgezeichnet. Der tüchtige Amerikaner 
Thayer, der Biograph Beethoven's, hat mit Einem Male 
in seiner Arbeit Halt gemacht: an irgend einem Punkte 
dieses ehrwürdigen und naiven Lebens angelangt, hielt 
er dasselbe nicht mehr aus . . . Moral: welcher kluge 
Mann schriebe heute noch ein ehrliches Wort über sich? 
— er müsste denn schon zum Orden der heiligen Toll- 
kühnheit gehören. Man verspricht uns eine Selbstbio- 
graphie Richard Wagner's: wer zweifelt daran, dass es 
eine kluge Selbstbiographie sein w^ird ? . . . Gedenken wir 
noch des komischen Entsetzens, welches der katholische 
Priester Janssen mit seinem über alle Begriffe viereckig 
und harmlos gerathenen Bilde der deutschen Reformations- 
Bewegung in Deutschland erregt hat; was würde man 
erst beginnen, wenn uns Jemand diese Bewegung einmal 
anders erzählte, wenn uns einmal ein wirklicher Psy- 
cholog einen wirklichen Luther erzählte, nicht mehr mit 
der moralistischen Einfalt eines Landgeistlichen, nicht melu* 
mit der süsslichen und rücksichtsvollen Schamhaftigkeit 
protestantischer Historiker, sondern etwa mit einer Tai ne'- 
schen Unerschrockenheit, aus einer Stärke der Seele 
heraus und nicht aus einer klugen Indulgenz gegen die 
Stärke? . . . (Die Deutschen, anbei gesagt, haben den 
klassischen Typus der letzteren zuletzt noch schön genug 
herausgebracht, — sie dürfen ihn sich schon zurechnen, 
zu Gute rechnen: nämlich in ihrem Leopold Ranke, 
diesem gebornen klassischen advocatus jeder causa /ortior, 
diesem klügsten aller klugen „Thatsächlichen".) 



— 455 — 

Ahcr man wird mich schon verstanden haben: — 
Grund genug, nicht wahr, Alles in Allem, dass wir 
Psychologen heutzutage einiges Misstrauen gegen uns 
selbst nicht los werden? . . . Wahrscheinlich sind auch 
wir noch „zu gut" für unser Handwerk, wahrscheinlich 
sind auch wir noch die Opfer, die Beute, die Kranken 
dieses vermoralisirten Zeitgeschmacks, so sehr wir uns 
auch als dessen Verächter fühlen, — wahrscheinlich in- 
ficirt er auch noch uns. Wovor warnte doch jener 
Diplomat, als er zu seines Gleichen redete? „Misstrauen 
wir vor Allem, meine Herrn, unsren ersten Regungen! 
sagte er, sie sind fast immer gut" ... So sollte 
auch jeder Psycholog heute zu seines Gleichen reden . . . 
Und damit kommen wir zu unserm Problem zurück, das 
in der That von uns einige »Strenge verlangt, einiges 
Misstrauen in Sonderheit gegen die „ersten Regungen". 
Das asketische Ideal im Dienste einer Absicht 
auf Gefühls- Ausschweifung: — wer sich der 
vorigen Abhandlung erinnert, wird den in diese neun 
Worte gedrängten Inhalt des nunmehr Darzustellenden 
im Wesentlichen schon vorwegnehmen. Die menschliche 
Seele einmal aus allen ihren Fugen zu lösen, sie in 
Schrecken, Fröste, Gluthen und Entzückungen derartig 
unterzutauchen, dass sie von allem Kleinen und Klein- 
lichen der Unlust, der Dumpfheit, der Verstimmung wie 
durch einen Blitzschlag loskommt: welche Wege führen 
zu diesem Ziele? Und welche von ihnen am sicher- 
sten? . . . Im Grunde haben alle grossen Affekte ein 
Vermögen dazu, vorausgesetzt, dass sie sich plötzlich 
entladen, Zorn, Furcht, Wollust, Rache, Hoffnung. 
Triumph, Verzweiflung, Grausamkeit; und wirklich hat 



— 456 — 

der asketi5che Priester unbedenklich die ganze Meute 
wilder Hunde im Menschen in seinen Dienst genommen 
und bald diesen, bald jenen losgelassen, immer zu dem 
gleichen Zwecke, den Menschen aus der langsamen 
Traurigkeit aufzuwecken, seinen dumpfen Schmerz, sein 
zögerndes Elend für Zeiten wenigstens in die Flucht zu 
jagen, immer auch unter einer religiösen Interpretation 
und „Rechtfertigung". Jede derartige Ausschweifung des 
Gefühls macht sich hinterdrein bezahlt, das versteht 
sich von selbst — sie macht den Kranken kränker — : 
und deshalb ist diese Art von Remeduren des Schmerzes, 
nach modernem Maasse gemessen, eine „schuldige" Art 
Man muss jedoch, weil es die Billigkeit verlangt, um so 
mehr darauf bestehn, dass sie mit gutem Gewissen 
angewendet worden ist, dass der asketische Priester sie 
im tiefsten Glauben an ihre Nützlichkeit, ja Unentbehr- 
lichkeit verordnet hat, — und oft genug selbst vor dem 
Jammer, den er schuf, fast zerbrechend; insgleichen, dass 
die vehementen physiologischen Revanchen solcher Ex- 
cesse, vielleicht sogar geistige Störungen, im Grunde 
dem ganzen Sinne dieser Art Medikation nicht eigentlich 
widersprechen: als welche, wie vorher gezeigt worden 
ist, nicht auf Heilung von Krankheiten, sondern auf Be- 
kämpfung der Depressions-Unlust, auf deren Linderung, 
deren Betäubung aus war. Dies Ziel wurde auch so er- 
reicht Der Hauptgriff, den sich der asketische Priester 
erlaubte, um auf der menschlichen Seele jede Art von 
zerreissender und verzückter Musik zum Erklingen zu 
bringen, war damit gethan — Jedermann weiss das — . 
dass er sich das Schuldgefühl zu Nutze machte. 
Dessen Herkunft hat die vorige Abhandlung kurz an- 
gedeutet — als ein Stück Thierpsychologie. als nicht 
mehr: das Schuldgefühl trat uns dort gleichsam in seinem 



— 457 — 

Rohzustande entgegen. Erst unter den Händen des 
Priesters, dieses eigentlichen Künstlers in Schuldgefühlen, 
hat es Gestalt gewonnen — oh was für eine Gestalt! 
Die „Sünde" — denn so lautet die priesterliche Um- 
deutung des thierischen „schlechten Gewissens" (der rück- 
wärts gewendeten Grausamkeit) — ist bisher das grösste 
Ereigniss in der Geschichte der kranken Seele gewesen: 
in ihr haben wir das gefährlichste und verhängnissvollste 
Kunststück der religiösen Interpretation. Der Mensch, 
an sich selbst leidend, irgendwie, jedenfalls physiologisch, 
etwa wie ein Thier, das in den Käfig gesperrt ist, unklar, 
warum, wozu? begehrlich nach Gründen — Gründe er- 
leichtern — , begehrlich auch nach Mitteln und Narkosen, 
beräth sich endlich mit Einem, der auch das Verborgene 
weiss — und siehe da! er bekommt einen Wink, er be- 
kommt von seinem Zauberer, dem asketischen Priester, 
den ersten Wink über die „Ursache" seines Leidens: 
er soll sie in sich suchen, in einer Schuld, in einem 
Stück Vergangenheit, er soll sein Leiden selbst als einen 
Strafzustand verstehn ... Er hat gehört, er hat ver- 
standen, der Unglückliche: jetzt geht es ihm wie der 
Henne, um die ein Strich gezogen ist. Er kommt aus 
diesem Kreis von Strichen nicht wieder heraus: aus dem 
Kranken ist „der Sünder" gemacht . . . Und nun wird 
man den Aspekt dieses neuen Kranken, „des Sünders", 
für ein paar Jahrtausende nicht los, — wird man ihn je 
wieder los? — wohin man nur sieht, überall der hyp- 
notische Blick des Sünders, der sich immer in d^r Einen 
Richtung bewegt (in der Richtung auf „Schuld", als der 
einzigen Leidens-Causalität); überall das böse Gewissen, 
dies „grewliche thter", mit Luther zu reden; überall die 
Vergangenheit zurückgekäut, die That verdreht, das 
„grüne Auge" filr alles Thun; überall das zum Lebens- 



- 458 - 

inhalt gemachte Missverstehen -Wollen des Leidens, 
dessen Umdeutung in Schuld-, Furcht- und Strargefühle; 
überall die Geissei, das härene Hemd, der verhungernde 
Leib, die Zerknirschung; überall das Sich -selbst -Rä- 
dern des Sünders in dem grausamen Räderwerk eines 
unruhigen, krankhaft -lüsternen Gewissens; überall die 
stumme Qual, die äusserste Furcht, die Agonie des 
gemarterten Herzens, die Krämpfe eines unbekannten 
Glücks, der Schrei nach „Erlösung". In der That, mit 
diesem System von Prozeduren war die alte Depression, 
Schwere und Müdigkeit gründlich überwunden, das 
Leben wurde wieder sehr interessant: wach, ewig wach, 
übernächtig, glühend, verkohlt, erschöpft und doch nicht 
müde — so nahm sich der Mensch aus, „der Sünder", der 
in diese Mysterien eingeweiht war. Dieser alte grosse 
Zauberer im Kampf mit der Unlust, der asketische 
Priester — er hatte ersichtlich gesiegt, sein Reich war 
gekommen: schon klagte man nicht mehr gegen den 
Schmerz, man lechzte nach dem Schmerz; „mehr 
Schmerz! mehr Schmerz!" so schrie das Verlangen seiner 
Jünger und Eingeweihten Jahrhunderte lang. Jede Aus- 
schweifung des Gefühls, die wehe that. Alles was zer- 
brach, umwarf, zermalmte, entrückte, verzückte, das 
Geheimniss der Folterstätten, die Erfindsamkeit der Hölle 
selbst — Alles war nunmehr entdeckt, errathen, aus- 
genützt, Alles stand dem Zauberer zu Diensten, Alles 
diente fürderhin dem Siege seines Ideals, des asketischen 
Ideals . . . „Mein Reich ist nicht von dieser Welt" — 
redete er nach wie vor: hatte er wirklich das Recht 
noch, so zu reden? . . . Goethe hat behauptet, es gäbe 
nur sechs und dreissig tragische Situationen: man erräth 
daraus, wenn man's sonst nicht wüsste, dass Goethe kein 
asketischer Priester war. Der — kennt mehr . . . 



— 459 — 

21. 

In Hinsicht auf diese ganze Art der priesterliclien 
Medikation, die „schuldige" Art, ist jedes \Vort Kritik 
zu viel. Dass eine solche Ausschweifung des Gefülils, 
wie sie in diesem Falle der asketische Priester seinen 
Kranken zu verordnen pflegt (unter den heiligsten Namen, 
wie sich von selbst versteht, insgleichen durchdrungen 
von der Heiligkeit seines Zwecks), irgend einem Kranken 
wirkhch genützt habe, wer hätte wohl Lust, eine Be- 
hauptung der Art aufrecht zu halten? Zum Mindesten 
sollte man sich über das Wort „nützen" verstehn. Will 
man damit ausdrücken, ein solches System von Behand- 
lung habe den Menschen verbessert, so widerspreche 
ich nicht: nur dass ich hinzufüge, was bei mir „verbessert" 
heisst — ebenso viel wie „gezähmt", „geschwächt", „ent- 
muthigt", „raffinirt", „verzärtlicht", „entmannt" (also bei- 
nahe so viel als geschädigt . . .) Wenn es sich aber 
in der Hauptsache um Kranke, Verstimmte, Deprimirte 
handelt, so macht ein solches System den KJranken, ge- 
setzt selbst, dass es ihn „besser" machte, unter allen 
Umständen kränker; man frage nur die Irrenärzte, 
was eine methodische Anwendung von Buss-Quälereien, 
Zerknirschungen und Erlösuiigskrämpfen immer mit sich 
führt Insgleichen befrage man die Geschichte: überall, 
wo der asketische Priester diese ICranken- Behandlung 
durchgesetzt hat, ist jedes Mal die Krankhaftigkeit un- 
heimlich schnell in die Tiefe und Breite gewachsen. 
Was war immer der „Erfolg"? Ein zerrüttetes Nerven- 
system, hinzu zu dem, was sonst schon krank war; und 
das im Grössten wie im Kleinsten, bei Einzelnen wie 
bei Massen. Wir finden im Gefolge des Buss- und 
Erlösungs-/rai>//>/^ ungeheure epileptische Epidemien, 



— 460 — 

die grössten, von denen die Geschichte weiss, wie die 
der St. Veit- und St. Johann-Tänzer des Mittelalters ; wir 
finden als andre Form seines Nachspiels furchtbare 
Lähmungen und Dauer -Depressionen, mit denen unter 
Umständen das Temperament eines Volks oder einer 
Stadt (Genf, Basel) ein für alle Mal in sein Gegentheil 
umschlägt; — hierher gehört auch die Hexen-Hysterie, 
etwas dem Somnambulismus Verwandtes (acht grosse 
epidemische Ausbrüche derselben allein zwischen 1564 
und 1605) — ; wir finden in seinem Gefolge insgleichen 
jene todsüchtigen Massen -Delirien, deren entsetzlicher 
Schrei „evviva la morte" über ganz Europa weg gehört 
wurde, unterbrochen bald von wollüstigen, bald von 
zerstörungswüthigen Idiosynkrasien: wie der gleiche 
Affektwechsel, mit den gleichen Intermittenzen und Um- 
sprungen auch heute noch überall beobachtet wird, in 
jedem Falle, wo die asketische Sündenlehre es wieder 
einmal zu einem grossen Erfolge bringt (die religiöse 
Neurose erscheint als eine Form des „bösen Wesens": 
daran ist kein Zweifel Was sie ist? Quaerttur) In's 
Grosse gerechnet, so hat sich das asketische Ideal und 
sein sublim-moralischer Cultus, diese geistreichste, unbe- 
denklichste und gefährlichste Systematisirung aller Mittel 
der Gefühls -Ausschweifung unter dem Schutz heiliger 
Absichten, auf eine furchtbare und unvergessliche Weise 
in die ganze Geschichte des Menschen einge^clirieben ; 
und leider nicht nur in seine Geschichte . . . Ich wüsste 
kaum noch etwas Anderes geltend zu machen, was der- 
maassen zerstörerisch der Gesundheit und Rassen- 
Kräftigkeit, namentUch der Europäer, zugesetzt hat als 
dies Ideal; man darf es ohne alle Übertreibung das 
eigentliche Verhängniss in der Gesundheitsgeschichte 
des europäischen Menschen nennen. Höchstens, dass 



— 4ÖI — 

seinem Einflüsse noch der spezifisch-germanische Einfluss 
gleichzusetzen wäre: ich meine die Alkohol -Vergiftung 
Europa's, welche streng mit dem politischen und Rassen- 
Übergewicht der Germanen bisher Schritt gehalten hat 
( — wo sie ihr Blut einimpften, impften sie auch ihr 
Taster ein). — Zudritt in der Reihe wäre die Syphilis 
zu nennen, — magno sed proxima tntervallo. 



22. 

Der asketische Priester hat die seelische Gesundheit 
verdorben, wo er auch nur zur Herrschaft gekommen 
ist, er hat folglich auch den Geschmack verdorben 
in artibus et litteris, — er verdirbt ihn immer noch. 
„Folglich"? — Ich hoffe, man giebt mir dies Folglich 
einfach zu; zum Mindesten will ich es nicht erst be- 
weisen. Ein einziger Fingerzeig: er gilt dem Grund- 
buche der christlichen Litteratur, ihrem eigentlichen 
Modell, ihrem „Buche an sich". Noch inmitten der 
griechisch-römischen Herrlichkeit, welche auch eine 
Bücher -Herrlichkeit war, Angesichts einer noch nicht 
verkümmerten und zertrümmerten antiken Schriften- 
Welt, zu einer Zeit, da man noch einige Bücher lesen 
konnte, um deren Besitz man jetzt halbe Litteraturen 
eintauschen würde, wagte es bereits die Einfalt und 
Eitelkeit christlicher Agitatoren — man heisst sie 
Kirchenväter — zu dekretieren: „auch wir haben unsre 
klassische Litteratur, wir brauchen die der Griechen 
nicht", — und dabei wies man stolz auf Legenden- 
bücher, Apostelbriefe und apologetische Traktätlein hin, 
ungefähr so, wie heute die englische „Heilsarmee" mit 
einer verwandten Litteratur ihren Kampf gegen Shake- 
speare und andre „Heiden" kämpft. Ich liebe das „neue 



— 402 

Testament" nicht, man erräth es bereits; es beunruhigt 
mich beinahe, mit meinem Geschmack in Betreff dieses 
geschätztesten, überschätztesten Schriftwerks dermaasscn 
allein zu stehn (der Geschmack zweier Jahrtausende ist 
gegen mich): aber was hilft es! „Hier stehe ich, ich 
kann nicht anders", — ich habe den Muth zu meinem 
schlechten Geschmack. Das alte Testament — ja das 
ist ganz etwas Anderes: alle Achtung vor dem alten 
Testament! In ihm finde ich grosse Menschen, eine 
heroische Landschaft und Etwas vom Allerseltensten 
auf Erden, die unvergleichliche Naivetät des starken 
Herzens; mehr noch, ich finde ein Volk. Im neuen 
dagegen lauter kleine Sekten -Wirthschaft, lauter Rokoko 
der Seele, lauter Verschnörkeltes, Winkliges, Wunder- 
liches, lauter Conventikel-Luft, nicht zu vergessen einen 
gelegentlichen Hauch bukolischer Süsslichkeit , welcher 
der Epoche (und der römischen Provinz) angehört und 
nicht sowohl jüdisch als hellenistisch ist Demuth und 
Wichtigthuerei dicht nebeneinander; eine Geschwätzig- 
keit des Gefühls, die fast betäubt; Leidenschaftlichkeit, 
keine Leidenschaft; peinliches Gebärdenspiel; hier hat 
ersichtlich jede gute Erziehung gefehlt. Wie darf man 
von seinen kleinen Untugenden so viel Wesens machen, 
wie es diese frommen Männlein thunl Kein Hahn kräht 
darnach; geschweige denn Gott. Zuletzt wollen sie gar 
noch „die Krone des ewigen Lebens" haben, alle diese 
kleinen Leute der Provinz: wozu doch? wofür doch? 
man kann die Unbescheidenheit nicht weiter treiben. 
Ein „unsterblicher" Petrus: wer hielte den aus! Sie 
haben einen Ehrgeiz, der lachen macht: das käut sein 
Persönlichstes, seine Dummheiten, Traurigkeiten und 
Eckensteher-Sorgen vor, als ob das An -sich -der -Dinge 
verpflichtet sei, sich darum zu kümmern, das wird nicht 



— 4^3 — 

müde, Gott selber in den kleinsten Jammer hinein zu 
wickeln, in dem sie drin stecken. Und dieses beständige 
Auf-du-und-du mit Gott des schlechtesten Geschmacks! 
Diese jüdische, nicht bloss jüdische Zudringlichkeit gegen 
Gott mit Maul und Tatze ! . . . Es giebt kleine verachtete 
„Heidenvölker** im Osten Asien's, von denen diese ersten 
Christen etwas Wesentliches hätten lernen können, etwas 
Takt der Ehrfurcht; jene erlauben sich nicht, wie christ- 
liche Missionare bezeugen, den Namen ihres Gottes 
überhaupt in den Mund zu nehmen. Dies dünkt mich 
delikat genug; gewiss ist, dass es nicht nur für „erste" 
Christen zu delikat ist: man erinnere sich doch etwa, um 
den Gegensatz zu spüren, an Luther, diesen „beredtesten" 
und unbescheidensten Bauer, den Deutschland gehabt hat, 
und an die Lutherische Tonart, die gerade ihm in seinen 
Zwiegesprächen mit Gott am besten gefiel. Luther's 
Widerstand gegen die Mittler - Heiligen der Kirche 
(insbesondere gegen „des Teuffels Saw den Bapst") war, 
daran ist kein Zweifel, im letzten Grrunde der Wider- 
stand eines Rüpels, den die gute Etiquette der Kirche 
verdross, jene Ehrfurchts - Etiquette des hieratischen 
Geschmacks, welche nur die Geweihteren und Schweig- 
sameren in das Allerheiligste einlässt und es gegen die 
Rüpel zuschliesst Diese sollen ein für alle Mal gerade 
hier nicht das Wort haben, — aber Luther, der Bauer, 
wollte es schlechterdings anders, so war es ihm nicht 
deutsch genug: er wollte vor Allem direkt reden, 
selber reden, „ungenirt" mit seinem Gotte reden . . . Nun, 
er hat's gethan. — Das asketische Ideal, man erräth es 
wohl, war niemals und nirgendswo eine Schule des 
guten Geschmacks, noch weniger der guten Manieren, 
— es war im besten Fall eine Schule der hieratischen 
Manieren — : das macht, es hat selber Etwas im Leibe, 



_ 4^4 — 

das allen gnten Manieren todfeind ist, — Mangel an 
Maass, Widerwillen gegen Maass, es ist selbst ein „no7i 
plus ultra", 

23. 

Das asketische Ideal hat nicht nur die Gesundheit 
und den Geschmack verdorben, es hat noch etwas 
Drittes, Viertes, Fünftes, Sechstes verdorben — ich 
werde mich hüten zu sagen was Alles (wann käme ich 
zu Ende!). Nicht was dies Ideal gewirkt hat, soll hier 
von mir an's Licht gestellt werden; vielmehr ganz allein 
nur, was es bedeutet, worauf es rathen lässt, was 
hinter ihm, unter ihm, in ihm versteckt liegt, wofür es 
der vorläufige, undeutliche, mit Fragezeichen und Miss- 
verständnissen überladne Ausdruck ist. Und nur in 
Hinsicht auf diesen Zweck durfte ich meinen Lesern 
einen Blick auf das Ungeheure seiner Wirkungen, auch 
seiner verhängnissvollen Wirkungen nicht ersparen: um 
sie nämlich zum letzten und furchtbarsten Aspekt vor- 
zubereiten, den die Frage nach der Bedeutung jenes 
Ideals für mich hat. Was bedeutet eben die Macht 
jenes Ideals, das Ungeheure seiner Macht? Weshalb 
ist ihm in diesem Maasse Raum gegeben worden? wes- 
halb nicht besser Widerstand geleistet worden? Das 
asketische Ideal drückt einen Willen aus: wo ist der 
gegnerische Wille, in dem sich ein gegnerisches 
Ideal ausdrückte? Das asketische Ideal hat ein Ziel, 
— dasselbe ist allgemein genug, dass alle Interessen 
des menschlichen Daseins sonst, an ihm gemessen, klein- 
lich und eng erscheinen; es legt sich Zeiten, Völker, 
Menschen unerbittlich auf dieses Eine Ziel hin aus, es 
lässt keine andre Auslegung, kein andres Ziel gelten, 
es verwirft, verneint, bejaht, bestätigt allein im Sinne 



— 465 — 

seiner Interpretation ( — und gab es je ein zu Ende 
gedachteres System von Interpretation?); es unterwirft 
sich keiner Alacht, es glaubt vielmehr an sein Vorrecht 
vor jeder Macht, an seine unbedingte Rang-Distanz 
in Hinsicht auf jede Macht, — es glaubt daran, dass 
Nichts auf Erden von Macht da ist, das nicht von ihm 
aus erst einen Sinn, ein Daseins-Recht, einen Werth zu 
empfangen habe, als Werkzeug zu seinem Werke, als 
Weg und Mittel zu seinem Ziele, zu Einem Ziele . . . 
Wo ist das Gegenstück zu diesem geschlossenen 
System von Wille, Ziel und Interpretation? Warum fehlt 
das Gegenstück?. . . Wo ist das andre „Eine Ziel"?. . . 
Aber man sagt mir, es fehle nicht, es habe nicht nur 
einen langen glücklichen Kampf mit jenem Ideale ge- 
kämpft, es sei vielmehr in allen Hauptsachen bereits 
über jenes Ideal Herr geworden: unsre ganze moderne 
Wissenschaft sei das Zeugniss dafür, — diese moderne 
Wissenschaft, welche, als eine eigentliche Wirklichkeits- 
Philosophie, ersichtlich allein an sich selber glaube, er- 
sichtlich den Muth zu sich, den Willen zu sich besitze 
und gut genug bisher ohne Gott, Jenseits und verneinende 
Tugenden ausgekommen sei. Indessen mit solchem Lärm 
und Agitatoren-Geschwätz richtet man Nichts bei mir 
aus: diese Wirklichkeits-Trompeter sind schlechte Musi- 
kanten, ihre Stimmen kommen hörbar genug nicht aus 
der Tiefe, aus ihnen redet nicht der Abgrund des 
wissenschaftlichen Gewissens — denn heute ist das 
wissenschaftliche Gewissen ein Abgrund — , das Wort 
„Wissenschaft" ist in solchen Trompeter-Mäulern einfach 
eine Unzucht, ein Missbrauch, eine Schamlosigkeit. 
Gerade das Gegentheil von dem, was hier behauptet 
wird, ist die Wahrheit: die Wissenschaft hat heute 
schlechterdings keinen Glauben an sich, geschweige 

Nietzsche, Werke Band VII. 3° 



_ 466 — 

ein Ideal über sich, — und wo sie überhaupt noch 
Leidenschaft, Liebe, Gluth, Leiden ist, da ist sie nicht 
der Gegensatz jenes asketischen Ideals, vielmehr dessen 
jüngste und vornehmste Form selber. Klingt 
euch das fremd? ... Es giebt ja genug braves und 
bescheidnes Arbeiter -Volk auch unter den Gelehrten 
von Heute, dem sein kleiner Winkel gefäUt, und das 
darum, weil es ihm darin gefällt, bisweilen ein wenig 
unbescheiden mit der Forderung laut wird, man solle 
überhaupt heute zufrieden sein, zumal in der Wissen- 
schaft, — es gäbe da gerade so viel Nützliches zu thun. 
Ich widerspreche nicht; am wenigsten möchte ich diesen 
ehrlichen Arbeitern ihre Lust am Handwerk verderben: 
denn ich freue mich ihrer Arbeit. Aber damit, dass 
jetzt in der Wissenschaft streng gearbeitet wird und 
dass es zufriedne Arbeiter giebt, ist schlechterdings 
nicht bewiesen, dass die Wissenschaft als Ganzes heute 
ein Ziel, einen Willen, ein Ideal, eine Leidenschaft des 
grossen Glaubens habe. Das Gegentheil, wie gesagt, 
ist der Fall: wo sie nicht die jüngste Erscheinungsform 
des asketischen Ideals ist, — es handelt sich da um zu 
seltne, vornehme, ausgesuchte Fälle, als dass damit das 
Gesammturtheil umgebogen werden könnte — ist die 
Wissenschaft heute ein Versteck für alle Art Missmuth, 
Unglauben, Nagewurm, despectio sui, schlechtes Ge- 
wissen, — sie ist die Unruhe der Ideallosigkeit selbst, 
das Leiden am Mangel der grossen Liebe, das Un- 
genügen an einer unfreiwilligen Genügsamkeit Oh 
was verbirgt heute nicht Alles Wissenschaft! wie viel 
soll sie mindestens verbergen! Die Tüchtigkeit unsrer 
besten Gelehrten, ihr besinnungsloser Fleiss, ihr Tag und 
Nacht rauchender Kopf, ihre Handwerks-Meisterschaft 
selbst — wie oft hat das Alles seinen eigentlichen Sinn 



— 467 — 

darin, sich selbst irgend Etwas nicht mehr sichtbar wer- 
den zu lassen! Die Wissenschaft als Mittel der Selbst- 
Betäubung: kennt ihr das? . . . Man verwundet sie — 
Jeder erfährt es, der mit Gelehrten umgeht — mitunter 
durch ein harmloses Wort bis auf den Knochen, man 
erbittert seine gelehrten Freunde gegen sich, im Augen- 
blick, wo man sie zu ehren meint, man bringt sie ausser 
Rand und Band, bloss weil man zu grob war, um zu 
errathen, mit wem man es eigentlich zu thun hat, mit 
Leidenden, die es sich selbst nicht eingestehn wollen, 
was sie sind, mit Betäubten und Besinnungslosen, die nur 
Eins fürchten: zum Bewusstsein zu kommen . . . 



24. 

— Und nun sehe man sich dagegen jene seltneren 
Fälle an, von denen ich sprach, die letzten Idealisten, 
die es heute unter F*hilosophen und Gelehrten giebt: hat 
man in ihnen vielleicht die gesuchten Gegner des 
asketischen Ideals, dessen Gegen-Idealisten? In der 
That, sie glauben sich als solche, diese „Ungläubigen" 
(denn das sind sie allesammt); es scheint gerade Das ihr 
letztes Stück Glaube, Gegner dieses Ideals zu sein, so 
ernsthaft sind sie an dieser Stelle, so leidenschaftlich wird 
da gerade ihr Wort, ihre Gebärde: — brauchte es des- 
halb schon wahr zu sein, was sie glauben? . , . Wir 
»^Erkennenden" sind nachgerade misstrauisch gegen alle 
Art Gläubige; unser Misstrauen hat uns allmählich darauf 
eingeübt, umgekehrt zu schliessen, als man ehedem 
schloss: nämlich überall, wo die Stärke eines Glaubens 
sehr in den Vordergrund tritt, auf eine gewisse Schwäche 
der Beweisbarkeit, auf Unwahrscheinlichkeit selbst 

des Geglaubten zu schliessen. Auch wir leugnen nicht, 

30* 



— 468 — 

dass der Glaube „selig macht": eben deshalb leugnen 
wir, dass der Glaube Etwas beweist, — ein starker 
Glaube, der selig macht, ist ein Verdacht gegen Das, 
woran er glaubt, er begründet nicht „Wahrheit", er 
begründet eine gewisse Wahrscheinlichkeit — der Täu- 
schung. Wie steht es nun in diesem Falle? — Diese 
Verneinenden und Abseitigen von Heute, diese Unbe- 
dingten in Einem, im Anspruch auf intellektuelle Sauber- 
keit, diese harten, strengen, enthaltsamen, heroischen 
Geister, welche die Ehre unsrer Zeit ausmachen, alle diese 
blassen Atheisten, Antichristen, Immoralisten, Nihilisten, 
diese Skeptiker, Ephektiker, Hektik er des Geistes 
(letzteres sind sie sammt und sonders, in irgend einem 
Sinne), diese letzten Idealisten der Erkenntniss, in denen 
allein heute das intellektuelle Gewissen wohnt und leib- 
haft ward, — sie glauben sich in der That so losgelöst 
als möglich vom asketischen Ideale, diese „freien, sehr 
freien Geister": und doch, dass ich ihnen verrathe, was 
sie selbst nicht sehen können — denn sie stehen sich zu 
nahe — : dies Ideal ist gerade auch ihr Ideal, sie selbst 
stellen es heute dar, und Niemand sonst vielleicht, sie 
selbst sind seine vergeistigtste Ausgeburt, seine vor- 
geschobenste Krieger- und Kundschaft er-Schaar, seine 
verfänglichste, zarteste, unfasslichste Verführungsform: — 
wenn ich irgend worin Räthselrather bin, so will ich es 
mit diesem Satze sein! Das sind noch lange keine 
freien Geister: denn sie glauben noch an die 
Wahrheit . . . Als die christlichen Kreuzfahrer im 
Orient auf jenen unbesiegbaren Assassinen-Orden stiessen, 
jenen Freigeister-Orden par excellence , dessen unterste 
Grade in einem Gehorsame lebten, wie einen gleichen 
kein Mönchsorden erreicht hat, da bekamen sie auf irgend 
welchem Wege auch einen Wink über jenes S3anbol 



— 469 — 

und Kerbholz -Wort, das nur den obersten Graden, 
als deren secretuiti, vorbehalten war: „Nichts ist wahr, 
Alles ist erlaubt" . . . Wohlan, das war Freiheit des 
Geistes, damit war der Wahrheit selbst der Glaube 
gekündigt . . . Hat wohl je schon ein europäischer, 
ein christlicher Freigeist sich in diesen Satz und seine 
labyrinthischen Folgerungen verirrt? kennt er den 
Minotauros dieser Höhle aus Erfahrung? ... Ich 
zweifle daran, mehr noch, ich weiss es anders: — Nichts 
ist diesen Unbedingten in Einem, diesen sogenannten 
„freien Geistern" gerade fremder als Freiheit und Ent- 
fesselung in jenem Sinne, in keiner Hinsicht sind sie 
gerade fester gebunden, im Glauben gerade an die 
Wahrheit sind sie, wie Niemand anders sonst, fest und 
unbedingt Ich kenne dies Alles vielleicht zu sehr aus 
der Nähe: jene verehrenswürdige Philosophen-Enthaltsam- 
keit, zu der ein solcher Glaube verpflichtet, jener Stoicis- 
mus des Intellekts, der sich das Nein zuletzt eben so 
streng verbietet wie das Ja, jenes Stehenbleiben-Wollen 
vor dem Thatsächlichen, dem factum brutum, jener 
Fatalismus der ^,petits /aus" {ce petit faitalisme, wie ich 
ihn nenne), worin die französische Wissenschaft jetzt eine 
Art moralischen Vorrangs vor der deutschen sucht, jenes 
Verzichtl^isten auf Interpretation überhaupt (auf das Ver- 
gewaltigen, Zurechtschieben, Abkürzen, Weglassen, Aus- 
stopfen, Ausdichten, Umfälschen und was sonst zum 
Wesen alles Interpretierens gehört) — das drückt, in's 
Grosse gerechnet, ebensogut Asketismus der Tugend aus, 
wie irgend eine Verneinung der Sinnlichkeit (es ist im 
Grunde nur ein modus dieser Verneinung). Was aber 
zu ihm zwingt, jener unbedingte Wille zur Wahrheit, 
das ist der Glaube an das asketische Ideal 
selbst, wenn auch als sein unbewusster Imperativ, man 



— 470 — 

täusche sich hierüber nicht, — das ist der Glaube an 
einen metaphysischen Werth, einen Werth an sich 
der Wahrheit, wie er allein in jenem Ideal verbürgt 
und verbrieft ist (er steht und fallt mit jenem Ideal). 
Es giebt, streng geurtheilt, gar keine „voraussetzvmgslose" 
Wissenschaft, der Gedanke einer solchen ist unausdenk- 
bar, paralogisch: eine Philosophie, ein „Glaube" muss 
immer erst da sein, damit aus ihm die Wissenschaft eine 
Richtung, einen Sinn, eine Grenze, eine Methode, ein 
Recht auf Dasein gewinnt. (^Ver es umgekehrt versteht, 
wer zum Beispiel sich anschickt, die Philosophie „auf 
streng wissenschafthche Grundlage" zu stellen, der hat 
dazu erst nöthig, nicht nur die Philosophie, sondern auch 
die Wahrheit selber auf den Kopf zu stellen: die 
ärgste Anstands -Verletzung, die es in Hinsicht auf zwei 
so ehrwürdige Frauenzimmer geben kann!) Ja, es ist 
kein Zweifel — und hiermit lasse ich meine „fröhliche 
Wissenschaft" zu Worte kommen, vergl. deren fünftes 
Buch S. 275 — „der Wahrhaftige, in jenem verwegenen 
und letzten Sinne, wie ihn der Glaube an die Wissen- 
schaft voraussetzt, bejaht damit eine andre Welt 
als die des Lebens, der Natur und der Geschichte; und 
insofern er diese „andre Welt" bejaht, wie? muss er 
nicht eben damit ihr Gegenstück, diese Welt, unsre 
Welt — verneinen? ... Es ist immer noch ein meta- 
physischer Glaube, auf dem unser Glaube an die 
Wissenschaft ruht, — auch wir Erkennenden von Heute, 
wir Gottlosen und Antimetaphysiker, auch wir nehmen 
unser Feuer noch von jenem Brande, den ein Jahr- 
tausende alter Glaube entzündet hat, jener Christen- 
Glaube, der auch der Glaube Plato's war, dass Gott die 
Wahrheit ist, dass die Wahrheit göttlich ist . . . Aber 
wie, wenn gerade dies immer mehr unglaubwürdig wird. 



— 471 — 

wenn Nichts sich mehr als göttlich erweist, es sei denn 
der Irrthum, die Blindheit, die Lüge, — wenn Gott selbst 

sich als unsre längste Lüge erweist?" An dieser 

Stelle thut es noth, Halt zu machen und sich lange zu 
besinnen. Die Wissenschaft selber bedarf nunmehr 
einer Rechtfertigung (womit noch nicht einmal gesagt 
sein soll, dass es eine solche für sie giebt). Man sehe 
sich auf diese Frage die ältesten und die jüngsten Philo- 
sophien an: in ihnen allen fehlt ein Bewusstsein darüber, 
inwiefern der "Wille zur Wahrheit selbst erst einer 
Rechtfertigung bedarf, hier ist eine Lücke in jeder 
Philosophie — woher kommt das? Weil das asketische 
Ideal über alle Philosophie bisher Herr war, weil Wahr- 
heit als Sein, als Gott, als oberste Instanz selbst gesetzt 
wurde, weil Wahrheit gar nicht Problem sein durfte. 
Versteht man dies „durfte"? — Von dem Augenblick an, 
wo der Glaube an den Gott des asketischen Ideals ver- 
neint ist, giebt es auch ein neues Problem: das 
vom Wert he der Wahrheit. — Der Wille zur Wahrheit 
bedarf einer Kritik — bestimmen wir hiermit unsre 
eigene Aufgabe — , der Werth der Wahrheit ist versuchs- 
weise einmal in Frage zu stellen... (Wem dies zu 
kurz gesagt scheint, dem sei empfohlen, jenen Abschnitt 
der „fröhlichen Wissenschaft" nachzulesen, welcher den 
Titel trägt: „Inwiefern auch wir noch fromm sind" 
S. 272 ff, am besten das ganze fünfte Buch des genann- 
ten Werks, insgleichen die Vorrede zur „Morgenröthe".) 



25- 

Nein! Man komme mir nicht mit der Wissenschaft, 
wenn ich nach dem natürlichen Antagonisten des aske- 
tischen Ideals suche, wenn ich frage: „wo ist der geg- 



— 472 _ 

nerische Wille, in dem sich sein gegnerisches Ideal 
ausdrückt?" Dazu steht die Wissenschaft lange nicht 
genug auf sich selber, sie bedarf in jedem Betrachte 
erst eines Werth-Ideals, einer wertheschaflFenden Macht, 
in deren Dienste sie an sich selber glauben darf, 
— sie selbst ist niemals wertheschaffend. Ihr Verhältniss 
zum asketischen Ideal ist an sich durchaus noch nicht 
antagonistisch; sie stellt in der Hauptsache sogar eher 
noch die vorwärtstreibende Kraft in dessen innerer Aus- 
gestaltung dar. Ihr Widerspruch und Kampf bezieht 
sich, feiner geprüft, gar nicht auf das Ideal selbst, 
sondern nur auf dessen Aussenwerke, Einkleidung, Mas- 
kenspiel, auf dessen zeitweilige Verhärtung, Verholzung, 
Verdogmatisirung, — sie macht das Leben in ihm wieder 
frei, indem sie das Exoterische an ihm verneint Diese 
Beiden, Wissenschaft und asketisches Ideal, sie stehen 
ja auf Einem Boden — ich gab dies schon zu ver- 
stehn — : nämlich auf der gleichen Überschätzung der 
Wahrheit (richtiger: auf dem gleichen Glauben an die 
U n abschätzbarkeit, U n kritisirbarkeit der Wahrheit), eben 
damit sind sie sich nothwendig Bundesgenossen, — 
so dass sie, gesetzt, dass sie bekämpft werden, auch 
immer nur gemeinsam bekämpft und in Frage gestellt 
werden können. Eine Werthabschätzung des asketischen 
Ideals zieht unvermeidlich auch eine Werthabschätzung 
der Wissenschaft nach sich: dafür mache man sich bei 
Zeiten die Augen hell, die Ohren spitz ! (Die Kunst, vor- 
weg gesagt, denn ich komme irgendwann des Längeren 
darauf ziwück, — die Kunst, in der gerade die Lüge 
sich heiligt, der Wille zur Täuschung das gute Ge- 
wissen zur Seite hat, ist dem asketischen Ideale viel 
grundsätzlicher entgegengestellt als die Wissenschaft: 
so empfand es der Instinkt Plato's, dieses grössten 



— 473 — 

Kunstfeindes, den Europa bisher hervorgebracht hat 
Plato gegen Homer: das ist der ganze, der ächte 
Antagonismus — dort der .Jenseitige" besten Willens, 
der grosse Verleumder des Lebens, hier dessen un- 
freiwilliger Vergöttlicher, die goldene Natur. Eine 
Künstler-Dienstbarkeit im Dienste des asketischen Ideals 
ist deshalb die eigentlichste Künstler-Corruption, die 
es geben kann, leider eine der allergewöhnlichsten: denn 
Nichts ist corruptibler als ein Künstler.) Auch physio- 
logisch nachgerechnet, ruht die Wissenschaft auf dem 
gleichen Boden wie das asketische Ideal: eine gewisse 
Verarmung des Lebens ist hier wie dort die Vor- 
aussetzung, — die Affekte kühl geworden, das tempo 
verlangsamt, die Dialektik an Stelle des Instinktes, der 
Ernst den Gesichtern und Gebärden aufgedrückt (der 
Ernst, dieses unmissverständlichste Abzeichen des müh- 
sameren Stoffwechsels, des ringenden, schwerer arbei- 
tenden Lebens). Man sehe sich die Zeiten eines Volkes 
an, in denen der Gelehrte in den Vordergrund tritt: 
es sind Zeiten der Ermüdung, oft des Abends, des 
Niederganges, — die überströmende Kraft, die Lebens- 
Gewissheit, die Zukunfts- Gewissheit sind dahin. Das 
Übergewicht des Mandarinen bedeutet niemals etwas 
Gutes: so wenig als die Heraufkunft der Demokratie, 
der Friedens-Schiedsgerichte an Stelle der Kriege, der 
Frauen -Gleichberechtigung, der Religion des Mitleids 
und was es sonst Alles für Symptome des absinkenden 
Lebens giebt (Wissenschaft als Problem gefasst; was 
bedeutet Wissenschaft? — vergl. darüber die Vorrede 
zur „Geburt der Tragödie".) — Nein! diese „moderne 
Wissenschaft^' — macht euch nur dafür die Augen 
auf! — ist einstweilen die beste Bundesgenossin des 
asketischen Ideals, und gerade deshalb, weil sie die 



— 474 — 

unbewussteste , die unfreiwilligste, die heimlichste und 
unterirdischste istl Sie haben bis jetzt Ein Spiel gespielt, 
die „Armen des Geistes" und die wissenschaftlichen 
Widersacher jenes Ideals (man hüte sich, anbei gesagt, 
zu denken, dass sie deren Gegensatz seien, etwa als die 
Reichen des Geistes: — das sind sie nicht, ich 
nannte sie Hektiker des Geistes). Diese berühmten 
Siege der letzteren: unzweifelhaft, es sind Siege — aber 
worüber? Das asketische Ideal wurde ganz und gar 
nicht in ihnen besiegt, es wurde eher damit stärker, 
nämlich unfasslicher , geistiger, verfänglicher gemacht, 
dass immer wieder eine Mauer, ein Aussenwerk, das 
sich an dasselbe angebaut hatte und seinen Aspekt ver- 
gröberte, seitens der Wissenschaft schonungslos abge- 
löst, abgebrochen worden ist. Meint man in der That, 
dass etwa die Niederlage der theologischen Astronomie 
eine Niederlage jenes Ideals bedeute? ... Ist damit 
vielleicht der Mensch weniger bedürftig nach einer 
Jenseitigkeits-Lösung seines Räthsels von Dasein gewor- 
den, dass dieses Dcisein sich seitdem noch beliebiger, 
eckensteherischer, entbehrlicher in der sichtbaren 
Ordnung der Dinge ausnimmt? Ist nicht gerade die 
Selbstverkleinerung des Menschen, sein Wille zur 
Selbstverkleinerung seit Kopernikus in einem unaufhalt- 
samen Fortschritte? Ach, der Glaube an seine Würde, 
Einzigkeit, Unersetzlichkeit in der Rangabfolge der 
Wesen ist dahin, — er ist Thier geworden, Thier, ohne 
Gleichniss, Abzug und Vorbehalt, er, der in seinem fiü- 
heren Glauben beinahe Gott („Kind Gottes", „Gottmensch") 
war . . . Seit Kopernikus scheint der Mensch auf eine 
schiefe Ebene gerathen, — er roUt immer schneller nun- 
mehr aus dem Mittelpunkte weg — wohin? in's Nichts? 
in's „durchbohrende Gefühl seines Nichts"? . . . 



— 475 — 

Wohlan! dies eben wäre der gerade "Weg — in's alte 
Ideal? ... Alle Wissenschaft (und keineswegs nur die 
Astronomie, über deren demüthigende und herunter- 
bringende Wirkung Kant ein bemerkenswerthes Geständ- 
niss gemacht hat, „sie vernichtet meine Wichtigkeit" . . .), 
alle Wissenschaft, die natürliche sowohl, wie die unna- 
türliche — so heisse ich die Erkenntniss-Selbstkritik — 
ist heute darauf aus, dem Menschen seine bisherige 
Achtung vor sich auszureden, wie als ob dieselbe Nichts 
als ein bizarrer Eigendünkel gewesen sei; man könnte 
sogar sagen, sie habe ihren eigenen Stolz, ihre eigene 
herbe Form von stoischer Ataraxie darin, diese mühsam 
errungene Selbstverachtung des Menschen als dessen 
letzten, ernstesten Anspruch auf Achtung bei sich selbst 
aufrecht zu erhalten (mit Recht, in der That: denn der 
Verachtende ist immer noch Einer, der „das Achten 
nicht verlernt hat" . . .). Wird damit dem asketischen 
Ideale eigentlich entgegengearbeitet? Meint man 
wirklich alles Ernstes noch (wie es die Theologen eine 
Zeit lang sich einbildeten), dass etwa Kant's Sieg über 
die theologische Begriffs-Dogmatik („Gott", „Seele", ,J^rei- 
heit", „Unsterblichkeit") jenem Ideale Abbruch gethan 
habe? — wobei es uns einstweilen Nichts angehn soll, 
ob Kant selber etwas Derartiges überhaupt auch nur in 
Absicht gehabt hat Gewiss ist, dass alle Art Transcen- 
dentalisten seit Kant wieder gewonnenes Spiel haben, — 
sie sind von den Theologen emancipirt: welches Glück! — 
er hat ihnen jenen Schleichweg verrathen, auf dem sie 
nunmehr auf eigne Faust und mit dem besten wissen- 
schaftlichen Anstände den „Wünschen ihres Herzens" 
nachgehn dürfen. Insgleichen: wer dürfte es nunmehr 
den Agnostikern verargen, wenn sie, als die Verehrer 
des Unbekannten und Geheimnissvollen an sich, das 



— 476 — 

Fragezeichen selbst jetzt als Gott anbeten? (Xaver 
Doudan spricht einmal von den ravages, welche „l'habi- 
tude d'admirer l' inintelltgible au Heu de rester tout 
simplement dans l'tnconnu" angerichtet habe; er meint, 
die Alten hätten dessen entrathen.) Gesetzt, dass Alles, 
was der Mensch „erkennt", seinen Wünschen nicht genug 
thut, ihnen vielmehr widerspricht und Schauder macht, 
welche göttliche Ausflucht, die Schuld davon nicht im 
„Wünschen", sondern im „Erkennen" suchen zu dürfen ! . . . 
„Es giebt kein Erkennen: folglich — giebt es einen 
Gott": welche neue elegantia syllogismil welcher Triumph 
des asketischen Ideals! — 



26. 

— Oder zeigte vielleicht die gesammte moderne 
Geschichtsschreibung eine lebensgewissere, idealgevidssere 
Haltung? Ihr vornehmster Anspruch geht jetzt dahin, 
Spiegel zu sein; sie lehnt alle Teleologie ab; sie will 
Nichts mehr „beweisen"; sie verschmäht es, den Richter 
zu spielen, und hat darin ihren guten Geschmack, — 
sie bejaht so wenig als sie verneint, sie stellt fest, sie 
„beschreibt" . . . Dies Alles ist in einem hohen Grade 
asketisch; es ist aber zugleich in einem noch höheren 
Grade nihilistisch, darüber täusche man sich nicht! 
Man sieht einen traurigen, harten, aber entschlossenen 
Blick, — ein Auge, das hinausschaut, wie ein ver- 
einsamter Nordpolfahrer hinausschaut (vielleicht um nicht 
hineinzuschauen ? um nicht zurückzuschauen ? . . .) Hier 
ist Schnee, hier ist das Leben verstummt; die letzten 
Krähen, die hier laut werden, heissen „Wozu?", „Um- 
sonst!", „Nada!" — hier gedeiht und wächst Nichts mehr, 
höchstens Petersburger Metapolitik und Tolstoi'sches 



— 477 — 

„Mitleid". Was aber jene andre Art von Historikern be- 
trifft, eine vielleicht noch „modernere" Art, eine genüss- 
liche, wollüstige, mit dem Leben ebenso sehr als mit 
dem asketischen Ideal liebäugelnde Art, welche das Wort 
„Artist" als Handschuh gebraucht und heute das Lob der 
Contemplation ganz und gar für sich in Pacht genommen 
hat: oh welchen Durst erregen diese süssen Geistreichen 
selbst noch nach Asketen und Winterlandschaften! Nein! 
dies „beschauliche" Volk mag sich der Teufel holen! 
Um wie viel lieber will ich noch mit jenen historischen 
Nihilisten durch die düstersten grauen kalten Nebel 
wandern! — ja, es soll mir nicht darauf ankommen, 
gesetzt, dass ich wählen muss, selbst einem ganz eigent- 
lich Unhistorischen, Widerhistorischen Gehör zu schenken 
(wie jenem Dühring, an dessen Tönen sich im heutigen 
Deutschland eine bisher noch schüchterne, noch unein- 
geständliche Species „schöner Seelen" berauscht, die 
species anarchistica innerhalb des gebildeten Proletariats). 
Hundert Mal schlimmer sind die „Beschaulichen" — : 
ich wüsste Nichts, was so sehr Ekel machte, als solch 
ein „objektiver" Lehnstuhl, solch ein duftender Genüss- 
ling vor der Historie, halb Pfaff, halb Satyr, Parfüm 
Renan, der schon mit dem hohen Falsett seines Beifalls 
verräth, was ihm abgeht, wo es ihm abgeht, wo in 
diesem Falle die Parze ihre grausame Scheere ach! 
allzu chirurgisch gehandhabt hat! Das geht mir wider 
den Geschmack, auch wider die Geduld: behalte bei 
solchen Aspekten seine Geduld, wer Nichts an ihr zu 
verlieren hat, — mich ergrimmt solch ein Aspekt, solche 
„Zuschauer" erbittern mich gegen das „Schauspiel", mehr 
noch als das Schauspiel (die Historie selbst, man ver- 
steht mich), unversehens kommen mir dabei anakreon- 
tische Launen. Diese Natur, die dem Stier das Hörn, 



_ 47» — 

dem Löwen das %a(T(* odovroav gab, wozu gab mir die 
Natur den Fuss?... Zum Treten, beim heiligen Anakreon! 
und nicht nur zum Davonlaufen; zum Zusammentreten 
der morschen Lehnstühle, der feigen Beschaulichkeit, 
des lüsternen Eunuchenthums vor der Historie, der 
Liebäugelei mit asketischen Idealen, der Gerechtigkeits- 
Tartüflferie der Lnpotenzl Alle meine Ehrfurcht dem 
asketischen Ideale, sofern es ehrlich ist! so lange es 
an sich selber glaubt und uns keine Possen vormacht I 
Aber ich mag alle diese koketten Wanzen nicht, deren 
Ehrgeiz unersättlich darin ist, nach dem Unendlichen zu 
riechen, bis zuletzt das Unendliche nach Wanzen riecht; 
ich mag die übertünchten Gräber nicht, die das Leben 
schauspielern ; ich mag die Müden und Vemutzten nicht, 
welche sich in Weisheit einwickeln und „objektiv*' 
blicken; ich mag die zu Helden aufgeputzten Agitatoren 
nicht, die eine Tarnkappe von Ideal um ihren Strohwisch 
von Kopf tragen; ich mag die ehrgeizigen Künstler 
nicht, die den Asketen und Priester bedeuten möchten 
und im Grunde nur tragische Hanswürste sind; ich mag. 
auch sie nicht, diese neuesten Spekulanten in Idealismus, 
die Antisemiten, welche heute ihre Augen christlich- 
arisch-biedermännisch verdrehn und durch einen jede 
Geduld erschöpfenden Missbrauch des wohlfeilsten Agi- 
tationsmittels, der moralischen Attitüde, alle Hornvieh- 
Elemente des Volkes aufzuregen suchen ( — dass jede 
Art Schwindel -Geisterei im heutigen Deutschland nicht 
ohne Erfolg bleibt, hängt mit der nachgerade unab- 
leugbaren imd bereits handgreiflichen Verödung des 
deutschen Geistes zusammen, deren Ursache ich in einer 
allzuausschliesslichen Ernährung mit Zeitungen, Politik, 
Bier und Wagnerischer Musik suche, hinzugerechnet, 
was die Voraussetzung für diese Diät abgiebt: einmal 



— 479 — 

die nationale Einklemmung und Eitelkeit, das starke, 
aber enge Princip „Deutschland, Deutschland über Alles", 
sodann aber die paralysts agitans der „modernen Ideen"). 
Europa ist heute reich und erfinderisch vor Allem in 
Erregiingsmitteln, es scheint Nichts nöthiger zu haben 
als Stimulantia und gebrannte Wasser: daher auch die 
ungeheure Fälscherei in Idealen, diesen gebranntesten 
Wassern des Geistes, daher auch die widrige, übel- 
riechende, verlogne, pseudo - alkoholische Luft überall. 
Ich möchte wissen, wie viel Schiffsladungen von nach- 
gemachtem Idealismus, von Helden - Kostümen und 
Kllapperblech grosser Worte, wie viel Tonnen ver- 
zuckerten Spirituosen Mitgefühls (Firma: la religion de 
la soußrance), wie viel Stelzbeine „edler Entrüstung" 
zur Nachhülfe geistig Plattfüssiger , wie viel Komö- 
dianten des christlich - moralischen Ideals heute aus 
Europa exportirt werden müssten, damit seine Luft 
wieder reinlicher röche . . . Ersichtlich steht in Hinsicht 
auf diese Überproduktion eine neue Hand eis -Möglich- 
keit offen, ersichtlich ist mit kleinen Ideal -Götzen und 
zugehörigen „Idealisten" ein neues „Geschäft" zu machen 
— man überhöre diesen Zaunspfahl nicht! Wer hat 
Muth genug dazu? — wir haben es in der Hand, die 
ganze Erde zu „idealisiren"! . . . Aber was rede ich von 
Muth: hier thut Eins nur noth, eben die Hand, eine 
unbefangne, eine sehr unbefangne Hand . . . 



27- 

— Genug! Genug! Lassen wir diese Curiositäten 

und Complexitäten des modernsten Geistes, an denen 

ebensoviel zum Lachen als zum Verdriessen ist: gerade 

unser Problem kann deren entrathen, das Problem von 



— 480 — 

der Bedeutung des asketischen Ideals, — was hat 
dasselbe mit Gestern und Heute zu thunl Jene Dinge 
sollen von mir in einem andren Zusammenhange gründ- 
licher und härter angefasst werden (unter dem Titel 
„ Zur Geschichte des europäischen Nihilismus"; ich ver- 
weise dafür auf ein Werk, das ich vorbereite: Der 
Wille zur Macht. Versuch einer Umwerthung 
aller Werthe). Worauf es mir allein ankommt hier 
hingewiesen zu haben, ist dies: das asketische Ideal hat 
auch in der geistigsten Sphäre einstweilen immer nur 
noch Eine Art von wirklichen Feinden und Schädigern: 
das sind die Komödianten dieses Ideals, — denn sie 
wecken Misstrauen. Überall sonst, wo der Geist heute 
streng, mächtig und ohne Falschmünzerei am Werke ist, 
entbehrt er jetzt überhaupt des Ideals — der populäre 
Ausdruck für diese Abstinenz ist „Atheismus" — : ab- 
gerechnet seines Willens zur Wahrheit. Dieser 
Wille aber, dieser Rest von Ideal, ist, wenn man mir 
glauben will, jenes Ideal selbst in seiner strengsten, 
geistigsten Formulirung, esoterisch ganz und gar, alles 
Aussen Werks entkleidet, somit nicht sowohl sein Rest, 
als sein Kern. Der unbedingte redliche Atheismus ( — und 
seine Luft allein athmen wir, wir geistigeren Menschen 
dieses Zeitalters!) steht demgemäss nicht im Gegensatz 
zu jenem Ideale, wie es den Anschein hat; er ist viel- 
mehr nur eine seiner letzten Entwicklungsphasen, eine 
seiner Schlussformen imd inneren Folgerichtigkeiten, — 
er ist die Ehrfurcht gebietende Katastrophe einer 
zweitausendjährigen Zucht zur Wahrheit, welche am 
Schlüsse sich die Lüge im Glauben an Gott verbietet 
(Derselbe Entwicklungsgang in Indien, in vollkommner 
Unabhängigkeit, und deshalb Etwas beweisend; dasselbe 
Ideal zum gleichen Schlüsse zwingend; der entschei- 



— 481 — 

dende Punkt ftlnl Jahrhunderte vor der earopäischen 
Zeitrechnung erreicht, mit Buddha, genauer: schon mit 
der Sankhyam- Philosophie, diese dann durch Buddha 
popularisirt und zur Religion gemacht.) Was, in aller 
Strenge gefragt, hat eigentlich über den christlichen Gott 
gesiegt? Die Antwort steht in meiner „fröhlichen 
Wissenschaft" S. 302: „die christliche Moralität selbst, der 
immer strenger genommene BegriflF der Wahrhaftigkeit, 
die Beichtväter-Feinheit des christlichen Gewissens, über- 
setzt und sublimirt zum wissenschaftlichen Gewissen, 
zur intellektuellen Sauberkeit um jeden Preis. Die Natur 
ansehn, als ob sie ein Beweis für die Güte und Obhut 
eines Gottes sei; die Geschichte interpretieren zu Ehren 
einer göttlichen Vernunft, als beständiges Zeugniss einer 
sittlichen Weltordnung und sittlicher Schlussabsichten; 
die eigenen Erlebnisse auslegen, wie sie fromme Menschen 
lange genug ausgelegt haben, wie als ob Alles Fügung, 
AUes Wink, Alles dem Heil der Seele zu Liebe ausge- 
dacht und geschickt sei: das ist nunmehr vorbei, das 
hat das Gewissen gegen sich, das gilt allen feineren 
Gewissen als unanständig, unehrlich, als Lügnerei, Femi- 
ninismus, Schwachheit, Feigheit, — mit dieser Strenge, 
wenn irgend womit, sind wir eben gute Europäer und 
Erben von Europa's längster und tapferster Selbstüber- 
windungr" , . . Alle g^rossen Dinge gehen durch sich 
selbst zu Grunde, durch einen Akt der Selbstaufhebung: 
so will es das Gesetz des Lebens, das Gesetz der noth- 
wendigen „Selbstüberwindung^* im Wesen des Lebens, 
— immer ergeht zuletzt an den Gesetzgeber selbst der 
Ruf: „palere legem, quam ipse tulistt*' Dergestalt gieng 
das Christenthum als Dogma zu Grunde, an seiner 
eignen Moral; dergestalt muss nun auch das Christenthum 
als Moral noch zu Grunde gehn, — wir stehen an der 

Nietzsche, Werke Band VII. 3» 



— 482 — 

Schwelle dieses Ereignisses, Nachdem die christliche 
Wahrhaftigkeit einen Schluss nach dem andern gezogen 
hat, zieht sie am Ende ihren stärksten Schluss, ihren 
Schluss gegen sich selbst; dies aber geschieht, wenn 
sie die Frage stellt „was bedeutet aller Wille zur 
Wahrheit?**... Und hier rühre ich wieder an mein 
Problem, an unser Problem, meine unbekannten Freunde 
( — denn noch weiss ich von keinem Freimde): welchen 
Sinn hätte unser ganzes Sein, wenn nicht den, dass in 
uns jener Wille zur Wahrheit sich selbst als Problem 
zum Bcwusstsein gekommen wäre? . . . An diesem 
Sich - bewu&st - werden des Willens zur Wahrheit geht 
von nun an — daran ist kein Zweifel — die Moral zu 
Grunde: jenes grosse Schauspiel in hundert Akten, das 
den nächsten zwei Jahrhunderten Europa*« aufgespart 
bleibt, das furchtbarste, fragwürdigste und vielleicht auch 
hofiEaungsreichste aller Schauspiele . . . 



28. 

Sieht man vom asketischen Ideale ab: so hatte der 
Mensch, das Thier Mensch bisher keinen Sinn. Sein 
Dasein auf Erden enthielt kein Ziel; „wozu Mensch 
überhaupt?* — war eine Frage ohne Antwort; der 
Wille für Mensch und Erde fehlte; hinter jedem 
grossen Menschen-Schicksale klang als Refrain ein noch 
grösseres „Umsonst!** Das eben bedeutet das asketische 
Ideal: dass Etwas fehlte, dass eine ungeheure Lücke 
den Menschen umstand, — er wusste sich selbst nicht 
zu rechtfertigen, zu erklären, zu bejahen, er litt am 
Probleme seines Sinns. Er litt auch sonst, er war in 
der Hauptsache ein krankhaftes Thier t aber nicht das 
Leiden selbst war sein Problem, sondern dass die Antwort 



— 483 — 

fehlte für den Schrei der Frage „wozu leiden?" Der 
Mensch, das tapferste und leidgewohnteste Thier, ver- 
neint an sich nicht das Leiden: er will es, er sucht es 
selbst auf, vorausgesetzt, dass man ihm einen Sinn dafür 
aufzeigt, ein Dazu des Leidens. Die Sinnlosigkeit des 
Leidens, nicht das Leiden, war der Fluch, der bisher 
über der Menschheit ausgebreitet lag, — und das 
asketische Ideal bot ihr einen Sinn! Es war bisher 
der einzige Sinn; irgend ein Sinn ist besser als gar kein 
Sinn; das asketische Ideal war in jedem Betracht das 
„faute de mieux" par excellence, das es bisher gab. 
In ihm war das Leiden ausgelegt; die ungeheure Leere 
schien ausgefüllt; die Thür schloss sich vor allem selbst- 
mörderischen Nihilismus zu. Die Auslegung — es ist 
kein Zweifel — brachte neues Leiden mit sich, tieferes, 
innerlicheres, giftigeres, am Leben nagenderes: sie brachte 
alles Leiden unter die Perspektive der Schuld ... Aber 
trotzalledem — der Mensch war damit gerettet, er 
hatte einen Sinn, er war fürderhin nicht mehr wie ein 
Blatt im Winde, ein Spielball des Unsinns, des „Ohne- 
Sinns", er konnte nunmehr Etwas wollen, — gleichgültig 
zunächst, wohin, wozu, womit er wollte: der Wille 
selbst war gerettet. Man kann sich schlechterdings 
nicht verbergen, was eigentlich jenes ganze Wollen 
ausdrückt, das vom asketischen Ideale her seine Richtung 
bekommen hat: dieser Hass gegen das Menschliche, 
mehr noch gegen das Thierische, mehr noch gegen das 
Stoffliche, dieser Abscheu vor den Sinnen, vor der 
Vernunft selbst, diese Furcht vor dem Glück und der 
Schönheit, dieses Verlangen hinweg aus allem Schein, 
Wechsel, Werden, Tod, Wunsch, Verlangen selbst — 
das Alles bedeutet, wagen wir es, dies zu begreifen, 
einen Willen zum Nichts, emen Widerwillen gegen 



-^"^' 



— 484 — 

das Leben, eine Auflehnung gegen die grundsätzlichsten 
Voraussetzungen des Lebens, aber es ist und bleibt ein 
Wille! . . . Und, um es noch zum Schluss zu sagen, 
was ich Anfangs sag^e: lieber will noch der Mensch 
das Nichts wollen, als nicht wollen . . . 



4-^ 



Diese Gesammtausgabe der W^erke Friedrich Nietzsche's 
wurde im Auftrage seiner Schwester veranstaltet. 



Nachbericht 

Mit den beiden Schriften des vorliegenden Bandes eröffnet 
uns Nietzsche einen ersten Blick in die Probleme seines ge- 
planten Hauptwerkes, der „Umwerthung aller Werthe". 
Liegen die Keime dieser Probleme auch schon in seinen 
früheren Schriften vor, so wachsen sie doch erst mit der hier 
beginnenden biokritischen Psychologie des Herren- und Sklaven- 
Menschen zu jener Umwerthungslehre empor, mit welcher 
Nietzsche's Name für immer verknüpft bleiben wird und in 
deren bewusster Anwendung durch Einzelne die künftige Grösse 
und Macht der indogermanischen Rasse beschlossen liegt. Die 
höheren Typen sind biologisch anders bedingt, als die niederen; 
der führende Mensch hat eine andere Werthungsweise, als der 
geführte. Ein Zeitalter, das sich an die Forderung einer gleichen 
Werthungsweise für Alle gewöhnt hat und verlangt, der höhere 
Mensch solle die des niederen zur seinigen machen, arbeitet 
an der Herabstimmung nicht nur des höheren Menschen, son- 
dern der gesammten Masse, über der er stehen soll. In 
Nietzsche's Unterscheidung der Herren-Moral („Gut" — 
„Schlecht", von Oben aus gesehen) und der Sklaven-Moral 
(„Gut" — „Böse", von Unten aus gesehen) und der parallel 
laufenden Moralen des aufsteigenden und des niedergehenden 



Lebens liegt nicht nur die einzige Möglichkeit der Diagnose 
unsrer europäischen Willenserkrankung und Verdüstening, sondern 
zugleich das Mittel zu ihrer Sanirung. Nietzsche erkannte 
schliesslich das Kräftespiel der gesammten Naturerscheinungen 
unter einander als im Zeichen des „Willens zur Macht** 
(gleichsam der Herren-Moral) stehend: — nicht „Wille zum 
Leben" (Schopenhauer), sondern Wille zur Steigerung des 
Lebens; nicht „Kampf um's Dasein" (Darwin), sondern Kampf 
um höheres, stärkeres Dasein; nicht „Trieb zur Selbsterhaltxmg** 
(Spinoza), sondern Trieb zum Selbstzuwachs; nicht qnUa xal 
vHKog (Empedokles), sondern Wettkampf {uycov) um Sieg und 
Übermacht war für Nietzsche das Wesen alles Geschehens. 
Andeutungsweise erscheint die Lehre vom „Willen zur Macht" 
zuerst im Zarathustra (S. 165 — 169); noch halb als Hypothese 
in „Jenseits von Gut vmd Böse" Aph. 22, 23, 36; als bestimmt 
formulirte Theorie in Nietzsche's Hauptwerk (Bd. XV) Aph. 
300—303. 

„Jenseits von Gut und Böse", die „Genealogie der 
Moral", „Der Fall Wagner", die „Götzendämmerung" sind 
nicht nur Vorstufen zvu" „Umwerthung aller Werthe", sondern 
gehören immittelbar in sie hinein, sind Theile derselben. Das 
gesammte Umwerthvmgs-Material umfasst die Bände VII, VIII, 
XIII, XIV und XV. 

Die Hauptniederschriften zu „Jenseits von Gut und 
Böse" fallen in die Zeit der Entstehung des IV. Theiles von 
„Also sprach Zarathustra" (1884/5). ^^ J^^ ^885 war das 
Buch bereits fertig. Schwierigkeiten mit Verlegern hinderten 
aber den alsbaldigen Druck des Werkes; dieser erfolgte erst 
1886 von Ende Mai bis August. Die Zwischenzeit war dem 
Buche insofern zu Gute gekommen, als Nietzsche die ursprüng- 
liche Absicht, von seiner Theorie des Willens zur Macht noch 
Nichts verlauten zu lassen, aufgegeben und eine Anzahl darauf 
bezüglicher Aphorismen eingeschaltet, auch manche sonstige 
Veränderung in Text und Anordnung vorgenommen hatte. Im 
August 1886 kam das Buch bei C. G. Naumann heraus. 






Die Streitschrift „Zur Genealogie der Moral" entstand 
hauptsächlich im Juni 1887, wurde von August bis Mitte Oktober 
gedruckt und Anfang November 1887 vom gleichen Verlage 
auf den Markt gebracht. 

Die erste Abhandlung der Genealogie enthält eine um- 
fassende Darstellung der vorher im „Jenseits" Aph. 260 
skizzirten Theorie der Herren- und Sklaven- Moral, mit deut- 
lichen Anticipationen aus dem „Antichrist" gegen den Schluss 
hin. (Der Gedanke der Herren- und Sklaven-Moral taucht 
erstmals in „Menschliches, Allzumenschliches* I, Aph. 45 auf.) 

Die zweite Abhandlung ist berühmt geworden durch eine 
Anzahl missverständlicher Angriffe, deren heftigster gegen 
Seite 382 gerichtet war. 

Die dritte Abhandlung ist als Vorbereitung und Ergänzimg 
unerlässlich ziim Verständniss des Capitels „Der europäische 
Nihilismus'' m der „Umwerthung aller Werthe" (Bd. XV). 



Peter Gast 



BINDING U^>' JAIM i TOy 








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